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Fernsehen SRF, Sendung «Einstein» zum Thema «Alternativen zu Tierversuchen» beanstandet

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Mit Ihrer E-Mail vom 27. August 2017 beanstandeten Sie die Sendung „Einstein“ (Fernsehen SRF) vom 24. August 2017 zum Thema „Alternativen zu Tierversuchen“.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

„Der Einleitungssatz lautet wie folgt:

Sprecher SRF: <Mäuse in witzigen Käfigen, Affen denen ein Chip ins Gehirn gepflanzt wird, Bilder von Tierversuchen die Regelmässig für Entrüstung sorgen, auch in der Schweiz werden solche Experimente durchgeführt, in diesem Jahr an über 600’000 Tieren.>

Frau im Interview: <Diese Tiere sind mehr oder weniger Verbrauchsmaterial, eben die werden am Schluss getötet.>

Dazu dramatische Bilder wie Tiere in Tierversuchen unter zumindest für den nicht Vertrauten Menschen, unwürdigen Bedingungen gehalten werden. Diese Einleitung gibt einen falsche Realität wieder, wie im Beitrag aus 10vor10 vom 11.08.2016 zu sehen ist.

Es wird nicht darauf eingegangen, was alles in den 600’000 Tieren enthalten ist welche Eingangs erwähnt werden. Aus der Einleitung kann der Zuschauer dazu verleitet werden, zu glauben dass sämtliche dieser 600’000 Tiere in zu kleinen Käfigen sitzen und ihr Lang leiden müssen.

Wie in dem 10vor10 Beitrag aber zu sehen ist, zählen dazu auch Beispielsweise Kaulquappen bei denen ein Abstrich gemacht wird und welche nach fünf Minuten wieder im Teich landen. Gemäss Aussage des zuständigen Bundesamtes sind 75% der Tiere einer geringen oder keiner Belastung ausgesetzt. Einer schweren Belastung, wie sie im Einspieler zu sehen sind, sind 2% der Tiere ausgesetzt (14’035 in 2015). Zudem wird auch nicht darauf eingegangen, dass sich die Zahl der Tierversuche seit 1983 mehr als halbiert hat.

Dies ist eine falsche Darstellung von Tatsachen und kann den wenig Kritischen Zuschauer zu Fehlschlüssen verleiten.“

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Herr Thorsten Stecher, Redaktionsleiter der Sendung „Einstein“, schrieb:

„Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass wir uns mit der Sendung ‚Alternativen zu Tierversuchen‘ ganz bewusst für ein Thema entschieden haben, das sehr emotional diskutiert wird. Die Streitlust rund um das Thema zeigt seine gesellschaftliche Relevanz. Wir haben das Minenfeld sehenden Auges betreten. Umso mehr war es uns ein Anliegen, eben keine Antwort auf die Frage ‚Tierversuche - ja oder nein?‘ zu geben. Wir wollten weder dem einen noch dem anderen Lager dienen. Ziel der Sendung war es vielmehr, zu zeigen, dass Wissenschaft und Forschung mittlerweile an vielversprechenden alternativen Testmethoden arbeiten, von denen sowohl die Tiere als auch der Mensch profitieren können.

Herr X beanstandet den Einstieg in unsere Sendung, in dem wir das Thema ausstellen und vorbereiten. Das – von uns so genannte - ‘Intro‘ dient als Aufriss zur Sendung und sollte in diesem Fall die unterschiedlichen Positionen in Sachen Tierversuche aufzeigen. In den Sätzen, die der Beanstander moniert, ging es um die Haltung der Versuchsgegner. Bilder und Text sollten die harschen Proteste gegen die Versuche für den Zuschauer transparent und nachvollziehbar machen. Im zweiten Teil des Intros haben wir den Argumenten der Versuchsbefürworter den entsprechenden Raum gegeben.

Herr X fürchtet, dass unsere ersten Sätze den Zuschauer zu dem Fehlschluss verleitet könnten, bei allen in der Schweiz durchgeführten Tierversuchen würde es zu einer Belastung der Tiere kommen, die vergleichbar sei mit dem Leid, das die gezeigten Mäuse und Affe erfahren. Dies sei nicht der Fall. Herr X beruft sich auf einen Beitrag der Sendung 10v10, in welchem festgehalten wird, dass nicht alle Tiere im selben Masse leiden, wenn an ihnen Versuche durchgeführt werden. Sein Vorwurf an EINSTEIN: die Sendung hätte hier zu wenig differenziert.

