Der «Generation Gratis» ist nicht leicht beizukommen
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Der «Generation Gratis» ist nicht leicht beizukommen

«Generation Gratis – wozu noch Gebühren?», so lautete das Thema einer Diskussion der SRG Aargau Solothurn auf dem Schloss Liebegg. Das Thema war topaktuell und das Podium war mit Vertretern des Vereins «No Billag» und der SRG spannend besetzt.

– Von Markus Knöpfli

«Jede und jeder soll selber bestimmen können, wofür er oder sie bezahlen will.» Das war das Hauptargument, das Florian Maier, Co-Präsident des Initiativkomitees «Ja zur Abschaffung der Billag-Gebühren», am zweiten Schlossgespräch der SRG Aargau Solothurn mehrmals wiederholte. Doch es dauerte einige Zeit, bis die anderen Podiumsteilnehmer und auch das Publikum dessen Tragweite voll realisierten. Am Ende war eine gewisse Ratlosigkeit unverkennbar. Denn es nützten weder politische, qualitative, medienpolitische noch finanzielle Argumente: Alles perlte ab am einfach gezimmerten Gedankengebäude des 26-jährigen Betriebsökonomen, der im Vorstand der Jungen FDP Zürich politisiert.

Eines war aber bald klar: Maiers Initiativkomitee hat nicht im Sinn, die SRG abzuschaffen. Das unterscheidet es von einem anderen Komitee, das derzeit ebenfalls Unterschriften sammelt (siehe Kasten). «Wir wollen einzig, dass die Radio- und TV-Gebühren nicht mehr für alle obligatorisch sind», sagte Maier. Eine allgemeine Gebühr sei «gemein», weil dann jemand, der beispielsweise nicht an Fussballspielen interessiert ist, mitzahlen muss, damit ein anderer die WM schauen kann. «Zahlen soll aber nur, wer konsumiert – wie bei den Abo-Zeitungen», argumentierte er.

Ohne Gebühren müssten RTR, RTS und RSI zumachen

«Die Initiative will die SRG nicht abschaffen, aber ihr drei Viertel ihrer Mittel entziehen», machte Diskussionsleiter Peter Moor-Trevisan (57), Präsident der SRG Aargau Solothurn, daraufhin deutlich, und fragte bei den SRG-Vertretern auf dem Podium nach, was dies bedeuten würde. «Wir müssten sofort zumachen», sagte Mariano Tschuor (56), ­Direktor Radiotelevisiun Svizra Rumantsch (RTR), ebenso die französisch- und italienischsprachigen Programme RTS und RSI. Einzig SRF wäre in der Lage, sich aus dem Markt zu finanzieren, allerdings nur mit einer Angebotsreduktion. Tschuor warf Maier deshalb mangelnde Solidarität vor. «Nein», widersprach Maier, «ich bin nur gegen erzwungene Solidarität.»

Mariano TschuorMariano Tschuor, Direktor RTR: «Ohne Gebühren müssten wir sofort zumachen.»

Christoph Gebel (55), Leiter Unterhaltung SRF, hielt dem knapp 50-köpfigen Publikum vor Augen, welche Abstriche SRF ohne Gebühren machen müsste. Programme wie Musikwelle, Virus oder Radio Swiss Jazz müssten eingestellt werden, meinte er. «Auch die Filmförderung und die Übertragung des Jodlerfestes in Davos könnten wir abschreiben.»

Qualität braucht Zeit und Geld

Ein SRF-Journalist aus dem engagiert mitdiskutierenden Publikum doppelte nach: Um qualitativ gute Informationen aufbereiten zu können, brauche es genug Zeit – und damit auch Gebühren. Denn sonst bleibe ­alles auf dem Niveau von RTL2. Das sah Maier anders. «Wenn eure Qualität wirklich so gut ist», hielt er seinen Vorrednern entgegen, «dann finden sich auch Leute, die für eure Sendungen bezahlen.» Er zum Beispiel sei gerne bereit, das «Echo der Zeit» für 30 bis 50 Franken pro Jahr zu abonnieren. Das sei wie bei einem Bäcker, bei dem alle nur so viel einkaufen, wie sie brauchen. «Niemand kommt auf die Idee, den Bäcker über Steuern zu finanzieren.»

