Schawinski versus Thiel
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Schawinski versus Thiel

Noch nie hat eine SRF-Sendung derart viele Reaktionen und Kommentare wie die Talk-Sendung «Schawinski» vom 15. Dezember 2014 ausgelöst. Roger Schawinski hatte den Satiriker  Andreas Thiel wegen seines umstrittenen Artikels in der «Weltwoche»  eingeladen. Es hätte eine Debatte über den Koran werden sollen. Doch Talk-Master Schawinski und Satiriker Thiel deckten sich gegenseitig mit Beleidigungen ein. Zu einer sachlichen Diskussion kam es nicht.

– Achille Casanova

Insgesamt wurden bei der Ombudsstelle nicht weniger als 185 Reklamationen eingereicht – ein Rekord! Vielleicht auch, weil über diesen medialen Hahnenkampf zahlreiche Artikel und Kommentare veröffentlicht wurden, gab es für eine einzelne ­Sendung noch nie so viele Beanstandungen. Auf 21 Reklamationen konnte die Ombudsstelle nicht eintreten, sie hatte aber immerhin noch 164 Beanstandungen zu behandeln.

Die grosse Mehrheit der Reklamationen richtet sich gegen Roger Schawinski. Insgesamt 148 Beanstandungen (ungefähr 90 Prozent) kritisieren die Art und Weise, wie der Talk-Master seinen Gast behandelt hat. Die Vorwürfe sind happig: Seine Gesprächsführung sei mangelhaft, provozierend, unhöflich, arrogant und respektlos. Er habe seinem Gast ständig das Wort abgeschnitten und ihn wiederholt beleidigt. Als besonders gravierend sei der Rassismus-Vorwurf auf Grund eines falschen ­Zitats zu werten.

Dass Roger Schawinski nach der Sendung Thiel angeblich das «A-Wort» an den Kopf warf, sorgte bei vielen Zuschauerinnen und Zuschauern für zusätzliche Empörung.

Lediglich in 16 Eingaben wurde nicht Schawinski, sondern Thiel kritisiert. Er habe sich von vornherein geweigert, die Fragen von Schawinski zu beantworten und bewusst den Moderator unnötig provoziert. Bereits seine erste Gegenfrage zur Religion von Schawinski wurde als problematisch – wenn nicht gar nahe an Antisemitismus – angesehen. Zu Recht habe der Moderator immer wieder versucht, über pauschale Verunglimpfungen von Muslimen zu diskutieren, was durch Thiel stets verweigert worden sei.

«Zu emotional, aber sachgerecht»

In ihrer Stellungnahme gaben TV-Chefredaktor Tristan Brenn und die Redaktorin und Produzentin von «Schawinski», Erika Burri, zu, dass die provokativen Äusserungen Thiels und Schawinskis zu einer immer aufgeheizteren Stimmung führten. Der Interviewer reagierte emotional und mit einer Vehemenz, die das im Schweizer Fernsehen übliche Mass klar überschritt.

Auch wenn dieser Umstand anerkannt und bedauert wird, unterstrichen die ­Verantwortlichen von SRF, dass Thiel ­Schawinski bereits zu Beginn mit der ­Frage provozierte, was er für ein Jude sei. «Würde Schawinski einer anderen Glaubensrichtung angehören, hätte dies Andreas Thiel kaum zum Thema gemacht.»

Tristan Brenn und Erika Burri betonten zahlreiche fragwürdige Aussagen von Thiel. Zum Beispiel, dass der «Koran blutrünstig» sei oder «was im Koran steht, hat nichts mit Religion zu tun». Der Koran wurde sogar mit Hitlers «Mein Kampf» ­verglichen und einer Staatsideologie gleichgesetzt. «Roger Schawinski hat die Botschaft von Thiel hinterfragt mit dem Ziel, dass zwischen Islam und Islamismus klar unterschieden wird», so die SRF-Verantwortlichen.

Was das Zitat in der «Berner Zeitung» betrifft, sei es sprachlich so formuliert gewesen, dass es nur «als generelle Aussage über das Wesen der Muslime verstanden werden kann und nicht als Aussage über deren Humorverständnis». Es stimme, dass Schawinski mit Andreas Thiel nicht zimperlich umgegangen sei und ihn als ­Rassisten beschimpft habe. Doch dass Schawinski das Zitat zur Sprache gebracht hat, war legitim.

«Insgesamt sind wir der Überzeugung, dass die Sendung trotz hoher Emotionalität das Gebot der Sachgerechtigkeit nicht verletzt hat und sich das Publikum eine ­eigene Meinung bilden konnte», war die Schlussfolgerung der SRF-Verantwortlichen.

