SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

Sendung «DOK» «Die schweigende Mehrheit. Eine Schweizer Nabelschau» beanstandet I (Zwischenbericht)

5429-5432, 5450 und 5458
Mit Ihren per E-Mail oder Brief zwischen dem 14. und dem 30. April 2018 eingereichten Eingaben beanstandeten Sie die DOK-Sendung «Die schweigende Mehrheit. Eine Schweizer Nabelschau in Grenchen», die Schweizer Fernsehen SRF am 12. April 2018 ausgestrahlt hatte. Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

 

A. Sie begründeten Ihre Beanstandungen wie folgt:

1. Beanstandung 5429:

«Was soll das? Was war das Ziel der Filme-Macherin? Eine Stadt so tendenziös darzustellen und kaputtzumachen!

Die nicht genannte Seite der Stadt: Grenchen, eine Stadt im Mittelland

• Mit Einwohner, die auch das Positive sehen wollen/ können

• Mit Jura und Aare als aussergewöhnlichen Erholungsgebieten

• 1998 ausgezeichnet mit dem Wakker-Preis

• Mit Label ‹Energiestadt›

• Sehr gut erschlossen durch öv (Bahn und Bus), Autobahn, Flugplatz

• Mit modernen Schulhäuser

• Mit Stadtpark

• Mit viel Kunst im öffentlichen Raum

• Mit vielseitigen Sportanlagen wie Gartenbad, Tissot Velo-Drome, LeichtathletikStadion,

Fussball-Stadion, Boccia-Bahhn, Pumptrak-Piste,Tennis-Halle und -Aussenspielfelder, Skilift.»

2. Beanstandung 5430

«Dieser Film ist so schlecht gemacht, dass es sich fast nicht lohnt darüber Druckerschwärze oder Worte zu verlieren. Ich frage mich, was die Autorin in einem Jahr in Grenchen gesehen und erlebt hat? Der beiliegende Artikel vom Bieler Tagblatt vom 14.08.2018 sagt eigentlich alles.[1] Das SRF sollte zur Kenntnis nehmen, dass die Schweiz nicht nur aus Zürich besteht. Es gibt auch sehr schöne Orte von hoher Lebensqualität am Jurasüdfuss. Ich habe mich über den Film sehr geärgert und frage mich wirklich, wie können unsere Gelder so zum Fenster hinausgeworfen werden?»

3. Beanstandung 5431

«Wenn sie die lokalen Zeitungen und online-Medien lesen, stellen sie mit Leichtigkeit fest, dass niemand den Beitrag von Frau Bauer als ausgewogen betrachtet. Das Bild unserer Stadt wurde verzerrt, die Industrie als veraltet und nicht modern dargestellt. Das stimmt einfach nicht.

Wir haben in der gleichen Periode, als Frau Bauer den DOK gedreht hat, das räumliche Leitbild überarbeitet und in einer öffentlichen Veranstaltung verabschiedet. Dieses moderne Bild der Stadt passte offensichtlich nicht ins Drehbuch: da musste eine Industrie des letzten Jahrhunderts gezeigt werden und nicht die modernen Roboterarbeitsplätze der modernen Uhrenindustrie…

Es gibt keine Erwähnung der Integrationsbemühungen in der Stadt: Jugendhaus ‘Lindenhaus’, Midnight sports, die Sportvereine, die moderne Infrastruktur mit Velodrom, Pump track, Tennishalle, Schwimmbad etc werden nicht erwähnt, ebenso wenig wie die Aktivitäten des Gewerbeverbandes oder Grenchen Tourismus……

Bitte überprüfen sie, ob dieser Beitrag für SRF als ausgewogen gelten kann. Falls ja, dann bereue ich meinen Einsatz gegen ‘noBillag’. Falls nein, dann überlegen sie sich eine Wiedergutmachung…»

4. Beanstandung 5432

«Ich gratuliere Ihnen zur Sendung ‹die schweigende Mehrheit›!! Sie haben es geschafft, eine ganze Stadt und die Region zu verärgern. Die Entrüstung ist riesig. Noch nach Tagen gibt es hier unter den Leuten, in der Presse, bei Leserbriefen nur eine Thema: ihr total unobjektiver Film. Zu Ihrer Information füge ich 2 Artikel aus der Schweiz am Wochenende (AZ Medien) und dem Bieler Tagblatt bei.[2] Eigentlich brauche dem nichts mehr beizufügen.

Der Journalist vom Bieler Tagblatt bringt es auf den Punkt: der am Donnerstagabend ausgestrahlte Film über Grenchen ist dermassen einseitig und auch journalistisch schlecht, dass es schlicht grotesk, mehr noch, bösartig ist. Glauben Sie wirklich, dass man Grenchen auf ein paar ‹Laferi› im Schrebergarten und auf bewusst unvorteilhaft gezeigte ältere Gebäude (Plattenbauten in der DDR) reduzieren kann? In Grenchen wurden in den letzten 10 Jahren 12% neue Stellen mit Wertschöpfung geschaffen. 11‘000 Arbeitsplätze bei 17‘800 Einwohner. All dies ist bei K. Bauer unbemerkt geblieben. Die Dame hat alle journalistischen Regeln und Sorgfaltspflichten verletzt. Es ist erstaunlich, dass so etwas von ihren Vorgesetzten durchgewunken wurde, was nicht unbedingt für die SRF spricht. Es sieht so aus, als ob K. Bauer mit einer vorgefassten Meinung nach Grenchen gekommen ist und bewusst einen negativen Film drehen wollte.

Ich erhebe somit Beschwerde gegen dieses polemische Zerrbild über Grenchen.

Eines haben Sie erreicht, sollte irgendwann mal die Initiative ‘200 Franken sind genug’ gestartet werden, so wird sie hier in Grenchen und der Region auf volle Unterstützung fallen.»  

5. Beanstandung 5450

«Ich beanstande hiermit die DOK wegen Verstoss gegen das Sachgerechtigkeitsgebot, indem eine allgemeine Aussage des Films durch einseitige Darstellungen untermauert wird.

In Interviews und mit Kommentaren werden einseitig ausgewählte Grenchner Einwohner, teilweise mit tiefem Bildungsniveau, als politisch uninteressierte, dumpfe, nach rechts driftende, alternde, fremdenfeindliche und technologisch abgehängte Kleingeister und Schrebergärtner dargestellt, die von einem schlagerträllernden Alleinunterhalter beschallt werden, sich mit Bier vollkippen und aus der Angst heraus SVP wählen.

Wer Aussagen im Interview gibt, wird - pars pro toto- in Sinne der gewünschten Aussage des Films instrumentalisiert und durch Fangfragen verheizt. Die Kommentare zwischen den Interviewblöcken und die Frageweise stellen die medienunerfahrenen, einfachen Arbeitnehmer indirekt als Simpel dar, die vom Technologiewandel abgehängt werden. Die hilflosen Aussagen an der Versammlung der örtlichen SP und die erfolglose Kandidatur eines Jungpolitikers unterstreichen die Aussage zusätzlich.

Die ‹kulturellen und ökomomischen Ängste› werden als reaktionäres Kleinbürgertum dargestellt und die Problematik der Verweigerung der Annahme der einheimischen Kultur durch Zuzüger wird unter den Tisch gekehrt. Der Film beschreibt auch die Sprachlosigkeit zwischen den schweizerischen ‹Kleingeistern› und einer Ausländerfamilie, deren Oberhaupt auch nach 28 Aufenthaltsjahren kein Deutsch lernen kann oder will. Dass die eingeforderte Integration ohne Kenntnisse der einheimischen Sprache schwer wird, versteht sich von selbst. Die vermeintliche Diskriminierung bei den Autoversicherungsprämien ist schlicht und einfach der Schadenshäufigkeit und -Summe geschuldet.

Im Weiteren wird gefragt, ob in der Schulspeisung auch das - ungesagt verpönte - Schweinefleisch angeboten wird. Dies veranlasst mich zur Gegenfrage: warum soll in der Schulspeisung auf das Angebot Schweinefleisch verzichtet werden ? Die religiös Eingeengten werden ja nicht dazu gezwungen, auch davon zu essen.

Die Auswahl der Bildeinstellungen einer serbelnden, weil veralteten Uhrenfabrik und die wiederholten Einstellungen von grauen Wohnsilos im Lingeriz, untermalt mit Trauermusik, tun ihr Übriges, um das Negativbild zu verfestigen.

Dass in Grenchen nachweislich neue Arbeitsplätze (11,9 % zwischen 2005 und 2015) entstanden sind, wird totgeschwiegen. Warum werden nicht Arbeitnehmer und Patrons von erfolgreichen Unternehmen (ETA-Swatch, Breitling, Eterna, Sinterwerke, Mecaplex, Bobst, Binder precision parts, Blösch, ABS-Ruefer, Thommen Medical, in Bettlach Mathys und Heinz Hänggi) und von neu angesiedelten Unternehmen (Hüsler-Nest) interviewt? Warum wird die Integrationsinitiative Granges Mélanges, die weiteren kulturellen Angebote und die landschaftlich schönen Naherholungsgebiete wie die Witi mit der Aare und der Grenchenberg totgeschwiegen? Dass Grenchen darüber hinaus einen internationalen Flughafen hat, wird auch grosszügig beiseitegelassen.

Im Gesamteindruck wird Grenchen in tendenziöser Weise in eine Reihe mit den sterbenden Vorstädten in der ehemaligen DDR und den Industriebrachen im Ruhrgebiet gestellt, die zu Prekariatsghettos absteigen und - vermeintlich logische Folge - zunehmend von Fremdenfeinden beherrscht werden.

Hier noch eine persönliche Bemerkung:

Ich unterstütze als Einwohner des Bucheggbergs ausdrücklich den Grenchner Stadtpräsidenten, die Grenchner Politiker und Parteien und weite Teile der Bevölkerung im Protest gegen diese tendenziöse Berichterstattung, die vorgaukelt, eine Dokumentation zu sein, in Wahrheit aber ein raffiniertes Werk der negativen Propaganda ist. Schade - um mit Hubert Bläsi zu sprechen: Durch den Film ist die Skepsis und die kritische Erwartungshaltung gegenüber Anfragen des SRF gestiegen.»

6. Beanstandung 5458

(Voraus gehen vier Punkte zum Formellen, die hier keine Rolle spielen).

Materielles

Sachverhalt

«5. Die Beschwerdegegnerin strahlte am 12. April 2018 um 20.05 Uhr im Rahmen der Reihe ‹DOK› den Film ‹Die schweigende Mehrheit - Nabelschau in Grenchen› aus. Grenchen sollte als Beispiel für die ganze Schweiz für die Stimmabstinenz eines Grossteils der Bevölkerung dienen und deren Ursachen nachgehen. Die Beschwerdegegnerin wählte zu diesem Zweck drei Ehepaare als Protagonisten des Dokumentarfilms aus (stimmabstinente Bürger, politisch interessierte Bürger sowie ein nicht stimmberechtigtes ausländisches Ehepaar).

6. Die Beschwerdeführer fühlen sich in ihrer Darstellung herabgesetzt und beleidigt. Die Sendung wird als tendenziös, ausschliesslich negativ und herabsetzend für die Beschwerdeführer wahrgenommen.[3] Gegen diese Sendung richtet sich die vorliegende Beanstandung.

Begründung

Verletzung des Sachgerechtigkeitsgebots

7. Die betreffende Publikation verstösst in mehrerlei Hinsicht gegen das Sachgerechtigkeitsgebot des Art. 4 Abs. 2 RTVG. Das Sachgerechtigkeitsgebot soll vor Manipulationen durch einseitige Meinungsbeeinflussung und Diskriminierung mittels Programmen in Radio und Fernsehen schützen und damit gewährleisten, dass sich das Publikum eine eigene Meinung über die vermittelten Tatsachen und Ereignisse bilden kann. Der Zuschauer muss erkennen können, dass und inwiefern eine Aussage umstritten ist.[4]

8. Die betreffende Sendung ist einseitig, fast ausschliesslich abwertend in der Darstellung der Stadt Grenchen und der Protagonisten und erlaubt es dem Zuschauer nicht, eine eigene Meinung zu bilden. Die Beschwerdegegnerin hat, wie im Folgenden aufzuzeigen wird, journalistische Sorgfaltspflichten verletzt. Verwiesen wird an dieser Stelle auch auf die Erklärung des schweizerischen Presserats über die Pflichten der Journalistinnen und Journalisten Ziff. 1.1 (Wahrheitssuche), 2 .3 (Trennung von Fakten und Kommentar), Ziff. 7.1 (Schutz der Privatsphäre), Ziff. 7.2 (Identifizierung).

9. Die betreffenden Stellen in der Sendung werden in der Folge mit Minuten und Sekunden (z.B. 13.10) angegeben.

1. Verletzung des Wahrheitsgebots (Art. 4 Abs. 1 RTVG)

1.1 Veröffentlichung falscher Tatsachen

10. Die Programmveranstalter sind grundsätzlich verpflichtet, ‹Fakten objektiv wiederzugeben und bei umstrittenen Sachaussagen so zu informieren, dass der Zuschauer sich darüber selber ein Bild machen kann›. Es soll nichts gesagt oder gezeigt werden, was nicht nach bestem Wissen und Gewissen als wahr erscheint.[5]

11. Die Sendung beinhaltet falsche Informationen. Die als Vertreter der stimmabstinenten Bevölkerung Grenchens (ca. 70%) gewählten Rene und Beatrice von Burg stammen nicht von Grenchen, sondern von der östlichen Nachbargemeinde Bettlach.

