Werden die Schweizer Bauern immer reicher?
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Werden die Schweizer Bauern immer reicher?

Mit diesem Titel, aber nicht als Frage, sendete «ECO» vom 8. September 2014 einen Beitrag über die wirtschaftliche Lage der Schweizer ­Bauern. Die Aussage, dass die Schweizer Bauern immer reicher würden, wurde aber vom Schweizer Bauernverband bei der Ombudsstelle beanstandet.

– Von Achille Casanova

Im Hinblick auf die jährliche Veröffentlichung der wirtschaftlichen Situation der Bauern in der Schweiz berichtete das Wirtschaftsmagazin «ECO» auf SRF 1 über die erfolgreichen Geschäftsmodelle von vier innovativen Bauernbetrieben. Durch ­Hofvergrösserung kombiniert mit Outsourcing, als bäuerliche Lohnunternehmer, mit gut bezahlten Nebenerwerbstätigkeiten sowie dank Grossinvestitionen bei der Gemüseproduktion würden die vier Schweizer Bauern beweisen, dass es mit grosser Flexibilität und Innovationsgeist möglich sei, sehr erfolgreich zu sein.

Zwar wurde in der Anmoderation deutlich unterstrichen, dass im Schnitt jeden Tag drei Bauern ihren Betrieb einstellen müssen und die Abnahmepreise für landwirtschaftliche Produkte in den letzten zwanzig Jahren stark gefallen seien. Doch die Bauern, «die noch im Geschäft sind, konnten ihr Eigenkapital häufig deutlich steigern. Grundlage für diesen Erfolg ist in jedem Fall unternehmerisches Denken.» In einer Grafik wurde dargestellt, dass das durchschnittliche Eigenkapital pro Bauernbetrieb in den letzten 20 Jahren in der Schweiz von CHF 330000 auf 465000 gewachsen ist. Die Schlussfolgerung von «ECO»: «Schweizer Bauern werden immer reicher.»

Falsche Schlussfolgerungen

Der Schweizerische Bauernverband war mit dieser Schlussfolgerung überhaupt nicht einverstanden. Die Porträts der vier erwähnten Landwirtschaftsbetriebe würden nur dazu dienen, die zentrale Aussage der Grafik bezüglich Erhöhung des Eigenkapitals zu untermalen. Es sei falsch, den Erfolg eines Unternehmers an der Höhe des investierten

Beanstandung Schweizerische Bauernverband: «Beim Fernsehzuschauer wurde der falsche Eindruck erweckt, dass die Landwirtschaft sehr gut mit deutlich weniger staatlicher Unterstützung existieren könnte.»

Eigenkapitals zu messen. Wenn schon, müsste der Anteil des Eigenkapitals an der Bilanzsumme bewertet und die Teuerung berücksichtigt werden. Zudem würde auch das Layout der Grafik dazu dienen, die Hypothese der Reportage zu stützen. «Dass Schweizer Landwirte immer reicher werden», sei falsch und bedürfe offensichtlich einer Korrektur. Beim Fernsehzuschauer sei der falsche Eindruck erweckt worden, dass die Landwirtschaft sehr gut mit deutlich weniger staatlicher Unterstützung existieren könnte. Dies wäre wünschenswert, sei aber leider unrealistisch, wie ein Blick auf den als Vergleichsgrösse relevanten Arbeitsverdienst je Familienarbeitskraft von durchschnittlich CHF 47000 zeigt.

Inhaltlich und formal korrekt

In einer sehr umfassenden Stellungnahme konnten die Verantwortlichen von «ECO» die Sicht des Bauernverbandes überhaupt nicht teilen. Die Redaktion sei der festen Überzeugung, dass die Berichterstattung über die erfolgreichen Geschäftsmodelle von Schweizer Bauern inklusive Grafik über die Entwicklung des Eigenkapitals inhaltlich und formal korrekt gewesen sei und den Zuschauerinnen und Zuschauern eine gute Grundlage für die eigene Meinungsbildung lieferte. «ECO» wollte nicht den Eindruck wecken, dass «Landwirte ohne übermässigen Einsatz immer reicher werden». Der Beitrag habe zeigen wollen, dass sich Schweizer Landwirte etwas einfallen lassen müssen, um Erfolg zu haben.

Stellungnahme der Redaktion: «’ECO‘ wollte nicht den Eindruck wecken, dass Landwirte ohne übermässigen Einsatz immer reicher werden. Der Beitrag wollte zeigen, dass sich Schweizer Landwirte etwas einfallen lassen müssen, um Erfolg zu haben.»

