SRF Übertragung des Internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo beanstandet II
SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

SRF Übertragung des Internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo beanstandet II

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Mit Ihrem Brief vom 23. April 2019 beanstandeten Sie die fehlenden Wildtiernummern im Zusammenschnitt des 43. Internationalen Zirkusfestivals, gesendet am 19. April 2019.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher darauf eintreten.

 

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

„Mit diesem Brief nehme ich Bezug auf die Ausstrahlung des 43. Zirkusfestivals von Monte Carlo vom Karfreitag, 19.04.2019, 20:10 Uhr auf SRF 1. Zu allererst möchte ich mich aber beim SRF 1 ganz herzlich bedanken, dass es seit vielen Jahren traditionsgemäss am Karfreitag zu bester Sendezeit etwas Circusflair in die Wohnstuben zaubert. Anscheinend erfreut sich der klassische Circus immer noch grosser Beliebtheit, was sich schlussendlich auch in den hohen Einschaltquoten niederschlägt. 2018 waren es angeblich 468'000 Zuschauende.

Als Präsident des Vereins der Schweizer Circus-, Variété- und Artistenfreunde (CVA) sehe ich mich dennoch veranlasst, den Sendeinhalt zu beanstanden. Jedes Jahr unternimmt eine rund 40-köpfige Gruppe aus der Schweiz eine Circusreise an die Côte d'Azur, um dem prestigeträchtigen Circusfestival von Monte Carlo beizuwohnen. So auch in diesem Jahr. Ich selber war auch vor Ort. Denn seit Jahren darf unser Verein eine Darbietung mit einem Sonderpreis auszeichnen. Unsere Reiseteilnehmer waren vom Festival sehr begeistert und können die Aufzeichnung auf SRF 1 am Karfreitag jeweils kaum erwarten.

In diesem Jahr – wie übrigens auch schon in den vergangenen Jahren – war die Enttäuschung besonders gross, weil SRF 1 bewusst auf die Ausstrahlung von Darbietungen mit Wildtieren verzichtet hat. In der Aufzeichnung lässt Dani Fohrler denn auch verlauten, dass SRF 1 auf die Ausstrahlung von Darbietungen mit Wildtieren verzichte (Sendezeit: 1h 41'). In den vergangenen Jahren haben wir mit den Verantwortlichen von SRF 1 (Dani Fohrler, Esther Wintsch, Rolf Tschäppät) vor Ort jeweils das Gespräch gesucht. Allerdings ohne Erfolg, wie sich dann jeweils am Karfreitag herausgestellt hat. Wir Circusfreunde befürworten nicht vorbehaltlos die Wildtierhaltung im Circus. Und das Circusfestival von Monte Carlo ist sehr zurückhaltend beim Engagement von Darbietungen mit Wildtieren. Zudem ist die Tatsache, dass Fredy Knie jun., der ja weltweit für seinen humanen Umgang mit Tieren bekannt ist, in der Festival-Jury sass, ein gutes Zeugnis dafür, dass die gezeigten Darbietungen mit Wildtieren höchsten Qualitätsansprüchen genügen müssen. Glauben Sie mir, dass wir Circusfreunde die letzten wären, die applaudieren würden, wenn wir feststellen, dass den Tieren Unrecht geschähe. Für mich und viele Circusfreunde ist es daher unverständlich, dass sich SRF 1 ganz klar gegen Nummern mit Wildtieren ausspricht und die preisgekrönten und sehr human ausgeführten Darbietungen von Martin Lacey jun. (Raubtiere, Goldener Clown) und der Familie Gärtner (Elefanten, Silberner Clown) dem Fernsehpublikum vorenthalten hat. Und der Kommentar am Schluss der Sendung erweckt den Anschein, dass Darbietungen mit Wildtieren kategorisch etwas schlechtes sei. Auf ‚Hallo SRF‘ hat Rolf Tschäppät denn auch schon Stellung zu seinem Entscheid genommen: <Wir sind uns sehr bewusst, dass das Thema «Wildtiere im Zirkus» kontrovers diskutiert werden kann. Tatsache ist, dass immer mehr Zirkusse freiwillig, oder weil es in ihren Ländern Verbote gibt, auf Wildtiere verzichten. Auch der Schweizer Nationalzirkus Knie hat seit 2004 keine Raubkatzen mehr im Programm. Seit 2016 verzichtet der Knie auch auf Elefanten-Nummern. Dieser Tendenz trugen wir mit dem Verzicht auf die Wildtiernummern Rechnung. Auch die ARD respektive ihre dritten Programme, welche das Zirkusfestival meistens erst vor Weihnachten ausstrahlen, verzichten seit Jahren auf die Nummern mit Wildtieren. Wir bedauern, dass Ihnen die Zirkus-Darbietungen mit den Wildkatzen und den Elefanten gefehlt haben. Das ‚Internationale Zirkusfestival Monte Carlo‘ erfreut sich auf SRF grosser Beliebtheit. Auch diesen Karfreitag verfolgten fast 400'000 Zuschauerinnen und Zuschauer dieses Programm auf SRF. Wir dürfen also davon ausgehen, dass unsere Auswahl dem Grossteil des Publikums gefallen hat.>

