SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

Sendung «Kontext» «Von Terroristen und dunklen Mächten» beanstandet

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Mit Ihrer E-Mail vom 6. April 2018 beanstandeten Sie die Sendung «Kontext» (Radio SRF 2 Kultur) vom gleichen Tag mit dem Thema «Von Terroristen und dunklen Mächten».[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

«Heute, 06.04.2018, nach 18 Uhr, habe ich mir auf DRS 2 die Sendung Kontext ‹Von Terroristen und dunklen Mächten› zugemutet - und mit zunehmender Dauer festgestellt, dass kaum ein Register zur Verunglimpfung von Andersdenkenden ausgelassen worden ist. Da war die raunende Gutsherrenart von Prof. M. Butter, der die Arbeiten von D. Ganser mit einer elitären Überheblichkeit pauschal und undifferenziert, unwissenschaftlich und unseriös, einfach beiseite wischen wollte und damit genau das vollzog, was er seinem (weltanschaulichen) ‹Gegner› vorwarf: Verschwörungstheorie ohne Praxisbezug. Im Stil eines Märchenonkels verniedlichte er relevante Fragestellungen von D. Ganser im Zusammenhang mit 9/11 - <das Feuer griff von zwei Türmen auf einen dritten über und dann fiel auch dieses Stahl- / Betongebäude in sich zusammen ..> oder <weil die Journalistin von der BBC etwas Stress hatte, brachte sie ihre Meldung vom Zusammenbruch von WTC 7 etwas zu früh>, ist doch nicht so schlimm ... Hand aufs Herz: Wieviel hat Amerikanistik mit Baustatik zu tun? Ok, und trotzdem wurden ‹branchenfremde Doktorentitel› lächerlich gemacht.

Es ging in dieser Sendung nicht in erster Linie um eine Wahrheitsfindung, sondern vor allem um einen regelrechten Glaubenskrieg. Vor 170 Jahren drehte sich der Streit in der Schweiz noch um katholisch oder reformiert, heute geht es statt um den lieben Gott und die Bibelauslegung um die Deutungshoheit und das vorherrschende Narrativ der Weltbeschreibung ... Was hat das mit der SRG zu tun? Sehr viel, und das sollte uns allen seit der No-Billag-Abstimmung noch klarer geworden sein.

Was sollte in der besagten Sendung das geradezu alchimistische Vermengen von ‹Anthroposophie›, expliziten ‹Vorwürfen an all die ignoranten/ungebildeten Teile der Gesellschaft› zusammen mit ‹Verschwörungstheorien› im Sinne von ‹Selig sind die geistig Armen, denn sie wissen nicht was sie tun›? Diese Respektlosigkeit gegenüber Andersdenkenden (ohne relativierendes Wenn und Aber) ist es, das die (meine) Menschenwürde karikiert und das Vielfaltsgebot missachtet und so letztendlich den gesellschaftlichen Zusammenhang in unserem Land infrage stellt. Hier werden die Retter der Reinen Wahrheit (Macher von ‹Kontext›) in ihrer Gegenposition zu den ‹Verschwörungstheoretikern› zu den wirklichen Zerstörern unserer gewachsenen demokratischen Kultur.

Dass dies nicht allein meine persönliche Wahrnehmung ist, beweisen zunehmende Nutzerzahlen von komplementärer Presse (analog zu Komplementärmedizin) und evidenzbasierte, akademisch relevante Befunde z. B. von Swiss Propaganda Research. Und wie war das doch gleich mit ‹sapere aude›, gilt dies in der Gesellschaft 2.0 nicht mehr?

Ich beschwere mich hiermit zuhanden der SRG Ombudsstelle explizit über den offensichtlich fehlenden Respekt gegenüber meiner Individualität als frei denkender Bürger und über den Versuch, mich als gegenüber Komplementären Informationen offene Person pauschal zu pathologisieren.

Multikulti beginnt mit uns allen und unseren Nachbarn - nicht erst bei andersfarbigen bzw. aus irgendeinem äusseren Grund bedrängten - und: ‹Wahrheit ist den Menschen zuzumuten›, Ingeborg Bachmann. Das erwarte ich insbesondere in einem ‹kulturell etwas anspruchsvolleren Minderheitenprogramm›, wie DRS 2 eines zu sein beansprucht.»

