«Abstimmungs-Arena» zur Selbstbestimmungsinitiative beanstandet (II)

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Mit Ihrer E-Mail vom 12. November 2019 beanstandeten Sie die «Abstimmungsarena» (Fernsehen SRF) vom 9. November 2018 zur Selbstbestimmungsinitiative.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

«Der Moderator weisst in der Arena zum Thema ‘Selbstbestimmungs-Initiative’ die ZuschauerInnen darf hin das im Tagesanzeiger unter ‘Faktencheck’ nachgesehen werden kann was an Fragen/Antworten Richtig oder Falsch gewesen ist/sei.

Meine Beschwerde:

Warum sollte ich im Tages Anzeiger für den ‘Faktencheck zur Selbstbestimmungs-Initiative’ CHF 2.00 bezahlen? Ich fühle mich von der SFR verarscht, dass der Moderator gratis Werbung für den Tages Anzeiger, die SFR bevorzug Medien und verhält sich nicht neutral. Es wurde in der Arenasendung keine ‘Produkte Sendungshinweis’ angezeigt!!!!»

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für die «Arena» antwortete Herr Jonas Projer, Leiter Fachredaktion Talk:

«Vielen Dank für die Zustellung der Beanstandung von Herrn X (Geschäftsnummer 5641). Gerne nehmen wir dazu wie folgt Stellung.

Tatsächlich spricht der Beanstander einen aus unserer Sicht spannenden Punkt an. Die ‘Arena’ weist seit Jahren auf den Faktencheck des Tages-Anzeigers zu ‘Abstimmungsarenas’ hin. Wir tun dies, weil wir die von uns in völliger redaktioneller Unabhängigkeit erstellten Faktenchecks der Tagi-Kolleginnen und -Kollegen (die ‘Arena’ erteilt keinen Auftrag und hat keinen Einfluss auf den Inhalt) als Mehrwert für unser Publikum betrachten. Ausserdem schätzen wir diese informelle inhaltliche Zusammenarbeit, wenn man es denn so nennen will.

Vergangene Woche stellte der Tagi den ‘Arena’-Faktencheck nun erstmals von frei zugänglich auf kostenpflichtig (‘Abo+’) um.

Ist der kleine Hinweis in der «Arena» (Wort und kurzer Einblender) nun weiterhin möglich? Die ‘Arena’-Redaktion ist zum aktuellen Zeitpunkt der Ansicht: Ja. Denn Journalismus kostet. Und wenn wir den Hinweis auf den Tagi-Faktencheck zuvor als möglich erachteten, so scheint er es uns auch jetzt. Zudem scheint uns ein kurzer Hinweis in einer 70-minütigen Sendung auch für jene Zuschauerinnen und Zuschauer keine unzulässige Zumutung, welche den Tagi weder abonniert haben noch für den Faktencheck extra zahlen wollen. Aus diesen Gründen möchte die Redaktion der ‘Arena’ sich die Möglichkeit bewahren, den Hinweis weiterhin zu senden.

Allerdings wirft der Fall einige grundsätzliche medienpolitische Fragen auf zur Kooperation zwischen Journalisten privater und öffentlich-rechtlicher Medienhäuser. Auch lässt sich natürlich die – aus Sicht unserer Redaktion ebenfalls relevante – Frage stellen, ob ein Hinweis für unser Publikum überhaupt noch sinnvoll ist, falls real nur sehr wenige der erreichten Personen den Faktencheck lesen können, genauer die Paywall überwinden werden. Falls SRF hierzu einen Grundsatzentscheid fällt, werden wir diesen natürlich umsetzen. Bis dahin scheint uns der Hinweis im Rahmen unserer redaktionellen Verantwortung aufgrund obiger Abwägungen weiterhin ein gangbarer Weg.

Ich bitte Sie, die Beanstandung in diesem Sinne zu beantworten. Für Nachfragen stehen wir Ihnen jederzeit zur Verfügung.»

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Zusammenarbeit «Arena»/»Tages-Anzeiger» und des Hinweises auf den Faktencheck. In einer Zeit, in der der Vorwurf der «Lügenpresse» kursiert und das Publikum die Medien beargwöhnt, Fakten zu fälschen, zu unterdrücken oder selektiv zu verwenden, ist es ganz wichtig geworden, dass Medien die Fakten sorgfältiger denn je überprüfen. Wir leben im postfaktischen Zeitalter. Selbst Regierungen scheren sich nicht mehr um die Fakten, sondern behaupten, was ihnen gerade nützt. Da sind die immer mehr aufkommenden Faktenchecks wichtig. Solche gibt es beispielsweise in den USA, aber auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz, in unserem Land vor allem jene von «Tages-Anzeiger» und swissinfo. Bereits gibt es eine Masterarbeit, die die Faktenchecks unter die Lupe nimmt.[2] Ich finde es zentral, dass es Faktenchecks gibt. Und es ist gut, dass der Faktencheck des «Tages-Anzeigers» regelmässig die Aussagen der Redaktion und die Aussagen der Gäste in der Sendung «Arena» auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft.

Und nun komme ich zur Zusammenarbeit verschiedener Medien. In Deutschland kooperieren beispielsweise der Norddeutsche Rundfunk (NDR), der Westdeutsche Rundfunk (WDR) und die «Süddeutsche Zeitung» für größere Recherchen. International gibt es größere Medienverbünde, die investigativ große Datenmengen auswerten. Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) arbeitet für Faktenchecks mit dem «Tages-Anzeiger» zusammen. Ich halte das für sinnvoll, weil sich die Medien mit ihren jeweiligen Stärken auch gegenseitig ergänzen.

Bleibt der unschöne Aspekt, dass der Blick in den «Tages-Anzeiger» für Nichtabonnenten etwas kostet. Man muss bereit sein, zwei Franken aufzuwerfen und sich einzuloggen. Das ist störend, hat aber vor allem damit zu tun, dass wir nicht mehr bereit sind, für Medien zu bezahlen. Wenn vor 30 Jahren eine Radiosendung auf einen wichtigen Artikel in der NZZ hingewiesen hätte, wäre man als Nichtabonnent ganz selbstverständlich zum nächstgelegenen Kiosk gegangen und hätte die NZZ gekauft, damals wohl für etwa 2 Franken 50. Ich fände es zwar auch besser, wenn der Faktencheck im «Tages-Anzeiger» gratis zugänglich wäre, aber darüber sollte man hinwegsehen können. Denn wichtig ist, dass es den «Faktencheck» gibt und dass er leicht zugänglich ist. Dafür lohnt sich auch die Kooperation. Und wenn es die Kooperation gibt, darf es auch den Hinweis in der Sendung geben. Aus diesen Überlegungen heraus kann ich Ihre Beanstandung nicht unterstützen.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

[1] https://www.srf.ch/sendungen/arena/abstimmungs-arena-selbstbestimmungs-initiative

[2] Schlup, Claudia (2018): Rufer in der Wüste oder Retter der Demokratie? Ziele, Methoden und Wirkungen von Faktencheckern in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Universität Leipzig.

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