Aus dieser Argumentationskette entnehme ich folgende Kriterien, die SRF 1 angeblich zu diesem fragwürdigen Entscheid geführt haben:

- <Immer mehr Circusse entscheiden freiwillig, auf Raubtiere zu verzichten, weil es in ihren Ländern Verbote gibt.> Diesem Argument ist entgegenzuhalten, dass in der Schweiz die Wildtierhaltung in Circussen streng gesetzlich geregelt ist. Ein Wildtierverbot ist derzeit kein Thema. Dass Circusse in der Schweiz auf die Haltung von Wildtieren verzichten, kommt von daher, dass aufgrund der immer enger werdenden Platzverhältnissen die gesetzlich vorgeschriebenen Auslaufgehege oftmals nicht aufgebaut werden können.

- <Knie verzichtet auch auf Raubtier- und Elefantennummern.> Das ist korrekt. Dieser Entscheid wurde auch gefällt wegen den immer kleiner werdenden Platzverhältnissen. Bei den Elefanten kam dazu, dass der Bestand vor allem an asiatischen Elefanten in Europa stark überaltert ist. Um weltweit eine genetische Vielfalt bei den asiatischen Elefanten zu erhalten und ihn vom Aussterben zu bewahren, hat der Circus Knie entschieden, sich voll und ganz der Aufzucht zu widmen. Somit also liegt der Grund des Verzichts nicht darin, dass solche Darbietungen nicht tiergerecht waren. Das würde ja im Umkehrschluss heissen, dass der Circus Knie seine Elefanten auf Tournée schlecht behandelt hätte. Ich glaube, dass man das wirklich nicht behaupten kann.

- <ARD und andere verzichten auch auf Nummern mit Wildtieren.> Bis jetzt war ich der Ansicht, dass SRF 1 unabhängig sei.

Zusammengefasst bin ich der Ansicht, dass diese Form der Selbstzensur mit einem öffentlich-rechtlichen Informationsmedium nicht vereinbar ist. Aus meiner Überzeugung besteht hier eine Missachtung des Sachgerechtigkeitsgebots. Sendungen sollen Tatsachen und Ereignisse sachgerecht darstellen, so dass sich das Publikum eine eigene Meinung bilden kann. Das ist auch der Grund, weshalb ich mit meiner Beanstandung an die Ombudsstelle gelange, nachdem die Verantwortlichen von SRF 1 in dieser Angelegenheit keine Einsicht zeigen. Ich danke Ihnen ganz herzlich für die wohlwollende Prüfung meiner Beanstandung und der Zeit, die Sie meinen Zeilen gewidmet haben. Vive le cirque!“

 

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für die Abteilung Unterhaltung äußerte sich Herr Rolf Tschäppät, Executive Producer International Productions:

«Gerne nehme ich zu der Beanstandung von Herrn X Stellung. 

Bei der Sendung ‘43. Internationales Zirkusfestival Monte Carlo’ handelt es sich um eine Unterhaltungssendung, die SRF 1 traditionsgemäss am Karfreitag um 20:05 Uhr ausstrahlt. Das internationale Zirkusfestival findet jeweils im Januar während zehn Tagen in Monte Carlo statt. Eingeladen werden herausragende Artistinnen und Artisten aus der ganzen Welt. Der Wettbewerb gipfelt in einer Gala, in der alle mit einem Preis ausgezeichneten Nummern zu sehen sind. 2019 wurden sechs bronzene, vier silberne und zwei goldene ‘Clowns’ vergeben. Diese Auszeichnungen werden landläufig auch als die ‘Oscars der Zirkuswelt’ bezeichnet. Ein kleines Team von SRF ist jeweils vor Ort, schaut sich Vorstellungen an und zeichnet an der Gala die Moderationen mit Dani Fohrler und Experte Rolf Knie auf. Die einzelnen Zirkusnummern, welche schlussendlich in der Sendung zu sehen sind, bestellt SRF bei der Produktionsfirma TELMONDIS, die vom Festival mit der Aufzeichnung der Vorstellungen beauftragt ist. Im Anschluss werden die einzelnen Nummern sowie die Moderationen von SRF in Zürich zusammengeschnitten und die Off-Kommentare von Moderator Dani Fohrler und Experte Rolf Knie aufgenommen. 

