Beobachtungsbericht der Programmkommission

Berichterstattung über den «Fall Hefenhofen»

Die Programmkommission diskutierte kürzlich die Berichterstattung von Fernsehen SRF über den Medienhype des Sommers, den «Fall Hefenhofen».

Die Berichterstattung über die sträfliche Vernachlässigung von Pferden – ein hoch emotionales Thema von gesamtschweizerischer Aufmerksamkeit – war eine Gratwanderung in mehrerlei Hinsicht. Journalistische Grundsätze standen auf dem Prüfstand. Da der Grossteil der Beiträge von Zürich aus produziert worden sind, nahm der stellvertretenden Redaktionsleiter von «Schweiz aktuell», Michael Weinmann, an der Sitzung teil.     

Alle Voten der Mitglieder der Programmkommission kamen zur Einschätzung, dass Fernsehen SRF im Vergleich zu anderen Medien ausnehmend differenziert und neutral berichtet hat. Die nationale Empörung über die Vorfälle auf dem Hof des Pferdezüchters, angeheizt von «Blick» und «Thurgauer Zeitung», wurde auf journalistisch professionelle und unaufgeregte Art aufgefangen. SRF bediente nicht auch die mediale Vorverurteilung der Involvierten. Alle Angeschuldigten kamen korrekt und angemessen zu Wort.

Auffallend war das gute Verhältnis zwischen SRF-Reporter Mario Nottaris und dem Pferdezüchter. Dies führte zur Frage, ob der Journalist vom Bauern instrumentalisiert worden ist. Nicht ganz schlüssig war man sich sodann, ob es richtig war, die drastischen Bilder, zugestellt von der anonymen Informantin, immer wieder zu zeigen. Und gelegentlich erhielten emotionale Szenen, beispielsweise der Schweinetransport, über Gebühr viel Platz. Die Programmkommission fragte, ob hiermit nicht auch ein Sommerloch effektvoll gestopft wurde.

2017_10_HefenhofenSRF-Reporter Mario Nottaris (rechts) im Gespräch mit Rainer Rothe, Anwalt von Ulrich K.

Redaktionsleiter-Stellvertreter Michael Weinmann stellt Letzteres entschieden in Abrede. Im Gegenteil, zu jenem Zeitpunkt musste zusätzlich das Sommerprojekt «Im Schatten der Burg» zu Ende geführt und über einen Flugzeugabsturz mit zwei toten Kindern berichtet werden. Einverstanden war er, dass – ausgelöst durch Boulevardmedien – ein Hype mit Eigendynamik entstanden ist. Die Redaktion habe sich jedoch den Fragen sorgfältig gestellt: Soll man darüber berichten, wieviel, wie häufig? Die Relevanz des Ereignisses zu gewichten, gehört zum verantwortungsvollen Journalismus – zum Entscheid darüber, wie stark die Betroffenen exponiert werden und was die 500'000 Leute erfahren, die täglich «Schweiz aktuell» anschauen.

Nach Weinmann hatte die Ausgewogenheit der journalistischen Abdeckung stark mit der Persönlichkeit des Reporters Mario Nottaris zu tun. Seine Empathie ermöglichte einen direkten Draht zum Pferdezüchter. Im Gegensatz zu den Boulevardmedien berichtete SRF dadurch recht ausgeglichen. Züchter, Behörden, Tierschützer und Fachleute kamen zu Wort. Der «Fall Hefenhofen» sei noch nicht ausgestanden, schätzte Michael Weinmann ein, SRF bleibe dran, frage nach – treibe den Fall aber nicht aktiv an.

Oktober 2017 / Hildegard Jutz, Präsidentin Programmkommission

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