«Late Update»-Beitrag «Froschmeier trifft Levrat und Zanetti» beanstandet
SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

«Late Update»-Beitrag «Froschmeier trifft Levrat und Zanetti» beanstandet

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Mit Ihrer E-Mail vom 14. Oktober 2019 beanstandeten Sie die Sendung «Late Update» (Fernsehen SRF) vom 6. Oktober 2019 und dort den Beitrag «Froschmeier trifft Levrat und Zanetti», speziell eine Frage des Interviewers an SP-Präsident Christian Levrat.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher darauf eintreten.

 

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

«In der Sequenz werde ich als neue JUSO Präsidentin als ‘Miss JUSO’ und ‘heiss’ benennt. Dies ist sexistisch, da es stets Frauen sind, die auf eine solche Art und Weise auf ihr Aussehen reduziert werden, obwohl mein Tätigkeitsfeld nichts damit zu tun hat. Sexistische Stereotype werden damit verstärkt und reproduziert und es wird in der Sendung auch nicht auf die damit verbundene Problematik hingewiesen.»

 

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für «Late Update» äußerte sich Herr Daniel Kaufmann, Senior Producer Comedy:

«Gerne nehmen wir zur Beanstandung von Frau Ronja Jansen Stellung.

Bei ‘Late Update’ handelt es sich um eine Satiresendung. Satire ist ein besonderes Mittel der Meinungsäusserung, bei dem sich die Form bewusst nicht kongruent zu dem verhält, was sie hinterfragen will. Sie übersteigert die Wirklichkeit, verfremdet sie, stellt sie um, kehrt wieder zu ihr zurück, banalisiert sie, karikiert sie, macht sie lächerlich. Dabei ist es aus programmrechtlicher Sicht zentral, dass der satirische Charakter für das Publikum erkennbar ist. Der satirische Charakter bei ‘Late Update’ ist für den Zuschauer aufgrund des Sendeformats klar erkennbar.

Die Beanstandung von Ronja Jansen bezieht sich auf ein Gespräch mit SP-Parteipräsident Christian Levrat in der Ausgabe vom 6. Oktober. Die Begriffe, die Frau Jansen kritisiert, stammen von einer Kunstfigur namens ‘Frank-Walter Froschmeier’, der von Michael Elsener gespielt wird. ‘Froschmeier’ ist für die Zuschauerinnen und Zuschauer der Sendung klar als fiktive Figur erkennbar. Für die Politikerinnen und Politiker zum Zeitpunkt des Interviews nicht. Sie gingen davon aus, mit einem deutschen Journalisten zu sprechen. Die Figur ‘Froschmeier’ provoziert die Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner durch schlechte Manieren und mangelnde Kenntnisse. So bezeichnet er beispielsweise Christian Levrat als Franzosen. Mit ‘Froschmeier’ verfolgt die Satiresendung ‘Late Update’ den Zweck, Politikerinnen und Politiker mit einer ungewöhnlichen Situation zu konfrontieren, die sie aus der Reserve lockt. Die Reaktion der Politikerinnen und Politiker ist also klar Teil des Konzepts. Und damit der wichtigste Part der eigentlichen Aussage des Beitrags. In der gerügten Sequenz hat Christian Levrat ‘Froschmeier’ zunächst korrigiert, als dieser Frau Jansen als ‘Miss Juso’ betitelt hat, und dann das Gespräch abgebrochen, als Froschmeier bekundete, dass er sie ‘heiss’ finde. Die sexistischen Formulierungen wurden dabei bewusst gewähnt, um darauf aufmerksam zu machen, dass Politikerinnen von den Medien regelmässig auf ihr Erscheinungsbild reduziert werden. Die unserer Meinung nach vorbildliche Reaktion von Christian Levrat hat diese Botschaft noch verstärkt. Sexismus ist ein wichtiges Thema und nicht alle Menschen reagieren wie Christian Levrat in dieser Situation, wenn sie damit konfrontiert werden.

Satire will Missstände aufzeigen. Und zu diesem Zweck arbeitet sie manchmal mit Kunstfiguren, die gewisse Verhaltensweisen karikieren. Die Satire und die Fiktion leben davon, auch Figuren mit negativen Eigenschaften darstellen zu können, um die gewünschte Haltung transportieren zu können.

Ich bedanke mich für die Gelegenheit zur Stellungnahme.»

