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«Publikumsarena» zur Selbstbestimmungsinitiative beanstandet (II)

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Mit Ihrer E-Mail vom 20. Oktober 2018 beanstandeten Sie die «Publikumsarena» (Fernsehen SRF) zur Selbstbestimmungsinitiative vom 19. Oktober 2018.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

«Die SRF Redaktion Arena hatte in einem mehrmals ausgestrahlten Appell die Zuschauer aufgefordert, sich mit eigener Meinung zu der Selbstbestimmungsinitiative zu äussern. Ich nehme an, dass dann aus den Zuschauern, die sich gemeldet hatten, wurden ein paar ausgewählt, in der Arena eigene Meinung publik zu machen.

Als ein langjährigen Arena Zuschauer bin ich (leider) bereits gewöhnt, dass Herr Jonas Projer nicht gerade unabhängig als Moderator auftritt. Die meisten Politiker können aber zum Glück mit solchen verbalen Seitenhieben umgehen. Anders ist es natürlich bei gewöhnlichen Leuten, die auf Fernsehen Auftritte nicht gewöhnt sind. Da ich annehme, dass die Meinungen der ausgewählten Studiozuschauer Herrn Projer schon lange vor der Sendung bekannt waren – denn die Frau, die als Gegnerin der Initiative auftrat, konnte sich nicht verständlich artikulieren und Herr Projer hatte dann den Zuschauer erklärt, was die Frau eigentlich sagen wollte - finde ich absolut unanständig und eines ‘neutralen’ Moderator unwürdig, dass er den eingeladenen Befürworter der Selbstbestimmungsinitiative mehrmals unterbrach.

Ich weiss nicht, ob Herr Projer oder wer auch immer das Publikum auswählt. Es ist jedoch sehr bedenklich, wenn im Publikum Ständerat Daniel Jositsch SP sitzt, welcher als ein vehementer Gegner der Selbstbestimmungsinitiative mehrmals Wort ergreif/bekommt und im Ganzen redet fast so lang, wie die Politiker am Rednerpult.

Ich finde Sendungen wie Arena sehr interessant, informativ und sinnvoll. Leider, heute verkommt diese Sendung immer mehr und mehr zu einem Spiel mit Emotionen und wird so gelenkt, wie es Herr Projer passt.»

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für die «Arena» antwortete Herr Tristan Brenn, Chefredaktor von Fernsehen SRF:

«Mit Mail vom 20. Oktober hat Herr X eine Beanstandung gegen die Publikumsarena zur Selbstbestimmungs-Initiative vom 19. Oktober eingereicht.

Verständlichkeit von Teilnehmenden aus dem Publikum

Herr X kritisiert, dass sich eine Gegnerin der Initiative aus dem Publikum nicht verständlich artikulieren konnte. In der Tat hatte Frau Cornelia Boss Mühe, ihre Argumente klar vorzubringen. Dass in diesem Fall Moderator Jonas Projer sich die Mühe nahm, ihre Aussagen aufgrund des geführten Vorgesprächs zu formulieren, ist im Interesse der Sendung. Es gehört zur Aufgabe des Moderators, Meinungen aus dem Publikum verständlich zusammenzufassen und auf den Punkt zu bringen. Es ist auch im Interesse des Publikums vor dem TV-Gerät zuhause.

Die Teilnehmenden aus dem Publikum werden von der Redaktion vor der Sendung ausgewählt. Dabei spielen die inhaltlichen Aussagen und auch die Redegewandtheit eine wesentliche Rolle. Allerdings, ein Vorgespräch am Telefon über ein Thema ist nicht mit einem live-Auftritt im Scheinwerferlicht und vor laufender Kamera zu vergleichen. In dieser Sequenz – Albert Rösti (ab 07:49 ohne Unterbrechung bis 09:35) – wird dann die Gegnerin aus dem Publikum einbezogen mit einer für sie überraschenden Einstiegsfrage (ab 09:48). Möglich, dass diese Einstiegsfrage (<Welche Note geben Sie der Initiative und Herrn Rösti?>) die in die Sendung einbezogene Zuschauerin etwas aus dem Konzept brachte.

Nationalrat Albert Rösti kann seine Hauptargumente ausführlich darlegen (bis 14:30). Wenn er vom Moderator unterbrochen wird, dann geht es einzig darum, immer wieder auf die gestellten Fragen zurückzukommen. Eine Arena-Diskussion ist keine Aneinanderreihung von Statements, welche der Moderator bei den verschiedenen Teilnehmern abholt. Eine Arena-Diskussion soll eine lebendige Auseinandersetzung von Menschen mit ihren Ansichten sein. Dass ein Diskussionsteilnehmer nach einer Minute unterbrochen wird, ist wichtig für die Sendung, damit ein Diskussionsfluss erst aufkommen kann. Dies ist weder <absolut unanständig noch eines neutralen Moderators unwürdig>. Auch zur Erklärung von Ständerat Daniel Jositsch kann Nationalrat Albert Rösti nochmals das Kernargumente für die Initiative, den Schutz der direkten Demokratie, wiederholen (15:44).

