SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

Sendehinweise und Anmoderationen zum Wetter/Klima beanstandet

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Mit Ihrem Brief vom 2. August 2018 beanstandeten Sie Aussagen in der «Tagesschau» (Fernsehen SRF) vom 27. Juli 2018 und vom 1. August 2018 und dort jeweils Sendehinweise/Anmoderationen zum Wetter/Klima.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

Als Gründungsmitglied des ‘Klimamanifest von Heiligenroth’ [2] beschwere ich mich über zwei irreführende und belegbar-falsche Behauptungen in der SRF ‘TAGESSCHAU’ am Freitag, 27.07.2018 und Mittwoch, 01.08.2018, jeweils in der 19 Uhr 30-Ausgabe. Konkret geht es um folgende zwei Behauptungen:

1.
Am Freitag, 27.07.2018 um ca. 19Uhr55 in der SRF1 ‘TAGESSCHAU’ behauptete Andrea Vetsch in Ihrer Ankündigung für einen Sendebeitrag über die Arktis bzw. Spitzbergen in der Abendsendung von ‘10vor10’ am gleichen Tag, wortwörtlich:

<Und dann reisen wir in unserer Arktis-Serie ans Ende der Welt zu den Spitzbergen. Dort hat das Wetter der Schiffscrew einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es regnet und windet in der Arktis, dabei sollte es eigentlich jetzt trocken und warm sein. Auch das ist Klimawandel.>

Andrea Vetsch beschreibt eindeutig ein Wetter-Phänomen und verwendet auch korrekt den Begriff ‘Wetter’, als sie sagte: <Dort hat das Wetter der Schiffscrew einen Strich durch die Rechnung gemacht.> Im Anschluss an diesen Satz konkretisiert dann Andrea Vetsch diese Wetter- Phänomen, um dann danach fälschlich zu behaupten: <Auch das ist Klimawandel.> Diese Täuschung und Irreführung der Zuschauer ist mir bereits bei zahlreichen Journalisten und Journalistinnen im deutschen Sprachraum in den letzten Wochen und Monaten aufgefallen, die ein vermeintlich ‘klimaideologisch-passendes"’Wetter- Phänomen dem angeblich [menschgemachten] Klimawandel zuschreiben, obwohl es für diese Hypothese bis heute keinen einzigen wissenschaftlichen Beweis gibt.
‘Klima’ wird bekanntlich wissenschaftlich definiert als ein Zeitraum des Wetters von mindestens 30 Jahren in einem bestimmten Gebiet, der statistisch erfasst wird und der dann mit einem anderen 30-jährigen Zeitraum verglichen wird. Erst ein Vergleich mindestens zweier solcher 30-jähriger Wetter-Zeiträume lässt eine ansatzweise seriöse Aussage über einen natürlichen (wohlgemerkt: natürlichen) Klimawandel zu. Aber diese statistisch-erfassten Wetterzeiträume von mindestens 30 Jahren liefern trotzdem bis heute keinen einzigen wissenschaftlichen Nachweis/Beweis, dass diese statistisch-erfasste Klimaveränderung ihre gesamte oder teilweise Ursache in einem vom mensch-verursachten CO2-Ausstoss hat.

Andrea Vetsch hatte in Ihrer Anmoderation am 28.07.2018 aber die These suggestiv und unmissverständlich verbreitet, dass ein Wetterumschwung in Spitzbergen von einem Tag auf den anderen Tag ein angeblicher Nachweis für einen angeblich [menschgemachten] Klimawandel sei. Diese Behauptung von Andrea Vetsch war deshalb falsch und unwahr.

Ich hatte Andrea Vetsch bereits über andere sog. ‘soziale Medien’ und auch über andere SRF Kollegen, die mir persönlich bekannt sind, in den letzten Tagen gebeten, Ihre Falschbehauptung vom 27.07.2018 richtig zu stellen, aber eine Reaktion von Seiten Andrea Vetsch erfolgte bis heute nicht, was somit auch eine Beschwerde beim SRG-Ombudsmann begründet und notwendig machte.