12. Ein zweites Ehepaar, das im Umfeld der Familiengärten als ‹Grenchner› erscheinen, sind Einwohner von Lengnau, einer bernischen Nachbargemeinde. Teile des DOK-Films wurden in Lengnau und in Bettlach gedreht. Diese Personen sind weder in das politische noch gesellschaftliche Leben in Grenchen eingebunden. Sie sind auch nicht Teil der stimmabstinenten Grenchner Bevölkerung. Die Authentizität des (,‹Dokumentar›-) Films war bereits durch die falsche Auswahl dieser Personen nicht gegeben. Ein Hinweis im Film fehlt.

13. Renato Müller wurde in der Publikation zwei Mal mit Einblendung fälschlich als ‹Gemeindeverwalter› bezeichnet. Diese Bezeichnung verleitet den Zuschauer zur Annahme, dass es sich um den Verwalter der zum Gegenstand gemachten politischen Einwohnergemeinde Grenchens handle, zutreffend wäre die Bezeichnung ‹Verwalter der Bürgergemeinde› gewesen.

14. Renato Müller wurde als Gemeinderat der Stadt Grenchen bezeichnet. Zum Zeitpunkt der Ausstrahlung der Sendung war Renato Müller nicht mehr Gemeinderat. Diese Information wurde nicht berichtigt.

1.2. Manipulierte Informationen

15. Die Manipulation von Informationen führt dazu, dass die Meinungsbildung des Publikums beeinträchtigt wird. Ein Beitrag, der darauf ausgerichtet ist, dass ein vorgefasstes Bild durch verstreut platzierte Ungenauigkeiten, Falschinformationen und gezielt eingesetzte visuelle und musikalische Gestaltungselemente zu bestätigen, verstösst gegen die Journalistische Sorgfaltspflicht (s. VPB 62.27).

16. Die Autorin des Beitrags, Karin Bauer, verfolgte von Anfang an die vorgefasste Kurzformel (hoher Ausländeranteil, tiefes Bildungsniveau und hohe Sozialquote = viel Ausländerfeindlichkeit, viel SVP und resignierte Stimmbürger).

17. zahlreiche Grenchnerinnen und Grenchner lehnten aufgrund der bereits verzerrenden und tendenziösen Absicht das Angebot der Journalistin der Mitwirkung an dieser Sendung ab (als Beispiel: s. Leserbrief von Barbara Zoss im Grenchner Tagblatt [6]. Der Leserbrief beweist, dass die Journalistin nicht durch eine objektive Recherche zum Endresultat gekommen ist, sondern das vorgefasste Ergebnis durch eine einseitig negative Auswahl von Bildern und Äusserungen bestätigen wollte. Die Sendung war von Anfang an darauf ausgerichtet, die Stadt Grenchen und deren Einwohnerinnen und Einwohner als Globalisierungsverlierer, als Stadt der sterbenden Industrie, des tiefen Bildungsniveaus und der resignierten Wähler darzustellen (s.a. Beschreibung des DOK-Films durch die Beschwerdegegnerin, ,‹Milieustudie, Ruhrpott›).

18. Der Arbeitsplatz von Frau von Burg ist eine Firma in der Uhrenindustrie, die bekanntlich seit Jahren ums Überleben kämpft. Die übrigen Arbeitsflächen erscheinen verwaist. Der grösste Teil der industriellen Betriebe in Grenchen ist gesund, aber werden, weil nicht zum vorgefassten Ergebnis passend, verschwiegen. Die Aussage, dass eine andere Industrie nie Fuss gefasst habe, ist irreführend. Eine seriöse Recherche hätte zur Information geführt, dass die Stadt Grenchen die Arbeitsplätze durch Ansiedlung neuer Betriebe laufend diversifiziert, was verschwiegen wurde.

19. Frau Müller liess man in der Sendung sagen, dass es am Mittagstisch ausser Schweinefleisch nichts anderes zu Essen gebe, man sei ja in der Schweiz und da esse man Schweinefleisch. Die Journalistin blendete die zuvor gemacht Aussage von Frau Müller bewusst aus, dass sich die Eltern vorher melden können, wenn ihr Kind kein Schweinefleisch möchte und diese dann etwas anderes zu essen bekämen. Die Journalistin erweckte damit bewusst den Eindruck, dass man überhaupt keine Rücksicht auf ausländische Kinder nehme, sondern diese mit schweizerischen Gepflogenheiten überfahre. Das ist manipulativ.

20. Das Ehepaar Djokic wird beim Familiengartenfest (28.01) so isoliert dargestellt, als ob diese nicht zur Festgesellschaft gehören würden und damit ausgegrenzt wären. Die Djokovics nahmen jedoch am Fest teil, Herr Djokovic grillierte nicht für sich, sondern für alle Teilnehmer. Der isolierte Eindruck ist irreführend und manipuliert. Die Aussage von Frau Djokovic, dass sie Krebs habe (29.23) gehört schon aus Respekt vor der Privatsphäre nicht gesendet, hat mit dem Thema (Die schweigende Mehrheit) überhaupt nichts zu tun und diente lediglich dazu, einen Mitleidseffekt für die in Grenchen angeblich geschundenen Ausländer zu erzielen.

1.3. Manipulative Bildersprache

21. Im Gegensatz zu anderen Medienprodukten sprechen Radio und Fernsehen durch Ton und Bewegtbild ein Massenpublikum unmittelbar an und besitzen damit eine erhöhte suggestive und emotionalisierende Wirkung.[7]

22. Die von der Beschwerdegegnerin verwendete Bildersprache rückt die Stadt Grenchen in einer langen Sequenz (00.01 - 02.40) von Beginn weg visuell in ein äusserst schlechtes Bild (Fahrt durch Tunnel, hörbare Stimmen bez. Trump und AFD, düstere Grundstimmung, Sozialwohnungen, Bild einer in den 70-er Jahren stillgelegten Fabrik, zwei Aufnahmen von Hochhäusern mit düsterem Wolkenbild, verwitterter und heruntergezogener Rolladen, renovationsbedürftiges Haus, Nebelschwaden vor dem Jura, Rollstuhlfahrerin in der Nacht). Der Kommentar (teils mit O-Ton von Protagonisten) enthält die Schlagwörter Uhrenkrise, Jobverlust, unsichere Strassen in der Nacht, fremdenfeindliche Parolen der SVP, Masseneinwanderung und Asylwesen.

23. Die Sequenz wird unterlegt durch Unbehagen erzeugende Geigenklänge in Moll und seltsam anmutendem Singsang, die die düstere und resignative Stimmung verstärken soll. Der Zuschauer erhielt durch die Aneinanderreihung von negativen Bildern und Schlagwörtern sowie der suggestiven musikalischen Untermalung ein undifferenziertes, schlechtes Bild der Stadt Grenchen. Eine freie Meinungsbildung der Zuschauer über die Stadt Grenchen war damit gar nicht mehr möglich. Das zu Beginn fixierte Bild löst sich während der ganzen Sendung nicht mehr auf, sondern es bestand offensichtlich die Absicht, dieses im weiteren Verlauf sogar noch zu bestätigen, z.B. mit überfüllten Kehrichtcontainern (06.53), Wäsche auf dem Balkon (06.57), dunkle Wolken (13.06), Nebelschwaden (25.17, 33.16). Dieses Zerrbild verletzt das Sachgerechtigkeitsgebot.

24. Mit dem Abspann (50.45) endet der Film mit Bilder Hochhäusern in der Nacht und dem Schlussbild des Swatch-Kreisels mit dem Auszug aus dem Zitat ‹No Democracy, No Liberty ... › ohne Hinweis, wie das Zitat vollständig lautet. Die Stadt Grenchen und deren Einwohner wurden durch Manipulationen von Bild, Ton und Schnitt in ihrem Erscheinungsbild herabgesetzt.

1.4. Manipulativer Schnitt

25. Die Journalistin fokussiert auf negative Begebenheiten und Aussagen. Eine Szene mit Wahlurnen (05.04) musste vier Mal gedreht werden. Die Beschwerdegegnerin verwendete die Sequenz, in der ein Teilnehmer die Urne fallen liess (ungeschickter Umgang mit demokratischen Grundrechten?). Die Konversation der Protagonisten in dieser Szene war von der Journalistin zudem vorgegeben und daher nicht authentisch.

26. Der Bürgergemeindepräsident verstand eine Frage der Journalisten und fragte nach. Die Frage wird dann im Film durch Herrn Müller beantwortet. Gleich verhält es sich, als er korrigiert werden musste (48.48). Dieser steht damit unbeholfen und ratlos da (44.50). Diese beiden für das Thema völlig belanglosen Szenen haben einzig zum Zweck, die als streng bezeichnete Einbürgerungsbehörde und deren Exponenten als inkompetent zu diskreditieren.

1.5. Verletzung von Persönlichkeitsrechten

27. Bei der Diskussion über die Wahlliste der FDP wurden Kandidaten besprochen. Eine Kandidatin (Sandra Sieber) wurde mit Namensnennung als nicht wählbar vor der Öffentlichkeit vorgeführt (lange, für das Thema unnötige Sequenz ‹meine Stimme hat sie Nicht›, 05.28). Die Protagonisten Müller wurden dadurch in eine unangenehme Situation gebracht. Die Szene hätte nur ohne Namensnennung publiziert werden dürfen, allenfalls hätte eine ausdrückliche Erlaubnis durch die Protagonisten eingeholt werden müssen. Sowohl Müllers als auch die Kandidatin wurden in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt.

28. Die Aussage von Frau Müller, dass man den Ausdruck ‹Chnörzli› nicht mehr verstehe (11.21), kann als pars pro toto für den Verlust von Brauchtum verstanden werden. Die Wiederholung dieser Aussage (23.10) hat nicht mehr die Vermittlung dieser Botschaft zum Zweck, sondern lediglich, Frau Müller als kleinkarierte, auf Bagatellen herumreitende Schweizerin der Lächerlichkeit preiszugeben.

29. Passanten werden ohne deren Zustimmung mit deren Wortmeldungen gefilmt (07.09, 07.14, 09.44). Eine Passantin wollte ausdrücklich nicht im Film erscheinen, die Sequenz wurde trotzdem gesendet (Gespräch auf Marktplatz mit Elias Meier).

30. Bei der Bürgergemeindeversammlung werden die Einbürgerungskandidaten mit Namen genannt, eine Kandidatin wird mit Namensnennung aufgefordert, Schulden zu begleichen (47.10). Deren Persönlichkeitsrechte wurden verletzt. 

31. Die Aufnahmen an der Gemeindeversammlung erfolgten ohne Ankündigung durch die Journalistin und auch ohne Genehmigung der Stadt Grenchen. Die Aufnahmen entstanden unbemerkt und die dort abgefilmten Personen gaben keine Einwilligung zur Verwendung der Bilder. Dabei wurden Persönlichkeitsrechte verletzt (‹Recht auf das eigene Bild›).

1.6. Suggestive Befragung durch die Journalistin

32. Die Journalistin beabsichtigt, mit suggestiven Fragen bezüglich SVP und Ausländer unbedachte Äusserungen der Protagonisten über Ausländer zu entlocken (06.17, 07.48). Der suggestive Befragungsstil dient lediglich dazu, das vorgefasste Bild durch Aussagen der medienunerfahrenen Protagonisten bestätigen zu lassen und lässt deren differenzierte politische Äusserung gar nicht zu.

33. Die Journalistin befragte Frau Djokic hartnäckig nach negativen Erfahrungen mit Schweizern (‹Wissen sie noch ein Beispiel?›), bis diese widerwillig und offensichtlich peinlich berührt mitteilte, auch schon den Ausdruck ‹Scheissjugo› gehört zu haben (12.26), ohne dass klar wird, ob der Ausdruck überhaupt ihr galt. Die während des Interviews gemachten Äusserungen von Frau Djokic über positive Erfahrungen mit Schweizern wurden grösstenteils ausgeblendet. Das Ergebnis ist manipulativ.

34. Die Journalistin fragt, ob man als Nein-Sager automatisch SVP-Wähle (16.48). Die überrumpelte Frau von Burg sagt dazu etwas ratlos ‹ja›. Diese Frage ist suggestiv.

35. Die Frage der Journalistin an Frau Müller (22.12 nicht im Schnitt), zielte offensichtlich auf die finanzielle Belastung durch Ausländer ab. Frau Müllers Antwort nach der finanziellen Belastung durch Ausländer stand deshalb alleine im Raum und erweckte den Eindruck, dass sie diesen Gedanken von sich aus geäussert habe. Frau Müller wird damit als ausländerfeindliche Leiterin des Mittagstisches mit vorwiegend ausländischen Kindern gezeigt, die in zusammengeschnittenen Szenen lieblos und die Kinder zurechtweisend dargestellt wird. Diese Darstellung ist manipulativ und persönlichkeitsverletzend. Dasselbe gilt für die Äusserung von Frau Müller über Ängste über die Altersvorsorge (49.50).

36. Die Aussage der Protagonisten, dass man Ausländer ‹hippen› sollte, fiel ebenfalls auf Nachfragen der Journalistin. Die Szene war im gestellten Auftritt und Dialog (‹Was hältst Du von den Wahlen in Amerika?›) gesteuert und vorgegeben, so dass diese unsägliche Äusserung überhaupt fallen konnte. Die Journalistin hielt im Film diese Aussage selbst für sehr ungebührlich, sendete diese jedoch trotzdem. Dieser Aussage hätte, weil äusserst primitiv, gar nicht gesendet werden dürfen oder man hätte dieser eine Widerrede durch eine andere Äusserung entgegensetzen müssen. Das Stehenlassen dieser (provozierten) Aussage ist manipulativ.

