DOK-Film «Die schweigende Mehrheit» zeigte kein Zerrbild von Grenchen
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DOK-Film «Die schweigende Mehrheit» zeigte kein Zerrbild von Grenchen

Der Dokumentarfilm «Die schweigende Mehrheit – Schweizer Nabelschau in Grenchen» vom 12. April 2018 hat in Grenchen für einige Emotionen gesorgt. Sechs Beanstandungen, darunter eine der Stadt Grenchen, sind dazu bei der Ombudsstelle der SRG.D eingegangen. Der DOK-Film vermittle ein Zerrbild von Grenchen und sei zudem einseitig, nicht sachgerecht und suggestiv, lauten einige der zahlreichen Vorwürfe. Ombudsmann Roger Blum unterstützt die Beanstandungen nur teilweise. Die Mehrheit der Kritikpunkte teilt er nicht.

Die Stadt Grenchen sei im DOK-Film viel zu negativ dargestellt worden, lautet einer der Hauptkritikpunkte der Beanstander. Das Positive sei nicht gezeigt worden. Grenchen sei als Ort der Absteiger, Verlierer und Ausländerhasser vorgeführt worden. Der Film sei kein Porträt der Stadt Grenchen, erklärt Daniel Pünter, Bereichsleiter DOK und Reportage von Fernsehen SRF, in seiner schriftlichen Stellungnahme. Vielmehr thematisiere er die zunehmende Politikverdrossenheit angesichts von Globalisierung und Wandel. Er stelle die Sorgen und Hoffnungen der Bevölkerung am Beispiel von drei Ehepaaren dar. Die Statistik habe die Filmemacher nach Grenchen geführt. Nirgends in der Schweiz sei der Meinungsumschwung vom Ja zu den bilateralen Verträgen zum Ja zur Masseneinwanderungsinitiative grösser gewesen. Ausserdem gelte Grenchen als strukturschwach und die Stimmbeteiligung sei dort viel tiefer als im Schweizer Durchschnitt. Ombudsmann Roger Blum stützt den Entscheid der Redaktion, nach Grenchen zu gehen: «Die solothurnische Stadt bot sich an als Kaleidoskop für die Analyse der ‹schweigenden Mehrheit› und der Globalisierungsängste», meint Blum.

Mit der Auswahl der Protagonisten können sich die Beanstander ebenfalls nicht identifizieren. Man habe einseitig ausgewählte Grenchner Einwohner gezeigt. Gemäss Daniel Pünter repräsentieren die drei porträtierten Ehepaare verschiedene (Bildungs-)Schichten, unterschiedliche Berufsgruppen, Nationalitäten und Meinungen. Sie stünden für den Teil der Gesellschaft, der als «schweigende Mehrheit» umschrieben werde. Nach Auffassung von Roger Blum gehört jedoch nur eines der drei Ehepaare in diese Kategorie. Den Titel des Films «Die schweigende Mehrheit» könne diese Personenauswahl nicht einlösen. Hingegen stünden die Paare für Identitäts- und Zukunftsängste. Es sei eine anschauliche Studie dreier Milieus entstanden, in denen ähnliche Überlegungen und ähnliche Ängste eine Rolle spielten, obwohl sie sich kulturell unterschieden.

«Die Autorin manipuliert nicht, sie interessiert sich für die Wahrheit, auch wenn sie manchmal unangenehm ist.» Daniel Pünter, Bereichsleiter DOK und Reportage, Fernsehen SRF

Eigene Meinungsbildung war möglich

Einer der wohl schwerwiegendsten Vorwürfe, den man einem Journalisten bzw. einer Journalistin machen kann, ist der Vorwurf des «Thesenjournalismus». «Thesenjournalismus» ist einseitiger Journalismus, der nicht der Wahrheit, sondern einer «These» verpflichtet ist. Im konkreten Fall werfen die Beanstander der Filmemacherin vor, sie habe die Stadt Grenchen und deren Einwohner als Globalisierungsverlierer, als Stadt der sterbenden Industrie, des tiefen Bildungsniveaus und der resignierten Wähler darstellen wollen. Dieses vorgefasste Ergebnis habe sie durch eine negative Auswahl von Bildern und Äusserungen bestätigen lassen. Daniel Pünter weist diesen Vorwurf zurück. Der Film «Die schweigende Mehrheit» wolle aufzeigen, wie Leute denken, die sich öffentlich und politisch nicht äussern oder kaum öffentlich zu hören sind. Im Zentrum seien die Ängste und Hoffnungen der Protagonisten gestanden, so Pünter weiter, und: «Die Autorin manipuliert nicht, sie interessiert sich für die Wahrheit, auch wenn sie manchmal unangenehm ist».

Roger Blum unterstützt den Vorwurf des Thesenjournalismus und der Manipulation ebenfalls nicht. Das Publikum habe sich aufgrund der Aussagen der drei Ehepaare und anderer Protagonisten frei eine eigene Meinung bilden können über die Situation von Menschen, welche die demografische und ökonomische Entwicklung nicht positiv erlebten.

Der Ombudsmann kann die Mehrheit der Kritikpunkte nicht unterstützen. Insgesamt gibt er den Beanstandern in 4 von 13 Punkten recht. Bei den vier gutgeheissenen Punkten handelt es sich eher um Details wie die falsche Bezeichnung eines Grenchner Amtsinhabers oder der unkorrekten Aussage, die SP habe in den Lokalwahlen in Grenchen die Mehrheit verloren.

Nach einer Aussprache zwischen Vertretern der Stadt Grenchen, der für den DOK-Film Verantwortlichen und Roger Blum hat sich die DOK-Redaktion vorgenommen, Detailfakten in einem solchen Film künftig noch genauer auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Zudem wolle man früher und breiter über die Absichten eines solchen Films informieren. Der Stadt Grenchen empfiehlt Ombudsmann Roger Blum selber aktiv zu werden, um ein positiveres Bild ihrer Stadt vermitteln zu können.


Zwischenbericht Ombudsstelle 5429-5432, 5450 und 5458

Schlussbericht Ombudsstelle 5429-5432 und 5450

Schlussbericht Ombudsstelle 5458

Zum DOK-Film «Die schweigende Mehrheit» vom 12. April 2018


Text: SRG.D/dl

Bild: Die Beanstander kritisieren, es werde im DOK-Film ein zu negatives Bild von Grenchen gezeigt - wie zum Beispiel die «grauen Wohnsilos» im Lingeriz-Quartier. Bild aus «Die schweigende Mehrheit» vom 12. April 2018, SRF.

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