Auf den nächsten Seiten erfahren Sie zusammengefasst, warum seit über 150 Jahren eine gefährliche Erderwärmung bzw. ein menschgemachter Klimawandel definitiv NICHT EXISTIERT:

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2.
Am Mittwoch, 01.08.2018 um ca. 19Uhr43 behauptete Franz Fischlin in seiner Anmoderation eines Beitrags über einen angeblich zukünftig-notwendigen Hausbau in der Schweiz:

<In diesen heissen Tagen laufen sie wie verrückt: Klimaanlagen in Büros oder Läden, Restaurants und auch in Wohnungen. Ein Szenario, dass auch in Zukunft immer wieder auftreten könnte. Bis ins Jahr 2100 könnte sich das Klima in der Schweiz zwischen 3,2 und 4,8 Grad erwärmen. So eine von mehreren Klimaprognosen des Bundes.>

Auch in dieser Anmoderation von Franz Fischlin offenbart sich ein grundlegender Fehler deutschsprachiger Journalisten, wenn sie von ‘Klima’ reden. Denn Franz Fischlin vermischt in seiner Anmoderation die Definition von ‘Szenario’ und ‘Prognose’. Denn defacto gibt es aber bis heute keine einzige Klima-PROGNOSE des Bundes bis ins Jahr 2100. In Wahrheit sind es - wenn überhaupt - szenarienbedingte Klima-PROJEKTIONEN, die der Bund aufgestellt hat. Die wichtige + und zwingend-notwendige Trennung der Fachbegriffe ‘Prognose’, ‘Szenario’ und ‘Projektion’ erklären sogar auch aktuelle Schulbücher, hier SCHROEDEL/WESTERMANN/SEYDLTIZ, Geographie, Hessen, 2016:

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Auch Thomas Bucheli von ‘SRF METEO’ wird Franz Fischlin mit Sicherheit im Detail erklären können, warum es heutzutage keine [seriösen und glaubwürdigen] Klimaprognosen für das 2100 geben kann. Deshalb ist für mich unverständlich, wieso Franz Fischlin so etwas behaupten kann, wo doch auch sein Bruder Andreas Fischlin einer der führenden Schweizer Klimaforscher ist, der ebenfalls definitiv bestätigen kann und wird, dass Klimaforscher keine KLIMA-Prognosen für das Jahr 2100 aufstellen.

Nachfolgend zusätzlich zum Manifestierung meiner Argumentation ein einschlägiger Ausschnitt aus der Seite 362 aus einem studentischen Lehrbuch "Klimatologie" des Frankfurter Uni Professers Christian-D. Schönwiese aus dem Jahr 2013:

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B. Die zuständigen Redaktionen erhielten Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Die Beanstandung betrifft zwei Sendungen. Zur ersten Sendung, der «Tagesschau» vom 27. Juli 2018, äußerten sich Herr Christian Dütschler, Redaktionsleiter von «10 vor 10», und Frau Corinne Stöckli, Redaktorin von «10 vor 10», wie folgt:

«Mit Mail vom 2. August hat Herr X eine Beanstandung gegen zwei Moderationen in den Tagesschau-Sendungen vom 27. Juli und vom 1. August eingereicht.

Bei der Sendung vom 27. Juli geht es um die Vorankündigung der Sendung 10vor10 innerhalb der Tagesschau. Bei der Sendung vom 1. August um die Anmoderation eines Tagesschau-Beitrages. Die beiden Redaktionen Tagesschau und 10vor10 nehmen separat Stellung. Danach folgen grundsätzliche Überlegungen zur Thematik.

Vorankündigung 10v10 in der Tagesschau vom 27. Juli

Der Beanstander kritisiert die Ankündigung eines 10vor10-Beitrages über die Arktis. Der Beitrag  ist der zweite Teil der fünfteiligen Serie ‘Reise ans Ende der Welt’ [3], die wir in unregelmässigen Abständen vom 24. Juli 2018 bis zum 7. August 2018 ausgestrahlt haben.  Die Serie begleitet fünf junge Schweizer Forscherinnen und Forscher auf ihrer Reise mit dem Schiff durch die Arktis, um die Folgen des Klimawandels aufzuzeigen.

