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Fernsehen SRF, Sendung «Marco Rima – Made in Hellwitzia» beanstandet

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Mit Ihrer E-Mail vom 17. April 2017 beanstandeten Sie die Sendung „Made in Hellwitzia“ mit dem Comedian Marco Rima, die am 15. April 2017, also am Ostersamstag, ausgestrahlt wurde.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

„Der Inhalt der Sendung von Herrn Rima war unter der Gürtellinie für viele Hörer. Rima hat mit seiner Provokation sichtbar echte religiöse Gefühle verletzt. Sein Spotten über Papst Franziskus und vor allem über die katholischen Priester (z.B. Spruch: Was ist der Unterschied zwischen ref. Pfarrherren und kath. Geistlichen? – Die Windeln der ref. Pfarrer hangen in ihren eigenen Gärten, diejenigen der kath. Geistlichen überall in der Stadt).

Als Plattform ist die SRF verantwortlich für den Inhalt einer solchen Sendung gemäss Ihrem Regelwerk. Ich habe bei der ‚Mediarelations‘ von der SRF und Herrn Rima eine öffentliche Entschuldigung verlangt und zwar bis spätestens 21. April 2017, andernfalls ich Klage einreichen werde.

Zusätzlich habe ich auch die Anschriften der verantwortlichen Direktoren resp. Generaldirektoren verlangt.

Ich wäre Ihnen für eine Stellungsnahme dankbar.“

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Frau Andrea Weber, Redaktionsleiterin Comedy, schrieb:

„Gerne nehme ich zu der Beanstandung von Herrn X Stellung.

Bei der Sendung «Made in Hellwitzia» von Marco Rima handelt es sich um eine Comedy-Sendung. Inhalte dieses Programmes sind verschiedenste Themen, welche Marco Rima überzeichnet, satirisch und von daher nicht ganz ernst gemeint darstellt-, eben: Comedy.

Marco Rima macht sich unter anderem auch über Exponenten der Kirche lustig. Er erzählt in seiner ihm eigenen komödiantischen Art seine ganz persönlichen und kindlichen Erinnerungen in Verbindung mit seinen Erlebnissen in der Kirche. Marco Rima möchte unterhalten. Dass er dabei mit seinen Themen auch zum Denken anregen kann, ist dem Umstand zu verdanken, dass er seine Inhalte witzig verpackt und damit Leute erreicht, die sich sonst kaum damit auseinandersetzen würden. Es ist und war nie seine Absicht, mit diesem Programm religiöse Gefühle zu verletzen.

Die Satire und Komik übertreibt, ironisiert, karikiert Personen und Situationen und führt oft ins Absurde. Satire und Komik muss gemäss publizistischen Leitlinien von Schweizer Radio und Fernsehen als solche erkennbar sein. Das scheint uns in diesem Fall gegeben. Zudem ist Marco Rima schweizweit als Komiker bekannt. Natürlich ist Humor bekanntlich auch Geschmackssache: Was den einen amüsiert, ist dem anderen ein Dorn im Auge, nicht alle Menschen lachen über die gleichen Dinge.

Wir sind uns bewusst, dass die Religion – auch in der Satire und Komik – einen heiklen Bereich darstellt. Schon immer aber beschäftigten sich Komiker, Kabarettisten und Satiriker auch mit kirchlichen Institutionen und ihren Vertretern.

Die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) sagt dazu, dass satirische und komödiantische Sendungen sich auch über Religion lustig machen dürfen, solange zentrale Glaubensinhalte nicht erheblich berührt werden. Wir sind der Meinung, dass diese Normen in dem vorliegenden Fall eingehalten wurden.