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für Radio SRF 2 Kultur antwortete die Programmleiterin, Frau Barbara Gysi:

«1. Der Beanstandende rügt die rubrizierte Sendung in allgemeinen, teilweise pauschalen Worten, ohne jeweils differenziert auf einzelne Passagen oder Stellen einzugehen. Dennoch soll hier versucht werden, die Anliegen des Beanstanders möglichst präzise zu beantworten, dies immer mit Verweis auf die jeweiligen Abschnitte in der Sendung.

2. Der Beanstandende kritisiert zunächst, die Sendung habe Andersdenkende verunglimpft:

<Heute, 06.04.2018, nach 18 Uhr, habe ich mir auf DRS 2 die Sendung Kontext ‹Von Terroristen und dunklen Mächten› zugemutet - und mit zunehmender Dauer festgestellt, dass kaum ein Register zur Verunglimpfung von Andersdenkenden ausgelassen worden ist. Da war die raunende Gutsherrenart von Prof. M. Butter, der die Arbeiten von D. Ganser mit einer elitären Überheblichkeit pauschal und undifferenziert, unwissenschaftlich und unseriös, einfach beiseite wischen wollte und damit genau das vollzog, was er seinem (weltanschaulichen) ‹Gegner› vorwarf: Verschwörungstheorie ohne Praxisbezug.>

Verunglimpfung findet dann statt, wenn eine Person beleidigt, beschimpft, in ihrer Ehre herabgesetzt oder sonstwie abgewertet wird. Aus der Sicht der Redaktion, aber auch bei neutraler Betrachtung kann davon in der ganzen Sendung keine Rede sein. Nicht nur haben die Autoren die vier Protagonisten der Veranstaltung, die im Zentrum des Berichts standen, ausführlich und sachlich dargestellt, sie haben auch die Person, die im Augenblick in der Schweiz im Zentrum der Kritik steht, Daniele Ganser, ausführlich zu Wort kommen lassen. Dass anschliessend Michael Butter als Experte und Buchautor zum Thema seine Sicht der Dinge darlegen konnte, gehört zum Wesen des Experteninterviews; er hat sich darin denn auch differenziert und keineswegs ‹pauschal› mit den Thesen und Arbeitsweisen von Daniele Ganser auseinandergesetzt. Nicht, um ihn ‹beiseite zu wischen›, sondern um an seinem Beispiel (und an anderen) zu zeigen, was auch schon im Gespräch mit Daniele Ganser angesprochen wurde: dass an einem bestimmten Punkt kritische Forschung in Verschwörungstheorie übergehen kann.

3. Der Beanstandende rügt im Weiteren, der Experte Michael Butter habe die Stimmen zu WTC7 ins Lächerliche gezogen:

<Im Stil eines Märchenonkels verniedlichte er relevante Fragestellungen von D. Ganser im Zusammenhang mit 9/11 – ‹das Feuer griff von zwei Türmen auf einen dritten über und dann fiel auch dieses Stahl- / Betongebäude in sich zusammen ..› oder ‹weil die Journalistin von der BBC etwas Stress hatte, brachte sie ihre Meldung vom Zusammenbruch von WTC 7 etwas zu früh›, ist doch nicht so schlimm ... Hand aufs Herz: Wieviel hat Amerikanistik mit Baustatik zu tun? Ok, und trotzdem wurden ‹branchenfremde Doktorentitel› lächerlich gemacht.

Im Expertengespräch mit Michael Butter ging es nicht nur um WTC7, aber am Beispiel dieses Vorgangs lässt sich gut zeigen, wo diese Grenzzone zwischen kritischer Wissenschaft und Verschwörungstheorie anzusiedeln ist. Namentlich bei der Frage der Baustatik hat ja, wie wir wissen, Daniele Ganser keine schlüssige Antwort und kann auch nicht sagen, warum WTC7 eingestürzt ist. Aufgezeigt wurde aber seitens Michael Butter, dass das insistierende Fragen zu diesem Ereignis und insbesondere die stete Suggestion, es könne etwas nicht stimmen mit diesem Zusammenbruch, bei den Zuhörerinnen und Zuhörern den Eindruck hinterlässt, WTC7 könnte möglicherweise von den Geheimdiensten präpariert und weggesprengt worden sein; eine Vermutung, die durch Analogieschlüsse und Zirkelschlüsse jeweils aufgepeppt und emotionalisiert wird.