Anzumerken ist, dass der Beanstander offenbar weder am angekündigten Beitrag selbst, noch an einem anderen Teil der Arktis-Serie, kritische Inhalte festgestellt hat. Seine Kritik beschränkt sich jedenfalls auf die Ankündigung des 2. Teils der Serie ‘Reise ans Ende der Welt’ in der Tagesschau. Diese Ankündigung wurde am Ende der Hauptausgabe der Tagesschau von der 10vor10-Moderatorin live verlesen. Sie lautete wörtlich:

<Und dann reisen wir in unserer Arktis-Serie ans Ende der Welt, zu den Spitzbergen. Dort hat das Wetter der Schiffs-Crew einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es regnet und windet in der Arktis, dabei sollte es jetzt eigentlich trocken und warm sein - auch das ist Klimawandel.>

Der Beanstander ist grundsätzlich der Meinung, dass <seit über 150 Jahren eine gefährliche Erderwärmung bzw. ein menschgemachter Klimawandel definitiv nicht existiert>. Konkret kritisiert er an der oben zitierten Ankündigung: <Andrea Vetsch hatte in ihrer Anmoderation vom 28.7.2018 aber die These suggestiv und unmissverständlich verbreitet, dass ein Wetterumschwung in Spitzbergen von einem Tag auf den anderen Tag ein angeblicher Nachweis für einen angeblichen [menschgemachten] Klimawandel sei.> Gerne nehmen wir zu dieser Kritik Stellung.

Vorab möchten wir auf die Bedeutung der Ankündigung generell hinweisen: Am Ende der Hauptausgabe der Tagesschau hat die 10vor10-Moderatorin jeweils die Gelegenheit, das Publikum in wenigen Sätzen auf den Inhalt der späteren 10vor10-Sendung hinzuweisen. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Vermittlung von Fakten, sondern darum, das Tagesschau-Publikum für die spätere Sendung zu interessieren. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein solcher Teaser – ähnlich einer Schlagzeile – inhaltlich besonders verkürzt sein muss. Selbstverständlich muss auch ein solcher Teaser korrekt formuliert sein, die Fakten-Vermittlung steht hier aber nicht im Vordergrund. Wichtig scheint uns auch, dass die Ankündigung nicht für sich steht, sondern ein integraler Teil der Berichterstattung zum angekündigten Thema ist.

Ebenfalls vorab möchten wir anmerken, dass entgegen der vom Beanstander geäusserten Ansicht unter dem weitaus grössten Teil der Wissenschaftler der Konsens besteht, dass die Erwärmung des Klimasystems eine Tatsache ist, wobei sie es als äusserst wahrscheinlich betrachten, dass der Einfluss des Menschen die Hauptursache der beobachteten Erwärmung seit Mitte des 20. Jahrhunderts war (vgl. dazu den fünften und aktuellsten Bericht des Weltklima-Rates aus dem Jahr 2013 [4]; eine interessante Zusammenfassung der Fakten zum Klimawandel hat Die Zeit im Artikel ‘Mit Fakten gegen jede Zweifel’  im Jahr 2017 publiziert [5]). Auf die grundsätzliche Kritik des Beanstanders am (menschgemachten) Klimawandel möchten wir aufgrund der oben erwähnten Faktenlage nicht tiefer eingehen.