 

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Bei der beanstandeten Sendung handelt es sich einerseits um eine Satire-Sendung und anderseits um eine Sendung im Vorfeld der eidgenössischen Wahlen. Beides spielt eine Rolle.

Was ist Satire? Satire ist die scharfe, sarkastische, bissige, witzige Übertreibung und Überspitzung der Wirklichkeit, die Sachverhalte und menschliches Handeln zur Kenntlichkeit entstellt. Sie basiert immer auf einem wahren Kern. Der Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky schrieb 1919, Satire dürfe alles. Auch der Komiker Oliver Polak sagte 2016: „Man kann Witze über alles machen.“[2] Dieser Meinung bin ich nicht. Der Spielraum der Satire ist zwar weit, aber es sind ihr auch Grenzen gesetzt. So ist es beispielsweise allzu billig, wenn sich Humoristen und Witzbolde über menschliche Eigenschaften wie Kleinwüchsigkeit oder Dickleibigkeit oder über die Hautfarbe lustig machen. Die Satire kann nicht scharf genug sein, wenn deplatziertes menschliches Handeln zur Debatte steht, sie kann nicht bissig genug sein, wenn Fehlleistungen oder Größenwahn-Entwicklungen von Politikern oder Wirtschaftsbossen aufs Korn genommen werden, aber sie sollte über angeborene menschliche Merkmale nicht spotten. Die Satire stützt sich auf die Kunstfreiheit und auf die Meinungsäusserungsfreiheit, und wenn sie über Medien vermittelt wird, auch auf die Medienfreiheit. Aber diese Freiheiten stehen nicht absolut. Sie müssen abgewogen werden gegenüber anderen Grundrechten wie: Recht auf Menschenwürde, Religionsfreiheit, Diskriminierungsverbot.

Gleichzeitig fiel die Sendung in die «heiße Phase» des Wahlkampfs um National- und Ständerat. Die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) und die ihr vorgeschalteten Ombudsstellen taxieren die letzten sechs Wochen vor Wahlen und Volksabstimmungen als jene Periode, in der erhöhte journalistische Sorgfaltspflichten gelten und in der das Vielfaltsgebot auf jede einzelne (Diskussions-)Sendung angewendet werden muss. Diese Periode begann diesmal am 9. September 2019. Damit fielen alle bisherigen Sendungen der zweiten Staffel von «Late Update» (22. September, 29. September, 6. Oktober und 13. Oktober) in diese Zeit. Zwar ist «Late Update» als Satiresendung in erster Linie eine Unterhaltungssendung, aber auch für Unterhaltungssendungen gelten die Grundrechte, und eine Satiresendung, die sich «das einzig wahre Newsstudio des Schweizer Fernsehens» nennt, muss auch gewisse Regeln der Wahlberichterstattung beachten. So wäre es beispielsweise unverhältnismässig und nicht dem Vielfaltsgebot entsprechend, wenn immer nur eine Partei an die Kasse käme. In dieser Beziehung war «Late Update» allerdings vorbildlich: Alle Parteien bekamen ihr Fett ab. Und es ist auch unbestritten, dass sich eine Satiresendung wie «Late Update» in den Wahlkampf einmischen darf, ja soll.

Nun stellt sich jedoch die Frage, inwieweit eine Satiresendung politisch korrekt sein muss. Ist nicht Satire grundsätzlich politisch unkorrekt? Wenn Michael Elsener sagt, ein Nationalratskandidat der SVP, der als 300-Meter-Schütze gelobt wird, brauche eigentlich gar nicht so weit schiessen zu können, denn im Nationalratssaal sässen ja die Linken viel näher, dann ist das politisch unkorrekt, aber satirisch hervorragend. Satire ist in der Tat immer wieder politisch unkorrekt, aber sie sollte es dort nicht sein, wo Menschen diskriminiert werden, wo beispielsweise Behinderte auf das Behindertsein, Transmenschen auf das Transsein, Juden auf das Jüdischsein, Frauen auf das Weiblichsein reduziert und als solche stigmatisiert oder lächerlich gemacht werden. Das Radio- und Fernsehgesetz sagt in Artikel 4 Absatz 1:[3]

«Alle Sendungen eines Radio- oder Fernsehprogramms müssen die Grundrechte beachten. Die Sendungen haben insbesondere die Menschenwürde zu achten, dürfen weder diskriminierend sein noch zu Rassenhass beitragen noch die öffentliche Sittlichkeit gefährden noch Gewalt verherrlichen oder verharmlosen.»

