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Einspieler «Tennisplatz» von «Verstehen Sie Spass? - Schweizer Special»

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Mit Ihrer E-Mail vom 9. Dezember 2017 haben Sie die am gleichen Tag ausgestrahlte Sendung von Schweizer Fernsehen SRF «Verstehen Sie Spass? – Schweizer Special»[1] beanstandet. Die Sendung ist eine Co-Produktion von SWR und SRF. Ihre Eingabe erfüllt die formalen Voraussetzungen an eine Beanstandung. Somit kann ich auf sie eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

Heute Abend wird auf SRF TV die Sendung Verstehen Sie Spass ausgestrahlt. Soeben wurde eine Situation gezeigt, bei der Marco Rima verkleidet auf den Tennisplatz ging und sich dort verschiedene Spässe erlaubte, die mit versteckter Kamera gefilmt wurden.

Die Szenen waren witzig und wir haben alle gelacht. Allerdings habe ich bei einer bestimmten Szene aufgehört zu lachen: Der Sprecher sagt kurz vor dieser Szene, Marco Rima mache den anwesenden Tennisspieler nach und der Tennisspieler mache Marco Rima nach. Daraufhin wurde der Tennisspieler gezeigt, wie er scheinbar Marco Rima auf dem Platz nach macht. Der Tennisspieler verzog dabei das Gesicht, legte den Kopf schief und machte komische Laute, um den vermeintlichen Störenfried auf dem Tennisplatz nachzuahmen. Es war auf den ersten Blick ersichtlich, dass diese vermeintliche Imitation keine Imitation von Marco Rima war, sondern das Nachäffen von geistig behinderten Menschen, die manchmal aufgrund ihrer Behinderung solche Gesichtsausdrücke und Laute hervorbringen. Schauen Sie sich die Szene an, Sie werden sofort verstehen, was ich meine. Ich war sehr, sehr schockiert.

Nicht so sehr über den Tennisspieler, der sicherlich kein guter Schauspieler ist, bei der vermeintlichen Imitation ganz deutlich daneben gelegen hat und der weder wusste, dass er gefilmt wird, noch, dass sein Verhalten später einem Millionenpublikum vorgeführt werden würde. Schockiert hat mich das Verhalten des zuständigen Produzenten der Sendung, der die Möglichkeit gehabt hätte, diese entwürdigende, blossstellende Nachäffung geistig behinderter Menschen aus dem Film herauszuschneiden. Stattdessen hat er sich dafür entschieden, sie als besonderen Lacher noch auffällig in die Situation einzubauen. Ich bin der Ansicht, dass durch diese Szene die Menschenwürde geistig behinderter Menschen aufs Gröbste missachtet wurde, indem sie auf eindeutige und zur Schau stellende Art blossgestellt und gedemütigt wurden, um dabei Lacher zu erzielen. Klar ging es in der gefilmten Situation überhaupt nicht um geistig behinderte Menschen und vielen wird der Zusammenhang gar nicht so deutlich erschienen sein wie mir. Trotzdem gleicht die Mimik und Gestik des Tennisspielers in jener Szene klar der Art mancher geistig behinderter Menschen. Er benimmt sich im Prinzip wie Schulkinder auf dem Pausenplatz, die geistig behinderte Personen nachäffen. Auf keinen Fall hätte das Fernsehen diese Szene zeigen dürfen.

B. Ihre Beanstandung wurde der zuständigen Redaktion zur Stellungnahme vorgelegt. Herr Rolf Tschäppät, Executive Producer International Productions, vom Schweizer Fernsehen SRF schrieb:

Gerne nehme ich zu der Beanstandung von Frau X Stellung.

Bei der Sendung «Verstehen Sie Spass?» handelt es sich um eine Koproduktion von ARD, ORF und SRF. Im «Schweizer Special» vom 9.12.2017 waren neben Sängerin Francine Jordi auch die beiden Schweizer Comedians Stéphanie Berger und Marco Rima als sogenannte Lockvögel mit dabei. In Einspielern mit der versteckten Kamera mimte Marco Rima einen Tennisspieler, der durch sein absurdes Verhalten die Nerven anderer Tennisspielerinnen und -spieler in der Halle auf die Probe stellte.

