Religionen  reden vom realen Leben
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Religionen reden vom realen Leben

In Religionsfragen sind die Menschen sehr empfindlich. Sie wollen nicht, dass Pfarrerinnen und Pfarrer ­politisieren. Sie wollen nicht, dass ihr eigener Glaube benachteiligt oder schlechtgeredet wird. Aber die Religionen reden vom realen Leben, und da geht es um das Zusammenleben der Menschen. ­Dieses Gesicht der Religion bildet sich auch in Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) ab.

Vier Mal stand bei der Ombudsstelle im abgelaufenen Jahr das «Wort zum Sonntag» zur Debatte; insgesamt überprüfte ich acht Sendungen. Immer wieder lautete der Vorwurf, die Theologinnen und Theologen würden politische Süppchen kochen, und zwar linkslastige Süppchen. Eine Pfarrerin wandte sich in ihrer «Wort zum Sonntag»-Rede gegen den Waffengebrauch und den Waffenexport (Nr. 5381). Eine andere Theologin befasste sich mit der Prostitution und setzte sich für die Menschenwürde der betroffenen Frauen ein (Nr. 5486). Ein dritter Pfarrer kritisierte die Rüstungsindustrie (Nr. 5552). Ein vierter Theologe störte sich an der zunehmenden Erleichterung der Sterbehilfe. Eine fünfte Sprecherin plädierte für die volle Geschlechtergleichheit. Der sechste Kommentator warb für die gemeinschaftliche Zuwendung. Der siebte beschrieb die Sehnsucht der Menschen nach Licht. Und die achte Rednerin protestierte gegen die Ächtung von Homosexuellen und Abtreibenden (alle in Nr. 5681).

Zweierlei ist dabei zu beachten: Das «Wort zum Sonntag» ist ein Kommentar, und zwar ein Kommentar aus christlicher Sicht. Wer kommentiert, sagt seine persönliche Meinung. Kommentare sind nie neutral, und einem Kommentar muss kein Gegenkommentar aus kontroverser Sicht gegenübergestellt werden. Zudem: Relig­ionen beschreiben die Wirklichkeit. Sie befassen sich mit dem Zusammenleben der Menschen und geben ihnen Orientierung. Die Zehn Gebote, die Thora, das Neue Testament und der Koran sind Zusammenstellungen von Normen und Lebensweisheiten für die Bewältigung des Alltags der jeweiligen Religionsgruppen. Die Religionen sind daher in ihrem Anliegen der Politik nicht unähnlich: Beide wollen das gesellschaftliche Zusammenleben gestalten. So ist es naheliegend, dass Themen der Theologie gleichzeitig auch politische Themen sein können.

Die Religionen sind in ihrem Anliegen der Politik nicht unähnlich: Beide wollen das gesellschaftliche Zusammenleben gestalten.

Dabei konnten sich die Theologinnen und Theologen des «Wort zum Sonntag» stets auf Jesus stützen. Jesus sprach sich für Gewaltlosigkeit aus. Er stand für Gleichheit und Solidarität. Er schämte sich nicht, das unter seinen Vorfahren eine Prostituierte war. Die Akteure des «Wort zum Sonntag» missbrauchten daher ihre Sendung nicht, um Politik zu machen, sondern sie äusserten Gedanken, mit denen sie sich auf die Bibel berufen konnten.

Für viele Christen ist es noch ungewohnt, dass auch der Islam inzwischen zur Schweiz gehört. Eine Beanstanderin regte sich beispielsweise darüber auf, dass Radio SRF 2 Kultur ausgerechnet am Palmsonntag eine Sendung über Frauen im Islam ausstrahlte (Nr. 5396). Umgekehrt handelte sich eine «Club»-Diskussion über einen «Schweizer» Islam den Vorwurf ein, mit Gästen besetzt gewesen zu sein, die sich zu wenig auskannten und zur Islamophobie beigetragen hätten (Nr. 5488 und 5490). Die Sachkunde war aber gar nicht das eigentliche Problem. Das Problem war, dass praktisch jeder der Gäste eine eigene Agenda hatte. Die Diskussion war aber dennoch weder einseitig noch unsachlich.

In religiösen Sendungen wie dem «Wort zum Sonntag» soll die freie Meinung ihren Platz haben und behalten. Unsere Gesellschaft kann nicht existieren ohne Toleranz, gerade auch zwischen den Religionsgemeinschaften.