In der Sendung hat sich Michael Butter nicht in den zitierten Worten geäussert, sondern zeigt ganz konkret auf, wie Verschwörungstheoretiker – und insbesondere auch Daniele Ganser – andere Stimmen (in casu: Baustatiker) mit anderen Meinungen als die eigenen bewusst ausgelassen hat; und auch im Falle der Frühmeldung des Einsturzes von WTC7 ist es nicht so, dass Michael Butter sich in den zitierten Worten geäussert hat. Vielmehr hat er darauf hingewiesen, dass es zur Arbeit eines seriösen Historikers gehörte, auch andere Möglichkeiten, wieso dieser Einsturz zu früh gemeldet wurde, auszuloten – zumal das Gebäude schon wegen Einsturzgefahr bereits geräumt worden war.

4. Der Beanstandende erhebt zudem den Vorwurf, es sei in der Sendung nicht um Wahrheitsfindung gegangen.

<Es ging in dieser Sendung nicht in erster Linie um eine Wahrheitsfindung, sondern vor allem um einen regelrechten Glaubenskrieg. Vor 170 Jahren drehte sich der Streit in der Schweiz noch um katholisch oder reformiert, heute geht es statt um den lieben Gott und die Bibelauslegung um die Deutungshoheit und das vorherrschende Narrativ der Weltbeschreibung ... Was hat das mit der SRG zu tun? Sehr viel, und das sollte uns allen seit der No-Billag-Abstimmung noch klarer geworden sein.>

In der Tat ging es in dieser Sendung nicht, wie aus Pressetext, Anmoderation, Zwischenmoderation ohne weiteres ersichtlich, darum, zu den inkriminierten Fällen wie WTC7 ‹Wahrheitsfindung› zu betreiben. Es ging einzig darum, die Mechanismen der Verschwörungstheorien am Beispiel der besagten Veranstaltung in Basel aufzuzeigen; insofern stand auch nicht die ‹Weltbeschreibung› im Zentrum, sondern das epistemologische Problem, was denn als ‹wahr› zu gelten hat und was nicht.

5. Im Weiteren wird beanstandet, es sei in der Sendung ‹Verschwörungstheorie› in unzulässiger Weise mit ‹Anthroposophie› vermengt worden.

<Was sollte in der besagten Sendung das geradezu alchimistische Vermengen von ‹Anthroposophie›, expliziten ‹Vorwürfen an all die ignoranten/ungebildeten Teile der Gesellschaft› zusammen mit ‹Verschwörungstheorien› im Sinne von ‹Selig sind die geistig Armen, denn sie wissen nicht was sie tun›? Diese Respektlosigkeit gegenüber Andersdenkenden (ohne relativierendes Wenn und Aber) ist es, das die (meine) Menschenwürde karikiert und das Vielfaltsgebot missachtet und so letztendlich den gesellschaftlichen Zusammenhang in unserem Land infrage stellt. Hier werden die Retter der Reinen Wahrheit (Macher von ‹Kontext›) in ihrer Gegenposition zu den ‹Verschwörungstheoretikern› zu den wirklichen Zerstörern unserer gewachsenen demokratischen Kultur. Dass dies nicht allein meine persönliche Wahrnehmung ist, beweisen zunehmende Nutzerzahlen von Komplementärer Presse (analog zu Komplementärmedizin) und evidenzbasierte, akademisch relevante Befunde z. B. von Swiss Propaganda Research. Und wie war das doch gleich mit ‹sapere aude›, gilt dies in der Gesellschaft 2.0 nicht mehr?

Auch hier ist zu sagen, dass die zitierten Stellen in der Sendung so nicht vorkommen. Die Thematisierung der Anthroposophie im inkriminierten Beitrag ergab sich aus der Sache selbst. Die Veranstaltung im Scala wurde von der Paracelsus-Gesellschaft organisiert, und alle vier Referenten haben einen anthroposophischen Hintergrund und eine anthroposophische Erziehung. So wurde denn im Gespräch mit dem Religionsexperten Georg Schmid der Zusammenhang zwischen esoterischen Glaubensrichtungen allgemein und der Anthroposophie im Besonderen differenziert und ohne die unterstellten Pauschalisierungen behandelt. Insbesondere hat Georg Schmid ausdrücklich darauf hingewiesen, dass keineswegs alle AnthroposophInnen für Verschwörungstheorien empfänglich sind; und es kam auch keine Bemerkung zur «geistigen Armut», wie in der Beanstandung unterstellt.

Was die Frage des Vielfaltsgebots angeht:

Es kann aus dem Programmauftrag von SRF2Kultur nicht die Forderung abgeleitet werden, dass letztlich alle Teile der Gesellschaft, darin eingeschlossen auch die verschiedenen Ansichten, Gesinnungen, Überzeugungen, in gleichem Masse und gleichgewichtig in einer Sendung vorkommen sollen. Ansonsten wäre eine kritische Berichterstattung gerade über problematische Entwicklungen in Gesellschaft, Wissenschaft und Politik nicht mehr möglich – weil jeder und jede die Forderung erheben könnte, als ‹gleichberechtigt› seine oder ihre Meinung äussern zu dürfen. Dies ist und kann nicht immer der Fall sein.