Hingegen wirft uns der Beanstander bezüglich unserer Ankündigung in der Tagesschau konkret vor, wir hätten das aktuelle Wetter in der Arktis als ‘angeblichen Nachweis’ für einen ‘angeblichen Klimawandel’ missbraucht. Dazu möchten wir gerne vertieft eingehen:

Klimaforscher stellen fest, dass es in der Arktis tatsächlich mehr Niederschläge in Form von Regen gibt. Sie sprechen von einer ‘bedeutenden Zunahme’ der Niederschläge im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Dies zeigen einerseits die Daten (Beobachtungen, Messungen), aber auch die Klimamodelle, welche die CO2-Werte miteinbeziehen (vgl. ‘Twentieth-Century Trends of Arctic Precipitation from Observational Data and a Climate Model Simulation’ von Vladimir M. Kattsoy Voeikov und John E. Walsh, publiziert auf der Website der American Meteorological Society [6]).

Die Zunahme an Niederschlägen in der Arktis aufgrund des (menschgemachten) Klimawandels bestätigen auch folgende Auszüge aus dem Arctic Climate Impact Assessment ACIA aus dem Jahr 2004 [7], erstellt im Auftrag des Arktischen Rates:

<Earth’s climate is changing, with the global temperature now rising at a rate unprecedented in the experience of modern human society. (…) These climate changes are being experienced particularly intensely in the Arctic. Arctic average temperature has risen at almost twice the rate as the rest of the world in the past few decades. (…) An acceleration of these climatic trends is projected to occur during this century, due to ongoing increases in concentrations of greenhouse gases in the earth’s atmosphere.  (S.8)

Arctic precipitation has increased by about 8% on average over the past century. Much of the increase has come as rain, with the largest increases in autumn and winter. Greater increases are projected for the next 100 years. (S.12)

Global warming will lead to increased evaporation and in turn to increased precipitation (this is already occurring). Over the Arctic as whole, annual total precipitation is projected to increase by roughly 20% by the end of this century, with most of the increase coming as rain.
(Auszug aus den detaillierten ‘Supporting Evidence for Key Findings’ zum ACIA, S.29)

Dass es aufgrund des menschgemachten Klimawandels mehr Regen in der Arktis gibt und geben wird, ist also eine Tatsache.

Anders als der Beanstander meint, haben wir in der 10vor10-Ankündigung in der Tagesschau (<Es regnet und windet in der Arktis, dabei sollte es jetzt eigentlich trocken und warm sein. Auch das ist Klimawandel.>) nicht behauptet, <dass ein Wetterumschwung in Spitzbergen von einem Tag auf den andern ein angeblicher Nachweis für einen angeblich (menschgemachten) Klimawandel sei.> Auch unserem Publikum dürfte klar sein, dass ein einzelner Wetterumschwung kein Beleg für den Klimawandel sein kann. Fakt ist aber, dass der Klimawandel (auch) in der Arktis wissenschaftlich anerkannt ist. Ebenso wissenschaftlich anerkannt ist, dass daraus bestimmte Wetterphänomene resultieren, wobei zunehmender Regen eines davon ist. Das in der Ankündigung aufgegriffene Wetter illustriert also den tatsächlichen Trend in der Arktis.  Mit anderen Worten: Wir sagen nicht, weil es jetzt regnet und stürmt, gibt es den Klimawandel. Sondern: Es regnet und stürmt - das zeigt exemplarisch, was der Klimawandel in der Arktis für Folgen hat.

Den Zusammenhang zwischen extremen Wetterphänomenen und dem Klimawandel haben wir im angekündigten Beitrag schliesslich noch verdeutlicht. In der Anmoderation hiess es wörtlich:

<Das Problem: Klimawandel bleibt für viele häufig ein papieriges, abstraktes Thema, selbst wenn wir, wie in diesen Tagen, mit aussergewöhnlichen Wetterphänomenen konfrontiert sind. Genau das möchte das Swiss Arctic Project ändern: Junge Leute sind mit einem Schiff hoch oben im Norden unterwegs (…) Am Dienstag verliess die San Gottardo den Hauptort Longyerbühen. Doch sie kamen nicht weit. Stürmischer Wind und Regen zwang die Crew zum Umkehren. Es sind Wetterkapriolen, die man sonst in der Arktis so nicht kennt. Was hat das mit dem Klimawandel zu tun? Das fragen sich auch unsere jungen Forscher.>

Im Beitrag wird auch aufgezeigt, was die Einheimischen vom Wetter halten:

Wir erhalten Besuch von den Sysselmannen, der Aufsichtsbehörde in Spitzbergen. Die beiden Herren wollen wissen, wieviele wir sind, und wie unsere Pläne aussehen. Wir fragen sie im Gegenzug, was sie vom Wetter halten.