In seinem Schreiben beanstandet Herr X, dass SRF mit dem Verzicht auf Wildtiernummern in der beanstandeten Sendung eine Selbstzensur ausübe, die mit einem öffentlich-rechtlichen Informationsmedium nicht vereinbar sei und damit eine Missachtung des Sachgerechtigkeitsgebots vorliege. Wir können diese Beanstandung nachvollziehen und haben dafür Verständnis. Auch wir diskutieren das Thema von Wildtieren im Zirkus redaktionsintern intensiv. Medienberichte, Plakat-Aktionen oder Experten- und Publikumsvoten zeigen, dass sich auch die Öffentlichkeit seit einigen Jahren mit dieser Thematik auseinandersetzt. In diversen Ländern wurden Wildtiere in den Zirkussen verboten (z.B. Österreich, Niederlande, Norwegen, Schottland, Irland, Griechenland), in anderen – die Schweiz gehört dazu – sind sie erlaubt. Unter Fachleuten herrscht keine einheitliche Meinung darüber, ob Wildtiere in der Manege, auf den Reisen und in den räumlich eingeschränkten Verhältnissen auf den Zirkusplätzen leiden oder nicht.

Aber in der Gesellschaft lässt sich ein moralischer Wandel feststellen. Der Unmut vieler Schweizerinnen und Schweizer über Wildtiere in Zirkussen ist eine Tatsache. Davon zeugt auch eine Petition zum Verbot von Wildtieren in Zirkussen, die mit über 70'000 Unterschriften im März 2018 eingereicht wurde. Auch der Schweizer Nationalzirkus Knie verzichtet bekanntlich seit einiger Zeit auf seine Wildtiere in der Manege. Dazu dürften neben dem Wohl der Tiere auch Aktionen von Tierschützern beigetragen haben.

Herr X schreibt, dass er an die Ombudsstelle gelange, weil die Verantwortlichen von SRF keine Einsicht zeigen. Tatsächlich kam es 2018 in Monte Carlo zu einer spontanen Begegnung mit Herrn X im Zirkuszelt. Bei diesem kurzen Treffen konnten zwar ein paar Argumente ausgetauscht werden, eine vertiefte Diskussion liess der knappe zeitliche Rahmen aber nicht zu. Es war Herr Alfred Reichle, der Vorgänger von Herrn X als Präsidenten der Circus-, Variété- und Artistenfreunde der Schweiz CVA, der sich im Umfeld der Vorjahressendung, in der SRF ebenfalls schon keine Wildtiernummern gezeigt hatte, bei uns zu einem Austausch gemeldet hatte. Die anschliessenden Gespräche haben zwar etwas zum gegenseitigen Verständnis beigetragen, eine entscheidende Frage, vor der wir Sendungsverantwortlichen aber stehen, blieb: Was wollen wir in Kauf nehmen: Den Ärger der traditionellen Zirkusfreunde oder den der Tierschützer? Es war zu erwarten, dass so oder so eine Partei die Sendung beanstanden würde.

Wir haben uns auch die Frage gestellt, ob das Zirkusfestival Monte Carlo die richtige Wahl ist, um Zirkus auf SRF stattfinden zu lassen. Schliesslich steht Monte Carlo schon seit jeher auch für Nummern mit Wildtieren. Aber eben nicht nur: Es sind vor allem die weltbesten Artistinnen und Artisten, die jedes Jahr eingeladen und preisgekrönt werden, welche die Einzigartigkeit und die Attraktivität dieses Festivals ausmachen.

