St. Gallen – Leutschenbach einfach
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St. Gallen – Leutschenbach einfach

Die «Mutterhäuser» von SRF profitieren von ihren «Filialen» in der Region. Knapp 30 Journalistinnen und Journalisten haben in den letzten fünf Jahren von den Regionalstudios nach Leutschenbach oder in die Radiostudios von Basel, Bern und Zürich gewechselt. Die Regis sind Ausbildungsstätten, Talentschmieden und Sprungbretter. Die Wanderung erfolgt in der Regel nur in eine Richtung.

– Von Erich Niederer

Jonathan Fisch ist, wie etwa Silvan Fischer in Luzern, eine Ausnahme. Er arbeitete sechs Jahre in der Nachrichtenredaktion von Radio SRF in Bern, ehe er sich vor ­einem Jahr als Redaktor beim Regionalstudio Ostschweiz erfolgreich bewarb und seither für das Regionaljournal nebst ­anderem den Kanton Thurgau und Kultur betreut. Weinfelden statt Washington und Hundwil statt Hollywood?

Fisch begann, die Kreativität im «engen ­formalen Korsett der Nachrichtenmeldung» zu vermissen; die unregelmässige Schichtarbeit «sättigte das Bedürfnis der Unstetigkeit». Heute fehlen ihm der besondere Geist des Nachrichtenteams und ­national wie international immer auf dem Laufenden zu sein. Gewonnen hat er beim Regionaljournal «eine viel abwechslungsreichere Arbeit» und die Möglichkeit, alle radiofonischen Formen einzusetzen, «draussen und live zu arbeiten, Reportagen zu machen und Interviews zu führen». Er hat Zeit gebraucht, um sich in der ­Region zurechtzufinden, aber er hat «eine spannende Arbeit» gefunden – «fernab vom korrupten Weltfussball und von internationalen Konflikten».

Jeder Wechsel bringt neuen Wind

Üblich ist der umgekehrte Weg: die Abwanderung der Arbeitskraft (Braindrain). Nach Angaben der sechs Regional­studio­leiter haben in den letzten fünf Jahren rund 30 Journalistinnen und Journalisten in die Mutterhäuser gewechselt. Im Vordergrund standen beim Radio die Abteilung Information und ihre Redaktionen (Inland, Nachrichten, «HeuteMorgen», ­«Rendez-vous», «Echo der Zeit», Bundeshaus, Wirtschaft, «­Espresso», Sport, SRF 4 News), Moderation und Redaktion bei ­Radio SRF 1, Radio SRF 2 Kultur und ­SRF Musikwelle und dann vor allem auch der Sprung zum Fernsehen (Regionalkorrespondenz, ­«Tagesschau», «Schweiz aktuell»).

Stefan Eiholzer, Leiter des Regionalstudios Zentralschweiz, steht nach eigenen Angaben «einem extrem konstanten Team» vor und hatte in den letzten Jahren nur wenige Abgänge. Er freut sich, wenn «Junge eine Chance packen und weitergehen». Jeder Abgang hat immer zwei Seiten: Er bedeutet einen Verlust an Know-how, Erfahrung, persönlicher Beziehung und einen Aufwand, Ersatz zu finden. Dazu aber gehört auch die Chance, «neuen Wind, neue Perspektiven, neue Qualitäten zu bekommen».

«Wenn schon weiterziehen, dann bei uns»

Ähnlich tönt es auch bei Thomas ­Weingart, Leiter des Regionalstudios Ostschweiz. Fast zehn Mitarbeitende haben in den letzten Jahren seine Redaktion verlassen. Das ist für ihn «Teil des Programms»: Er frage schon bei einer Anstellung, welches die nächste Station sei, wo die ­Präferenzen, die Voraussetzungen und das ­Potenzial liegen, und welche Schwerpunkte in der Ausbildung gesetzt werden ­müssen. Die Regionalstudios seien eine Art «Durchlauferhitzer» und Rekrutie­rungs­basis: Die Mitarbeitenden blieben drei bis fünf Jahre, bekämen einen ­grossen Rucksack und lernten das ganze ­radio­fonische Handwerk. «Aber wenn sie dann weiter­ziehen, dann bitte bei uns.» Diese Art der «Karriereplanung» verfolge seit ­einiger Zeit die Radio-Information. «Das Potenzial und die Investitionen nutzen», bringt es Weingart auf den Punkt.

