«Hackathon» für die Zukunft
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«Hackathon» für die Zukunft

Man gebe begabten Programmierern WLAN, zu Essen und einen Tag Zeit: Schon befindet man sich auf einer ­faszinierenden Reise in die Medienwelt der Zukunft. So zu erleben an den Hackdays 2017.

Sie sitzen an runden Tischen, hacken eifrig Codes in die Laptop-Tastaturen. Einige haben Stöpsel in den Ohren, andere stecken die Köpfe zusammen. Im Hintergrund läuft ruhige Musik. An einer Wand ist der Livestream zum Parallelevent in Genf projiziert, auf kleineren Bildschirmen laufen TV-Sender. Man fühlt sich wie in einer grossen Multimedia-Werkstatt. Die Atmosphäre wirkt konzentriert, aber entspannt. Tag eins der Hackdays, 14 Uhr im SRF-Studio 2 in Zürich Leutschenbach. Noch 24 Stunden bis zum grossen Finale.

«Am Vormittag haben uns die Teilnehmenden schon eine Stunde vor dem offiziellen Beginn die Bude eingerannt», sagt Sara Moser, Mitorganisatorin aus der Generaldirektion, schmunzelnd. Gekommen sind Programmierer, Entwickler, Konzepter und Designer aus der ganzen Schweiz, aus Berlin, Hamburg, Prag oder Rotterdam.

Innovation in die Schweiz bringen

Seit 2014 veranstaltet die SRG, mittlerweile mit Swisscom als Partner, diesen «Hackathon» (aus «Hacken» und «Marathon»). Das Format stammt aus der IT-Branche. Dominik Born, Fachexperte Innovation bei SRF Online, hat den Event damals lanciert: «Es geht darum, Innovation in die SRG zu bringen und den Puls der Szene zu spüren.» Die «Hacker» haben etwas mehr als einen Tag Zeit, um einen Prototypen zu programmieren, dieses Jahr zum Thema «Mediennutzung der Zukunft». Die 150 Teilnehmer – mehrheitlich Männer – stammen von IT-Firmen oder aus dem Umfeld von SRG und Swisscom.

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Die SRG öffnet ihre Datenbanken

Die Hackdays 2017 sind ein Meilenstein. Entsprechend der Unternehmensstrategie öffnet die SRG den Zugang zu umfangreichen Audio-, Bewegtbild- und Textdaten. Das neue SRG-API ­(Application Programming Interface) bietet eine Schnittstelle zu diversen SRG-Datenbanken, darunter das Archiv mit Informationen zu allen Wahlen und Abstimmungen in der Schweiz seit 1905 – eine einzigartige Quellensammlung. Verfügbar sind zudem die SRF-Videothek, Teletext-Daten, Verkehrsdaten von Viasuisse, das CMS von srf.ch sowie die Musikplattform mx3.ch. Weitere Datenbanken werden hinzukommen. SRF-Innovationsexperte Dominik vergleicht die neue Schnittstelle mit einem «Telefonbuch, in dem man Daten abholen kann». Diese sind in ­maschinenlesbarer Form verfügbar – «für alle, die ­gewisse Programmierkenntnisse haben». Für die Hacker ist die SRG-API die Eingangstür zu einer fast grenzenlosen Spielwiese. Das Team von IBM etwa findet hier Material für seine Idee eines automatisierten Tools, das «zusätzliche Einsichten in ein Video ermöglicht». Mit Hilfe von Gesichts- oder Texterkennung könnten so Metadaten aus einer Website oder einem Live-Stream angezeigt werden, sagt Jakob von IBM Deutschland. IBM ist zum ersten Mal dabei. «Hier komme ich mit interessanten Leuten ins Gespräch», sagt Jakob. IBM nutzt die Gelegenheit, die eigenen «Broadcast»-Datenbanken vorzustellen.


Die neue Schnittstelle zu den SRG-Datenbanken
Entsprechend der Unternehmensstrategie öffnet die SRG den Zugang zu umfangreichen Audio-, Bewegtbild- und Textdaten. Das neue SRG-API ­(Application Programming Interface) bietet eine Schnittstelle zu diversen SRG-Datenbanken, darunter das Archiv mit Informationen zu allen Wahlen und Abstimmungen in der Schweiz seit 1905 – eine einzigartige Quellensammlung. Verfügbar sind zudem die SRF-Videothek, Teletext-Daten, Verkehrsdaten von Viasuisse, das CMS von srf.ch sowie die Musikplattform mx3.ch. Weitere Datenbanken werden hinzukommen.

An diesem Event geht es auch ums Networking und darum, Aufträge zu akquirieren. Wer ein interessantes Projekt entwickelt, hat die Chance, bei der SRG ein Beratungsmandat zu ergattern oder später das fertige Produkt zu verkaufen. Die Urheberrechte an den Arbeitsresultaten gehören den Teilnehmern.

«Es fägt!»

Im Team von Swiss Txt arbeiten Deutschschweizer mit Romands und Tessinern Hand in Hand. Sie möchten ein interaktives Quiz für HbbTV bauen, bei dem die Zuschauer ortsunabhängig gegeneinander spielen können. Die Fragen erscheinen auf dem TV-Screen, beantwortet werden sie via Smartphone. «Die Idee haben wir selbst entwickelt», erzählt Pascal von Swiss Txt. «Die ganze Schweiz soll das Quiz spielen und daran Freude haben.» Die Hackdays seien eine schöne Abwechslung vom Berufsalltag. Warum er mitmache? «Weil es fägt!»