Florian Meier NoBillagFlorian Maier,Verein «No Billag»: «Niemand kommt auf die Idee, den Bäcker über Steuern zu finanzieren.»

Auf dem Podium sass mit Gülsha Adilji (29), Moderatorin beim Jugend-TV joiz, auch eine Vertreterin der kommerziellen Medien. Sie gehört – wie Maier – auch der Generation an, die mit Pendlerzeitungen und Internet und damit mit einem grossen Gratisangebot aufgewachsen ist. Trotzdem stellte sie sich gegen ihren Altersgenossen. Zwar ärgere sie sich jeweils auch über die Billag-Rechnungen, gestand sie. «Aber es ist mir doch bewusst, dass irgendwoher das Geld kommen muss, das es mir ermöglicht, vieles gratis zu konsumieren.» Maiers Initiative bezeichnete sie deshalb als «PR-Gag der jungen FDP und SVP». Gleichzeitig plädierte sie aber dafür, vermehrt nach neuen, innovativen Wegen für die SRG-Finanzierung zu suchen. Als Beispiel nannte sie die neue kostenpflichtige WM-App der SRG, die es dem Nutzer ermöglicht, allerlei Zusatzinformationen zu erhalten oder einen einzelnen Spieler im realen Spiel zu verfolgen – «Die Männer wollen das», stellte sie lachend fest.

Joiz Moderatorin GülshaGülsha Adilji, joiz-Moderatorin: «Es ist mir doch bewusst, dass irgendwoher das Geld kommen muss, das es mir ermöglicht, vieles gratis zu konsumieren.»

Kostenloser Service public – bezahlen nur für Zusatzinfos

Diesen Faden nahm auch Maier auf. Klar brauche es einen Grundteppich an Informationen, meinte er, also eine Art Service public. Diese Grundinfos – über Werbung ­finanziert – seien aber schon heute in Form von Agenturmeldungen überall gratis abrufbar. Dafür wolle niemand bezahlen. «Wenn die Leute aber etwas genauer interessiert, sind sie bereit, für Zusatzinfos in die Tasche zu greifen», meinte er. «Bei den Special-Interest- oder Fachzeitschriften funktioniert das ja auch.» Im TV-Markt gelte dies nicht im gleichen Umfang, hielt Tschuor dagegen, da wegen der ausländischen TV-Werbefenster viel Schweizer Werbegeld nach Deutschland, Österreich und Frankreich fliesse. «Weil also niemand euer Programm will, wollt ihr alle zwingen, doch ­dafür zu bezahlen?», fragte Maier pointiert zurück.

Ein Generationengraben ohne Brücke?

Bald war klar: Hier prallten zwei grundverschiedene Anschauungen aufeinander. ­Während Gebel, Tschuor und das Publikum versuchten, über ein Medienkonzept zu ­diskutieren, postulierte Maier bloss seine Grundhaltung («Jeder bezahlt das, was er will»), die er als «urliberale Forderung» darstellte und erklärtermassen am liebsten nicht nur bei der SRG, sondern auch bei den SBB oder der AHV angewendet sähe. Klar wurde aber auch: Um die «Generation Gratis» längerfristig von der Notwendigkeit der SRG-Gebühren zu überzeugen, bedarf es seitens SRG-Kader und Trägerschaft noch ­einiger Denk- und Kommunikationsarbeit.

Schreibwettbewerb Generation GratisBild: Stephan Lütolf


Schreibwettbwerb «Generation Gratis: Wozu noch Gebühren?»
Im Vorfeld des Anlasses forderte die SRG Deutschschweiz junge Schreiberinnen und Schreiber dazu auf, journalistische Beiträge zum Thema einzureichen. Fünfzehn Schreibtalente haben sich an den Schreibwettbewerb von SRG Insider herangewagt. Der Maturand Basil Koller gewann den Wettbewerb mit seinem Beitrag «Mediale Aufklärung – mehr als nur ein Luxusgut». 

Die Finalistentexte (in voller Länge) und die besten Zitate aller Schreibbeiträge sind online abrufbar unter: www.srginsider.ch > Meinungen


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