SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

Sendung «HE!MATLAND. Vier zum Volk» beanstandet

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Mit Ihrer E-Mail vom 1. Februar 2018 beanstandeten Sie den Programmhinweis für die Sendung «HE!MATLAND. Vier zum Volk» vom gleichen Tag.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

«Soeben lese ich den Programmhinweis zur Sendung SRF HE!MATLAND - Vier zum Volk (Episode 4), die heute Abend ausgestrahlt wird. Es ist kaum zu fassen, dass SRF beim Programm HandsOn (das ich aus meiner beruflichen Arbeit kenne) von einem Programm mit Wirtschaftsflüchtlingen spricht.

Der / die RedaktorIn kennt sich wohl kaum mit dem Asylgesetz aus. Es stimmt, dass im Programm vorläufig aufgenommene Personen arbeiten, aber dies hat absolut nichts damit zu tun, dass die Personen Wirtschaftsflüchtlinge sind.

In den meisten Fällen erhalten Menschen eine vorläufige Aufnahme, weil sie nicht zielgerichtet verfolgt werden, eine Wegweisung aber unzumutbar oder unzulässig ist (z.B. wegen Gefährdung durch Bürgerkrieg; aktuell bei vielen Syrern der Fall). Hier von Wirtschaftsflüchtlingen zu sprechen, ist vermessen. Wirtschaftsflüchtlinge erhalten in der Schweiz keine vorläufige Aufnahme, ausser es spricht auch bei ihnen etwas gegen eine Wegweisung. Diese Gruppe macht aber einen kleinen Anteil der vorläufig Aufgenommenen aus.

Den F-Status also mit Wirtschaftsflüchtlingen gleich zu setzen, ist total unprofessionell und stigmatisiert die vorläufig aufgenommenen Personen in der Schweiz noch mehr.

Des weiteren finde ich es erstaunlich, dass im Artikel zwei Mal von Asylanten geschrieben wird. Ich sehe keinen Grund, weshalb SRF nicht den neutralen, weitaus geläufigeren Begriff Asylsuchende verwenden kann.

Ich bin enttäuscht über eine solch irreführende, unsorgfältige und stigmatisierende Wortwahl, die niemandem dient. Gerne erwarte ich Ihre Antwort.»

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für die Abteilung «Unterhaltung» äußerte sich Herr Matthias Hämmerly:

«Besten Dank für Ihr Schreiben vom Donnerstag, 8. Februar 2018 zur Beanstandung von X bezüglich des Programmhinweises zur Sendung SRF HE!MATLAND - Vier zum Volk (Episode 4) vom 1. Februar 2018.

1. Konzept von ‹Vier zum Volk›

SRF HE!MATLAND - Vier zum Volk. Das Sozialexperiment mit nationalen PolitikerInnen geht 2018 in die zweite Staffel.Vier Nationalräte der Bundesratsparteien wagen ein Experiment. Sie müssen drei Tage bei ihren politischen Gegnern arbeiten. Ihre Gesinnung steht dabei auf dem Prüfstand. In der vierten Folge arbeitet die SVP Nationalrätin Nadia Pieren mit sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen. Für die Politikerin eine Reise in fremde Welten mit neuen Erkenntnissen.[2]

Frau X schreibt zum Programmhinweis: <Ich bin enttäuscht über eine solch irreführende, unsorgfältige und stigmatisierende Wortwahl, die niemandem dient.> Dabei bezieht sie sich auf die Ausdrücke «Wirtschaftsflüchtling» und «Asylant».

‹Wirtschaftsflüchtling›

Frau X schreibt: <Es ist kaum zu fassen, dass SRF beim Programm HandsOn (das ich aus meiner beruflichen Arbeit kenne) von einem Programm mit Wirtschaftsflüchtlingen spricht>

<Der / die RedaktorIn kennt sich wohl kaum mit dem Asylgesetz aus. Es stimmt, dass im Programm vorläufig aufgenommene Personen arbeiten, aber dies hat absolut nichts damit zu tun, dass die Personen Wirtschaftsflüchtlinge sind.>

<Den F-Status also mit Wirtschaftsflüchtlingen gleich zu setzen, ist total unprofessionell und stigmatisiert die vorläufig aufgenommenen Personen in der Schweiz noch mehr.>

Gerne nehme ich hierzu Stellung:

In der Programmvorschau steht nicht, dass HandsOn grundsätzlich ein Programm mit Wirtschaftsflüchtlingen ist. Wir schreiben lediglich, dass Frau Pieren dort auf Wirtschaftsflüchtlinge trifft.

Zitat Programmvorschau: <Für die vierte und letzte Folge ‘SRF HE!MATLAND – Vier zum Volk’ arbeitet die Bernerin drei Tage lang in einem Arbeitsprojekt mit Wirtschaftsflüchtlingen und stellt sich deren Schicksal.>

Im Programmhinweis wurde der Ausdruck ‘Wirtschaftsflüchtling’ bewusst gewählt um den Sprachgebrauch der betroffenen Partei, der SVP zu verwenden.

Das Staatssekretariat für Migration SEM hält im Mailverkehr mit der Redaktorin zum Begriff ‘Wirtschaftsflüchtlinge’ folgendes fest: <Alle Menschen als ‘Wirtschaftsflüchtlinge’ abzutun, die nicht direkt an Leib und Leben bedroht sind scheint mir also bestenfalls fragwürdig. Aber natürlich kann ich nicht ignorieren, dass sich dieser pejorative Term im alltäglichen Sprachgebrauch etabliert hat.>

Im Arbeitsprojekt HandsOn arbeiten auch Flüchtlinge, welche von der SVP als <Wirtschaftsflüchtlinge> bezeichnet werden. Die Heilsarmee hat dies der Redaktorin mündlich bestätigt. In der Sendung selbst definierten wir von Anfang an, was unter dem Begriff <Wirtschaftsflüchtling> gemeint ist.