Keine echte Diskussion

Bei ihrer Einschätzung, ob die Sendung sachgerecht gewesen sei oder nicht, musste die Ombudsstelle feststellen, dass keine sachliche Diskussion über den Koran geführt wurde, sondern das knapp halbstündige Gespräch aus dem Ruder lief. Thiel wurde mit fortlaufender Sendung ruhiger, weigerte sich aber konsequent, auf die Fragen des Moderators konkret einzugehen, was Schawinski zunehmend enervierte. Dabei überschritt Schawinski die Grenzen zwischen Provokation und Beleidigung mehrfach. Thiel sei ein «aufgeblasener Typ» sowie «ein bisschen pubertär». Er warf Thiel insbesondere vor, nicht genug gebildet zu sein, um den Koran zu kritisieren und – im Unterschied zu ihm – über kein fundiertes Wissen zu verfügen. Dass der kritisierte Thiel immer wieder betonte, Schawinski habe den Koran gar nicht gelesen, trug sicher nicht zu einer Beruhigung der Stimmung bei.

Eine echte Diskussion über Thiels Korankritik kam nicht zustande. Das Gespräch missriet vollkommen. Sei es, weil Schawinski seinen Gast immer wieder beleidigte und unterbrach, sei es auch, weil Thiel eine Antwort auf die gestellten ­Fragen konsequent verweigerte und ­Schawinski mit Gegenfragen laufend ­provozierte, konnte sich das Publikum über das eigentliche Thema, den Koran, keine eigene Meinung bilden. Das im RTVG verlangte Sachgerechtigkeitsgebot wurde deshalb verletzt.

Irreführendes Zitat

Es gibt auch einen zweiten Grund, warum die Ombudsstelle das Sachgerechtigkeitsgebot als verletzt erachtet. Es ging um folgendes eingeblendetes Zitat:

Zitat Thiel

Mit diesem Zitat glaubte Schawinski, Thiel als Rassisten entlarven zu können. «Das ist übelster Rassismus», warf Schawinski ­Andreas Thiel vor. «Das ist etwas vom Allerschlimmsten, was ich je gelesen habe …» Dass Thiel behauptete, sich an diesen Satz nicht mehr zu erinnern, veranlasste ­Schawinski, Thiel erneut massiv zu kritisieren: «Du bist ein Rassist, ganz ein übler.»

Tatsächlich berichtete Thiel in einem langen Interview mit der «Berner Zeitung» vom 31. Dezember 2012 über seinen Aufenthalt in Südindien und seine Reise im Kaschmir. Auf die Frage, was er damit meinte, dass Muslime nicht dafür bekannt seien, «unseren Humor zu verstehen», antwortete Thiel wie folgt: «Weil sie im Grund genommen gar keinen haben. Wenn du ihre Witze hörst, denkst du dir: Aha, das geht hier unter Humor. Die sind, böse ­gesagt, irgendwo im Übergang zwischen Neandertaler und Homo sapiens stecken geblieben.»

Aus dem Gespräch mit der «Berner Zeitung» geht ohne Zweifel hervor, dass es ausdrücklich um den Humor der Muslime ging. Dies war bereits im Lead des Beitrags eindeutig unterstrichen, als angekündigt wurde, dass im Gespräch von «humorlosen Muslimen» die Rede sein würde. Das Zitat bezog sich deshalb nicht auf das ­Wesen der Muslime generell, sondern ­lediglich auf ihre Art, unseren Humor zu ­verstehen. Indem das Zitat aus dem Zusammenhang gerissen wurde, wurde dem Publikum der falsche Eindruck vermittelt, Andreas Thiel würde die Muslime an sich mit als «zwischen Neandertaler und Homo sapiens stecken geblieben» beleidigen. Durch die irreführende Art und Weise, wie das Zitat verwendet wurde, war das Publikum nicht in der Lage, sich über die wahre Aussage von Thiel eine eigene Meinung zu bilden.

Schawinski absetzen?

Rund zwei Drittel der Beschwerdeführenden (117) verlangten die Absetzung von Schawinski oder der nach ihm benannten Sendung. Schawinski sei ein selbstherrlicher Moderator, der sein Ego in den Vordergrund stelle und seine Gäste stets provozieren würde.

Auf solche Forderungen kann die Ombudsstelle nicht eintreten. Nicht nur, weil sie über keine Entscheidungs- oder Weisungsbefugnisse verfügt, sondern vor allem, weil die Ombudsstelle gewillt und verpflichtet ist, die Freiheit der Medien zu respektieren.

Es liegt somit in der alleinigen Zuständigkeit der Verantwortlichen von SRF, zu entscheiden, ob die Sendung «Schawinski» weiterhin produziert und ausgestrahlt wird. Und dies ist gut so: Denn die Freiheit der Medien, vorliegend des Fernsehens, ist ein derart wichtiges Gut, das durch eine misslungene Sendung nicht in Frage gestellt werden darf.

Achille Casanova

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