1.7. Mangelnde Transparenz

37. Das Publikum soll in der Lage sein, zwischen subjektiven Auffassungen und der Wiedergabe von objektiven Fakten zu unterscheiden.[8]

38. In der besagten Publikation fallen problematische Äusserungen der Protagonisten, die durch die Beschwerdegegnerin nicht verifiziert werden und die unkommentiert stehen gelassen werden. Dadurch werden subjektive Äusserungen vom Zuschauer als objektiv wahr aufgenommen.

39. Frau von Burg äusserte, dass ihre grösste Sorge sei, überfallen zu werden (34.48). Eine Verifizierung durch minimale Recherchetätigkeit der Beschwerdegegnerin oder eine Nachfrage bei anderen Personen hätte ergeben, dass diese Gefahr in Grenchen überhaupt keine reale Grundlage hat. Die Aussage erhält damit den Anschein einer begründeten Tatsache und ist irreführend.

40. Das Ehepaar von Burg sagte aus, dass das Ehepaar Djokic ohne weiteres an den Festen des Familiengartenvereins teilnehmen könnte (08.30). Frau Djokic sagte aus, dass sie und ihr Mann an den Festen des nie eingeladen waren (08.45). Diesen Widerspruch lässt die Journalistin unhinterfragt sehen. Es bleibt die letzte Aussage beim Zuschauer hängen und suggeriert Ausländerfeindlichkeit.

41. Die Aussage der Journalistin ‹Wer Angst hat, abzusteigen, wählt häufig SVP› (23.25) ist unreflektiert, nicht belegt und wiederum ein reines Vorurteil der Journalistin. Dem Zuschauer erscheint diese jedoch als wahre Tatsache.

42. Die Aussage einer Person, in Grenchen habe es 38% ‹reine› Ausländer, ist falsch. Es sind 34%, was im Film nicht korrigiert wird. Der Zuschauer hält diese falsche Aussage deshalb für wahr. Es werden Fakten mit subjektiven Äusserungen vermischt, der Zuschauer kann mangels Transparenz nicht unterscheiden.

Schlussbemerkungen

Die Journalistin bzw. für die Sendung verantwortliche Beschwerdegegnerin verfolgte den Zweck, ihr gefasstes Vorurteil mit Aussagen und Bildern bestätigen zu lassen. Sie verletzte damit den Grundsatz der Unvoreingenommenheit gegenüber dem Sendungsergebnis, wonach auch diejenigen Ergebnisse sorgfältiger Recherche unverändert zu verbreiten sind, welche nicht der subjektiven Meinung entsprechen. Als unvoreingenommen gilt demnach, wer nicht zum vornherein bestimmte Perspektiven und Kriterien ausklammert, sondern seine Recherchen umfassend betreibt.[9]

Die Beschwerdegegnerin suchte nach Protagonisten, die sich in ihrer Naivität und Unerfahrenheit im Umgang mit Medien durch einen suggestiven Befragungsstil zu teilweise befremdlichen Äusserungen drängen liessen. Mit der nötigenden Befragung nach Problemen mit Ausländern bzw. Schweizern schürt die Sendung Ressentiments und will Gräben aufzeigen, wo keine sind. Die nicht ins Vorurteil der Journalistin passenden Sequenzen wurden ausgeblendet. Die Sendung stellt ein Pamphlet dar, gemacht mit billiger Polemik.

Die manipulative und düstere Bildersprache und die Intonierung mit traurigen Klängen soll das falsche Bild unterstützen. Die Sendung ist eine Jagd nach billigen Schlagzeilen, bedient niedere Instinkte, schürt Vorurteile und führt die Stadt Grenchen in beschämender Weise und entgegen allen Fakten als Ort der Absteiger, der Verlierer und der Ausländerhasser vor. Die Sendung verletzt das Gebot des fairen Journalismus und der journalistischen Sorgfaltspflicht in nicht zu überbietender Weise.

Bereits der Titel der Sendung ‹Die schweigende Mehrheit› ist irreführend, weil er diesem Thema überhaupt nicht gerecht wird. Es geht in dieser Sendung fast nur um Ausländerfeindlichkeit. Es entstand dabei lediglich ein manipuliertes und sehr schäbiges Portrait von Grenchen. Die Protagonisten und die Beschwerdeführer sind im grossen Vertrauen, das sie der Beschwerdegegnerin und dem seriösen Sendegefäss ‚DOK‘, entgegengebracht haben, erschüttert.»

 

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandungen zur Stellungnahme. Herr Daniel Pünter, Bereichsleiter DOK und Reportage von Fernsehen SRF, äußerte sich zu allen sechs Beanstandungen ausführlich. Ich gebe hier die Stellungnahme zur Beanstandung 5458 – die letzte der vorstehend aufgeführten – im Wortlaut und danach den Wortlaut jener Stellen, wo die Stellungnahmen zu den anderen Beanstandungen davon abweichen:

«Der Film ‹Die schweigende Mehrheit›, der im Rahmen der Sendung ‹DOK› am 12. April 2018 ausgestrahlt wurde, wird in über zwei Dutzend Punkten kritisiert und kommentiert. Zusammenfassend werfen sie dem Werk vor, dass der Film gegen das Sachgerechtigkeitsverbot verstossen habe und Grenchen tendenziös und negativ darstelle. Ferner sei der Persönlichkeitsschutz verletzt und die Beanstanderin (die Stadt Grenchen und der Stadtpräsident) diskriminiert worden.

Wir weisen diese Vorwürfe zurück und möchten grundsätzlich festhalten, dass der Film nicht die Stadt Grenchen zum Inhalt hatte, sondern drei Ehepaare mit ihren Hoffnungen und Sorgen angesichts von Globalisierung und Wandel. Das wird bereits im Film-Intro klar, in dem sich die drei Frauen mit direktem Blick in die Kamera vorstellen. Der Filmtitel heisst ‹Die schweigende Mehrheit›, auch der Untertitel ‹Eine Schweizer Nabelschau› macht deutlich, dass die Menschen in diesem Film irgendwo in der Schweiz leben könnten. Im Kommentartext heisst es: <Zum Beispiel in Grenchen, einer Arbeiterstadt im Wandel>.

Es war die Statistik, die uns nach Grenchen führte: Der Meinungsumschwung vom Ja zu den Bilateralen Verträgen zum Ja zur Masseneinwanderungsinitiative (MEI) war hier schweizweit am grössten (Timecode 9.02). Ausserdem ist die Stimmbeteiligung in Grenchen viel tiefer als im Schweizer Durchschnitt, wie das Publikum bereits im Intro erfährt: Bei lokalen Abstimmungen gehen meist weniger als 30% stimmen, im Jahr 2017 betrug die Grenchner Stimmbeteiligung bei eidgenössischen Vorlagen 36,5%, der Schweizer Durchschnitt lag bei 45,6%. Ausserdem gilt Grenchen als strukturschwach, auch wenn sich die Stadt jüngst etwas erholt hat.[10]

Wir nehmen zu den einzelnen Vorwürfen der Beanstanderin A (ab Kapitel 1. Punkte 10ff.) wie folgt Stellung:

1. Verletzung des Wahrheitsgebots

1.1. Veröffentlichung falscher Tatsachen

11. Tatsächlich stammen René und Beatrice von Burg aus der Nachbargemeinde Bettlach. Sie arbeiten in Grenchen und haben auch ihren Schrebergarten dort. Im Filmkommentar wird nirgendwo gesagt, dass sie in Grenchen wohnen. Ein Stadtporträt von Grenchen war auch weder das Ziel noch der Inhalt des DOKs ‹Die schweigende Mehrheit›. Der Film thematisierte die zunehmende Politikverdrossenheit angesichts von Globalisierung und Wandel, und er stellte die Sorgen und Hoffnungen der Bevölkerung am Beispiel von drei Ehepaaren dar. Schon der Titel zeigt, dass nicht eine bestimmte Stadt gemeint ist, dass vielmehr Menschen porträtiert werden, die irgendwo leben könnten: ‹Die schweigende Mehrheit›, Untertitel:  ‹Eine Schweizer Nabelschau›.

Beim Ehepaar von Burg lag unser Augenmerk auf den Gründen, warum sie meist nicht mehr abstimmen. Im Zentrum standen ihre Aussagen, dass sie mit den politischen Verhältnissen zufrieden seien (Timecode: 4:15), dass sie sich erst als ‹wahlfaul› und ‹Minimalisten› bezeichnen, später aber einräumen, dass sie die Vorlagen zu wenig verstehen würden (Timecode 10:16). Damit sind die von Burgs nicht allein: Sie entsprechen laut Forschungen der Mehrheit der Nichtwähler in der Schweiz, die dem Typus der ‹Desinteressierten› und der ‹Inkompetenten› zuzuordnen sind.[11] Ob die von Burgs in Grenchen oder in der Nachbargemeinde leben, erachteten wir als nebensächlich.

12. In Lengnau wurden lediglich die Aufnahmen der Kleintierschau gedreht. Auch hier gilt: Im Zentrum des Films standen unsere Protagonistinnen und Protagonisten und nicht die Stadt Grenchen. Wir filmten die Ehepaare während der Arbeit und in der Freizeit; dabei richteten wir uns nach den Orten, an denen sie sich aufhalten. Uhrenarbeiter René von Burg und seine Kolleginnen und Kollegen aus dem Grenchner Schrebergarten gehen alljährlich im Frühling nach Lengnau zur Kleintierschau. Thema bei diesen Aufnahmen war die Überalterung und letztlich das Aussterben vieler Vereine (Chüngelizüchter, Familiengarten) und das mangelnde Engagement von Bürgerinnen und Bürgern. Wo sich die Kleintierschau örtlich befindet, ist irrelevant.

13. Renato Müller wurde zu Beginn des Films vereinfachend als Gemeindeverwalter bezeichnet, weil diese Bezeichnung schweizweit besser verständlich ist als Bürgergemeindeverwalter. Nur noch 5 Schweizer Kantone kennen Bürgergemeinden flächendeckend neben Einwohnergemeinden. In einigen Kantonen tragen die Bürgergemeinden andere Namen wie Burgergemeinde oder Ortsbürgergemeinde. Später im Film aber wird die u.a. für Einbürgerungen zuständige Bürgergemeinde vorgestellt, und dann wird auch klar, dass Renato Müller Verwalter der Bürgergemeinde ist.

14. Renato Müller wurde bei den Filmaufnahmen am Tag der Abstimmung unter anderem zum Energiegesetz am 21. Mai 2017 als Gemeinderat bezeichnet. Zu diesem Zeitpunkt hatte er diese Funktion inne. Im Verlauf des Jahres trat er aus dem Gemeinderat zurück. Wir haben den Rücktritt im Film aber nicht thematisiert und darum auch nicht speziell erwähnt.

1.2. Manipulierte Informationen

16. Die Autorin verfolgte keine Kurzformel. Hingegen porträtierte sie drei Ehepaare, die verschiedene (Bildungs-)Schichten, verschiedene Berufsgruppen, unterschiedliche Nationalitäten und verschiedene Meinungen repräsentieren. Sie sollen den Teil der Gesellschaft beschreiben, die als ‹schweigende Mehrheit› umschrieben wird.

Das Ehepaar Müller gehört zu jenen FDP-Mitgliedern, die in Migrationsfragen zur Politik der SVP kippen.[12] Ursula Müller verkörpert im Film Menschen, die sich vor einem wirtschaftlichen Abstieg fürchten und kulturelle Ängste hegen. Als Teilzeitbetreuerin von Schulkindern, darunter viele Migrantenkinder, hat sie beispielsweise Angst, dass Schweizer Bräuche verloren gehen. Letztlich sorgt sie sich um die ‹schweizerische› Identität angesichts der Zuwanderung. Damit steht sie exemplarisch für viele Schweizerinnen und Schweizer. Gemäss Politologen wählt die untere Mittelschicht häufig rechtskonservativ aus Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg.[13]

Das Ehepaar von Burg arbeitet in der Uhrenindustrie und steht für wirtschaftliche Existenzängste, aber auch für Politikverdrossenheit. Beatrice von Burg gehört zu den Globalisierungsverlierern, weil sie über 50 Jahre alt ist und keine Ausbildung absolviert hat. Sie war schon arbeitslos und arbeitet seit drei Jahren kurz. Das Ehepaar von Burg steht auch für die Politikverdrossenen, die kaum mehr abstimmen, weil sie wenig Hoffnung haben, etwas bewegen zu können. Sie halten sich zudem nicht für kompetent genug, sich zu komplexen Vorlagen eine Meinung bilden zu können.

Das Ehepaar Djokic schliesslich gehört zu den Arbeitsmigranten, die vor längerer Zeit in die Schweiz gekommen sind. Beide Eheleute sind schlecht ausgebildet und machen sich Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft. Für uns stehen die Djokics exemplarisch für viele ausländische Familien. Sie haben schwierige Zeiten hinter sich, wurden als ‹Yugos› beschimpft oder gar diskriminiert. Auch nach 30 Jahren in der Schweiz spricht der Ehemann nur schlecht Deutsch. Ihre Kinder sind gut integriert. Das Ehepaar zeigt kaum politisches Interesse.