Der Hinweis auf die Komplementärmedien, insbesondere auf die Website ‹Swiss Propaganda Research› verweist auf den Befund in der Sendung selbst: dass ‹alternative Wahrheiten› an Boden gewinnen.

6. Zum Schluss wird auch der Vorwurf der ‹Pathologisierung› erhoben:

<Ich beschwere mich hiermit zuhanden der SRG Ombudsstelle explizit über den offensichtlich fehlenden Respekt gegenüber meiner Individualität als frei denkender Bürger und über den Versuch, mich als gegenüber Komplementären Informationen offene Person pauschal zu pathologisieren.>

Der Beanstandende gibt nicht an, an welcher Stelle in der Sendung ‹frei denkende Bürger› in irgendeiner Weise ‹pathologisiert› werden. Der Vorwurf greift aber schon deshalb nicht, weil in der ganzen Sendung an keiner Stelle ein Konnex zwischen Verschwörungstheorie und einer medizinischen Diagnose oder einem medizinischen Befund hergestellt wurde.

Hingegen wurde in klarer Abgrenzung zur Berichterstattung im Sinne eines abschliessenden Kommentars darauf hingewiesen, dass es für eine Demokratie zum Problem werden kann, wenn mehr und mehr Bürgerinnen und Bürger der Auffassung zuneigen, es gebe dunkle Parallelwelten, die letztlich über das Schicksal von Nationen befinden, weil damit jeglichen Gestaltungsmöglichkeiten die Grundlage entzogen wird. Angesichts des Umstands, dass einer der portraitierten Personen in der Sendung, Ken Jebsen, auf seinem Kanal KenFM die Meinung vertritt, Politikerinnen und Politiker seien reine ‹Schauspieler›, und die Demokratie sei letztlich eine Farce, ist diese geäusserte Befürchtung durchaus begründet.

Vor diesem Hintergrund beantragen wir, die Beanstandung abzuweisen.»

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Anlass der Sendung war eine gutbesuchte Veranstaltung in Basel im ehemaligen Kino Scala, organisiert von der anthroposophischen Gesellschaft Paracelsus-Zweig. An dieser Veranstaltung traten unter dem Titel «Terror, Lüge und Wahrheit» vier Redner auf, nämlich

  • Der 77jährige jüdische Musiker Elias Davidsson, Isländer, Kritiker des Zionismus und der USA und Verfechter der Theorie, dass alle islamistischen Terroranschläge von den jeweiligen Regierungen in Frankreich, Deutschland usw. organisiert waren.[2]
  • Der 68jährige Schriftsteller und Verleger Thomas Meyer, Schweizer, Anthroposoph und ein Verfechter der Theorie, dass rund um Terror viel gelogen wird. Sein Basler Vortrag ist auf Youtube nachhörbar.[3]
  • Der 52jährige Rundfunkmoderator Ken Jebsen, Deutscher, der das Online-Portal KenFM betreibt und dort antisemitische, antiisraelische und antidemokratische Thesen vertritt.[4]
  • Der 46jährige Historiker Daniele Ganser, Schweizer, der sich als Friedensforscher mit verdeckten Armeen, illegalen Kriegen und Putschen westlicher Länder sowie mit Theorien rund um Terroranschläge wie 9/11 oder «Charlie Hebdo» beschäftigt.[5]

Die Veranstaltung in Basel war allgemein zugänglich, es war nur nicht erlaubt, Tonaufzeichnungen vorzunehmen. Was lag da näher, dass auch Journalisten von Radio SRF hingingen?

Aus der Veranstaltung resultierte der folgende journalistische Ertrag:

1. Ein objektiver und differenzierter Veranstaltungsbericht.

2. Ein Interview mit Daniele Ganser , der darlegte, dass 9/11 nicht zu seinem zentralen Forschungsfeld gehöre, auch Russland und China nicht, sondern die westlichen Länder, und dass er sich seit langem mit Umstürzen und Umsturzversuchen wie jenen von 1953 in Iran, von 1961 in Kuba, von 1973 in Chile und mit illegalen Kriegen und Geheimarmeen des Westens befasse.