In unserem Bestreben, möglichst vielen Zuschauerinnen und Zuschauern einen unterhaltsamen Abend zu bereiten, haben wir uns entschieden, die Wildtiernummern nicht zu zeigen, wohl aber am Schluss der Sendung die Übergabe der begehrten ‘Clowns’ an alle Preisträger. Im Off-Kommentar wurden alle mit Namen erwähnt, wobei wir bei den beiden Tiertrainern darauf hinwiesen, dass wir ihre Vorführungen in unserem Querschnitt nicht berücksichtigt haben (Originalton bei Laufzeit 1:41:10: <…und a d’Familie Joseph Gärtner für ihri Elefantenummere, wo mer i dem Querschnitt nid xseh hei. Dr Grund: Mir verzichte i dere Sändig auf Zirkusnummere mit Wildtier>). Über diese knappe Abhandlung lässt sich streiten – aber auch darüber, ob diese Unterhaltungssendung das richtige Gefäss wäre für ein vertieftes Eingehen auf das komplexe Thema. Wir bedauern, dass wir Herrn X mit dem Verzicht auf die Wildtiernummern enttäuscht haben. Einen Verstoss gegen geltende Programmbestimmungen ist uns aber nicht bewusst.»

 

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Sie kritisieren in Ihrer Beanstandung, dass am 43. Internationalen Circus-Festival von Monte Carlo Wildtiernummern zwar mit besten Preisen ausgezeichnet, aber vom Schweizer Fernsehen in seinem Zusammenschnitt nicht gezeigt wurden. Ich kann Ihren Ärger verstehen, vor allem weil eine Wildkatzennummer sogar mit einem goldenen Clown ausgezeichnet wurde. Ich möchte in fünf Punkten darauf eingehen.

 

1. Was war der Anlass?

Seit 1974 findet Jahr für Jahr jeweils im Januar das Internationale Circus-Festival von Monte Carlo statt. Gründer war Fürst Rainier von Monaco. Seit seinem Tod steht das Festival unter der Schirmherrschaft von Prinzessin Stéphanie, die auch an der Spitze des Organisationsteams steht.[2] Das 43. Festival fand vom 17.-27. Januar 2019 statt. Die Gala mit den preisgekrönten Nummern umfasste 24 Auftritte und dauerte vier Stunden. Am Schluss wurden 52 Preise übergeben, darunter die bronzenen, silbernen und goldenen Clowns. Im Programm waren Darbietungen von Akrobaten, von Clowns sowie Dressurnummern mit Pferden, Eseln, Büffeln, Elefanten, Löwen und Tigern enthalten. Die Leitung des Festivals bekennt sich ausdrücklich zum Zirkus mit Tieren.[3] Prinzessin Stéphanie hat überdies eine Petition für den Zirkus mit Tieren initiiert, die von 6'673 Personen unterzeichnet wurde.[4]

 

2. Wie ging SRF vor?

Wie jedes Jahr, sendete Schweizer Fernsehen SRF am Karfreitag einen Zusammenschnitt des Festival-Programms, kommentiert von Dani Fohrler und Rolf Knie. Im Zusammenschnitt fehlten bewusst die Wildtiernummern. Das Fernsehen zeigte aber die Übergabe der bronzenen, silbernen und goldenen Clowns, darunter auch eines bronzenen Clowns an die Familie Gärtner für ihre Elefantennummer und eines goldenen Clowns an Martin Lacey Junior für seine Wildkatzennummer. Die Redaktion hat aus eigenem Antrieb und freiwillig darauf verzichtet, Wildtiernummern zu zeigen.

 

3. Was spricht für eine Sendung ohne Wildtiernummern?

Die Haltung von Wildtieren in Gegenden, in denen sie nicht zu Hause sind und in engen Verhältnissen (Zookäfigen, Zirkuswagen, Tierzelten) gehalten werden, gerät immer mehr in die Kritik. Viele Zoologische Gärten haben inzwischen den Wildtieren Parks gebaut, die ihren Herkunftsregionen ähneln und die viel Auslauf bieten. Zirkusse, die traditionell mit Wildtieren arbeiteten (wie Knie), haben freiwillig auf Wildtiernummern verzichtet. Andere renommierte Zirkusse (wie Roncalli oder Cirque de Soleil) haben zum vorneherein Programme überhaupt ohne Tiere angeboten. Auch der Schweizer Zirkus Monti verzichtet seit 2005 auf Tiere. Tierschutz-Argumente und Zeitgeist sprechen für den Zirkus ohne Wildtiere. Verschiedene Länder, vor allem nord- und westeuropäische, haben denn auch Wildtiere im Zirkus verboten. Der Verzicht oder ein Verbot wird vor allem damit begründet, dass der Transport und die Haltung der Tiere nicht artgerecht erfolgen kann und man nicht weiß, ob Dressuren von Wildtieren den Tieren eher Lust oder eher Leid bereiten.

