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Im Sihlicon Valley Europas

Google feiert heuer sein 20-jähriges Bestehen. Was viele nicht wissen: Auch in der Schweiz ist der Technologiegigant präsent, und zwar mit der grössten Forschungsabteilung ausserhalb der USA, an der Sihl auf dem Hürlimann-Areal in Zürich. Ein Besuch und ein paar Fragen.

Es ist in den Google-Räumen an der Sihl fast genau so, wie man es auf Bildern schon gesehen hat: Da ist der helle Empfangsraum, der aussieht wie eine Hotellobby, dahinter das Restaurant, in dem sich die Angestellten und kostenlos verpflegen können, ein paar Schritte weiter trifft man auf Gondeln, andernorts auf Raumkapseln und sogar auf einen Dschungel; die verspielten Ecken laden zum Verweilen ein und freilich zum erfinderisch und kreativ Sein. Darum geht es in den Räumen von Google Research Europe auf dem Hürlimann-Areal, in denen mehr als 2500 Menschen aus mittlerweile 85 Nationen arbeiten: bestehende Technologien weiterent­wickeln und neue erfinden. Spezialisiert sind die Forschungs- und Entwicklungsteams auf Artificial Intelligence (künstliche Intelligenz, kurz KI) und maschinelles Lernen. Man geht hier der Frage nach: Wie macht maschinelles Lernen die eigenen Tools wirkungsvoller? Und wie müssen die neuen Technologien gestaltet sein, dass alle sie einfach bedienen können? Es wird auf Produkte fokussiert wie die Google Suche, Google Maps, Google Calendar, Google Assistant, Gmail oder auch YouTube.

«Made in Switzerland»

YouTube hat in Zürich das grösste Team von Ingenieuren ausserhalb der USA. Sarah Clatterbuck ist eine seiner Direktorinnen. Die Amerikanerin wechselte erst vor einem halben Jahr von LinkedIn zu Google und zog dafür von Kalifornien nach Zürich. Das Sitzungszimmer, in dem sie mitsamt Gepäck eintrifft, um Fragen zu beantworten, ist überraschend nüchtern: ein weisser Tisch inmitten eines hellen Raumes, Stühle, Bildschirm, Aussicht auf eine alte Kirche. Clatterbuck hat zwanzig Minuten Zeit fürs Gespräch. Es werden knapp dreissig werden, in denen sie versucht, dem Besuch verständlich zu machen, was auf der YouTube-Plattform genau «made in Switzerland» ist. Dabei ist es vermeintlich ganz einfach. Clatterbuck: «Von hier aus helfen wir den Creators auf der ganzen Welt, erfolgreich zu sein.» Creators sind all jene, die auf YouTube einen Kanal haben und Videos hochladen. Erfolgreich sei einer, wenn er «grossartigen Content» mache und womöglich sogar davon leben könne. Letzteres sei das aktuelle Kernthema für YouTube Zürich: «Wir suchen offensiv nach weiteren ­Wegen, damit die Creators für sich Einnahmen generieren können.» Dazu gehören technische Weiterentwicklungen ebenso, wie persönliche Kontaktaufnahmen: «Ja, wir rufen sie auch an und geben ihnen Tipps, wie sie ihr Publikum vergrössern können. Es gibt auf YouTube verschiedene Möglichkeiten, die ­eigenen Inhalte zu monetarisieren, nicht nur über Werbung: Die User können beispielsweise kostenpflichtige Mitgliederkanäle betreiben oder Merchandising-Produkte verkaufen. Um sie darin anzuleiten, haben wir hier in Zürich den YouTube-Kanal ‹Creator Insider› lanciert, den wir auch von hier aus betreiben», erklärt die Chefingenieurin.

Sara Clatterbuck, YouTube-Managerin in Zürich: «Von hier aus helfen wir den Creators auf der ganzen Welt, erfolgreich zu sein.»
Sara Clatterbuck, YouTube-Managerin in Zürich: «Von hier aus helfen wir den Creators auf der ganzen Welt, erfolgreich zu sein.»