Was es aus Sicht von «ECO» für den Erfolg braucht, wird an verschiedenen Stellen im Beitrag ausgeführt: die Wahl eines guten Geschäftsmodells, unternehmerisches Denken, Flexibilität, die Bereitschaft, Risiken einzugehen, die Verschlankung von Produktionsketten und verbesserte Arbeitsschritte. Der wirtschaftliche Erfolg kann zweifellos auf vielerlei Arten gemessen werden. Eine davon ist die Entwicklung des Eigenkapitals. Das Eigenkapital ist die Differenz zwischen allen Aktiven und dem Fremdkapital einer Unternehmung – und eröffnet damit den Blick auf das Nettovermögen eines Betriebs. Sprich: auf seinen Reichtum.

Dass es nicht alle Landwirte in der Schweiz leicht haben, sei der Redaktion sehr bewusst. Die sinkenden Abnahmepreise sowie der Strukturwandel seien deshalb zum Sendestart und in der Anmoderation erwähnt worden. Dies sei eine wichtige und sinnvolle Ergänzung zum Beitrag, in dem positive Beispiele aus der Landwirtschaft gezeigt worden seien.

Zu pauschal und zu wenig differenziert

Bei ihrer Beurteilung kam die Ombudsstelle zur Auffassung, dass es problematisch sei, den wirtschaftlichen Erfolg eines Landwirtschaftsbetriebes und somit die wirtschaftliche Situation der Bauern in der Schweiz lediglich mit der Entwicklung des Eigenkapitals zu messen.

Anders als der Bauernverband erachtete die Ombudsstelle, dass in der Grafik die Entwicklung des Eigenkapitals der Bauernbetriebe korrekt und verständlich wiedergegeben wurde. Doch die pauschale und plakative Schlussfolgerung, wonach die «Schweizer Bauern immer reicher werden», sei gemäss der Ombudsstelle nicht zulässig und zumindest als irreführend ­anzusehen.

Zuerst einmal, weil es fragwürdig erscheint, das Eigenkapital einfach als «Reichtum» zu betrachten. Bei der Bemessung der landwirtschaftlichen Einkommen wird für den Produktionsfaktor «eigenes Kapital» lediglich die Rentabilitätsfrage berücksichtigt. Zudem muss auch die Verschuldung der Betriebe einkalkuliert werden. In den letzten zehn Jahren nahm die durchschnittliche Effektivverschuldung konstant zu und liegt heute bei knapp CHF 300000 pro Betrieb.

Einschätzung Ombudsstelle: «Die pauschale und plakative Schlussfolgerung, wonach die ‚Schweizer Bauern immer reicher werden‘ ist nicht zulässig und zumindest als irreführend ­anzusehen.»

Irreführend aber vor allem auch wegen der undifferenzierten Aussage, die Schweizer Bauern werden immer reicher, wobei die grossen Unterschiede bei der Eigenkapitalbildung sowohl von Betrieb zu Betrieb wie auch von Region zu Region im Beitrag nicht berücksichtigt wurden.

Die Zahlen von Agroscope sind eindeutig: Während im Jahr 2013 das Eigenkapital in den Bergregionen durchschnittlich CHF 382 038 betrug, war es in den Hügelregionen CHF 438 006 und in den Talregionen im Durchschnitt CHF 542 571. Diese sehr grossen Unterschiede sind an sich logisch. Denn – wie die vier im «ECO» gezeigten erfolgreichen Geschäftsmodelle eindeutig zeigen – bei zunehmend grös­seren Betrieben mit mehr Gebäude-, Tier-, Maschinen- und Pflanzenkapital muss auch das Eigenkapital steigen. Es liegt auf der Hand, dass solche Betriebe wie die dargestellten «Muster» in Bergregionen überhaupt nicht und in Hügelregionen kaum vorstellbar sind. Wenn schon müsste das Eigenkapital pro bewirtschaftete Fläche angegeben werden.

Schliesslich gilt es zu berücksichtigen, dass letztes Jahr nicht weniger als
35 Prozent der Talbetriebe, 34 Prozent der Hügelbetriebe und 32 Prozent der Bergbetriebe einen Eigenkapitalverzehr verzeichneten. Mit anderen Worten lebten diese Betriebe «von der Substanz des Betriebs». Von «immer reicher werden» kann in diesen Fällen wirklich nicht die Rede sein.

Aus all diesen Gründen kam die Ombudsstelle zur Auffassung, dass die sowohl im Titel wie auch im Beitrag selber behauptete Aussage, «die Bauern in der Schweiz werden immer reicher», viel zu pauschal und zu wenig differenziert erfolgte, um der Wirklichkeit zu entsprechen. Das Publikum war deshalb ungenügend in der Lage, sich eine eigene Meinung zu bilden. Das Sachgerechtigkeitsgebot wurde somit verletzt. Die Beanstandung wurde deshalb als teilweise berechtigt beurteilt.

Achille Casanova

Bild: Colourbox


Hinweis!
Sämtliche Schlussberichte der Ombudsstelle der SRG Deutschschweiz finden Sie hier


 

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