Die Statistiken zu Grenchen zeigen, dass das steuerbare Einkommen in Grenchen tiefer liegt als im Schweizer Durchschnitt, dass Ausländeranteil und Sozialhilfequote höher sind als im Schweizer Durchschnitt, und dass bei Nationalratswahlen die Mehrheit der Grenchnerinnen und Grenchner seit 2007 nicht mehr SP sondern SVP wählte. Bemerkenswert an den gefilmten Gemeinderatswahlen im Mai 2017 war, dass die SP in der Stadt die Mehrheit verlor. Das sorgte lokal für Schlagzeilen, weil die historische Arbeiterstadt Grenchen nicht mehr ‹rot› war, wie SP-Fraktionschef Remo Bill sagte. Darum filmten wir auch an zwei SP-Sitzungen nach der Wahl. Es handelt sich hier um Fakten, mit Manipulation hat dies nichts zu tun. Es liegt daher auch keine Verletzung von journalistischen Sorgfaltspflichten vor. 

17. Die Autorin machte viele Recherchen, um Protagonstinnen und Protagonisten für den Film zu finden. Sie suchte nach Leuten, die mehrmals Ja zu den Bilateralen Verträgen gesagt hatten, 2014 aber für die Initiative gegen Masseneinwanderung stimmten. Dies, weil schweizweit der grösste Meinungsumschwung in Grenchen stattgefunden hatte, wie der Film-Kommentar bei Timecode 9:02 erklärt. Ihre Suche hat die Autorin transparent gemacht, auch der Stadtverwaltung Grenchen so kommuniziert. Die Protagonistinnen und Protagonisten wurden sorgfältig ausgewählt und repräsentieren verschiedene Milieus (wie unter Punkt 16 ausgeführt). Wir verweisen auch darauf, dass die Auswahl der Protagonistinnen und Protagonisten Teil der Programmautonomie ist.

Der Ausländeranteil in Grenchen wächst beständig, aktuell liegt er bei 35,9%. Die Filmautorin wollte in einer Schule filmen, um das Thema Migration anzusprechen. Aus Recherchen in Zürich und Basel wusste sie, dass viele Familien, die aufgeschlossen sind gegenüber Migranten und das ‹Multikulti›-Dasein positiv sehen, skeptisch reagieren, wenn die eigenen Kinder in eine Klasse mit hohem Ausländeranteil eingeschult werden. Es ist bekannt, dass vereinzelt Eltern, die linke Parteien wählen, deshalb ihre Kinder an Privatschulen schicken. Auch in Grenchen erfuhr die Autorin von Fällen von Eltern, die erwägen, ihre Kinder auf eine Privatschule zu schicken. Aber sie wollten sich nicht öffentlich dazu äussern. Bei ihrer weiteren Recherche stellte die Autorin diese Frage darum auch einigen Lehrerinnen und Lehrern. In unseren Augen ein normaler Vorgang bei einer Recherche und journalistischen Umsetzung. Die Autorin verfolgte keine Thesen, sie wusste ja bereits, dass es solche Fälle gibt.

Bei der Recherche haben wir uns an die Fakten zu Grenchen gehalten: Die einst boomende Arbeiterstadt hat in den 1970er und 1980er Jahren zwei Uhrenkrisen durchlaufen und dabei die Hälfte der Arbeitsplätze in der Uhrenbranche verloren, wie Historiker Daniel Kauz, der kürzlich eine Stadtchronik veröffentlichte, der Autorin in einem langen Gespräch erklärte.[14] In dieser grossen Zahl sind die Arbeitsplätze nicht mehr zurückgekehrt. Der Industriesektor dominiert nach wie vor sehr stark mit fast 54% der Beschäftigten (Schweizer Durchschnitt 21,4%). Die Uhrenindustrie erweist sich als Klumpenrisiko und ist konjunkturanfällig. Gemäss Daniel Kauz haben viele Facharbeiter Grenchen in den Krisenjahren verlassen. Geblieben sind eher die schlechter Ausgebildeten. Darum habe Grenchen heute eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit von 4,4%. (Schweizer Durchschnitt 3,2%). Dazu kommt eine doppelt so hohe Sozialhilfequote wie im Schweizer Durchschnitt und ein überdurchschnittlich hoher Ausländeranteil von 35,9% (Schweizer Durchschnitt 25,1%). Grenchen hat darum strukturelle Probleme, wie die Gemeinde selber zugibt.[15]

Gemäss Historiker Daniel Kauz ist es in diesem Zusammenhang angebracht, von ‹Schattenseiten der Globalisierung› zu sprechen. Im Film wird Beatrice von Burg als Globalisierungsverliererin gezeigt, weil Frau von Burg ungelernt ist, ihr Leben lang in der Uhrenindustrie gearbeitet hat und auch schon arbeitslos war. Der Film zeigt aber auch die Familie Müller, die sicherlich nicht zu den Globalisierungsverlierern gehört. Wir haben uns an die Fakten gehalten und mittels der Auswahl der Ehepaare verschiedene Milieus abgebildet, die uns typisch erscheinen für Grenchen und für die Schweiz.

18. Frau von Burg arbeitet für die Uhrzeigerfirma Estima, die seit drei Jahren Kurzarbeit verordnet hat. Wir verweisen wieder darauf, dass nicht die verschiedenen Industriebetriebe der Stadt Grenchen das Thema des Films waren, sondern die porträtierten Ehepaare. Die Autorin lernte das Ehepaar von Burg im Schrebergarten kennen; viele Parzellen gehören Uhrenarbeitern, allerdings sind viele schon pensioniert. Die Autorin wählte Beatrice und René von Burg aufgrund ihres Abstimmungsverhaltens, weil das Paar noch im Arbeitsprozess ist und wegen seiner Aufgeschlossenheit gegenüber dem Filmprojekt. Zum Zeitpunkt des ‹Castings›  wusste die Autorin nicht um den Zustand der Firma Estima. Aber auch wenn die Firma von René von Burg als Schauplatz ausgewählt worden wäre, hätte der Film damit keine Grenchner Erfolgsgeschichte zeigen können: denn die Firma Eterna ist von chinesischen Investoren übernommen worden, hat Stellen abgebaut und war längere Zeit wegen Chefwechseln und unbezahlten Rechnungen in den Schlagzeilen. Für Schlagzeilen gesorgt haben auch die Schliessung der Michel Präzisionstechnik 2015 und die Nachlassstundung der traditionellen Uhrenfirma Fortis im November 2017.

Wir anerkennen, dass die Zahl der Beschäftigten in Grenchen von 2005-2015 um 11,9% gewachsen ist (neuere Zahlen existieren nicht). Der lokale ‹Gewinner› im Kanton Solothurn aber war die Region Gäu mit 17% neuen Beschäftigten und schweizweit wuchs die Zahl der Beschäftigten im gleichen Zeitraum um 14,4%, wie eine Studie der Wirtschaftsförderung des Kantons Solothurn ergibt.[16] Die Städte-Rankings von ‹Bilanz› und ‹Weltwoche› verorten Grenchen im hinteren Drittel respektive auf den hintersten Rängen, vor allem was den Bereich ‹Arbeitsmarkt› angeht. In diesem Bereich liegt Grenchen gemäss der ‹Bilanz› im letzten Viertel der untersuchten Gemeinden, gemäss ‹Weltwoche› sogar unter den letzten 10%.[17]

19. Frau Müller sagt im Film, dass beim Mittagstisch Schweinefleisch serviert werde, und dass sie es richtig fände, in der Schweiz Schweinefleisch zu essen. Diese Aussage wurde im Film gezeigt, weil an vereinzelten Schweizer Schulen und vielerorts in Deutschland aufgrund des hohen Anteils muslimischer Kinder ganz auf Schweinefleisch verzichtet wird. Aber natürlich wird kein Kind gezwungen, Schweinefleisch zu essen. Man sieht im Film zum Beispiel ein Junge, der Teigwarensalat isst. Nach der Sendung informierte uns Frau Müller, dass bei der Anmeldung zum Mittagstisch immer auch ein Alternativmenü ausgewählt werden könne. Diese Präzisierung der Sachlage nahmen wir sofort in der SRF-Rubrik ‹Korrekturen› auf.

20. Es stimmt nicht, dass das Ehepaar Djokic beim Familiengartenfest isoliert dargestellt wird. Die Szene bei Timecode 27:58 zeigt klar, dass der Stand des Ehepaars hinter dem Festzelt steht. Der Film zeigt auch einen Festteilnehmer, der Spanferkel bei Herrn Djokic kauft. Bei Timecode 27:48 zeigt die Kamera ausserdem einen lachenden Herrn Djokic, der bei Beatrice von Burg im Zelt ein Bier bestellt.

Im Film zeigen wir das Familiengartenfest zwei Mal. Beim ersten Mal als Einführung, beim zweiten Mal zeigen wir, dass die Gedanken unserer Protagonistinnen von der fröhlichen Stimmung abweichen. Frau Djokic denkt an ihre Krebserkrankung, Frau von Burg denkt an die bevorstehende Informationsveranstaltung ihrer Firma und fürchtet sich vor einem erneuten Stellenabbau. Es ist eine sehr menschliche Szene, die zeigt, dass einen auch in glücklichen Stunden Probleme belasten können. Mit einem ‹Mitleidseffekt für die angeblich geschundenen Ausländer›, wie der Beanstander schreibt, hat das nichts zu tun.

1.3 Manipulative Bildsprache

22. Der Anfang des Films zeigt eine Fahrt von der Autobahn nach Grenchen. Wir hören die Radiostimmen von Donald Trump, Angela Merkel und Simonetta Sommaruga. Die AfD wird in dieser Szene nicht erwähnt. Mit dieser Szene zeigt der Film auf, dass Staatsführer die Sorgen der Bürgerinnen und Bürgern angesichts des Wandels ernst nehmen wollen. Wir signalisieren: Diese Sorgen haben wir alle; weltweit. Und wir stimmen auf unser Thema ein: Wir wollen die Sorgen der Leute angesichts von Wandel und Globalisierung erfahren. Sodann sagt die Kommentarstimme: <Zum Beispiel in Grenchen. Ein Seismograf für die Schattenseiten der Globalisierung>. Die Schattenseiten der Globalisierung führen wir nun aus, indem Bewohner und unsere Protagonistinnen und Protagonisten Stichworte zur Stadt geben: Dass es Uhrenkrisen gegeben hat, dass man Angst hat, den Job zu verlieren, dass der Ausländeranteil überdurchschnittlich hoch ist, dass Arbeiter vermehrt SVP wählen, dass man die sogenannte Massenzuwanderung als Problem sieht, und dass man sich als Ausländerin daran störe, in einen Topf mit Kriminellen geschossen zu werden.

Das sind alles Fakten und Ängste, die, abgesehen von den Uhrenkrisen, genauso gut in einer anderen Gemeinde geäussert werden könnten. Es war die Statistik, die uns nach Grenchen geführt hat: Der Meinungsumschwung vom Ja zu den Bilateralen Verträgen zum Ja zur Masseneinwanderungsinitiative (MEI) war dort schweizweit am grössten (Timecode 9:02). Auch der Titel zeigt, dass nicht eine bestimmte Stadt gemeint ist, dass vielmehr Menschen porträtiert werden, die irgendwo in der Schweiz leben könnten: <Die schweigende Mehrheit>, Untertitel:  <Eine Schweizer Nabelschau>.

23. Die ausgewählte Musik ist unserer Meinung nach nicht düster, sondern zunächst rhythmisch. Nach der Information der tiefen Wahlbeteiligung wechselt sie in einen monotonen Gesang, um darzustellen, dass das Interesse an der Politik gering ist. Das zeigen auch die leeren Ränge an der Gemeindeversammlung. Die gezeigten Strassenzüge und Häuser stammen alle aus Grenchen. Die Auswahl von Ton-/Bild- und Stilmitteln ist letztlich Geschmacksache, gehört aber zur gesetzlich garantierten Programmautonomie.

Im Intro des Films ging es uns darum, unsere Protagonistinnen, die direkt in die Kamera sprechen, vorzustellen. Die Informationen zur Stadt stehen in direktem Bezug zu den Sorgen unserer Protagonistinnen: Arbeitsplatz und Zuwanderung. Wir können nur noch einmal betonen, dass nicht ein detailliertes Stadtporträt von Grenchen im Zentrum stand, sondern die Sorgen und Hoffnungen unserer Protagonistinnen und Protagonisten.

Die Wäsche auf dem Balkon und der Kehrrichtcontainer werden im Zusammenhang mit Ursula Müllers Sorge über die hohe Sozialhilfequote gezeigt. Diese Szenen wurden nicht inszeniert, wir filmten sie so, wie wir sie antrafen. Wir filmten ferner gemäss Terminplan unserer Protagonisten, das Wetter konnten wir dabei nicht beeinflussen; mal war es wolkig, mal schön. Wir weisen darauf hin, dass im Film auch das Bürgergemeindehaus, das Hotel de Ville (Stadthaus), die erfolgreiche Uhrenfirma ETA, der Marktplatz und die Innenstadt gezeigt werden. Von einem ‘Zerrbild’ kann also keine Rede sein.

24. Den Swatch-Kreisel am Schluss zeigen wir bewusst, um darzustellen, wie wichtig Demokratie und Mitbestimmung sind. Mit einer Herabsetzung der Einwohner hat das nichts zu tun, im Gegenteil.

