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Wahlen sind spannend. Aber heikel.

Wahlen in den National- und Ständerat, gleichzeitig auch noch eine Ersatzwahl für die Kantonsregierung im Aargau: Der Wahlherbst 2019 ist ein Grossereignis für die kleine SRF-Regionalredaktion. Und Wahlen sind immer auch eine journalistische Herausforderung: Denn wir müssen aufpassen «wie die Häftlimacher». 

Politikerinnen und Politiker reagieren immer ungehalten, wenn sie sich von Journalistinnen und Journalisten ungerecht behandelt fühlen. Aber von Politikern «im Wahlkampf-Modus» werden wir als Medienmacher noch viel genauer beobachtet.

Da klingelt beim Redaktionsleiter auch mal nach Feierabend (und im Ausgang mit Freunden) das Handy, weil sich eine Parteipräsidentin (zu Recht übrigens) über eine missverständliche Formulierung in einem Online-Artikel nervt und eine Korrektur verlangt. Natürlich veranlasst der Redaktionsleiter diese Korrektur auch sofort, die Online-Redaktion in Zürich ist glücklicherweise rund um die Uhr besetzt und kann helfen.

Wahlen bedeuten: Minuten zählen

Fair und korrekt berichten, das wollen wir immer. Aber vor einem so wichtigen Wahltermin sind die Regeln noch einmal strenger. Klar ist: Wir behandeln alle Parteien und Kandidierenden so weit wie möglich gleich (mit Ausnahme von chancenlosen «Sprengkandidaturen» unbekannter Einzelpersonen). Das bedeutet zum Beispiel, dass wir mit allen Kandidatinnen und Kandidaten für den Ständerat am Radio ein Gespräch führen, das in etwa gleich lang dauert. Für jede Kandidatur gibt es einen Online-Artikel, der in Struktur und Länge vergleichbar daherkommt. Das heisst auch: An den beiden öffentlichen Podiumsveranstaltungen (siehe Hinweis) laden wir alle Kandidierenden ein – auch wenn dies im Aargau bedeutet, dass nicht weniger als acht Personen befragt werden müssen.

Aber das Fairness-Gebot verlangt noch viel mehr Um- und Vorsicht. Es gibt im Wahlkampf ja einzelne, spannende Geschichten und Phänomene: Die Aargauer CVP gibt sage und schreibe acht Unterlisten ein für den Nationalrat, die SP hat erstmals eine queer-feministische Liste, die FDP setzt auf einen Tür-zu-Tür-Wahlkampf, BDP und EVP verzichten auf eine Regierungsratskandidatur und nerven sich über das «Jekami» der anderen Parteien… die Liste lässt sich fast beliebig fortsetzen. Doch beliebig darf sie eben nicht sein. Denn auch bei solchen, vermeintlich «einzigartigen» Geschichten müssen wir auf eine gewisse Ausgewogenheit achten. 

Wahlen bedeuten: Jeden Interviewgast hinterfragen

So gab es in der Redaktion zu Recht diverse Diskussionen darüber, wie oft und intensiv wir das Thema «Alter» im Nationalrat aufgreifen sollen. Denn natürlich schenken wir damit indirekt jedes Mal einer ganz bestimmten Liste eines etwas älteren Aargauer SVP-Nationalrats Aufmerksamkeit. 

Und es wird noch schwieriger: Wie gehen wir damit um, wenn eine Gemeinderätin in ihrer Gemeinde umstrittene Entscheidungen trifft? Eine Gemeinderätin, die notabene auch für den Nationalrat kandidiert. Wie oft soll sie denn am Radio – im Rahmen ihres Amtes als Gemeinderätin natürlich – einen «Auftritt» haben dürfen? Ist das – wenn auch nur indirekt – nicht auch jedes Mal Werbung für ihre nationalen politischen Ambitionen?

Wahlen bedeuten: Leitlinien lesen

Solche Diskussionen führen wir schon Wochen und Monate vor den Wahlen fast täglich. Und wir führen auch Buch: Die Radiobeiträge zum Wahlkampf werden ständig gezählt, so dass wir immer wieder nachprüfen können, ob eine Partei oder eine Person allenfalls zu oft im Programm auftaucht. Und auch die publizistischen Leitlinien von SRF (im Internet öffentlich einsehbar) geben uns Leitplanken vor, indem zum Beispiel klar festgehalten ist, dass in den letzten drei Wochen vor dem Urnengang «keine Einzelauftritte von Kandidierenden oder Exponenten mehr zulässig sind, die ihnen eine einseitige Plattform bieten».

Wahlen sind wichtig in einem demokratischen Land. Und deshalb sind Wahlen für uns als Journalistinnen und Journalisten eines öffentlichen Medienhauses ebenfalls wichtig. Das ist herausfordernd, das ist zum Teil sogar richtig anstrengend. Aber es ist – gerade in diesem Jahr – auch unglaublich spannend.   

Öffentliche Podien zu den Ständeratswahlen:

Ständeratswahlen Aargau:
Donnerstag, 19.09.2019, ab 20:00 Uhr, Trafo-Halle Baden (eine Veranstaltung von SRG, SRF, «Aargauer Zeitung» und Radio Argovia), Eintritt frei

Ständeratswahlen Solothurn:
Dienstag, 24.09.2019, ab 19:30 Uhr, Kulturfabrik Kofmehl Solothurn (eine Veranstaltung von SRG, SRF, «Solothurner Zeitung» und Radio 32), Eintritt frei

Link Publizistische Leitlinien