Martin, Sysselmann :
<Seit 1994 hat es nicht mehr so viel geregnet im Juli, also ist es aussergewöhnlich regnerisch.>

Später im Beitrag wird aufgezeigt, welche Auswirkungen der Klimawandel auf das Wetter hat.

Hier ist es viel zu nass, weiter südlich in Europa viel zu trocken. Joelle Perreten hat Wetterphänomene studiert.

Joelle Perreten, Studentin Umwelt-Ingenieurwissenschaften
<Natürlich gibt es Änderungen, es wird voraussichtlich immer mehr extreme Wettersituationen geben. Das heisst: Mehr Regen aufs Mal, grössere Trockenheit auf ein Mal, es wird weniger ausgeglichen sein, das ist das was die Forscher zumindest sagen.>

Der Zusammenhang zwischen dem Wetter und dem Klimawandel wird also korrekt dargestellt.

Fazit Hinweis 10v10

Zusammenfassend sind wir der Meinung, dass die beanstandete Ankündigung in der Tagesschau keine ‘Täuschung oder Irreführung der Zuschauer’ zur Folge hatte. Als integraler Bestandteil der Berichterstattung verkürzt die Ankündigung kommende Inhalte naturgemäss. Diese werden aber im Beitrag selber klar und deutlich ausformuliert und differenziert dargestellt. Das Publikum hat so eine korrekte Vorstellung vom Zusammenhang zwischen dem aktuellen Wetterereignis und dem Klimawandel erhalten und konnte sich eine eigene Meinung bilden. Wir bitten Sie deshalb, die Beanstandung zurückzuweisen.»

Zur zweiten Sendung, der «Tagesschau» vom 1. August 2018, nahm Herr Franz Lustenberger, ehemaliger stellvertretender Redaktionsleiter der «Tagesschau», Stellung:

«In der Moderation wird von einem Szenario gesprochen, also von einer möglichen Entwicklung. Selbstredend gibt es bei einem möglichen Szenario auch andere mögliche Szenarien. In der sprachlichen Variation ist dann von einer von mehreren Klimaprognosen die Rede.
Eine Prognose ist eine Voraussage, die auf realen Daten der Vergangenheit, der aktuellen Situation und auf Modellen über eine zukünftige Entwicklung beruhen. Dabei spielen wissenschaftliche Erkenntnisse über Klima-Zusammenhänge eine wichtige Rolle. Ebenso wichtig sind mögliche Veränderungen der Parameter, welche in die Modellrechnungen einfliessen.

Letztlich entscheidend ist das Verständnis: Wie versteht ein durchschnittlich interessiertes Publikum das Gesagte. Franz Fischlin spricht von einer von mehreren Klimaprognosen. Er macht also deutlich, dass diese Aussage keinen Anspruch auf absolute Richtigkeit erhebt.

Das Publikum weiss aus Erfahrung, dass alle Prognosen, Projektionen und Szenarien mit Unsicherheitsfaktoren versehen sind. Die Wahrscheinlichkeit ihres Eintreffens ist umso grösser, je kürzer der Zeithorizont ist. Andererseits ist es auch eine Tatsache, dass sich Veränderungen der Parameter erst mit einer gewissen Verzögerung auswirken.