Die gemeinsame Zeit reicht nicht mehr, um über ein Problem zu sprechen, das Journalisten im Nachgang der letzten US-Präsidentschaftswahlen entdeckt haben: Der Algorithmus von YouTube scheint so zu funktionieren, dass der Dienst kontinuierlich extremere Inhalte vorschlägt. Schaut beispielsweise jemand Auftritte von Trump, präsentiert ihm YouTube anschliessend Videos von Veranstaltungen Rechtsextremer. Und oft landet man irgendwann bei Inhalten von Verschwörungstheoretikern oder Fake- News-Produzenten.
Der Internetgigant beteuert stets und dies auch bei unserem Besuch am Standort Zürich, nur ein Tech-Unternehmen zu sein, dessen Ziel es sei, die Welt zu verbessern – aber künstliche Intelligenz kann heimtückisch sein, wie das Beispiel der Algorithmen bei den politischen Inhalten auf YouTube zeigt.

Richtlinien für künstliche Intelligenz

Und dieser Prozess steht erst am Anfang. Google nimmt die Gefahren inzwischen ernst, auch jene, die von Entwicklungen in Zürich ausgehen, denn hier treiben Mitarbeitende das maschinelle Lernen weiter. Google hat ethische Richtlinien für künstliche Intelligenz allgemein definiert, in denen man sich unter anderem zu den Grundsätzen des Völkerrechts und der Menschenrechte bekennt und angibt, dass man sich Mühe geben wolle, durch KI entstehende negative Auswirkungen auf Menschen zu vermeiden, «insbesondere solche, die mit sensiblen Merkmalen wie Rasse, ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht, Nationalität, Einkommen, sexueller Orientierung, Fähigkeiten sowie politischer oder religiöser Überzeugung zusammenhängen.»

Google und künstliche Intelligenz

Im Allgemeinen bezeichnet künstliche Intelligenz (englisch: artificial intelligence oder AI) den Versuch, menschenähnliche Entscheidungsstrukturen in ­einem nicht eindeutigen Umfeld nachzubilden, d. h., einen Computer so zu bauen oder zu programmieren, dass er eigenständig Probleme bearbeiten kann. Oftmals wird damit aber auch eine nachgeahmte Intelligenz bezeichnet, wobei durch meist einfache Algorithmen ein «intelligentes Verhalten» simuliert werden soll. Bei Google AI Europe wird Forschung mit den Schwerpunkten auf Erkennen und Verstehen von natürlicher Sprache, Machine Perception und maschinellem Lernen betrieben, die unter anderem bei Google-Diensten wie YouTube, Google Fotos, Google Suche oder Google Translate zum Einsatz kommen.

Kürzlich stellten zwei Mitarbeitende von Google Schweiz diese Richtlinien am Swiss Internet Governance Forum (IGF) vor. Das IGF ist ein vom BAKOM unterstütztes und von Interessierten aus Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaftskreisen selbst organisiertes Dialogforum in der Tradition des globalen IGF der UNO. Gemäss Thomas Schneider, Vizedirektor und Leiter Internationales des BAKOM, ist das Thema künstliche Intelligenz derzeit weltweit ein «Riesenhype»: Diverse internationale Organisationen wie die OECD, die Fernmeldeunion (ITU), aber auch die UNO, die UNESCO und der Europarat befassen sich mit KI und deren ethischen Komponenten. Die Schweiz nimmt das Thema ebenfalls ernst und hat als eine der Massnahmen der im September vom Bundesrat verabschiedeten neuen Strategie «Digitale Schweiz» beschlossen, eine nationale Arbeitsgruppe KI einzusetzen.

