Sendereihe «Parteien zur Wahl» beanstandet
SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

Sendereihe «Parteien zur Wahl» beanstandet

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Mit Ihrer E-Mail vom 19. September 2019 beanstandeten Sie die Sendereihe «Parteien zur Wahl» auf Fernsehen SRF und dabei insbesondere die Sendungen vom 18. und 19. September 2019 mit Regula Rytz und Christian Levrat.[1]  Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher darauf eintreten.

 

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

«Ich hab den Auftritt von Regula Ritz mit heutigem Levrats in SRF verglichen und bin erschrocken: sie haben beide Fragesteller ständig ab/unterbrochen. Bitte lassen Sie das bai allen Präs. untersuchen.»

 

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Die Antwort kam von Herrn Gion-Duri Vincenz, Bundeshausredaktor von Fernsehen SRF:

«In der Sendung ‘Parteien zur Wahl’ wurden die Präsidentinnen und Präsidenten von BDP, CVP, EVP, FDP, Grünen, Grünliberalen, SP und SVP befragt. Ziel war es, in den jeweils knapp zehn Minuten Sendezeit zwei Themen etwas vertiefter zu besprechen. Dazwischen erhielten die Gäste eine Reihe von immer zwei Begriffen und mussten sich für einen entscheiden («Entweder – oder»). Auch eine einminütige, grafisch aufbereitete Bilanz der Parteien war Teil von «Parteien zur Wahl». Die Sendung wurde unter Livebedingungen produziert und zeitversetzt ausgestrahlt. In keinem Fall wurde eine Sendung gekürzt oder durch Schnitte verändert.

Zur Beanstandung

Die Beanstanderin stört sich im Falle von Grünen-Präsidentin Regula Rytz und SP-Präsident Christian Levrat daran, dass diese von «beide(n) Fragesteller(n) ständig ab/unterbrochen» worden seien.

Tatsächlich haben Nathalie Christen und Gion-Duri Vincenz in den meisten Gesprächen die Gäste gelegentlich unterbrochen. Einerseits, weil sie auf die Einhaltung des knappen Zeitbudgets und damit auf eine gewisse Kürze in den Antworten drängen mussten. Andererseits, um Präzisierungen anzubringen oder den Befragten die eigentliche Fragestellung wieder in Erinnerung zu rufen. Das Unterbrechen ist kein Selbstzweck, und es sollte auch nicht dazu dienen, eine besonders kritische Fragehaltung auszudrücken. Die kritische Haltung ergibt sich aus dem Inhalt der Fragen.

Bei der Analyse der Sendungen haben wir festgestellt, dass Nathalie Christen und Gion-Duri Vincenz in jenen Gesprächen ihre Gäste am wenigsten unterbrechen mussten, in denen die gestellten Fragen einerseits beantwortet wurden und die Beantwortung andererseits in der aufgrund der Sendezeit angemessenen Kürze erfolgte. In keinem Fall kann und sollte aufgrund der Anzahl Unterbrechungen beurteilt werden, wie kritisch oder wenig kritisch jemand befragt wurde. Zum impliziten Vorwurf, es seien möglicherweise nicht alle Gäste gleich kritisch behandelt worden: Beide Befragenden sind überzeugt, bei allen Gästen nach bestem Wissen und Gewissen dieselben Massstäbe angewendet zu haben. Der Redaktionsleiter und die verantwortliche Produzentin kommen nach wiederholter Visionierung ebenfalls zum Schluss, dass in der Härte der Befragung keine Unterschiede festzustellen sind.»

 

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendereihe. Die Sendereihe stellte die beiden Interviewer vor beträchtliche Herausforderungen: Sie mussten innerhalb eines knappen Zeitbudgets die vorbereitete Bilanz der jeweiligen Partei, das Pingpong mit Doppelbegriffen und die Befragung zu relevanten Themen integrieren. Dies setzte Sachkenntnis, Disziplin und Beweglichkeit voraus. Es war unumgänglich, dass Parteipräsidenten, die nicht die gestellte Frage beantworteten oder die ausschweifend Stellung nahmen, unterbrochen werden mussten.

Ich habe mir alle acht Sendungen genau angesehen. Was ist die Bilanz? Die beiden Journalisten kennen sich in den Sachthemen sehr gut aus. Sie führten die Gespräche in einem höflichen, freundlichen Ton. Sie waren nie aggressiv, hämisch, verletzend, aber sie beharrten auf klaren Antworten auf die gestellten Fragen. Auffallend war, dass sie die Vorsitzenden der kleinen Parteien, die ja auch viel weniger Macht und Einfluss haben, milder befragten als jene der großen; das geschah möglicherweise intuitiv. Die nachfolgende Tabelle ermöglicht einen Vergleich, wobei anzumerken ist, dass der Entscheid, welche Frage als kritisch und welche als unkritisch taxiert wird, relativ subjektiv ist:

Behandlung der Parteipräsidenten in der Sendereihe «Parteien zur Wahl»

Parteipräsidenten

Zahl

kritischer

Fragen

Zahl

unkritischer

Fragen

Zahl der

Unterbre-

chungen

Jürg Grossen, GLP

 9

3

0

Gerhard Pfister, CVP

10

2

3

Marianne Streiff, EVP

 5

8

1

Petra Gössi, FDP

 8

2

1

Martin Landolt, BDP

 5

7

0

Albert Rösti, SVP

10

0

6

Regula Rytz, GPS

 7

4

2

Christian Levrat, SP

 8

4

3

Die Gegenüberstellung ergibt, dass alle Präsidenten der Bundesratsparteien (FDP, CVP, SVP und SP) acht bis zehn kritische Fragen zu beantworten hatten, während die Präsidenten der kleinen Parteien (BDP und EVP) sieben bis acht unkritische (und nur fünf kritische) Fragen gestellt erhielten. Die meisten Parteipräsidenten wurden kaum unterbrochen. Die etwas höhere Unterbrechungs-Quote bei Albert Rösti hat damit zu tun, dass er ein paar Mal lange Ausführungen machte oder der Frage auswich. Eine Rolle spielte auch, wie schnell die einzelnen Politikerinnen und Politiker sprechen. Die Grünen-Präsidentin Regula Rytz und BDP-Präsident Martin Landolt sprechen ausgesprochen schnell. Sie können daher in kürzester Zeit mehr Gedanken unterbringen als andere und werden daher tendenziell auch etwas weniger unterbrochen. Regula Rytz und Christian Levrat, die Sie speziell erwähnt haben, wurden nicht schlechter behandelt als andere. Insgesamt ist dem Vielfaltsgebot und dem Fairnessprinzip Rechnung getragen worden. Niemand wurde diskriminiert. Ich kann daher Ihre Beanstandung nicht unterstützen.

 

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

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