Sollte sich Herr X wegen den besagten Äusserungen in seinen religiösen Gefühlen verletzt fühlen, so bedauern wir das. Es war nicht unsere Absicht.“

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Marco Rima bedient sich in seinem Programm „Made in Hellwitzia“ der Satire. Die Satire ist eine Möglichkeit der Gesellschaftskritik. Wer zur Satire greift, bringt die Menschen zum Lachen, aber auf bissige, überspitzende, angriffige Weise. Satire ist Kunst, und Kunst kann auch die Fantasie walten lassen. Das heißt: Nicht alles, was ein Satiriker oder Komödiant erzählt, entspricht 1:1 der Faktenlage und ist genau so passiert. Ein Satiriker kann auch eine Parabel oder ein Gleichnis erzählen; er kann fiktionale Ereignisse in seine Geschichten einbauen. Entscheidend ist, dass das, was der Satiriker verspottet, auf einem wahren Kern beruht. Da Satire Kunst ist, gilt für sie die Kunstfreiheit. Das bedeutet, dass die Satire weniger strengen Regeln unterliegt als beispielsweise der Nachrichtenjournalismus. Die journalistisch vermittelten Nachrichten müssen wahr und belegbar sein. Sie müssen auf nennbaren Quellen beruhen. Die Satire hingegen hat einen viel größeren Spielraum. Sie kann die Wahrheit, die sie vermitteln will, auch in ein Märchen kleiden.

Wo liegen die Grenzen der Satire? Sie liegen dort, wo Grundrechte tangiert sind: Wenn das Diskriminierungsverbot, die Glaubens- und Gewissensfreiheit oder die Wahl- und Abstimmungsfreiheit verletzt werden, muss auch die Satire zurückstecken. Dabei gilt: Das Verhalten der Menschen ist immer kritisierbar, auch satirisch. Angeborene oder ererbte Eigenschaften der Menschen (wie: Hautfarbe, Zugehörigkeit zu einer Ethnie, Nationalität oder Glaubensgemeinschaft, Kleinwüchsigkeit, Dickleibigkeit usw.) sind aber als Ziele satirischen Spotts sehr heikel.

Geht es um die Religion, so wird hauptsächlich unterschieden zwischen den zentralen Glaubensinhalten einerseits, die vor dem satirischen Zugriff geschützt sind, und den Repräsentanten der Religionen und Glaubensgemeinschaften und ihrem Verhalten anderseits, die auf die Schippe genommen werden dürfen. Wobei sofort angefügt werden muss, dass nicht ein- für allemal feststeht, was alles zu den zentralen Glaubensinhalten beispielsweise von Katholiken, Evangelischen, Reformierten, Juden, Sunniten, Schiiten, Buddhisten, Hindus usw. gehört. Auch das unterliegt dem gesellschaftlichen Wandel, ist kontextabhängig und muss daher in jedem Einzelfall neu betrachtet werden.

Marco Rima befasst sich in seiner Show praktisch ausschließlich mit kirchlichen Repräsentanten und ihrem Verhalten. Er redet vom Papst, von katholischen und reformierten Pfarrern, von einem Kardinal und von Pfarrer Stocker aus seiner Kindheit. Dort, wo er von Moses und Abraham spricht, verspottet er die Jugendlichen, die nicht mehr wissen, wer das war. Dort, wo Jesus ins Spiel kommt, bezieht sich Marco Rima auf den Vormarsch des Islam, denn der wieder auf die Erde gekommene Christus rief den Papst von Mekka aus an. Die Priester werden kritisiert, weil sie das Zölibat unterlaufen, indem sie entweder heimlich in homosexuellen Beziehungen leben oder heimlich Kinder zeugen. Dass dies ein bekanntes Phänomen ist, bestreitet wohl niemand, und entweder müsste mit dem Zölibat aufgeräumt werden oder mit der Verlogenheit. Marco Rima übt diese Kritik mit Witz und der dazugehörigen Mimik aus, und er beachtet die Spielräume und Grenzen der Satire. Ich kann nicht erkennen, dass die Sendung unter der Gürtellinie war. Darum kann ich Ihre Beanstandung nicht unterstützen.

Diese Feststellung mache ich im Rahmen des Beanstandungsverfahrens vor der Ombudsstelle. Mir ist nicht bekannt, ob Sie Ihre Drohung wahrgemacht und Klage gegen SRF eingereicht haben. Ein solches Verfahren wäre von diesem hier unabhängig. Aus rundfunkrechtlicher und medienethischer Sicht gibt es jedenfalls keinen Grund, dass SRF und Marco Rima sich für die Sendung entschuldigen.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.


[1] https://www.dropbox.com/s/dej6keqb70s0m62/marco_rima_hellwitzia_2.mp4?dl=0

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