1.4 Manipulativer Schnitt

25. Die Szene mit den Wahlurnen wurde mehrmals wiederholt. Im Filmschnitt wurde die technisch beste Variante gewählt. Im Dokumentarfilm ist es üblich, eine zur Situation passende Diskussion anzuregen. Die Autorin fragte die zwei Männer des Wahlbüros, ob es möglich sei, während der Szene etwas zur Wahlbeteiligung zu sagen. Sie bejahten und sprachen über dieses Thema.

26. Wir weisen den Vorwurf zurück, dass die Autorin die Einbürgerungsbehörde als inkompetent diskreditieren wollte. Sowohl Renato Müller wie der Bürgergemeindepräsident konnten ihre Überlegungen zum Einbürgerungsprozess ausführen. Das Hauptargument des Präsidenten, dass der schweizerische Einbürgerungsprozess seiner Meinung nach zu lasch ist, wird im Film dargelegt. Die Erzählweise eines Dokumentarfilms kann und darf neben der Darstellung von Fakten auch lebendig sein und spontane Szenen einfangen. Franz Schilt opfert seine Freizeit für das Amt des Bürgergemeindepräsidenten. Wenn im Film gezeigt wird, wie er ein Traktandum vergisst und darauf hingewiesen wird, dann ist dies nicht diskreditierend, sondern in erster Linie authentisch, aber auch menschlich und nachvollziehbar.

1.5 Verletzung von Persönlichkeitsrechten

Hier möchten wir darauf hinweisen, dass es aus unserer Sicht weder in den Zuständigkeitsbereich des Ombudsmannes noch der UBI fällt, eine allfällige Verletzung von Persönlichkeitsrechten zu prüfen oder zu beurteilen. Dennoch gehen wir auf die Kritik der Beanstanderin A ein:

27. Ursula Müller war einverstanden mit den Filmaufnahmen. Bei ihrer Aussage zu Sandra Sieber handelt es sich um ihre freie Meinungsäusserung, Sandra Siebers Persönlichkeitsrechte wurden nicht verletzt, da sie in keiner Art und Weise verunglimpft wird. Ursula Müller lobt Frau Sieber in ihrem Beruf als Schauspielerin. Hinzu kommt, dass es sich bei Sandra Sieber um eine offizielle und damit öffentliche Kandidatin für die Gemeinderatswahlen der FDP handelt. Entsprechend darf ihr Name auch genannt werden. Ursula Müllers Mann betont in der Folge, dass es schwierig sei, Leute für die Gemeinderatsliste zu finden. Damit spricht er ein virulentes und hochaktuelles Thema an: Nämlich das Desinteresse am Milizparlament.[18]

28. Auch mit der Passage des ‹Chnörzli› wurden die Persönlichkeitsrechte von Frau Müller nicht verletzt. Als Zürcherin kannte die Filmautorin den Begriff des ‹Chnörzli› nicht. Im Interview fragte sie Ursula Müller darum, was gemeint sei. Mit der Frage nach dem Begriff des ‹Chnörzli› wollte sie aber zeigen, dass es Wörter im Dialekt gibt, die nicht schweizweit bekannt sind. Im Film hatte Frau Müller aber auch die Gelegenheit zu betonen, dass sie sich einsetzt, um den Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen. Ursula Müller hat uns nach dem Film gesagt, sie habe sich in ihren Aussagen wiedererkannt und sei realistisch dargestellt worden.

29. Wer sich in der Öffentlichkeit (öffentliche Plätze, öffentliche Strassen etc.) aufhält, der muss damit rechnen, als Teil der Öffentlichkeit wahrgenommen und in den Medien dargestellt zu werden. Die Verletzung der Persönlichkeit bedarf zudem einer gewissen Intensität (z.B. negative Äusserungen über die gezeigten Personen), was vorliegend nicht der Fall ist. Bei der Passantin, die nicht im Film auftreten wollte, handelt es sich um ein Missverständnis, für das sich die Autorin bei ihr schriftlich in aller Form entschuldigt hat. Die Passage dieser Passantin (ca. 8 Sekunden) wurde in der Folge aus dem Film geschnitten und ist online seit dem 19. April öffentlich nicht mehr einsehbar.

30. Wir hatten eine Dreherlaubnis für die Bürgergemeindeversammlung. Der Autorin wurden keinerlei Auflagen gemacht.

31. Gemäss Gemeindegesetz des Kantons Solothurn sind Gemeindeversammlungen ‹in der Regel öffentlich›. Der Gemeindeversammlungs-Saal wurde an diesem Abend für die Presse ausgeschildert. Das Team filmte gut erkennbar. Die Kamera fing keine inhaltlichen Diskussionen ein.[19]

1.6 Suggestive Befragung durch die Journalistin

32. Wir verstehen nicht, inwiefern die Frage bei Timecode 06:17 suggestiv sein soll: <Beim Energiegesetz seid Ihr auf Position der SVP?>, fragte die Autorin, nachdem Ursula Müller ein Nein auf den Wahlzettel geschrieben hatte. Renato Müller pflichtete bei: <Eigentlich schon mit einem ‹Nein›>. Die Autorin stellte diese Frage, weil die Müllers FDP-Mitglieder sind. Bei Timecode 07:48 sagte Beatrice von Burg, dass Ausländer nicht beim Boccia-Turnier im Schrebergarten mitmachen. Die Frage, die dieser Aussage voranging, war: <Was ist Euer Hauptinteresse?> Die von Burgs sagten, Gemütlichkeit sei ihnen wichtig, mit allen Leuten auszukommen, egal aus welchem Land sie stammten. Und dann: <Es gibt aber schon keine Ausländer, die hier mitmachen>. Auch hier war die Frage weder suggestiv, noch zeugte die Antwort von einer vorgefassten Meinung. Zumindest beim Ehepaar Djokic sehen wir ja, dass das Paar nicht teilnimmt.

33. In der fraglichen Szene (Timecode 11:55) fragt die Autorin Frau Djokic als erstes, wie sie sich die Schweiz vorgestellt hatte. <Paradies!>, sagt Milica Djokic und lacht. Sie führt weiter aus, dass nach ihrer Ankunft auf dem Balkan der Krieg ausgebrochen sei, darum sei sie sehr froh gewesen, in der Schweiz zu sein. Beides klar positive Aussagen zur Schweiz. Unsere Nachfrage, ob sie nie enttäuscht war, beantwortet Frau Djokic zurückhaltend, weil es ihr unangenehm ist, vor der Kamera ‹Scheissjugo› zu sagen. Sie sagt, dass Leute dieses Wort an ihrem Arbeitsplatz im Café sagten, wenn sie getrunken hätten. Im Schrebergarten sagt ihr Ehemann später, er höre, dass man Leute als dem Balkan für kriminell halte (Timecode 38:00) und in anderen (nicht ausgestrahlten) Interviews spricht die Familie Djokic von verschiedenen Diskriminierungen (Finden einer Mietwohnung, Probleme mit einem Lehrer) aufgrund ihres Namens. Es besteht kein Zweifel, dass Milica und andere Familienmitglieder diese Erfahrung gemacht haben. Die Autorin manipuliert nicht, sie interessiert sich für die Wahrheit, auch wenn sie manchmal unangenehm ist.

34. In der Uhrenfirma von Beatrice von Burg bekräftigt diese, dass sie oft Nein stimme, weil sie der Meinung sei, so nichts Falsches zu machen (Timecode 16:33). Die Autorin fragt nach, ob man mit Nein-Stimmen oft auf Linie der SVP sei. Dies, weil die SVP bei vielen Vorlagen der anderen Bundesratsparteien die Oppositionsrolle wählt und die Nein-Parole beschliesst. Tatsächlich sagt Frau von Burg etwas ratlos ‹ja› und danach: <Aber weisst du, ich politisiere nicht so gerne>. Damit gibt sie klar zum Ausdruck, dass Fragen zur Politik sie überfordern, vermutlich auch, weil sie sich zu wenig kompetent fühlt. Die Frage ist nicht suggestiv, weil Frau von Burg zum Ausdruck bringt, dass sie sie nicht beantworten kann.

35. Frau Müller sagt bei Timecode 21:51: <Es gibt auch Kinder, die vom Sozialamt angemeldet werden. Wenn das zunimmt, denkt man schon an die Kosten, die so verursacht werden.> Dann sieht man eine kurze Szene mit Kindern. Die nächste Aussage von Frau Müller ist die Antwort auf die Frage der Autorin, wie sie das als Steuerzahlerin sehe. Diese Frage haben wir weggelassen, weil der Zusammenhang klar ist, da Frau Müller vorher die Kosten ansprach. Bei Timecode 22:09 sagt Frau Müller: <Das beschäftigt einen schon. Wir arbeiten, wir zahlen unsere Steuern, wir schauen, dass wir unseren Lebensunterhalt finanzieren können.>

Die gezeigten Szenen mit den Kindern entsprechen dem, was wir während rund 3 Stunden gefilmt haben. Es gibt klare Rituale am Mittagstisch wie der Gong. Mal weist Ursula Müller einzelne Kinder zurecht, mal hilft sie ihnen bei den Aufgaben, mal begrüsst sie Zwillingsmädchen. Wir sehen nicht, was daran manipulativ oder persönlichkeitsverletzend sein sollte.

Zum Schluss des Films befragten wir alle Protagonisten zur Zukunft. Frau Müller äusserte die Sorge, ob zum Zeitpunkt ihrer Pensionierung noch genug AHV-Geld vorhanden sei. Diese Sorge teilt sie mit sehr vielen Schweizerinnen und Schweizern, weil das Umlageergebnis heute schon negativ ist und das Defizit bis 2020 die Milliardengrenze erreicht - gerade vor dem Hintergrund, dass die AHV-Reform im letzten Herbst abgelehnt wurde. Auch hier erkennen wir nicht, was an Ursula Müllers Aussage manipulativ oder persönlichkeitsverletzend sein soll; diese Aussage ist schlicht ihre Meinung. Im gefilmten Rohmaterial sagt Frau Müller weiter: <Der Bund gibt das Geld grosszügig aus, das gibt mir zu denken. Bei der AHV für unsere Bevölkerung aber fehlt das Geld, das verstehe ich nicht, damit habe ich Mühe>.

36. Dem Gespräch unter René von Burg und seinem Kollegen ging die Frage der Autorin voraus, wie sie darüber denken würden, dass viele Arbeiter im mittleren Westen der USA aus Frustration über ihre wirtschaftliche Lage Donald Trump gewählt hatten. Wie im Dokumentarfilm üblich, bat sie die Gruppe, untereinander zu diskutieren. Als die Männer sich negativ zu Trumps Mauer-Idee äusserten, gab die Autorin zu bedenken, dass sie sich selber gegen mehr Zuwanderung ausgesprochen hätten. Daraufhin fiel das Wort ‹chippen› als Lösungsidee. Die Autorin verstand das Wort zuerst nicht und fragte dann nach, ob das ernst gemeint sei. Die Runde bejahte. Wenn eine Gesprächsrunde findet, Ausländer seien zu chippen, wollen wir diese Aussage nicht zensurieren, sondern im Rahmen der freien Meinungsäusserung zeigen. Der Film heisst ‹Die schweigende Mehrheit› - und wollte aufzeigen, wie Leute denken, die sich öffentlich und politisch nicht äussern oder kaum öffentlich zu hören sind. Zum Entscheid, diese Szene auszustrahlen, hat auch beigetragen, dass wir keine einzelne Person mit der Aussage des ‹Chippens› aus- oder blossstellen. Die Aussage wird von einer Gruppe von fünf Personen unterstützt.

1.7 Mangelnde Transparenz

38. Im Zentrum des Films standen die Ängste und Hoffnungen der Protagonisten. Die Angst, überfallen zu werden, die Frau von Burg äussert, entspricht ihrer persönlichen Auffassung. Ob die Angst real ist oder nicht, stand nicht zur Debatte. Dass die Gefahr höchstwahrscheinlich nicht akut ist, zeigte die Reaktion von Elias Meier, der erstaunt nachfragte: <Hier in der Schweiz?> (und übrigens nicht <hier in Grenchen?>, Timecode: 34:28.) Beatrice von Burg antwortete, dass man täglich in der Zeitung von Vorfällen lese. Der Rückschluss ist klar: Die Medienberichterstattung über Kriminalität kann Angst machen, auch wenn sie nur gefühlt ist.

40. Die Szene beginnt bei Timecode 8:10: Die Autorin fragt, warum die Djokics beim Boccia-Turnier nicht mitmachen. Milica Djokic sagt, sie würden dieses Spiel nicht kennen; Stevica Djokic sagt, Boccia interessiere ihn nicht, bei Fussball wäre er dabei. Darauf bejahen die von Burgs, dass Ausländer beim Boccia mitmachen dürfen, dass sie aber eher nicht wollen. Die von Burgs schliessen mit der generellen Aussage, dass Ausländer und Schweizer unter sich seien im Garten. Die nachfolgende Aussage von Milica Djokic <…wir wurden nie eingeladen, man will unter sich sein> ist in diesem generellen Sinne zu verstehen: Sie seien nie von Schweizern im Schrebergarten eingeladen worden. Mit Ausländerfeindlichkeit hat das nichts zu tun; der Zustand ist selbst gewählt: Beide Ehepaare sagen, man wolle eher unter sich sein.