Rassismus und Seximus gehören in diese Kategorie und fallen unter das Diskriminierungsverbot, auch in einer Satiresendung. Die Bemerkung des deutschen Fantasie-Journalisten Frank-Walter Froschmeier an SP-Präsident Christian Levrat, ob es für ihn nicht an der Zeit sei, nach elf Jahren an der Spitze der SP Schweiz Platz zu machen, beispielsweise für Sie, da Sie ja zur «Miss Juso» gewählt worden und «heiß» seien, war ohne Zweifel sexistisch aufgeladen, und Christian Levrat hat ja auch das Interview aus Protest sofort abgebrochen.

Die Redaktion argumentiert nun, dass es sich beim fragenden Journalisten um eine Kunstfigur handle, und dass Kunstfiguren immer wieder dazu dienen, um das Verhalten bestimmter Menschentypen zur Kenntlichkeit zu entstellen. Michael Elsener hat sich ja auf Grund Ihres öffentlichen Protestes, dieser Argumentation folgend, in der nächsten Sendung von den Aussagen der Kunstfigur Frank-Walter Froschmeier distanziert.[4]  Denkt man das zu Ende, dann wäre die Bemerkung des Star-Journalisten nicht sexistisch, sondern eine Kritik am Sexismus. Diese Argumentation ist ernst zu nehmen, doch überzeugt sie nicht ganz. Denn eine Kunstfigur muss typenkonform reden - etwa wie Alfred Rassers «HD Läppli» , der alle Eigenheiten eines leicht bedepperten Hilfsdienstsoldaten aufweist, wie Viktor Giacobbos «Harry Hasler», der der vollendete Typ aus dem Zuhälter-Milieu ist, oder wie Mike Müllers «Hanspeter Burri» , der einen sprachfehlerbehafteten, etwas spießigen Experten darstellt. Diese verhalten sich alle typengerecht. Dass ein deutscher Journalist einen Romand für einen Franzosen hält, ist noch einigermaßen plausibel. Aber ist es typisch für deutsche Journalisten, dass sie sexistisch sind? Hier wird wohl die Kunstfigur etwas überbeansprucht. Darum übernehme ich die Kunstfigur-Theorie nicht.

Doch: Hat eine solche Bemerkung in einer satirischen Sendung nicht trotzdem Platz? Ich meine nein, weil sie nicht Ihr Handeln und Verhalten auf die Schippe nimmt, sondern Ihr Aussehen ironisiert und Sie damit auf Äusseres reduziert und so diskriminiert. Ich kann daher Ihre Beanstandung unterstützen.

 

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

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  1. Petra Steiner 20.10.2019 11:27

    Was würde Roger Blum wohl zu Sacha Baron Cohen's Figur des Erran Morad in "Who Is America" sagen? Dieser äussert sich dort rassistisch, homophob, etc. Wäre das typengerecht? Würde Roger Blum einem israelischen Ex-Militär und Ex-Mossad-Agenten effektiv rassistisches Verhalten als typengerecht zubilligen, obwohl Juden selber Opfer des Rassismus waren und sind? Wohl kaum: Erran Morand wäre also offensichtlich nicht typengerecht.
    Erran Morad schafft es, durch rassistische Äusserungen seine Gesprächspartner selber dazu zu bringen, sich rassistisch zu äussern. Damit entlarvt er sie. Michael Elsener hat versucht, ob er dem SP-Präsidenten Sexismus unterjubeln kann - er versucht ihn also ebenfalls auf's Glatteis zu führen, so wie das Erran Morad mit seinen Gesprächspartnern tut - scheitert damit aber bei Christian Levrat.
    Man könnte Sacha Baron Cohen somit vorwerfen, sich zweimal rassistisch geäussert zu haben: Einmal in seiner Kunstfigur und einmal durch seine Gesprächspartner, von denen er wusste, dass sie latent rassistisch waren und welche die rassistischen Statements prompt repliziert haben. Diese Gefahr bestand bei Michael Elsener nicht - im Gegenteil war zu erwarten, dass der Gesprächspartner die sexistischen Bemerkungen blossstellen würde. Insofern war also Sacha Baron Cohen viel "schlimmer" als Michael Elsener.
    Daher meine Frage an Roger Blum: Würde er die Kunstfigur des Erran Morad ebenfalls als diskriminierend verurteilen? Wäre er konsequent, müsste er das.