Radio? Audio!
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Radio? Audio!

Veränderte Hörgewohnheiten, technische Innovationen, mächtige internationale Konkurrenz: Das herkömmliche «lineare» Radio verliert Hörer*innen, Audio im ­Internet scheint Zukunft zu haben. Aber was genau heisst das, und was lohnt sich zu entwickeln? Robert Ruckstuhl, Programmleiter Radio bei SRF, erläutert, vor welchem Hintergrund er im Team die neue Radio- respektive Audiostrategie entwickelt. 

LINK: Erstmal ganz grundsätzlich: Hecken Sie zurzeit Feinkorrekturen des Bestehenden aus oder bringt die Audiostrategie grosse Veränderungen fürs Radio und auch fürs Online-Angebot?
Robert Ruckstuhl: Voraussichtlich beides. Wir haben uns in den letzten Jahren immer wieder Gedanken gemacht, wie die Zukunft des Radios aussehen könnte. Erste Resultate der aktuellen Strategiearbeit werden Ende September vorliegen.

Muss man sich um die Zukunft des linearen Radios sorgen? 
Ich bin seit bald dreissig Jahren im Geschäft und hörte alle fünf oder zehn Jahre: Bald ist Schluss! Erstmals, als die iPods auf den Markt kamen, dann mit dem iPhone und schliesslich mit den Streaming-Diensten. Das Radio hat sich aber immer gehalten. Seit einiger Zeit ist die Reichweite unserer Sender zwar etwas rückläufig, aber immer noch ziemlich stabil. Noch immer hören vier von fünf Schweizer*innen jeden Tag Radio, also beinahe 80 Prozent. Was hingegen deutlicher abnimmt, ist die Hördauer. Und Jüngere hören nicht mehr so selbstverständlich Radio wie Ältere – gleichzeitig hören sie mengenmässig aber mehr Audio als die älteren Generationen.

Was umfasst Audio alles?
Alles, was das Ohr konsumiert: die persönliche Musik-Playliste, Streaming, Podcasts und natürlich li­neares Radio. Vor allem Musik ist bei den Jungen hoch im Kurs. Zu einem bestimmten Zeitpunkt bewusst in eine konkrete Radiosendung reinzuhören, entspricht hingegen nicht mehr den Hörgewohnheiten der heute unter 45-Jährigen. 

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Klar, man kann sich eine Sendung dank Internet heutzutage ja irgendwann anhören. Dafür bietet ­lineares Radio noch immer das Live-Erlebnis. Hat es seinen Reiz verloren?
Gar nicht! Wir stellen fest, dass lineares Radio stark als Begleitmedium wahrgenommen wird. Und dass die Leute eine enorme emotionale Bindung zu dieser Begleitung haben und oft einem Lieblingssender treu sind. Das brachte uns zur Überlegung, das lineare Radio künftig noch stärker aufs Begleiten auszurichten. Denn es ist die Verbindung zum Hier und Jetzt. Du findest im Internet fast alles, aber niemanden, der dir sagt: «Hey, schau mal kurz aus dem Fenster – die Sonne geht gerade auf, heute wird ein schöner Tag bei uns.»

Was ist das Spezielle an dieser Verbindung, warum sprechen wir so sehr darauf an?
Audio ist etwas sehr Intimes. Es kommt uns näher als jedes andere Medium. Vor allem das Radio mit seinen mir vertrauten Stimmen, die mich durch den Tag begleiten. Wir sind der Meinung, dass sich lineares Radio noch viel mehr auf diese Stärke konzentrieren muss: Begleitung, Interaktion, Gespräche. Als Zuhörer werde ich so unter anderem auch zum Denken angeregt.

Radio SRF bietet aber auch ganz anderes …
Ja, Hörspiele oder Hintergrundsendungen zum Beispiel. Formate, die ich vor allem dann hören möchte, wenn ich Zeit habe. Für solche Sendungen packen wir deshalb sozusagen die Schere aus und stellen sie danach online, damit man sie auch später nochmals in Ruhe und voller Länge hören kann. Noch ist es stimmig, das Hörspiel trotzdem auch linear auszustrahlen, aber auch das müssen wir dereinst vielleicht hinterfragen. Es stellt sich ganz grundsätzlich die Frage: Wenn wir das lineare Programm stärker aufs Begleiten ausrichten – was machen wir dann mit seinen Inhalten, mit den Hintergrund- und Informationssendungen wie «Input» oder «Doppelpunkt»? Auch hinsichtlich der Machart: Diese Sendungen werden ja für die Live-Ausstrahlung produziert, das definiert ihre Struktur – sie haben eine bestimmte Länge und man fasst immer wieder kurz zusammen, was schon gesagt wurde, zur Orientierung derer, die später eingeschaltet haben. Online ist das ja nicht nötig, da hört man eine solche Sendung von Anfang an; sie müsste also eigentlich anders aufgebaut werden. Wir probieren da momentan vieles aus und lernen dazu. Und auch für die Jungen möchten wir noch viel gezielter Inhalte anbieten können, on demand. 