Regileute sind begehrt

Auch für Rolf Hieringer, seit fünf Jahren Leiter der Regionalredaktionen und stellvertretender Chefredaktor Radio, ist jeder Wechsel zweischneidig: Mit jeder Ausschreibung in den Mutterhäusern tue sich für Mitarbeitende der Regionaljournale eine Chance auf, die oft genutzt werde. Auf der andern Seite mache jeder Wechsel wieder eine neue Rekrutierung notwendig, einen Aufbau, eine Einführung in die Radioarbeit, Sprechausbildung usw. Von den rund 30 Wechseln in den letzten fünf Jahren ist er nicht überrascht. Von der Chefredaktion des Fernsehens hat er immer wieder gehört, dass sie gerne Leute aus den Regionalstudios nehmen, «weil sie gut sind».

«Die Journalistinnen und Journalisten aus den Regis so sehr begehrt, weil sie die Region bereits sehr gut kennen und bestens vernetzt sind» Barbara Flückiger, Mitglied der TV-Chef­redaktion und Leiterin der Inland-korrespondenten

Für Barbara Flückiger, Mitglied der TV-Chef­redaktion und Leiterin der Inland-korrespondenten, sind die Journalistinnen und Journalisten aus den Regis darum so «sehr begehrt», weil sie «die Region bereits sehr gut kennen und bestens vernetzt sind». Eine Handvoll Regileute hat in den letzten Jahren als Regionalkorrespon­denten zum Fernsehen gewechselt, und Flückiger hat nur gute Erfahrungen ­gemacht: «Vom Radio her bringen sie Live-Erfahrung mit, eine Fähigkeit, die im ­Fernsehen beim Rekrutieren von neuen Korrespondenten sehr an Gewicht gewonnen hat. Alle Inlandkorrespondenten müssen in der Lage sein, die Geschehnisse in ihren Regionen live, kompetent und sicher einzuschätzen und zu analysieren.»

Seit einigen Jahren wird in den Regionalstudios das Augenmerk darauf gelegt, die Mitarbeitenden so aus- und weiterzubilden, dass sie auf dem «schwierigen Journalistenmarkt bestehen können». «Wir wollen», so Hieringer, «moderne, lebens­fähige, markttaugliche Journalistinnen und Journalisten, die nicht nur das Radiohandwerk beherrschen, sondern auch gute ­Texte schreiben, fotografieren sowie in Online-Diensten eingesetzt werden können.»

Braindrain gebremst

Obwohl immer mehr der rund 150 Mitarbeitenden in den Regionalstudios über eine Multimedia-Ausbildung verfügen, wird nach Ansicht von Hieringer der Braindrain von der Peripherie ins Zentrum weiter abnehmen. «Die Regis haben an ­Attraktivität gewonnen, ihr Ruf ist gestiegen.» Sie bieten eine anforderungsreiche, aber auch vielfältige Arbeit an und Raum für Experimente und Innova­tionen; fast jeder Wechsel in eine Redak­tion nach Bern, Basel, Zürich oder nach Leutschenbach sei mit Spezialisierung und Einschränkung  verbunden. Deshalb, so Hieringer, würden nur noch jene wechseln, die ein konkretes Ziel verfolgen, «etwa beim Fernsehen oder im Bundeshaus zu arbeiten, oder im Ausland journalistisch tätig zu sein. »

Erich Niederer

Illustration: Stephan Lütolf

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