41. Bei der Aussage, <wer Angst hat abzusteigen, wählt häufig SVP> handelt es sich nicht um ein Vorurteil der Autorin, sondern um Aussagen von Politologen, unterlegt von Studien. Die Politologie-Professorin Silja Häusermann kommt beispielsweise zum Schluss, dass es nicht die Armen seien, auch nicht die Prekarisierten, sondern der untere Mittelstand, der rechtsnational wähle: <…Diese Menschen verarmen nicht, aber sie sind verunsichert, haben Abstiegsängste.>[20] Und der Politologe Thomas Kurer kommt in einer Studie zu folgendem Schluss: <Right-wing populist parties benefit from widespread fear of social decline but not from actually experienced economic decline (…) In particular transition from routine work into unemployment results in a strong and consistent decline in support for the most conservative party in all three countries (gemeint sind die Schweiz, Deutschland, Grossbritannien). This is a clear indication that it is fear of social decline rather than the actual experience of economic hardship, which drives support for parties promoting traditionalist values and the status quo ante.>[21]

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42. Der Ausländeranteil in Grenchen liegt bei 35,9%.[22] Seit Jahren weist Grenchens Ausländeranteil ein beständiges Wachstum aus: 2013 lag er noch bei 31,6%, 2015 bei 33,5%, Ende 2016 bei 34,4%.

Die Beanstanderin A verortet den Ausländeranteil bei aktuell 34% und liegt damit genauso in der Unschärfe wie der Bürger, der im Film-Intro von 38% spricht. Es ging darum zu zeigen, dass der Ausländeranteil im Schweizer Vergleich überdurchschnittlich hoch ist und Bürgerinnen und Bürgern sich darüber Sorgen machen. Der Begriff ‹reine Ausländer›, die der Bürger in seinem Statement macht, deutet an, dass er den Anteil Ausländer als kritisch wahrnimmt. Die detaillierten und korrekten Zahlen zu Grenchen sind übrigens in einer Box zum Onlinetext zum Film auf publiziert.

Wir sind darum der Meinung, dass innerhalb eines Film-Intros mit verschiedenen Stimmen von Bürgerinnen und Bürgern, die keine Experten sind, ein Abweichen von der effektiven Ausländerrate tolerierbar ist.

Fazit

Wir bedauern, dass sich die Beanstanderin A durch den Film ‹Die schweigende Mehrheit› beleidigt und herabgesetzt fühlt. Die Kritik der Stadt und die Befindlichkeit vieler Grenchnerinnen und Grenchner nehmen wir ernst. Ich habe als Bereichsleiter von ‹DOK› nach Ausstrahlung des Films Kontakt mit dem Stadtpräsidenten aufgenommen. Es hat eine erste Aussprache stattgefunden. Ich habe dem Stadtpräsidenten bei dieser Gelegenheit mitgeteilt, dass ich bedaure, wie stark der Film offenbar Teile Grenchens verärgert und beleidigt habe. Aber ich habe Herrn Scheidegger auch dargelegt, dass Grenchen im Film nur Schauplatz war. Im Zentrum des Filmes standen Menschen, insbesondere drei Ehepaare, die sich lieber nicht öffentlich äussern (wie Betreuerin Ursula Müller), die immer weniger am politischen Leben teilnehmen (wie das Ehepaar von Burg) oder die sich nicht fürs politische Leben in der Schweiz interessieren (wie das Ehepaar Djokic).

Wir weisen den Vorwurf zurück, dass der Film manipuliert habe und eine einseitige Meinungsbeeinflussung darstelle. Die Tatsachen und Ereignisse wurden im Film sachgerecht dargestellt. Die Filmautorin hat auch den Grundsatz der Unvoreingenommenheit nicht verletzt, wie die Beanstanderin A schreibt. Richtig ist, dass die Autorin ein relevantes Thema anpackte (‹Die schweigende Mehrheit›), Grenchen als exemplarischen Schauplatz wählte und mit einer konkreten Fragestellung nach Grenchen fuhr: Woher rührt der Politikverdruss bei vielen Menschen? Warum sind Ängste und Skepsis gegen Fremden und dem Wandel angesichts der Globalisierung verbreitet?

Die Autorin wählte Grenchen als Schauplatz, weil dort schweizweit der grösste Meinungswandel von einem Ja zu den bilateralen Verträgen zu einem Ja zur Initiative gegen Masseneinwanderung vollzogen wurde. Zudem ist die Stimmbeteiligung in Grenchen überdurchschnittlich tief.

Entsprechend dieser Fragestellung hat die Autorin auch nach Protagonistinnen und Protagonisten gesucht. Menschen, die immer weniger am politischen Leben teilnehmen (wie das Ehepaar von Burg) die sich Sorgen machen um die Zukunft der Schweiz (wie Betreuerin Ursula Müller) oder die sich nicht fürs politische Leben in der Schweiz interessieren (wie das Ehepaar Djokic). Wir anerkennen, dass dies schwierige und teilweise unerfreuliche Themen sind, mit denen sich viele Leute lieber nicht auseinandersetzen. Wir verstehen auch, dass diese Themen Unmut und Emotionen auslösen. Wir weisen aber die Kritik zurück, dass die Befragung der Protagonistinnen und Protagonisten suggestiv war. Wie im Film dargestellt, konnten die Ehepaare sich frei äussern, oftmals ergaben sich auch Diskussionen, ohne dass die Autorin eingriff. Der Film schürt keine Ressentiments, er zeigt vielmehr einen Ausschnitt des realen Lebens auf. Am Familiengartenfest im Schrebergarten sind sowohl Schweizer wie Ausländer vertreten, im Alltag im Garten aber sei man lieber unter sich, sagen das Schweizer Ehepaar von Burg und das bosnische Ehepaar Djokic übereinstimmend.

Wir weisen auch den Vorwurf zurück, dass es ‹fast nur um Ausländerfeindlichkeit› ging. Der Film zeigte vielmehr verschiedene Standpunkte und Auffassungen von Schweizer Bürgerinnen und Bürgern und Menschen mit Migrationshintergrund. Niemand wurde verunglimpft. Ein grosses Podium räumten wir bewusst dem ‹Brückenbauer› und Jungpolitiker Elias Meier ein, der versuchte, die Ehepaare (Schweizer wie Ausländer) zum gemeinsamen Austausch an einem Bürgerforum zu bewegen.

Die Programmautonomie erlaubt unserer Meinung nach, eine Stadt oder Region als exemplarische Bühne eines politischen und gesellschaftlichen Wandels für die filmische Umsetzung zu wählen, wenn damit das Sachgerechtigkeitsgebot gewährt ist. Die Stadt Grenchen gilt trotz einer relativen wirtschaftlichen Erholung auch heute noch als strukturschwach. Davon zeugen zum Beispiel die überdurchschnittlich hohen Arbeitslosen- und Sozialhilfequoten. Es liegt in der Entscheidungsfreiheit der Autorin, gewisse Institutionen, städtische Vorzüge und Bemühungen nicht zu thematisieren, wenn dadurch das Gesamtbild des Films nicht verzerrt oder manipuliert wird. Dies geschah unserer Meinung nach nicht, denn im Film ging es nicht um die Stadt Grenchen, sondern um drei Ehepaare. Sie, ihre Anliegen, Sorgen und Hoffnungen wurden im Film sachgerecht dargestellt.

Die Zeitschrift ‹Bilanz› und die Wochenzeitung ‹Weltwoche› sehen Grenchen in ihren Städterankings im hinteren Drittel respektive auf den letzten Rängen, vor allem was den Bereich ‹Arbeitsmarkt› ausmacht: Gemäss ‹Bilanz› sind 75% der untersuchten Gemeinden weiter vorne platziert, gemäss der ‹Weltwoche› sind sogar 90% der untersuchten Gemeinden weiter vorne als Grenchen platziert.[23]

Schlussbemerkungen

Wir möchten an dieser Stelle noch anmerken, dass der Film ausserhalb von Grenchen anders und positiv wahrgenommen wurde. Im Bund-Artikel ‹Eine Stadt macht sich klein› attestiert ein Journalist beispielsweise, der Film sei <… ein sehenswertes Sittengemälde... handwerklich hervorragend gemacht>.[24] Zahlreiche Leserkommentare zum 20 Minuten-Artikel <Grenchner toben wegen SRF-Dokfilm> äusserten sich auch lobend zum Film.[25]

Bei aller Kritik hat der Film offenbar in Grenchen einen Nerv getroffen und etwas bewegt. Elias Meier hat die Idee des Bürgerforums, die er wegen Desinteresses aufgegeben hatte, aufgrund von Rückmeldungen nach dem DOK-Film wieder ins Leben gerufen.[26]

Ergänzungen zur Beanstandung 5429 (Beanstander B)

«(…) Wir waren überrascht, wie sehr der Film viele Grenchnerinnen und Grenchner aufgewühlt hat, darunter auch den Verfasser der vorliegenden Beanstandung, Beanstander B. Wer mit dem Film ein ausführliches Porträt seiner Stadt erwartete, der wurde tatsächlich enttäuscht. Denn ein Stadtporträt war nicht der Inhalt des Dokumentarfilms ‹Die schweigende Mehrheit›. Schon der Titel, aber auch der Untertitel, machen deutlich, dass nicht eine bestimmte Stadt porträtiert wird, sondern dass es darin um einen Teil unserer Gesellschaft geht. Um jenen Teil nämlich, der sich durch Politikverdruss und Rückzug ins Private auszeichnet, dies angesichts der Globalisierung, gesellschaftlichen Veränderungen und Komplexität der politischen Fragestellungen. Im Film stehen Menschen im Fokus. Menschen aus unterschiedlichen Berufsgattungen und Bildungsschichten, die irgendwo leben könnten. Insofern ist Grenchen ein Schauplatz, aber keinesfalls Hauptthema des Films. Dies macht auch der Untertitel ‹Eine Schweizer Nabelschau› deutlich.(…)

Beanstander B schreibt, dass die Region mit Jura und Aare aussergewöhnliche Erholungsgebiete habe, dass die Stadt 1998 mit dem Wakker-Preis ausgezeichnet worden sei und das Label ‹Energiestadt› führe. Ferner sei sie sehr gut erschlossen durch Bahn und Bus, Autobahn, Flugplatz etc. All diese Vorzüge und Infrastrukturen werden in der Beanstandung aufgeführt und im Film vermisst. Es ist korrekt, dass viele positive Seiten der Stadt Grenchen im Film unerwähnt blieben. Aber wie bereits erwähnt, war das Thema des DOKs nicht ein Imagefilm der Stadt Grenchen, sondern das Porträt von drei Ehepaaren und ihrer Hoffnungen und Sorgen angesichts von Globalisierung und Wandel. Der Film zeigt nur dann städtische Institutionen, wenn sie im Zusammenhang mit den Protagonistinnen und Protagonisten stehen. Darum ist der städtische Mittagstisch zu sehen: Eine Institution, die Integrationsarbeit leistet, in dem sie sich um viele ausländische Schülerinnen und Schüler kümmert, ihnen beispielsweise bei den Hausaufgaben hilft.  Wir sind überzeugt, dass es in der Entscheidungsfreiheit der Autorin liegt, gewisse Institutionen oder städtische Vorzüge und Bemühungen nicht zu thematisieren, wenn dadurch das Gesamtbild des Films nicht verzerrt oder gar manipuliert wird. Im Film geht es ja eben nicht um die Stadt Grenchen, sondern um Menschen, die sich lieber zurückziehen und nicht oder immer weniger am politischen Leben teilnehmen.  (…)

Die tiefe Stimmbeteiligung und die mangelnde Beteiligung am Milizsystem sind im Übrigen hochaktuelle Themen.[27] <Wie steht es um die Legitimation von Parlamenten und Regierungen, wenn sich weniger als ein Drittel, teils sogar nur ein Fünftel, an einer Wahl beteiligt?>, fragte der Leiter des Parlamentsdienstes des Kantonsparlaments Solothurn im ‹Tages-Anzeiger›.[28] Die Zeitung ‹Blick› wiederum publizierte eine Artikel-Serie zur Politikverdrossenheit im Schweizer Milizsystem; jede zweite Gemeinde habe Mühe, Leute für den Gemeinderat zu finden.[29] Im Film belegt das das Gespräch des Ehepaars Müller bei Timecode 05:27. (…)»

Ergänzungen zur Beanstandung 5430 (Beanstander C)

«(…) Wir waren überrascht, wie sehr der Film viele Grenchnerinnen und Grenchner aufgewühlt hat. Unter ihnen auch Beanstander C. Die Enttäuschung und Wut kommen auch im der Beanstandung beigelegten Kommentar des Lokaljournalisten (Bieler Tragblatt vom 14.2.18) zum Ausdruck. Wer mit dem Film ein ausführliches Porträt seiner Heimatstadt erwartete, wer sich auf die <sehr schönen Orte von hoher Lebensqualität am Jurasüdfuss> freute, der wurde tatsächlich enttäuscht und irritiert zurückgelassen. Denn ein umfassendes Stadtporträt war nicht Inhalt des Dokumentarfilms ‹Die schweigende Mehrheit›. (…)

In diesem Sinne weisen wir den im Bieler Tagblatt-Artikel geäusserten Vorwurf zurück, der Film habe einseitig und anhand weniger Protagonisten (im Artikel ist u.a. von ‹reaktionären Schrebergärtlern› die Rede) ein tendenziöses Bild Grenchens gezeichnet. (…)»

Ergänzungen zur Beanstandung 5431 (Beanstander D)