Darum «Audiokonzept»: Sie tüfteln an Formaten fürs lineare Radio und für Online, also on demand?
Genau. Heute ist alles nach Programmen organisiert – bei SRF 3 machen Mitarbeitende die Sendung «Input», bei SRF 1 den «Doppelpunkt» – die Arbeit all dieser Redaktor*innen hat viel gemeinsam, weil die Sendungen inhaltlich verwandt sind. Dem wollen wir mehr Rechnung tragen, wenn wir in eineinhalb Jahren in die Radio Hall im Leutschenbach umziehen. Leute mit ähnlichen Aufgaben sollen in gemeinsamen Teams zusammenarbeiten.

Ähnlich wie beim Fernsehen, wo auch Redaktionen aufgelöst wurden?
Das Fachredaktionsprinzip haben wir ja sowieso im Radio. Bei «Input» und «Doppelpunkt» sind es vielmehr formale Ähnlichkeiten; Redaktor*innen, die längere Audiosendungen zu verschiedenen Themen machen, sollen künftig in einem Team arbeiten. Das wäre die Idee.

Fürs lineare Radio oder für On-Demand-Formate?
In erster Linie für On-Demand-Angebote. Weil das neue Formate sein werden, ist es sinnvoll, dass alle von den Erfahrungen der andern profitieren und sich austauschen können. Weil wir in Zukunft eher weniger Mittel haben werden, müssen wir Synergien noch stärker nutzen. In einem ersten Schritt versuchen wir, Radiosendungen optimiert fürs Netz zu produzieren und diese aber auch im Radio zu senden. 

Reden wir über die Musik im linearen Radio – als Hörer*in kann man sie sich nicht aussuchen. Gibt es dereinst eine Technologie, die es mir erlaubt, Musik nach eigenem Geschmack mit den erwünschten Wortbeiträgen des Radiosenders zu vereinen? 
Solche Überlegungen gibt es – und auch Apps, die da Möglichkeiten bieten. RTL in Deutschland hat beispielsweise eine im Einsatz, mit der ich einzelne Songs ersetzen kann, wenn mir einer nicht gefällt. Beim nächsten Wortbeitrag kommt das Programm wieder zusammen, weshalb die Übergänge manchmal etwas holprig wirken. Auch wir hatten schon einen ähnlichen Prototyp …

Aber?
Er war nicht wirklich benutzerfreundlich. Vielleicht wäre man da heute weiter. Das andere Problem sind die vielen rechtlichen Fragen. Wir bezahlen der Urheberrechtsgesellschaft Suisa ja Geld für jedes Lied, das wir spielen. Wie das technisch zu regeln ist, wenn wir für jede Hörerin, jeden Hörer ein eigenes Musikprofil hätten, ist offen. Und man muss sich natürlich auch gut überlegen, ob man Angebote wie Spotify konkurrenzieren will und auch kann. 

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Besteht die Gefahr, dass Spotify umgekehrt selber Radioprogramme anbietet?
Spotify arbeitet bereits in diese Richtung, macht etwa Versuche mit Nachrichten und anderen Wort­inhalten. Auch wir verbreiten zahlreiche Podcasts auf Spotify. Das Ganze ist für uns ein Dilemma: Einerseits downloaden sehr viele Leute Podcasts über Drittplattformen wie iTunes oder Spotify, und nur ganz wenige über unsere eigene Plattform. Wir kommen also kaum darum herum, unsere Angebote auch dort zur Verfügung zu stellen. Ausserdem sind die Nutzer auf diesen Plattformen jünger – auch jene, die beispielsweise das «Echo der Zeit» hören. Von dem her ist diese Plattform für uns interessant. Handkehrum machen auch wir mit unseren Inhalten ihre Plattform attraktiver. Das ist etwas, das uns sehr beschäftigt: Wie gehen wir mit diesen Drittplattformen um? 

Bezahlt Spotify eine Entschädigung, wenn man der Plattform Inhalte zur Verfügung stellt?
Nein, wir erhalten einzig ein paar ausgewählte Nutzerdaten. Das ist der Deal. Wir erfahren so beispielsweise, wie lange jemand eine bestimmte «Input»-Sendung gehört hat, da der User auf dieser Plattform streamt und nicht downloadet.