Die Tagesschau weist auf eine sinngemäss gleiche Beanstandung aus dem Jahre 2014 hin; damals berichtete die Tagesschau über die UNO-Klimakonferenz in Lima und verwendete damals zur Illustration einen ARD-Wetterbericht für das Jahr 2050. In der Folge hatte sich die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI damit zu befassen. Im Entscheid vom 5. Juni 2015 hält die UBI fest, dass im Lichte des Sachgerechtigkeitsgebotes nicht die sprachliche Formulierung entscheidend sei, sondern wie das Tagesschau-Publikum die Aussage im Kontext verstanden habe. Insbesondere sei es hinlänglich bekannt, <dass es nicht möglich ist, über einen längeren Zeitraum auch nur einigermassen genaue Wetterprognosen aufzustellen>[8].

Die Redaktion Tagesschau geht von einem mündigen Bürger, einer mündigen Bürgerin aus, die das Wort Szenario als eine mögliche Variante verstehen; vor allem dann, wenn in der Moderation noch explizit von <einer von mehreren Klima-Prognosen> die Rede ist.

Grundsätzliche Überlegungen

Der Beanstander hält in seinem Schreiben an mehreren Stellen fest, dass es keinen wissenschaftlichen Nachweis gebe, dass die Klimaveränderung ihre gesamte oder teilweise in einem vom mensch-verursachten CO2-Ausstoss habe.

Es ist richtig, ein wissenschaftlicher Nachweis mit einem Experiment ist nicht zu erbringen. Kein Wissenschaftler kann ein klassisches Experiment durchführen, in dem das Klima mit menschlichem Einfluss einem Klima ohne menschlichen Einfluss gegenübergestellt wird. Lukas Gudmundsson, Forscher an der ETH Zürich, hat dafür eine einleuchtende Erklärung: <Wir haben nur eine Welt.>[9]
Was aber zur Verfügung steht, sind lange Beobachtungsreihen von verschiedenen Wetter- und Klimadaten. Die in der Wissenschaft angewandte ‘Detection & Attribution’-Methode lässt den Schluss zu, dass die Klimaveränderung auch menschengemachte Ursachen hat.

Die renommierte Wochenzeitung «Die Zeit» hat unter dem Titel ‘Mit Fakten gegen jeden Zweifel’ verschiedenste Aspekte des Klimawandels dargestellt, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.[10]

Fazit Anmoderation Tagesschau

Die Tagesschau lehnt den Vorwurf der Täuschung und der Irreführung des Publikums ab. Die kritisierte Moderation basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wenn es um zukünftige Veränderungen des Klimas geht, ist explizit von Szenarien, respektive einer von mehreren Prognosen die Rede. Ich bitte Sie, die Beanstandung in diesem Sinne zu beantworten.»

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendungen. Ich kann mich eigentlich kurz faßen; es ist alles gesagt. Sie argumentieren auf zwei Ebenen: Einerseits leugnen Sie einen (von Menschen beeinflussten) Klimawandel, für den es aber ausreichend wissenschaftliche Belege gibt. Anderseits reiten Sie auf einzelnen Begriffen herum, die Ihrer Meinung nach falsch verwendet wurden. Was ist eine Prognose? Die wissenschaftlich begründete Voraussage einer künftigen Entwicklung, eines künftigen Zustands oder eines wahrscheinlichen Verlaufs. Was ist eine Projektion? Die Ableitung eines neuen in die Zukunft gerichteten Wertes aus bekannten statistischen Werten. Was ist ein Szenario? Ein Zukunftsmodell. Die drei Begriffe sind schwer auseinanderzuhalten, im Volksmund schon gar nicht. Das mündige Publikum verstand durchaus, was Franz Fischlin in seiner Anmoderation meinte. Und das mündige Publikum schloss aus dem Sendehinweis von Andrea Vetsch nicht, dass ein einzelner Wetterumschlag das Klima in der Arktis verändere. Ich muss vom gesunden Menschenverstand ausgehen. Die Zuschauerin und der Zuschauer, die die Sendungen mit gesundem Menschenverstand rezipierten, konnten sich nicht hinters Licht geführt fühlen. Das Publikum wurde daher nicht manipuliert. Und das heißt, dass ich Ihre Beanstandung nicht unterstützen kann.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

[10] Vgl. Fussnote 5.

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