«(…) Beanstander D kritisiert, dass im Film nicht erwähnt wurde, dass das räumliche Leitbild der Stadt Grenchen während der Dreharbeiten überarbeitet und in einer öffentlichen Veranstaltung verabschiedet worden sei. Tatsächlich bleibt das Leitbild unerwähnt. In unseren Augen zurecht, denn das räumliche Leitbild der Stadt war nicht Thema des Films. Dasselbe gilt für das Jugendhaus oder die sportliche Infrastruktur der Stadt. Hingegen wurden die städtischen Integrationsbemühungen im Film gezeigt. Dies macht auch Sinn: Denn eine der Protagonistinnen, die Schulbetreuerin Ursula Müller, arbeitet für den städtischen Mittagstisch. Eine Institution, die sich um viele ausländische Schülerinnen und Schüler kümmert. Der Film zeigt nur dann städtische Institutionen, wenn sie im Zusammenhang mit den Protagonistinnen und Protagonisten stehen, denn von diesen Menschen handelt der Film. Deshalb sind wir der Meinung, dass es in der Entscheidungsfreiheit der Autorin liegt, Institutionen oder städtische Vorzüge Grenchens nicht zu thematisieren, wenn dadurch das Gesamtbild des Films nicht verzerrt oder manipuliert wird. Im Gesamtbild des Films ging es aber ja eben nicht um die Stadt Grenchen, sondern um Menschen.  (…)

Beanstander D kritisiert, dass mit den Filmaufnahmen des Arbeitsplatzes von Frau von Burgs die Industrie Grenchens veraltet und nicht modern dargestellt worden sei. Die Arbeit von Frau von Burg zeigt, dass die Uhrenindustrie nicht nur aus Roboter-Arbeitsplätzen besteht. Für filigrane Arbeit wie das Bedrucken von Uhrzeigern braucht es offensichtlich immer noch Menschen, die Maschinen bedienen. Und: Die Arbeitssituation von Frau von Burg entspricht der Realität. Genauso wie die Tatsache, dass die Arbeiterin seit drei Jahren schon Kurzarbeit verrichtet. (…)»

Ergänzungen zur Beanstandung 5432 (Beanstander E)

«(…) Es war nie Absicht des Filmes, die Stadt Grenchen negativ darzustellen und auf ‹ein paar Laferi im Schrebergarten› zu reduzieren, wie Beanstander E schreibt. (…)

Beanstander E kritisiert den Film, er zeige ‹…bewusst unvorteilhaft ältere Gebäude›.

Die älteren Gebäude wurden nicht ‹bewusst unvorteilhaft› gezeigt, wie Herr E in seiner Beanstandung schreibt. Es handelt sich vielmehr um das Quartier, in dem die Protagonisten-Familie Djokic lebt. Grenchen verfügt über verhältnismässig viel günstigen und freien Wohnraum. 2017 betrug der Leerwohnungsbestand in Grenchen 2.64, diese Zahl gilt unter Experten als hoch. Während den wirtschaftlich besten Zeiten Grenchens vor 50 Jahren war es genau umgekehrt: 1967 war Grenchen eine boomende Arbeiterstadt mit einer Leerwohnungsziffer von 0,36 Prozent. [30] Heute führe der freie und günstige Wohnraum zu einem ‹Migrationsdruck aus Zürich und Zug›, sagte Stadtpräsident Francois Scheidegger der Autorin in einem Interview. Gemeint ist ein Sozialhilfetourismus von Fürsorgeempfängern, denen die Mieten in Zürich oder Zug zu hoch sind. Unter anderem deshalb ist die Sozialhilfequote in Grenchen doppelt so hoch wie im Schweizer Durchschnitt. Auch wenn der Film genauso wenig die Stadt porträtierte wie er deren Wohn- oder Siedlungsstruktur behandelte, sei noch dies angemerkt: Zur Illustration waren im Film neben Gebäuden der Wohnquartiere der Protagonisten auch andere Gebäude wie das Bürgergemeindehaus, die erfolgreiche Uhrenfirma ETA oder das Hotel de Ville zu sehen.

Beanstander E kritisiert den Film, er berücksichtige nicht das ‹… Wirtschaftswachstum von Grenchen in den letzten Jahren›.

Der Verfasser der Beanstandung beklagt, der Autorin Karin Bauer sei unbemerkt geblieben, dass in Grenchen in den letzten 10 Jahren 12% neue Stellen geschaffen wurden. Richtig ist: Von 2005-2015 wuchs die Zahl der Beschäftigten in Grenchen um 11,9%. Schweizweit aber wuchs die Zahl der Beschäftigten in dieser Periode um 14,4%. Der lokale ‹Gewinner› war übrigens der Bezirk Gäu mit einem Wachstum der Beschäftigten um 17%. Dies gemäss einer Studie der Wirtschaftsförderung des Kantons Solothurn.[31] Weder die wirtschaftliche Entwicklung noch die Stellenentwicklung Grenchens waren aber Thema des Films. Wirtschaftszahlen wurden im Film nur im Zusammenhang mit den porträtierten Ehepaaren genannt.

Bezüglich der Arbeitsplätze heisst es im Kommentartext des Films, dass ‹die Boomjahre längst vorbei› und ‹hunderte Stellen weg› seien (Timecode 13:10). Diese Informationen sind korrekt, denn sie beziehen sich auf die Boomjahre der Uhrenindustrie in den 1960er Jahren, also auf die Zeit vor den zwei Uhrenkrisen in den 1970er und 1980er Jahren. (…)

In Grenchen bleibt die konjunkturanfällige Uhrenindustrie ein Klumpenrisiko. Die Stadt hat den Strukturwandel hin zu einer anderen Branche nicht geschafft (wie es im Film bei Timecode 13:15 heisst). Zwar versucht die Stadt, Hightech-Arbeitsplätze im Medizinalbereich anzusiedeln, aber sie machen erst 3% der Beschäftigten aus.[32] Der Dienstleistungssektor ist ‘notorisch unterentwickelt’ wie das Grenchner Tagblatt schreibt. Mit 53,7% Industrieanteil (Schweizer Durchschnitt: 21,4%) hat die Stadt eine Struktur wie die Schweiz vor einem halben Jahrhundert.

Im Städteranking der ‹Bilanz› ist Grenchen von 2016 bis 2017 von Platz 122 auf Platz 108 von 162 Städten vorgerückt. Erhoben werden die Daten von der Immobilienfirma Wüest und Partner. Der Grund des Aufstiegs liegt vor allem in den Faktoren ‹Gesundheit/Sicherheit› ‹Bevölkerung/Wohnen› und ‹Erholung› aber nicht beim Thema ‹Arbeitsplatz›.[33] Spitzenwerte in Sachen Erholung weise Grenchen auf, weil das Bevölkerungswachstum im schweizweiten Vergleich unterdurchschnittlich sei: Zwischen 2008 und 2017 sei die Bevölkerung um 7,5% gewachsen, andere Städte aber weisen ein doppelt so hohes Bevölkerungswachstum auf. Kommt dazu, dass es sich bei den Zugewanderten überdurchschnittlich häufig um Ausländer handelt (2008-2017 32,3% zugewanderte Ausländer in Grenchen, Schweizer Schnitt 27,3%).[34] Im Grenchner Gemeinderat wurde darum moniert, dass die Zuzüger schlechte Steuerzahler seien.[35]

Trotz der neu geschaffenen Stellen ist Grenchens Nettoertrag aus Steuern von 2013 bis 2016 um 20% gesunken. <Wir mussten feststellen, dass die Steuererträge massiv eingebrochen sind, insbesondere bei den juristischen Personen>, sagte der Stadtpräsident im Grenchner Tagblatt vom 28.12.2017. Wegen der Finanzmarktkrise und dem Frankenschock hätten die Firmen in Grenchen weniger Steuern bezahlt.[36] Und das Budget 2018 weist trotz ein Kürzungsrunde immer noch ein Defizit von 2,782 Millionen auf. Der Finanzierungsfehlbetrag beträgt über 7,62 Millionen.[37] Grenchen erhält 2018 fast 1,1 Million aus dem kantonalen Finanzausgleich, wie die ‹Solothurner Zeitung› im Juli 2017 schrieb.[38]

Das Wachstum der Beschäftigten in Grenchen von 2005-2015, das auch vom Bieler Tagblatt-Artikel ins Feld geführt wird, wird gleich dreimal relativiert: Vom schweizweiten Vergleich (+14,4% im Vergleich zu +11,9% in Grenchen). Das ‹Bilanz›-Städteranking ergibt, dass die Attraktivität von Grenchen als Arbeitsort von 2013-2015 gesunken sei. Erst 2016 besserten sich die Werte wieder. Aktuell liegt Grenchen im Bereich ‹Arbeitsmarkt› auf Rang 121, d.h. 74% der untersuchten Gemeinden haben bessere Arbeitsmarktbedingungen.[39] In der ‹Weltwoche›-Studie liegt Grenchen im Bereich ‹Arbeitsmarkt› sogar nur auf Platz 850, d.h. unter den letzten 10% der untersuchten Gemeinden. (…)»[40]

Ergänzungen zur Beanstandung 5450 (Beanstander F)

«(…) Wir nehmen zu den einzelnen Vorwürfen von Beanstander F wie folgt Stellung:

1. «Der Film hat einseitig Einwohner Grenchens ausgewählt»

Die Auswahl der drei Ehepaare haben wir sorgfältig getroffen, um einen Teil unserer Gesellschaft abzubilden, der mit dem abstrakten Begriff der «schweigenden Mehrheit» beschrieben wird. Wir haben Ehepaare aus unterschiedlichen Milieus ausgewählt: aus verschiedenen (Bildungs-)Schichten und Berufsgattungen, Schweizer und Ausländer, Arbeiterschicht und Mittelklasse. Sie arbeiten in der Uhrenindustrie, in der Verwaltung, am Kinder-Mittagstisch, in der Gastronomie. Bei der Auswahl der beiden Schweizer Ehepaare war ihr Abstimmungsverhalten entscheidend: Beide Ehepaare sagten mehrmals Ja zu den bilateralen Verträgen in den 2000er Jahren. Im Jahre 2014 aber befürworteten sie beide die Initiative gegen Masseneinwanderung.

Anhand der drei Ehepaare werden die Leitfragen des Films thematisiert. Die Autorin wollte von ihnen wissen, warum Politikverdrossenheit, Ängste und Skepsis gegenüber Fremden, Globalisierung und Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Politik weit verbreitet sind. Der Film ging den Fragen nach, was diese schweigende Mehrheit umtreibt und wie dieser Teil unserer Gesellschaft tickt, der nie oder nur selten wählt oder abstimmt und sich im Normalfall schon gar nicht öffentlich äussert. (…)

2. <Der Film verstösst gegen das Sachgerechtigkeitsgebot>

In den Augen von Beanstander F ist der Film ‹ein raffiniertes Werk der negativen Propaganda›. Wir sind der Meinung, dass der Film sachgerecht ist. Weil er die Sorgen und Hoffnungen von vielen Menschen angesichts der Globalisierung am Beispiel von drei porträtierten Ehepaaren wahrheitsgetreu darstellt und diese Sorgen in grössere Zusammenhänge stellt. Es stehen Menschen aus unterschiedlichen Schichten, Parteien, Berufsgattungen und Nationalitäten im Fokus.

Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie zur ‹Schweigende Mehrheit› gehören: Sie sind politikverdrossen und tun ihre Meinung lieber nicht öffentlich kund. Exemplarisch zeigt sich dies während der Szenen im Schrebergarten, als Jungpolitiker Elias Meier erfolglos versucht, zwei Ehepaare für ein Bürgerforum zu gewinnen (Timecode 34:26). Auch der Protagonistin Ursula Müller ist es unangenehm, öffentlich über ihre Sorgen zu reden, dass nämlich Asylbewerber ihrer Meinung nach viel Fürsorgegeld kosten (Timecode 6.30).

Es war nie Absicht des Filmes, Grenchen negativ darzustellen und diese Stadt auf ‹alternde fremdenfeindliche und technologisch abgehängte Kleingeister› zu reduzieren, wie der Verfasser der Beanstandung schreibt. Grenchen war nicht Thema des Films, sondern nur Schauplatz.

3. <Wer Interviews gibt, wird mit Fangfragen verheizt>

Alle Protagonistinnen und Protagonisten konnten sich frei vor der Kamera über ihre Ängste und Hoffnungen äussern. Es wurden keine Fangfragen gestellt, ihnen wurde nichts suggeriert. Oft drehte die Kamera ausserdem Gespräche unter den Protagonistinnen und Protagonisten, ohne dass die Autorin interveniert hätte. Beim Schnitt des Films wurde bewusst darauf geachtet, viele solcher Szenen zu zeigen.

Die Autorin stellt offene Fragen und fragt nach, wenn die Protagonistinnen und Protagonisten in den Gesprächen eine thematische Richtung erkennen lassen. Beispielsweise in der Szene bei Timecode 6:14: <Beim Energiegesetz stimmen wir mit der SVP, wenn wir ‘nein’ stimmen>, sagt FDP-Mitglied Renato Müller. Nachfrage Autorin: <Seid ihr noch häufig auf SVP-Position?>.