Die Gemüter erhitzte auch, dass das «Echo der Zeit» in einem Interview die Broschüre vorstellte, die die bernisch- jurassische evangelische Landes­kirche zur Frage der seelsorgerischen ­Betreuung von Suizidwilligen erarbeitet hatte. Jene, die Sterbehilfe strikte ablehnen, hörten die Sendung mit ganz anderen Ohren als jene, die sie befürworten (Nr. 5584). Ebenfalls sensibel reagierten Mitglieder von Freikirchen, die sich von SRF online Kultur in den gleichen Topf wie die Sekten geworfen fühlten (Nr. 5364). Die Unterscheidung ist auch nicht wirklich einfach, weil sich keine Sekte «Sekte» nennt und weil es teilweise auch fliessende Übergänge gibt. Und aufgemerkt hat jemand, weil er in «WG der Religionen» die Atheisten neben den Christen, Muslimen, Juden und Buddhisten zu wenig prominent vertreten fand (Nr. 5684). Die Atheisten waren aber durchaus in der Sendung repräsentiert.

Die Religionsfreiheit gehört zu den wichtigen Grundrechten. In meiner Tätigkeit als Ombudsmann hat sie einen hohen Stellenwert. Deshalb achte ich beispielsweise darauf, dass die innersten Überzeugungen und die höchsten Werte von Gläubigen in Sendungen nicht verspottet wer­den. Aber ein wichtiges Grundrecht ist auch die Meinungsäusserungsfreiheit. In religiösen Sendungen wie dem «Wort zum Sonntag» soll die freie Meinung ihren Platz haben und behalten. Unsere Gesellschaft kann nicht existieren ohne Toleranz, gerade auch zwischen den Religionsgemeinschaften. An all diesen Massstäben orientiere ich mich, wenn ich Sendungen bewerte, in denen Glauben, Religion und Kirche eine Rolle spielen.

Text: Roger Blum

Bild: iStock

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  1. Hans 20.03.2019 12:59

    Artikel ausgewogen IO.

    Was ist wenn Abstimmungsparolen von Kirchen öffentlich publiziert werden.

  2. Helmut Baumli 20.03.2019 13:46

    Gehört der Islam wirklich zu unserer Kultur, wer die Inhalte des Korans kennt muss dies absolut Verneinen. Dieses Formelbuch mit dem Vorgehen der Behandlung der Ungläubigen, ist archaisch geprägt, sicher nicht passend in unser Zeitalter. Die Muslime mögen sich vorerst moderat verhalten, die Toleranz gegenüber der westlichen Welt vortäuschen, aber ihre Absicht ist klar ihre Religion weltweit zu Installieren. Die allerliebsten Gutmenschen vor allem gläubige Christen, sind so naiv und lassen step for step zu dass dieses Ziel erreicht wird. Der Koran, Muslime glauben fest an die Inhalte der Suren und Verse und handeln entsprechend. Für mich sind alle Religion suspekt auch die Christliche, deren Gottesbild eine Verblendung des Sinnes der Evolution ist. Ein ewiger Prozess der Bildung von Materie bis zu biologischem Leben auf Planeten, aber kein Einwirken einer Macht auf dieses biologischen Leben, ist reine Fantasie des Homo Sapiens der bei seiner Entwicklung unerklärliche Naturerscheinungen Göttern zuschrieb und dann aus politischen Gründen und Machterleichterung einen monotheistischen Gott kreirten, die Christen haben sich dennoch die Dreifaltikeit eines Gottesbildes zurechtgelegt. Mir Islmomophie vorzuwerfen wäre äusserst fahrlässig, betrifft meine Einstellung sämtliche Religionen und die konsequente Ablehnung eines lieben Gottes, die Geschichte ist mein Zeuge, daran ist nichts zu Deuteln, beweist mir das Gegenteil.

  3. Alex Schneider 21.03.2019 05:17

    Die Bibel taugt nicht als Politinstrument.
    Bei jeder Abstimmung oder Wahl muss die Stimmbürgerschaft die Argumente Pro und Contra abwägen. Es geht dabei vielfach um Fragen wie: Was ist kurzfristig, was langfristig sinnvoller? Sollen wir heutige Regelungen bewahren oder uns auf neue einlassen? Was bringt mir selbst Vorteile und was der Schweiz oder gar der ganzen Welt? Die christliche Botschaft legt ihren Fokus auf die Nächstenliebe und die Gerechtigkeit in ihrer Unmittelbarkeit.
    Jesus wollte von den Leuten vor Ort verstanden werden und verwendete deshalb Gleichnisse aus ihrem Lebensumfeld. Er hat keine Gesellschaftspolitik und schon gar keine Wirtschaftspolitik für eine 2000jährige Zukunft gemacht. So kann das, was aus einer damaligen Mikrosicht als gerecht und menschenwürdig erscheint, aus einer Makrosicht falsch oder unzulänglich sein. Die Kirche muss also aufpassen, dass sie nicht gestützt auf Bibelstellen allgemein gültige Politparolen ausgibt.