Tatsächlich wurden diese Inhalte mit der ‘versteckten Kamera’ gefilmt und dann für die Sendung zu Einspielfilmen zusammengeschnitten. In der von Frau X kritisieren Sequenz nervt sich ein ‘Opfer’ der ‘versteckten Kamera’ tatsächlich so, dass er sich nicht nur verbal beschwert, sondern das Verhalten des vermeintlichen Nebenspielers Marco Rima auch physisch nachahmt. Dieses Verhalten nun als Nachäffen von geistig behinderten Menschen zu interpretieren, scheint mir eine rein subjektive Perspektive zu sein, die ich nur schwer nachvollziehen kann. Vielmehr ist die Szene als spontane Reaktion ohne böse Absicht – ausser sich über den nervigen Mitspieler lustig zu machen – zu sehen.

Auch ist es nicht so, dass die involvierte Person, also ‘das Opfer’, unwissend zurückgelassen wurde und die Sequenz vom Produzenten als besonderen Lacher noch auffällig in die Situation eingebaut wurde. Am Schluss des Films wird im Gegenteil die ganze Szene aufgelöst: Marco Rima gibt sich zu erkennen und deklariert das Geschehen als Inszenierung der Sendung «Verstehen Sie Spass?».

Selbstverständlich werden alle ‘Opfer’ der versteckten Kamera vollständig aufgeklärt und bewilligen die Ausstrahlung im Rahmen der Eurovisionssendung. Auch diese Einwilligung im vorliegenden Fall unterstreicht, dass sich niemand eines Fehlverhaltens bewusst gewesen wäre.

Ich kann Ihnen versichern, dass weder Macher noch ‘Opfer’ damit gerechnet haben, dass ihr Tun als Nachäffen von geistig behinderten Menschen interpretiert werden könnte. Dass Frau X aber genau diesen Eindruck hatte, bedaure ich sehr – es war nie und nimmer unsere Absicht.

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der kurzen Szene. Marco Rima veräppelt in einer Tennishalle durch sein Verhalten mehrere Tennisspielerinnen und -spieler bei deren Matches. Er wärmt sich mittels spezieller Übungen auf, legt sich mit den anderen Tennisspielern verbal an, spielt zur mentalen Stärkung mit einem Plastikrohr Didgeridoo und lenkt die Anwesenden Sportlerinnen und Sportler durch sein ungewöhnliches Verhalten ab. Die veräppelten Tennisspieler stören sich zunehmend an diesem komischen Kauz, der sämtliche Anstandsregeln, die in einer Tennishalle gelten, missachtet. Als Marco Rima dann beginnt, den Spieler auf dem Nebenplatz simultan und ohne Tennisball nachzuahmen, platzt dem Mann langsam der Kragen. Der sichtlich entnervte Tennisspieler ahmt Marco Rima seinerseits nach.

Ich habe mir die von Ihnen beanstandete Szene, die knapp drei Sekunden dauert, mehrmals angeschaut. Ob der entnervte Mann bei seiner Reaktion auf Marco Rima einen geistig behinderten Menschen nachahmt, kann ich weder bestätigen noch ausschliessen. Der Tennisspieler reagiert ganz spontan. Ob er in diesen Sekunden die Absicht gehabt hat, sich über geistig behinderte Menschen lustig zu machen, ist nicht zu eruieren. Die Szene hat aber deutlich gemacht, dass der Tennisspieler, angesichts Marco Rimas Nachäffen, mittlerweile ziemlich entnervt war. Es ist und bleibt wohl Interpretationssache, ob der Mann einen geistig behinderten Menschen nachgeahmt hat.

Wie Herr Rolf Tschäppät schreibt, werden die ‘Opfer’, bei «Verstehen Sie Spass?» immer aufgeklärt – so auch im vorliegenden Fall. Es wird jeder Gag aufgelöst, kein ‘Opfer’ wird im Ungewissen zurückgelassen, dass es absichtlich aufs Korn genommen wurde. Ebenso holen die Verantwortlichen das Einverständnis für die Ausstrahlung ein. Man kann den Verantwortlichen diesbezüglich also keinerlei Vorwürfe machen.

Aus dem Gesagten ergibt sich, dass ich Ihre Beanstandung – auch wenn ich dafür ein Stück weit Verständnis habe – nicht unterstützen kann.

Abschliessend gebe ich den Verantwortlichen zu bedenken, bei Gags mit der versteckten Kamera besonders kritisch hinzuschauen, wenn (auch nur ganz kurze) Szenen entstehen, bei denen Menschen nachgeäfft werden.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

Manfred Pfiffner
Stellvertretender Ombudsmann

[1] https://www.srf.ch/sendungen/unterhaltungssendungen/verstehen-sie-spass-schweizer-special-3

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