Die meisten Hacker nehmen – unterstützt vom Arbeitgeber – freiwillig teil und haben ihr Projekt aus eigenem Antrieb entwickelt. So auch das Swisscom-Team, bei dem sich alles um eine Alexa dreht. Man hört Sätze wie: «Alexa, sag Nachrichten», «Alexa, spiel Beitrag drei». Adressiert wird das Audiogerät Amazon Echo. Dieses will das Swisscom-Team mit dem TV-Programm verknüpfen. Bereits kann Echo Nachrichtenbeiträge aufzählen und einen gewünschten Beitrag abspielen. In Zukunft könnte es die Fernsteuerung komplett ersetzen.

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«Geneva, can you hear me?»

Ingmar von Swisscom TV schätzt, dass «wir uns an den Hackdays voll auf eine einzige Aufgabe konzentrieren können», was im normalen Berufsalltag nicht möglich sei. Zudem treffe er hier viele fähige Entwickler. Noch «gehorcht» Alexa aber nicht wie gewünscht. Es bleibt einiges zu tun. Am zweiten Tag kurz vor 14 Uhr liegt Spannung in der Luft. Das Organisationsteam weibelt herum. Teilnehmer geben ihrer Präsentation den letzten Schliff. Manche Gesichter wirken übernächtigt. Doch die Stimmung ist nach wie vor gut. Dann der Moment, vor dem Dominik am meisten zitterte. Funktioniert der Livestream zwischen RTS- und SRF-Studio? «Geneva, can you hear me?» Der Kollege in Genf winkt. Dominik atmet auf.

Zwischen Genf und Zürich wechselnd, präsentieren die Teams nun ihre Projekte, auf Englisch. Eher spielerische Anwendungen stehen neben sehr technischen. Manche Präsentationen sind fast perfekt, bei anderen läuft die Technik nicht wunschgemäss. Einige Hacker haben ihr Ziel erreicht, andere hatten zu wenig Zeit.

«Ohs» und «Ahs»

Für «Ohs» und «Ahs» sorgt das Virtual-Reality-Projekt zweier SRF-Entwickler. Zum Thema Swissness haben sie einen Raum programmiert, der einem Chalet ähnelt. Mithilfe einer VR-Brille bewegt sich darin ein Mann, beschallt von Ländlermusik, und spielt mit einem Würfel. Die verantwortlichen Tüftler sehen ihr – für Laien beeindruckendes – Projekt als Spielerei, um die Möglichkeiten des virtuellen Raums zu veranschaulichen.

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Eher spielerisch wirkt auch ein Tool, das Nachrichten automatisch in Emojis übersetzt: etwa, dass Roger Federer die Australian Open gewonnen hat. Komplexere Botschaften sind schwieriger auszudrücken. Fast fertig scheint eine Anwendung, die «Lobbywatch»-Daten nutzt: Bei Beiträgen über Politiker auf SRF Online werden deren Interessenbindungen ein­ge­blendet. Nicht nur für Rechercheure ein nützliches Tool.

Mehrere Projekte arbeiten mit Geodaten, zum Beispiel, indem das SRF-Archiv nach Material über einen bestimmten Ort durchforstet wird. Auch Audiogeräte, heissen sie nun Alexa oder anders, kommen mehrmals zum Einsatz. «Samantha» aus dem Film «Her» lässt grüssen.

«Tvtter» gewinnt

Was wäre so ein Event ohne Sieger? Zu den Klängen von «Final Countdown» dürfen die Teilnehmer abstimmen. Das Swiss-Txt-Team und sein TV-Quiz landet ex aequo mit dem Emoji-Tool auf Rang zwei. «Wir haben die ganze Nacht durchgearbeitet», sagt Pascal von Swiss TxT. Dass sie in die Kränze gekommen sind, sei richtig cool. «Nächstes Jahr wollen wir den ersten Platz», meint er augenzwinkernd.

Diesen belegt ein junges Team des Unternehmens NGTI aus Rotterdam. Sie haben die App «Tvtter» ­programmiert, eine Art Twitter fürs Fernsehen. TV-Konsumenten können sich in einem Chatroom austauschen, Sendungen «liken» oder «disliken» und «voten». Danylo von NGTI sagt, er habe schon ähnliche Apps programmiert, «doch so cool wie diese war keine». Den Event fand er nicht zu stressig und sehr gut organisiert. Mit einem breiten Lächeln sagt er: «Gewinnen ist immer schön.»

Zufrieden ist auch Eliane Noverraz, Fachspezialistin Strategie und Innovation in der SRG-Generaldirektion, die Hauptverantwortliche für die Organisation der Hackdays. Sie habe sehr positive Feedbacks erhalten, und die Zusammenarbeit mit den Kollegen von RTS aus Genf sei befruchtend gewesen und habe bestens funktioniert. «Wir haben 31 sehr spannende Projekte gesehen. Nun ist es wichtig, diese an die richtigen Stellen in der SRG zu bringen.» Die Ideen sollen weiter vertieft und bei Eignung konkret umgesetzt werden. «Das Interesse des Managements an den Resultaten ist spürbar.» Ein gezeichnet, aber glücklich wirkender Dominik bilanziert: «Es ist erstaunlich, was alles entsteht, wenn motivierte Programmierer 24 Stunden intensiv an einer Idee arbeiten dürfen.»


Das Video der «Hackdays 2017» und die diesjährig eingereichten Projekte


Text: Daniel Bütler

Bild: tpc/Pascal Hächler, SRG.D/Pernille Budtz, SRF/Oscar Alessio

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