3. Ein Interview mit dem Tübinger Amerikanistikprofessor Michael Butter[6], der sich eingehend mit Verschwörungstheorien auseinandergesetzt und darüber auch das Buch ‹«Nichts ist, wie es scheint». Über Verschwörungstheorien› [7]geschrieben hat. Er ist eine der besten Adressen, wenn es darum geht, analytisch und differenziert über Verschwörungstheorien nachzudenken.

4. Ein Interview mit dem Religionswissenschaftler und evangelisch-reformierten Theologen Georg Schmid über die Berührungspunkte von Anthroposophie und Verschwörungstheorien.

Wenn Sie es nüchtern betrachten, dann sehen Sie, dass die Redaktion sehr logisch vorgegangen ist: Es gab eine Veranstaltung, an der die Anthroposophen vier Referenten, die Verschwörungstheorien vertreten oder Verschwörungen vermuten, eine Bühne gaben. Also musste man den Anlass zusammenfassen, die Referierenden zu Wort kommen lassen (in der Person von Daniele Ganser) und zwei Experten die zwei relevanten Fragen beleuchten lassen, die sich stellten, nämlich: Warum haben Verschwörungstheorien Auftrieb und Zulauf? Und was haben die Anthroposophen damit zu tun? Und all das wird sehr professionell abgehandelt.

Wenn Sie der Sendung die ‹Verunglimpfung von Andersdenkenden› und die ‹Respektlosigkeit gegenüber Andersdenkenden› unterstellen, dann hat das wohl mehr mit einem eingeengten Blick von Ihnen als mit den Sendeverantwortlichen zu tun. Denn eigentlich möchten Sie Denkverbote aussprechen! Das, was die Redaktion hier tat, war nichts anderes, als über das Phänomen der grassierenden Verschwörungstheorien laut nachzudenken, und genau das ist die Aufgabe von Medien. Sie aber möchten, dass man gar nicht darüber spricht.

Nichts gegen die Nutzung komplementärer Medien! Nichts gegen die stärkere Berücksichtigung alternativer Sichtweisen! Nur müsste man auch da kritisch sein und die Fakten prüfen. Und wenn eine Forschungsstelle wie «Swiss Propaganda Research»[8], die wohl irgendwo in Deutschland domiziliert ist, weder ihre Methoden vollends offenlegt noch aus der Anonymität hervortritt, dann ist Misstrauen am Platz. Und erst recht misstrauisch wird man, wenn deren «Medien-Navigator» nur ausflaggt, welche Medien nato-nah oder nato-kritisch sind, nicht aber, welche russland-nah oder russland-kritisch sind. Wenn man zu Recht den Amerikanern misstraut und nicht alles, was sie tun und sagen, für bare Münze nimmt, dann kann man nicht kompensatorisch den Russen blind vertrauen. Und wenn man daran zweifelt, ob bestimmte Erklärungen zutreffen, dann kann man die Kritik an diesen Zweifeln nicht als persönliche Verunglimpfung taxieren. Wichtig ist, dass die offene Debatte stattfindet. Zu dieser Debatte trägt die Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien bei, zu der auch das neue Buch von Roger Schawinski gehört.[9] Zu dieser Debatte hat auch die Sendung von «Kontext» beigetragen, die sachgerecht und fair war (das Vielfaltsgebot ist nicht anwendbar). Weil ich das so sehe, kann ich Ihre Beanstandung in keiner Weise unterstützen.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.


[1] https://www.srf.ch/sendungen/kontext/von-terroristen-und-dunklen-maechten

[2] https://www.psiram.com/de/index.php/Elias_Davidsson ; https://www.youtube.com/watch?v=ICpuRTJlAU4

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Meyer_(Anthroposoph); https://www.youtube.com/watch?v=HHaDGdQGvIM

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Ken_Jebsen ; https://www.youtube.com/watch?v=NTTb_4KWxoM

[5] https://www.danieleganser.ch/biographie.html ; https://de.wikipedia.org/wiki/Daniele_Ganser

[6] http://www.uni-tuebingen.de/fakultaeten/philosophische-fakultaet/fachbereiche/neuphilologie/englisches-seminar/abteilungen/amerikanistik/ba-ma-programs/faculty-staff/prof-dr-michael-butter.html

[7] https://www.suhrkamp.de/buecher/nichts_ist_wie_es_scheint_-michael_butter_7360.html

[8] https://swprs.org/

[9] Schawinski, Roger (2018): Verschwörung! Die fanatische Jagd nach dem Bösen in der Welt. Zürich: NZZ Libro.

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