Digitalisierung – und die Medienlandschaft Schweiz 2025
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Digitalisierung – und die Medienlandschaft Schweiz 2025

Es wird auch in einigen Jahren noch Radio und Fernsehen geben. Man weiss dann, was die Leute wollen, und sie erhalten ein personalisiertes Angebot. Das kostet.

Das ist ein Fazit des 6. Medienforums der SRG Ostschweiz, das kürzlich in St. Gallen stattfand und das sich einmal mehr der Digitalisierung widmete. Im Zentrum standen die Fragen, wie die Medien der Zukunft und die Medienlandschaft Schweiz in einigen Jahren aussehen, ob es dann noch eigenständige Medienunternehmen gibt und wie glaubwürdig, verlässlich informiert und unterhalten wird.

Führung in die gewünschte Richtung
Mit eindrücklichen Beispielen stellte Patrick Arnecke, Digitalexperte von SRF, die wichtigsten digitalen Themen der Zukunft dar. Er verwies auf den «ersten digitalen Überwachungsstaat China», der Daten über alle menschlichen Interaktionen sammelt, sie auswertet und so das individuelle und kollektive Verhalten aller mit Anreizen und Sanktionen in die gewünschte Richtung steuert. Basis bildet ein «Sozialkreditsystem». Wer sich konform verhält, bekommt Bonuspunkte und erhält einen Bankkredit oder muss keine Kaution für die Wohnungsmiete zahlen; wer sich unerwünscht verhält, bekommt keine Tickets für Flüge oder Konzerte oder kann nicht an der vorgesehenen Universität studieren.
Patrick Arnecke erwähnte aber auch «westliche» digitale Innovationen, so den «biometrischen Einkaufswagen». Dieser kann Reaktionen der Hand beim Gang durch die Verkaufsregale erfassen und Rückschlüsse auf das Kaufverhalten ziehen. Oder die automatisierte Bewerbung – die Anstellung oder die Absage auf eine Bewerbung erfolgen ohne persönliches Gespräch oder die automatisierte Kündigung, die Entlassung ausschliesslich auf Grund digitaler Überwachung.

Zehn Thesen zur Digitalisierung
Die Medienwissenschaftlerin Dr. Sarah Genner widmete sich den «Auswirkungen der Digitalisierung auf Mensch und Gesellschaft» und formulierte dazu zehn Thesen:
1. Wenn von «Digitalisierung» die Rede ist, meinen alle etwas anderes.
2. Spätestens das Smartphone hat uns zum «Homo digitalis» gemacht.
3. Menschen tendieren dazu, die Auswirkungen von Technologien falsch einzuschätzen.
4. Die Angst, dass der Mensch durch Maschinen überflüssig gemacht wird, ist alt.
5. Digitale Transformation bedeutet z.B. neue Geschäftsmodelle, neue Konkurrenz, neue Jobprofile, neue Funktionen.
6. Digitale Gräben sind vielfältiger als der Graben zwischen «jung» und «alt».
7. Der Medienkonsum wird digitaler. Aber TV lebt und die Meinungsbildung wird nicht radikal anders.
8. Die Auswirkungen des digitalen Wandels sind widersprüchlich.
9. Neben digitalen Kompetenzen sind vor allem überfachliche Kompetenzen gefragt.
10. Digitale Technologien sind weder gut noch schlecht noch sind sie neutral.

 


Service Public bedeutet, möglichst viele Menschen möglichst ausgewogen über politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche News und Themen zu informieren und als Wachhund der Demokratie den Mächtigen auf die Finger zu schauen – ohne dabei auf Geld und Quoten zu schielen.                                                                                                                                                                                               Sarah Genner

 

Viel näher am Publikum und das Interesse erfahren
In der Podiumsdiskussion unter Leitung von Prof. Dr. Thomas Merz ging es um die Medienlandschaft Schweiz 2025. Gemäss Pascal Hollenstein, als publizistischer Leiter der CH Media für 25 Tageszeitungen und alle ihre Newsportale zuständig, hätten früher die Leute Tageszeitungen wegen der Inserate, wegen Kleinanzeigen für Job oder Wohnungen, wegen Zivilstandsmeldungen oder dem Wetterbericht abonniert – jetzt müssten sie erstmals Inhalte verkaufen. Die grosse Aufgabe sei es zu lernen, was die Leser wirklich bewegt und interessiert und wofür sie zu zahlen bereit sind. Patrick Arnecke verwies darauf, dass es noch nie so viele Kontakte und eine so grosse Nähe zum Publikum gegeben hat und es noch nie so einfach zu erfahren war, was es interessiert. Dabei wird er von Nathalie Wappler, der Direktorin von Radio und Fernsehen SRF, unterstützt: Immer mehr und bessere Daten würden gezielte Rückschlüsse zulassen, ob Erwartungen und Bedürfnisse erfüllt werden oder nicht. Bei der grossen Auswahl suchen die Leute heraus, was sie effektiv wollen. «Wir müssen erstmals die Leute richtig gewinnen. Wir müssen sie ansprechen zu dem, was sie wissen wollen und was sie brauchen.»

Umbruch im journalistischen Denken
Die digitale Transformation erfasse nicht nur die meisten Lebensbereiche, so Wappler, sie führe auch zu einem «unglaublichen Umbruch im journalistischen Denken». SRF will die Leute in einer immer komplexer werdenden Welt begleiten und mithelfen, die Welt zu verstehen. Pascal Hollenstein will seine Leser «zwischendurch auch einmal ärgern und sie mit Themen belästigen, die sie nicht interessieren». Medienprodukte können sich längerfristig nur halten, «wenn wir nicht geschmäcklerisch dem Publikum hinterher laufen». Auch Nathalie Wappler ist überzeugt: «Wer nur auf Clicks schaut, ist verloren.»

Die Medienlandschaft 2025
Es wird Radio und Fernsehen, gute Inhalte in Audio und auf Video, starke Marken wie Tagesschau und «Echo der Zeit» auch in einigen Jahren noch geben, ist Wappler überzeugt. Die Nutzung sei anders wie heute. Anspruch und Ziel bestehe darin, eine hohe Zuverlässigkeit an Informationen zu geben und gleichzeitig auf neue Bedürfnisse einzugehen. Die grundsätzliche Bereitschaft, sich über kulturelle und politische, auch demokratierelevante Inhalte informieren zu lassen, werde auch in Zukunft, so die Meinung des Plenums, vorhanden sein. Und es werde auch inskünftig einen vielfältigen Journalismus geben. Ausschlaggebend aber sei die Zahlungsbereitschaft der Konsumenten. Angesichts der gravierenden finanziellen Probleme durch den Verlust an Werbung und Abonnements aber seien Presse und Onlinemedien, so Hollenstein, «auf eine schnelle Überbrückungshilfe angewiesen, um den digitalen Wandel zu schaffen.» «Guter Journalismus, gute Unterhaltung, gute Inhalte kosten Geld», folgerte auch Arnecke, und Wappler wies auf die vielfältigen Kooperationen von SRF mit den Privaten, auf die Angebote an Privatradios, auf Spielfilmeinkauf und Sportrechte, von denen auch Private profitieren und auf die offenen SRG-Archive. «Das sind unsere Stützen für die mediale Grundversorgung.

Erich Niederer, 2. Dezember 2019

Präsentation Medienforum Dr. Sarah Genner

Referate und Podiumsdiskussion (56,9 MB) Icon

6. Medienforum der SRG Ostschweiz

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