 

4. Was spricht für eine Sendung mit Wildtiernummern?

Ausgangspunkt der Sendung vom Karfreitag war das diesjährige Internationale Circus-Festival von Monte Carlo. Dieses enthielt Wildtiernummern, sogar preisgekrönte. Die Leitung des Festivals bekennt sich ausdrücklich zum Zirkus mit Tieren. Wenn man also die Gala in Monte Carlo gerecht zusammenfasst und wenn die besten Nummern gezeigt werden sollen, dann müssten auch Wildtiernummern gezeigt werden. Rechtswidrig wäre das nicht, denn die Schweiz hat Wildtiere im Zirkus bislang nicht verboten.

 

5. Fazit

Wildtiere im Zirkus verkörpern Exotik, Schönheit, Kraft und Wendigkeit. Aber gibt es eine logische Begründung dafür, dass ein Elefant auf einen Hocker sitzen, ein Tiger durch einen brennenden Reifen springen oder ein Zebra auf zwei Beinen durch die Manege tänzeln muss? Man kann natürlich argumentieren, dass es den Tieren nicht besser gehen soll als den Menschen, denn diese werden ja auch dressiert und zu Nummern gezwungen, die in keiner Weise vernünftig sind. Oder entspricht es etwa der Vernunft, wenn an wichtigen Gedenktagen militärische Einheiten in Reih und Glied mit Stechschritt über Plätze und Straßen paradieren? Man kann umgekehrt wiederum argumentieren, dass es sowohl den Menschen und den Tieren besser gehen sollte. Dann müsste man die Defilee-Dressuren ebenso abschaffen wie die Dressuren von Wildtieren.

Fernsehen SRF konnte die Dressuren allerdings nicht abschaffen, es konnte nur darauf verzichten, sie zu zeigen. Man hat also dem Schweizer Publikum eine «Welt» vorgegaukelt, die so gar nicht existierte. War das legitim? Durfte das Fernsehen die Gala so zusammenkürzen, dass es nicht die «schlechteren» Nummern wegließ, sondern jene mit Wildtieren? War das sachgerecht?

Hier muss gleich eingefügt werden, dass das Sachgerechtigkeitsgebot vor allem auf Informationssendungen anwendbar ist, nur begrenzt auf Unterhaltungssendungen. Artikel 4, Absatz 2 des Radio- und Fernsehgesetzes sagt klar: «Redaktionelle Sendungen mit Informationsgehalt müssen Tatsachen und Ereignisse sachgerecht darstellen, so dass sich das Publikum eine eigene Meinung bilden kann.»[5] Nun könnte man natürlich argumentieren, der Bericht über das Internationale Circus-Festival von Monte Carlo sei auch Information, und dem Publikum seien Informationen vorenthalten worden, die es für die Meinungsbildung braucht. Nur wenn man die Tiernummern sehe, könne man beurteilen, ob es richtig oder falsch sei, dass Wildtiere in dieser Art dressiert und vorgeführt werden.

Diese Meinungsbildung wäre sicher wichtig, wenn in der Schweiz ein Gesetz erlassen worden wäre, das Wildtiere im Zirkus verbietet, und wenn gegen dieses Gesetz das Referendum ergriffen worden wäre, so dass eine Volksabstimmung bevorstünde. Dann müsste das Publikum die Pro- und Contra-Argumente kennen und auch dokumentiert werden. Da aber keine Volksabstimmung bevorstand, war die Sendung über das Internationale Circus-Festival in Monte Carlo reine Unterhaltung. Das Sachgerechtigkeitsgebot spielte eine untergeordnete Rolle.

Und deshalb kommt vor allem die Programmautonomie zum Zug. Das Radio- und Fernsehgesetz sagt in Artikel 6, Absatz 2: Die Programmveranstalter «sind in der Gestaltung, namentlich in der Wahl der Themen, der inhaltlichen Bearbeitung und der Darstellung ihrer redaktionellen Publikationen und der Werbung frei und tragen dafür die Verantwortung.» Und es fügt in Absatz 3 an: «Niemand kann von einem Programmveranstalter die Verbreitung bestimmter Darbietungen und Informationen verlangen.»[6] Wir müssen daher der Redaktion das Recht zubilligen, auf Wildtiernummern in der Zusammenfassung des Internationalen Circus-Festivals von Monte Carlo zu verzichten, obwohl das schweizerische Recht sie nicht dazu gezwungen hat und selbst dann, wenn man den Entscheid nicht ganz nachvollziehen kann. In «dubio pro reo» kann ich daher Ihre Beanstandung nicht unterstützen.

 

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

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