Als verantwortlicher Redaktionsleiter der Sendung kann ich Herrn Xs Argumentation nachvollziehen. Denn tatsächlich zeigen wir Bilder von winzigen Käfigen und Affen mit einem Chip im Kopf und sagen kurz darauf, dass ‚SOLCHE‘ Experimente auch in der Schweiz durchgeführt werden – in diesem Jahr an über 600'000 Tieren. Bezieht der Zuschauer unsere Worte nur auf die anfänglichen Bilder (was durchaus geschehen kann), so kann tatsächlich ein falscher Eindruck entstehen. Denn nicht alle hierzulande durchgeführten Tierversuche betreffen die gezeigten Mäuse oder Affen. Hier haben wir einen Fehler gemacht, für den ich mich in aller Form entschuldige. Korrekt wäre es gewesen, wir hätten auf das Wort ‚SOLCHE‘ verzichtet und getextet: <Auch in der Schweiz werden Experimente durchgeführt. In diesem Jahr an über 600'000 Tieren.>

Andererseits bin ich der Überzeugung, dass es sich bei der Beurteilung von uns Menschen, wie sehr gewisse Tiere an gewissen Versuchen leiden, um keine exakte Wissenschaft handelt. Es heisst im bereits erwähnten Beitrag von 10v10 ja dann auch, dass die im Beitrag gezeigte Kaulquappen-Forschung den Tieren Angst mache und sie deshalb vom zuständigen Bundesamt als Tierversuch taxiert werde. Das heisst: Ich muss davon ausgehen, dass alle Tierversuche den Tieren Leid zufügen, weil man sie sonst nicht als solche bezeichnen würde. Ich jedenfalls möchte nicht beurteilen müssen, welches Tier mehr Angst oder Schmerzen empfindet: eine Maus in einem winzigen Käfig oder eine Kaulquappe, bei der die Forscher einen Abstrich vornehmen.

Zum zweiten Vorwurf von Herrn X, wir seien in der Sendung nicht auf die Tatsache eingegangen, dass sich die Tierversuche in der Schweiz seit 1983 halbiert hätten, nehme ich wie folgt Stellung: Wir haben die Entwicklung der Anzahl Tierversuche in der Schweiz in einer Grafik (Minute 11.55) dargestellt, die die Jahre von 1996 bis 2016 umspannt. Dies sind die letzten 20 Jahre – ein sehr langer Zeitraum, in dem sich kaum etwas verändert hat. Der Kommentar zu der Statistik lautet: <In den letzten Jahren ist die Zahl der Tierversuche stabil geblieben.> Dies ist korrekt und sachgerecht. Wir unterliegen keiner Chronisten-Pflicht, die die gesamte Geschichte der Tierversuche darstellen muss. Sonst hätten wir auch darauf hinweisen müssen, dass mit der Erfindung der modernen Medizin in der frühen Neuzeit die Zahl der Tierversuche in der Schweiz sprunghaft zugenommen habe.“

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Ich kann Ihre Verärgerung nachvollziehen: In der Einleitung zur Sendung, im sogenannten „Intro“, war das Wort „solche“ zu viel. Herr Stecher hat sich für den Fehler entschuldigt. Wenn Sie aber bei dieser Stelle nicht abgeschaltet oder weitergezappt haben, dann haben Sie ja sicherlich bemerkt, dass es gerade das Thema der Sendung war, Alternativen zu Tierversuchen aufzuzeigen, also der Frage nachzugehen, ob es Methoden gibt, zu gleichen Ergebnissen in der Entwicklung von Medikamenten und Konsumprodukten zu gelangen, ohne dass Tiere in Versuchen leiden müssen. Die Forschung ist fantasievoll und reichhaltig. Der Redaktion „Einstein“ gilt für diese Sendung ein Kränzchen gewunden. Der Fehler, den Sie mit Recht bemerkt haben, ist ein Fehler in einem Nebenpunkt, der nicht den Charakter hat, die freie Meinungsbildung des Publikums zu beeinträchtigen. Ich danke Ihnen zwar für Ihren Hinweis, kann aber Ihrer Beanstandung per saldo nicht beipflichten.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.


[1] https://www.srf.ch/sendungen/einstein/alternativen-zu-tierversuchen

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