Redezeit

Herr X bemängelt, dass Ständerat Daniel Jositsch aus der zweiten Reihe oft zu Wort gekommen ist. Für die Redaktion Arena ist nicht entscheidend, wer aus welcher Reihe wie oft oder wie lange redet. Entscheidend ist die Gesamtzeit der Redezeit beider Seiten; diese war in dieser Sendung absolut ausgeglichen: 24:33 für die Pro-Seite; 24:29 für die Contra-Seite.

Bei vier Politikerinnen und Politikern in der Hauptrunde und zwei in der Loge können sich lebendige Wortwechsel innerhalb oder zwischen den Reihen ergeben. Oft kristallisieren sich zwei oder ganz wenige Hauptprotagonisten heraus, die sich kleine Duelle liefern. Eine Arena-Sendung ist bei aller Planung und Vorbereitung durch Redaktion und Moderation immer eine live-Sendung, die nicht in fixe Strukturen gepresst werden kann. Spontan entstehende Auseinandersetzungen und Kontroversen beleben eine Sendung; dies ist auch im Interesse des Publikums.

Emotionen und Lenkung

Die Redaktion Arena freut sich über die Bemerkung des Beanstanders, der die Sendungen <sehr interessant, informativ und sinnvoll> findet. In der Arena diskutieren engagierte Menschen, die für ihre Ansichten einstehen und letztlich beim Publikum im Studio und zu Hause überzeugen wollen. Letztlich überzeugen Politikerinnen und Politiker sowohl mit Argumenten wie auch mit Emotionen, mit bildhaften Vergleichen oder auch herzhaften Attacken. Letztere haben aber in der beanstandeten Sendung nie das Mass des Anstands überschritten.

Es ist Aufgabe des Moderators die Sendung zu lenken. Etwa indem er von Aspekt zu Aspekt zu führt, indem er möglichst alle Teilnehmenden zu Wort kommen lässt und diese bei grossem Redefluss auch unterbricht, oder indem er immer wieder die Voten und Argumente zusammenfasst und auf den Punkt bringt.

Fazit

Die Publikumsarena vom 19. Oktober war eine lebhafte Diskussion mit sehr engagierten Teilnehmenden, die ihre Hauptargumente vorbringen konnten. Ich bitte Sie, die Beanstandung in diesem Sinne zu beantworten.»

Für Nachfragen stehen wir Ihnen jederzeit zur Verfügung.»

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Die Sendung war die sogenannte «Publikumsarena». Sie findet nur vor Volksabstimmungen statt und grenzt sich ab zur sogenannten «Abstimmungsarena». Bisher war ich der Meinung, dass in der «Publikumsarena» vor allem das Publikum redet – zwar nicht alle Anwesenden, sondern von der Redaktion in Vorgesprächen ausgewählte Bürgerinnen und Bürger ohne herausragende politische Funktionen. So, wie ich die «Publikumsarena» bisher verstanden habe, würde sie ohne prominente Gäste an den vier Pulten auskommen, allenfalls mit zwei Vertretern aus Abstimmungskomitees oder mit zwei Experten, die sich unterschiedlich positionieren. Zu meinem Erstaunen redeten in dieser «Arena» aber vor allem Prominente: Sechs der zwölf Personen, die sich äußern konnten, waren Politikerinnen und Politiker, und es waren sie, die den Löwenanteil der Redezeit beanspruchten und auch erhielten. In einer echten «Publikumsarena» müsste es umgekehrt sein. Vor diesem Hintergrund finde ich es auch unglücklich, dass Ständerat Daniel Jositsch unter denen, die auf den Bänken saßen, als Prominenter am meisten redete – zulasten der Leute aus dem Volk! Hier stimme ich Ihrer Kritik zu. Aber ein Verstoß gegen das Radio- und Fernsehgesetz war das nicht, denn entscheidend ist, ob in einer Diskussionssendung vor einer Abstimmung beide Seiten gleich lange Spiesse haben.

Dass Jonas Projer einer Bürgerin, die sich nicht auf Anhieb verständlich ausdrücken konnte, beistand, um ihr Fazit zu ziehen, und dass er einen anderen Bürger, der nicht recht auf den Punkt kommen wollte, unterbrach, gehört zu seiner Aufgabe als Moderator. Er muss die Diskussion vorantreiben, und er muss immer ans Publikum denken, das nicht das gleiche Vorwissen hat wie die Redaktion und wie die anwesenden Politiker.

Diskussionssendungen vor Volksabstimmungen sind heikel. Sie müssen in der «heißen Phase» (das heißt in den letzten sechs Wochen vor dem Urnengang) dem Vielfaltsgebot genügen, also paritätisch und ausgewogen sein. Bei dieser «Arena» war dies formal der Fall: Die zu Wort gekommenen Gäste waren gleichmässig auf Befürworter und Gegner der Selbstbestimmungsinitiative verteilt. Die Redezeit war ausgeglichen. Alles in allem war es eine «Arena» ohne auffällige Ausreißer, und der Moderator hat nichts als seine Pflicht getan. Ich kann daher Ihrer Beanstandung nicht zustimmen.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.


[1] https://www.srf.ch/sendungen/arena/publikumsarena-selbstbestimmungsinitiative

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