4. <Die Kommentare stellen die Arbeitnehmer als Simpel dar, die vom Technologiewandel abgehängt wurden>

Der Kommentar im ist Film bewusst spärlich gehalten. In erster Linie orientiert und führt er das Publikum. Oder er macht eine politologische Einordnung, indem er im Zusammenhang mit dem Ehepaar Müller beispielsweise erwähnt, dass viele Leute der unteren Mittelschicht rechtskonservativ wählen (Timecode 11.00). Eine Information, die auf Studien beruht: Bei den Nationalratswahlen 2015 machten Leute, die zwischen 4000 und 6000 Franken verdienen, den grössten Anteil der SVP-Wähler aus.[41]

Die Kommentartexte stellen die Arbeiter nicht als Simpel dar. Auch werden die Protagonistinnen und Protagonisten nicht als ‹reaktionäres Kleinbürgertum› dargestellt, wie der Verfasser der Beanstandung kritisiert. Der Film nimmt die Ängste und Sorgen aller Protagonisten ernst, der einfachen Arbeiter und der Bürgerlichen. Er lässt sie alle breit zu Wort kommen. Dort, wo die Ängste umstritten oder unbegründet sind, ordnet der Kommentartext die Aussagen ein. Beispielsweise wird erklärt, dass Ursula Müller keine wirtschaftlichen Sorgen hat, aber in einer Gemeinde lebt, in der die Sozialhilfequote überdurchschnittlich hoch ist (Timecode: 6.59).

Auch die von Beanstander F als ‹hilflos› umschriebenen Aussagen der Teilnehmer an der SP-Versammlung werden im Kommentartext nicht gewertet, sondern so dargestellt, wie sie gemacht wurden. Die Aussage des SP-Politikers, dass man sich künftig auf die Wähler des Mittelstandes ausrichten wolle (Timecode: 17.00), spiegelt eine politische Entwicklung der SP wieder. Längst ist die Partei nicht mehr die Partei der Arbeiterinnen und Arbeiter, sondern des gut ausgebildeten Mittelstandes.[42]

Die Frage nach dem Schweinefleisch beim Mittagstisch stellt sich für die Autorin, weil es in Deutschland, aber auch vereinzelt in der Schweiz Schulen gibt, die aufgrund des hohen Anteils an Muslimen ganz auf Schweinefleisch verzichten.

5. <Tendeziöse Darstellung Grenchens in Bild und Ton>

Die Uhrenfabrik oder die Wohnblöcke im Lingeriz-Quartier wurden nicht gezeigt, um <…das Negativbild von Grenchen zu verfestigen<, wie Beanstander F in seiner Beanstandung schreibt. Es handelt sich vielmehr um die Fabrik, in der Frau von Burg arbeitet und um das Quartier, in dem die Protagonisten-Familie Djokic lebt.

Grenchen verfügt abgesehen davon über verhältnismässig viel günstigen und freien Wohnraum. 2017 betrug der Leerwohnungsbestand in Grenchen 2.64 Prozent, diese Zahl gilt unter Experten als hoch. Während der wirtschaftlich besten Zeiten Grenchens vor 50 Jahren war es genau umgekehrt: 1967 war Grenchen eine boomende Arbeiterstadt mit einer Leerwohnungsziffer von 0,36 Prozent. [43] Heute führe der freie und günstige Wohnraum zu einem ‹Migrationsdruck aus Zürich und Zug›, räumte Stadtpräsident François Scheidegger gegenüber der Autorin in einem Hintergrundgespräch ein. Gemeint ist ein Sozialhilfetourismus, der u.a. dazu führt, dass die Sozialhilfequote in Grenchen doppelt so hoch ist, wie im Schweizer Durchschnitt.

Auch wenn der Film genauso wenig die Stadt porträtierte wie er deren Wohn- oder Siedlungsstruktur behandelte, wollen wir hier doch noch anmerken, dass im Film neben den Gebäuden der Wohnquartiere der Protagonisten und der Uhrenfabrik auch diverse andere Gebäude wie das Bürgergemeindehaus, die erfolgreiche Uhrenfirma ETA oder das Hotel de Ville zu sehen waren.

6. <Keine Interviews mit Arbeitnehmern und Patrons von erfolgreichen Unternehmen>

Der Verfasser der Beanstandung beklagt, die Autorin habe es unterlassen zu erwähnen, dass Grenchen über einen internationalen Flughafen und viele kulturelle Angebote verfüge. Ebenso unerwähnt blieben erfolgreiche Patrons von Unternehmen oder die Tatsache, dass in Grenchen in den letzten 10 Jahren 11.9% neue Stellen geschaffen wurden. Richtig ist: Von 2005-2015 wuchs die Zahl der Beschäftigten in Grenchen um 11,9%. Der lokale ‹Gewinner› war übrigens der Solothurner Bezirk Gäu mit einem Wachstum der Beschäftigten um 17%. Schweizweit aber wuchs die Zahl der Beschäftigten in dieser Periode um 14,4%. Dies gemäss einer Studie der Wirtschaftsförderung des Kantons Solothurn.[44] (…).»

Ergänzungen der Redaktion

1. Bereichsleiter Daniel Pünter gab folgende zusätzliche Erklärung ab, die auf der SRF-Website aufgeschaltet ist:[45]

«François Scheidegger, Stadtpräsident von Grenchen, hält gegenüber SRF fest, dass aus Sicht vieler Grenchnerinnnen und Grenchner der DOK-Film «Die schweigende Mehrheit» die Stadt viel zu negativ darstelle. Insbesondere werde nicht auf die positiven wirtschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre eingegangen.

François Scheidegger sagt: <Unsere Stadt ist eine der Top-Entwicklungsstandorte des Vereins Hauptstadtregion Schweiz. Und, sie gehört übrigens zu den sichersten Städten der Schweiz.>

Die Zahl der Beschäftigten in der Stadt Grenchen stieg zwischen 2005 und 2015 tatsächlich um 11,9 Prozent. In der Uhrenindustrie stieg die Zahl der Angestellten in der Stadt Grenchen gemäss Bundesamt für Statistik von 2005 bis 2014 um 989 Personen.

Weitere Informationen der Stadt Grenchen finden Sie auf der Homepage www.grenchen.ch

Daniel Pünter, Bereichsleiter DOK und Reportagen, SRF, 23.04.2018

2. Die Autorin Karin Bauer gab dem «Grenchner Tagblatt» ein Interview.[46]

 

C. Zwischenfazit des Ombudsmannes. Aufgrund der heftigen Reaktionen in Grenchen und Umgebung auf den DOK-Film «Die schweigende Mehrheit» habe ich mich entschlossen, eine Aussprache zwischen den Hauptbeteiligten zu organisieren. Leider erwies es sich als unmöglich, einen Termin innert nützlicher Frist zu finden, den alle Beanstander wahrnehmen konnten. Verschiedene Beanstander wiesen indes darauf hin, dass sie es wichtig fänden, dass der Stadtpräsident als Gesprächspartner der Verantwortlichen des Fernsehens SRF auftritt, was jetzt in der vereinbarten Aussprache der Fall sein wird.

Ich stelle fest, dass die Redaktion der Sendung DOK Grenchen als pars pro toto nehmen wollte, um ein Porträt von Angehörigen der politisch «schweigenden Mehrheit», Globalisierungsverlierern, Desinteressierten und von Zukunftsängsten Geplagten zu zeichnen. Die Repräsentanten der Stadt Grenchen und Engagierte aus der Bevölkerung haben hingegen den Film ausschliesslich als Porträt von Grenchen wahrgenommen, und zwar als einseitiges, «destruktives».

Es stellen sich im Nachgang zu den Beanstandungen und zur Stellungnahme der Redaktion folgende Fragen:

1.Welche Alternativen hatte das Fernsehen, wenn es darum ging, das Denken von Globalisierungsverlierern und politisch «Abgehängten» an konkreten Beispielen zu veranschaulichen?

2. Hätten Grenchner anders reagiert, wenn die Protagonisten aus unterschiedlichen Gemeinden gestammt hätten, beispielsweise aus Grenchen, aus Emmen und aus Dübendorf?

3. Inwiefern handelte es sich beim DOK-Film um Thesenjournalismus?

4. Was tut Grenchen selber, um sein Image zu pflegen und zu verbessern?

5. Wie kommt Grenchen insgesamt und langfristig in der Berichterstattung von Radio und Fernsehen SRF (Regionaljournal, «Schweiz aktuell», Wirtschaft) vor?

6. Was sind die Lehren aus der «Affäre» für die Redaktion DOK von Fernsehen SRF?

7. Was die die Lehren aus der «Affäre» für die Stadt Grenchen?

Diese Fragen sollen an der Aussprache angegangen werden.

Das weitere Vorgehen ist folgendes:

Nach der Aussprache erhalten alle Beanstander einen Kurzbericht über ihre Ergebnisse. Außerdem verfasse ich meinen Schlussbericht, in dem ich meinerseits zur DOK-Sendung «Die schweigende Mehrheit» Stellung nehme. Der Schlussbericht ist dann die Grundlage für eine allfällige Beschwerde bei der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI). Die Beschwerde hat sich allerdings nicht gegen den Schlussbericht zu richten, da die Ombudsstelle keine erste Instanz ist und nur Vermittlungs-, Beratungs- und Einschätzungsfunktion hat und keinen Entscheid fällt. Die Beschwerde vor der UBI richtet sich erneut gegen die DOK-Sendung. Dem Schlussbericht wird eine Rechtsbelehrung beiliegen.


[1] Beilage 1

[2] Beilage 1 und Beilage 2

[3] Beilagen 3 und 4

[4] Siehe Rolf H. Weber, Rundfunkrecht, zu Art. 4 RTVG N 11

[5] Weber, a.a.O. zu Art. 4 RTVG N 20

[6] Beilage 4

[7] Siehe Rolf H. Weber, a.a.o., Vorbemerkung zu Art. 4 RTVG

[8] Weber, a.a.O. zu Art. 4 RTVG N 22

[9] Weber, a.a.O. Art. 4 RTVG N 32

[10] Vgl. Beilage 1 Artikel «Solothurner Zeitung» Nov 2017 «Die strukturellen Probleme häufen sich»

  und Beilage 2 «Wer sich wie stark aus dem Honigtopf bedienen darf» Solothurner Zeitung 05.07.2017

[11] Vgl. Beilage 3, «Desinteressiert, hochzufrieden, inkompetent», NZZ am Sonntag, 19.4.2015

[12] Vgl. Beilage 4, gemäss der Selects-Studie kippten 10% der FDP-Wähler zur SVP bei den

  Nationalratswahlen 2015

[13] Siehe Artikel WOZ, Interview mit Politologin Silja Häusermann Link WOZ Artikel

[14] Vgl. Beilage 5 «Halbierung der Arbeitsplätz», Stadtchronik Grenchen, Historiker Kauz

[15] Vgl. Beilage 1 Artikel «Solothurner Zeitung» Nov 2017 «Die strukturellen Probleme häufen sich»

  und Beilage 2 «Wer sich wie stark aus dem Honigtopf bedienen darf» Solothurner Zeitung 05.07.2017

[16] Vgl. Beilage 6, Beschäftigungsentwicklung 2005–2015, Studie Wirtschaftsförderung Kt. Solothurn

[17] Vgl. Beilage 7 und 8, Ranking «Bilanz» und «Weltwoche»

[20] Siehe Artikel WOZ, Interview mit Politologin Silja Häusermann Link WOZ Artikel

[21] Vgl. die Beilage 9, Studie Thomas Kurer «The declining middle: Political reactions to occupational

   change”

[22] Vgl. Beilage 10, BEVO Kt Solothurn, Stand 31.12.2017

[23] Vgl. Beilage 7 und 8, Ranking «Bilanz» und «Weltwoche»

[24] Vgl. dazu die Beilage 11, «Eine Stadt macht sich klein», Kommentar der Zeitung Bund (26.4.2018)

[28] Beilage 1, Tagesanzeiger «Kaum einer geht wählen»

[30] Beilagen 3 und 4: Artikel «Schweiz am Sonntag» vom 12.8.2017 und «Solothurner Zeitung»

  vom 1.9.2017

[31] vgl. Beilage 5, Beschäftigungsentwicklung 2005-2015, Studie Wirtschaftsförderung Kt. Solothurn

[32] Vgl. Beilage 7, Bundesstatistik, Zeile „Herstellung von Mess-, Kontroll-, (…) u.ä. Instrumenten»

[33] Vgl. Beilage 9, Bilanz-Städteranking Grenchen 2017 von «Wüest und Partner»

[34] Vgl. Beilage 10, Bilanz-Städteranking, „Wüest und Partner“, Thema 1: Bevölkerungsentwicklung/

    ausländ Bevölkerung

[35] vgl. Beilage 11 «Solothurner Zeitung» Nov 2017 «Die strukturellen Probleme häufen sich»

[39] Vgl. Beilage 9, Bilanz-Städteranking Grenchen 2017 von «Wüest und Partner»

[40] Vgl. Beilage 8, Städteranking Weltwoche, Grenchen 2017, "IAZI“

[41] Vgl.  http://forscenter.ch/wp-content/uploads/2013/10/Selects-2015-Brochure-DE1.pdf,

  Seite 12 Grafik 5 «Wahlentscheid nach ausgewählten sozialen Merkmalen»

[43] Vgl. Beilagen 3 und 4, Artikel «Schweiz am Sonntag» vom 12.8.2017 und «Solothurner Zeitung»

  vom 1.9.2017

[44] Vgl. Beilage 5, Beschäftigungsentwicklung 2005 -2015, Studie Wirtschaftsförderung Kt. Solothurn

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