OFF Text:

00:58 O-Ton Nadja Pieren: <Grüessech mittenand..>

00:59 D’SVP Politikerin Nadja Pieren geit zu dene, wo me hützutags eifach Wirtschaftsflüchtling nennt: Asylsuechendi, wo nume vorläufig ufgno si i dr Schwiz.

01:12 O-Ton Nadja Pieren: <lerne ich jetzt afghanisch kochen..>

01:14 Es git kritischi Frage und Antworte:

01:16 O-Ton: <Was sagt SVP über die Flüchtlinge?>

01:19 Quote Nadja Pieren: «Mir hei ou nid unbegränzti finanzielli Müglechkeite, dass mer ganz Afrika chöi ufnäh und aune häufe.»

01:26 Politiker und ihri Gsinnig ufem Prüefschtand. Das isch SRF Heimatland, vier zum Volk.

01:31 Liebefeld bei Bern. D’SVP-Nationalrätin Nadja Pieren uf em Wäg i ihri politischi Gägewält:

01:42 Quote Nadja Pieren: <e Flüchtling, wo nid a Leib und Leben bedroht ist, auso e Wirtschaftsflüchtling,het gemäss üsem Asylgsetzt ke Anrecht hier i dr Schwiz z’blibe. .>

01:51 Ob sogenannte Wirtschaftsflüchtling nur wänd i dr Schwiz cho profitiere? D’Politikerin sölls usefinde.

01:57 Quote Nadja Pieren: <Ja, ig ha k Ahnig, was mi erwartet, i weiss eifach, dass i drü Täg mit emne Wirtschaftsflüchtling wirde verbringe und i bi sehr gspannt, das wärde sicher bericherndi, interessanti Täg u i las mau uf mi la zue cho.>

02:12 Das isch «Hands On». Es Arbeitsprojekt vor Heilsarmee Flüchtlingshilf, wo 26 Flüchtling Arbeit git. Sie bedrucke und nähen Täsche, nähme Velo usenand, wo Ersatzteil liefere für anderi Velo, und sie hei Schuel und wärde usbildet.

Die Sendung wurde von beiden betroffenen Parteien (Verantwortliche Heilsarmee / HandsOn und Nadja Pieren) vor der Ausstrahlung abgenommen und als inhaltlich korrekt beurteilt.

‹Asylant›

Frau X schreibt:

<Des weiteren finde ich es erstaunlich, dass im Artikel zwei Mal von Asylanten geschrieben wird. Ich sehe keinen Grund, weshalb SRF nicht den neutralen, weitaus geläufigeren Begriff Asylsuchende verwenden kann.>

Hierzu meine Stellungnahme:

Auch hier wollten wir bewusst die Ausdrucksweise der SVP übernehmen. Zum Begriff ‹Asylant› schreibt die Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA):

< Der intensive Gebrauch des Wortes durch populäre Rechtsparteien wie die SVP hat Asylant bei vielen Menschen gesellschaftsfähig gemacht, indem sie den fremdenfeindlichen Unterton entweder überhören oder übernehmen. >[3]

In der Sendung selber kommt das Wort ‘Asylant’ nie vor.

2. Fazit:

Es wäre sicher sensibler gewesen, die heiklen Ausdrücke mit Anführungs- und Schlusszeichen zu versehen. Somit wären die Ausdrücke klar als Zitat für die Ausdrucksweise der SVP und somit auch deren Vertreterin Frau Pieren erkennbar gewesen.

Wir hoffen Ihnen mit diesen Ausführungen gedient zu haben und stehen für weitere Rückmeldungen zur Verfügung.»

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Man muss unterscheiden zwischen dem filmischen Beitrag und der textlichen Vorschau. Der Fernsehbeitrag ist anrührend, sympathisch, und da stimmen auch die Begriffe. Sowohl der Asylbewerber Salman Sharifi aus Afghanistan als auch die Berner SVP-Nationalrätin Nadja Pieren kommen sehr gewinnend herüber. Die Online-Vorschau hingegen beginnt mit einer korrekten Einleitung, in der der Begriff «Wirtschaftsflüchtling» der Sicht der SVP zugeordnet wird, fährt dann aber fort:

<Für die vierte und letzte Folge ‹SRF HE!MATLAND – Vier zum Volk› arbeitet die Bernerin drei Tage lang in einem Arbeitsprojekt mit Wirtschaftsflüchtlingen und stellt sich deren Schicksal.> Und das ist falsch. Das ist nicht sachgerecht, da wird dem Publikum etwas vorgemacht, was so nicht stimmt. Auch die zweimalige Verwendung des Begriffs «Asylant» ist nicht adäquat. Ich kann daher Ihrer Beanstandung beipflichten.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.


[1] https://www.srf.ch/sendungen/heimatland/vier-zum-volk-4-4-nadja-pieren-bei-den-fluechtlingen

[2] https://www.srf.ch/sendungen/heimatland/vier-zum-volk-4-4-nadja-pieren-bei-den-fluechtlingen

[3] https://gra.ch/bildung/gra-glossar/begriffe/belastete-begriffe/asylant/

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