Google und die Schweizer Verleger

Beim Kaffee erläutert Google-Kommunikationsmitarbeiter Samuel Leiser, was das Selbstverständnis von Google ist: «ein Technologie- und Internetunternehmen mit dem Kernprodukt Google-Suche», «ein Wegweiser zu Online-Informationen, unter anderem zu Medieninhalten», «ein verantwortungsbewusstes Unternehmen, das in Partnerschaft mit Verlagen Medienprojekte finanziell unterstützt». Der Berner meint mit Letzterem die Digital News Initiative, mit der Google das Ziel verfolgt, «qualitativ hochwertigen Journalismus durch Technologie und Innovation zu unterstützen». 150 Mio. Euro verteilt das Unternehmen seit 2015 an 559 Projekte in ganz Europa. Seit diesem Jahr führt Google das Projekt weltweit fort.

Die «Republik» recherchierte, wer in der Schweiz wie von der Unterstützung profitieren konnte, und zeigte auf, dass es vor allem grosse Verlage waren. Man fragte sich: Warum verteilt Google jetzt plötzlich Geld an die Medien? Aus schlechtem Gewissen oder weil der Konzern auf funktionierende Qualitätsmedien angewiesen ist? Auch die Open-Source-Plattform «Wepublish» des kritischen Journalisten und Medienunternehmers Hansi Voigt kam bei Google in die Kränze. Hatte er keine Berührungsängste? Voigt: «Ich befürworte, dass man von Google Geld für digitale Medienprojekte bekommt, und bin froh, dass Google auch ‹Wepublish› unterstützt hat.» Vorbehalte habe er keine, das Verfahren sei fair, eindeutig und führe zu keinerlei Abhängigkeiten oder dergleichen. «Ich verstehe die Initiative primär als Marketingvehikel und als Appeasement-Strategie gegenüber den klassischen Medienhäusern. Die bekamen ja auch mit Abstand das meiste Geld», bemerkt er und fügt hinzu: «Für Google bleibt mir nur der Respekt: Wenn man aus dem Schweizer Werbemarkt weit über eine Milliarde Franken pro Jahr rausholt und dann allen Verlierern eine Freude macht, wenn man drei Prozent zurückgibt, ist das schon sehr clever gemacht.»

Google wächst weiter, entwickelt immer neue Technologien und bleibt der Sihl treu: Spaziert man vom Hürlimann-Areal dem Fluss entlang zwei Kilometer abwärts, gelangt man zur Europaallee direkt beim Hauptbahnhof. Hier hat sich der US-amerikanische Tech-Gigant Platz für weitere mehrere Tausend Mitarbeitende gesichert. Er wird auf 50’000 Quadratmetern einen Drittel der gesamten Dienstleistungsfläche der Europaallee in Beschlag nehmen.

Google Research Europe an der Sihl

Dem Standort Schweiz kommt als Forschungs- und ­Entwicklungsstandort eine besondere Bedeutung zu. Das ­Unternehmen Google, das im September 2018 seinen 20. Geburtstag feiern konnte, ist seit 2004 in der Schweiz ansässig, anfänglich mit zwei Mitarbeitenden am Zürcher Limmatquai – einem im Vertrieb und einem in der Softwareentwicklung. Die Wahl des Standorts Zürich war nicht ganz zufällig: Einer der Google-Pioniere ist der Baselbieter Urs Hölzle. Er war zwischenzeitlich auch Vizepräsident von Google und setzte sich schon früh für Zürich als Forschungs- und Entwicklungsstandort in Europa ein, weil man hier ideale Bedingungen vorfand: kostbares Wissen an der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH, zentrale Lage, hohe Lebensqualität, politische Stabilität und attraktive Steuerbedingungen. 2016 zügelte Google Research Europe vom Limmatquai zum Hürlimann-Areal, einem ­ehemaligen Brauereigelände, wo sich heute das Zürcher Hauptbüro befindet. Im Januar 2017 wurde ein zweiter Campus an der Europaallee in der Nähe des HB Zürich ­eröffnet. Insgesamt beschäftigt Google in Zürich heute über 2500 Mitarbeitende, Tendenz steigend.

Text: Esther Banz

Bild: Google, Mirco Rederlechner (Bild Clatterbuck)

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