Wenn Spotify mit dem Vorteil der Musikpersonalisierung in die Radiodomäne eindringt, könnte es ungemütlich werden. Wie macht Spotify das eigentlich mit den Urheberrechten für Musik, warum können die, was Sie nicht können?
Sie schliessen direkt mit den Plattenfirmen Verträge ab. Und ja, sie können uns noch stärker konkurrenzieren. Deshalb scheint mir die geografische Verankerung des linearen Radios so wichtig. Da begleitet mich jemand in meiner Lebenswelt …

… spricht die gleiche Sprache, nimmt Bezug auf eine Welt, die auch meine ist. 
Ja, genau. 

Apropos gleiche Sprache: Wie trägt Radio SRF in Zukunft der Tatsache Rechnung, dass die Schweiz diverser wird? 
Wir fingen ursprünglich einmal mit einem einzigen Radioprogramm an, dann merkte man: Die Gesellschaft ist vielschichtiger. So entstanden in der weiteren Geschichte zusätzliche Sender. Parallel dazu individualisierte sich die Gesellschaft aber immer noch mehr. Nun hätten wir natürlich weitere Spartensender installieren können, aber so individuell wie das Internet können wir gar nie werden. 

Also bleibt alles beim Alten, was die Sender ­betrifft?
Mit der Ausarbeitung der aktuellen Audiostrategie schauen wir die Programmpalette genau an. Und stellen auch Fragen wie: Stimmt das Radioangebot, wie es heute aufgestellt ist? Müssten wir die Ausrichtung einzelner Sender verändern? Auch das Internet berücksichtigen wir bei diesen Überlegungen, denn es erlaubt einem, sehr viel präziser auf gewisse Zielgruppen einzugehen. Man könnte beispielsweise einen Podcast für Migranten machen. Oder mehr Angebote für Kinder und Jugendliche. Wir diskutieren momentan aber vor allem darüber, wie wir unsere Inhalte attraktiver, beispielsweise auf einer Audioplattform, anbieten könnten, damit auch Empfehlungen möglich wären.  

Mittels Algorithmus?
Ja, aber das ist sehr komplex und geht schnell ins Geld. Eine echte Personalisierung wäre zwar super, aber davon sind wir momentan noch weit entfernt. 

Wir haben jetzt viel über SRF 1 und SRF 3 gesprochen – wie sieht die Zukunft von Radio SRF 2 Kultur aus?
SRF 2 ist ein Spartensender. Da ist es sehr schwierig, eine Prognose zu stellen. Eigentlich ist das lineare Radio darauf ausgelegt, dass es ein Massenmedium ist. Man machte die Spartenkanäle ja deshalb, weil es sonst keine Möglichkeit gegeben hätte, für ein bestimmtes Publikum ein Angebot zu haben. Heute kann man im Netz viel spezifischer ein klar zugeschnittenes Angebot bereitstellen. Wie wir das künftig handhaben möchten, kann ich noch nicht sagen.

Zum Schluss noch eine Frage zur Medientechnologie der Stunde: den Smart Speakers. Wie wichtig werden sie? 
Wir glauben, dass sie sehr relevant werden. Aber zurzeit sind sie in der Schweiz noch nicht im Verkauf, weil die Anbieter noch Probleme haben mit unserer Mundart. Wir können also nur schauen, was in den USA, in Grossbritannien und Deutschland passiert. Dort haben sie bereits einen grossen Markt erobert, vor allem in den USA. Wir sind parat mit einem kleinen, aber guten Portfolio bestehend aus Sport, Nachrichten, Meteo und Hintergrundsendungen. 


Zur Person
Robert Ruckstuhl, lic. phil. I, 56-jährig, begann im Jahr 2000 seine Tätigkeit bei damals Schweizer Radio DRS, wo er während drei Jahren das Regionalstudio Ostschweiz leitete. Ruckstuhl wechselte 2003 intern als Publizistischer Leiter zu DRS 3, bevor er 2005 die Programmleitung der beiden Sender DRS 3 und DRS Virus übernahm und Mitglied der Geschäftsleitung von Schweizer Radio DRS wurde. Seit der Fusion von SR DRS und SF zum neuen Unternehmen SRF Schweizer Radio und Fernsehen ist Robert Ruckstuhl nun seit 1. Januar 2011 Programmleiter Radio und damit verantwortlich für die Radioprogramme SRF 1, SRF 3 und SRF Musikwelle. Seit dem 1. September 2019 ist er zudem interimistischer Abteilungsleiter Programme und hat Einsitz in der ­Geschäftsleitung SRF. 


Text: Esther Banz

Purtret: SRF/Oscar Alessio

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