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Arbeitsalltag in China: Corona

Martin Aldrovandi berichtet seit vier Jahren als SRF-Auslandkorrespondent über China, Taiwan, Japan, Südkorea und Nordkorea. Wie hat er den Ausbruch der Corona-Krise mitbekommen? Ein Erlebnisbericht.

Die globale Viruskrise kündigte sich schleichend an. Für mich begann sie mit einer Art Entwarnung: Die Polizei in Wuhan ermittle gegen acht Personen, die im Internet Gerüchte über eine neuartige Lungenentzündung verbreiteten. Das Internet befinde sich nicht ausserhalb des Gesetzes, warnte die Nachrichtensprecherin ihre Zuschauer.

«Hoffentlich ist es nichts Schlimmes», dachte ich. Erinnerungen an 2003 und SARS kamen hoch. Damals wohnte ich in Taipeh und erlebte die Angst der Menschen hautnah mit. Wohnungen in der Strasse, in der ich wohnte, wurden unter Quarantäne gestellt.

Auch die Nachricht zum Coronavirus erreichte mich in Taiwan. Ich berichtete über die Präsidentschaftswahlen auf der Insel. War überwältigt von den Menschenmassen, die vor dem Wahlkampfzentrum der Regierungspartei euphorisch den Sieg von Präsidentin Tsai Ing-wen feierten. Frei mit Interviewpartnern zu sprechen, war für mich eine willkommene Abwechslung vom Reporteralltag auf dem chinesischen Festland.

Doch vor dem Rückflug nach Shanghai häufte sich die Anzahl gemeldeter Fälle in China. Ein Freund drängte mich richtiggehend, in Taipeh noch Masken zu kaufen. Ich empfand das als übertrieben, tat es ihm zuliebe aber trotzdem. Zum Glück, wie sich später herausstellte.

Inzwischen hatte das chinesische Neujahr angefangen. Wie jedes Jahr verliessen Millionen von Bewohnern die Stadt und fuhren nach Hause zu ihren Familien. Shanghai schien noch ruhiger als in den Jahren zuvor. Die meisten meiner chinesischen Freunde, die in Shanghai geblieben waren, trauten sich nicht mehr aus dem Haus.

«Als Journalist müsse man immer vor Ort sein, sagte er mir. Ich stimmte ihm zu und ärgerte mich insgeheim, dass ich nicht selbst da war.»

Martin Aldrovandi, SRF-Radio-Nordostasien-Korrespondent

Zusammen mit der Auslandredaktion in Bern entschied ich, noch nicht nach Wuhan zu fahren, sondern erst mögliche Restriktionen abzuwarten. Ein paar Stunden nach dem Telefonat riegelten die Behörden die Stadt Wuhan ab. Über zwei Monate lang waren die Menschen von der Aussenwelt abgeschnitten. Viele waren über Wochen in ihren Wohnungen eingesperrt.

Davon nicht abbringen liess sich der chinesische Bürgerjournalist Chen Qiushi. Er reiste auf eigene Faust nach Wuhan. Seine emotionalen Videos aus Wuhan erreichten im Netz ein Millionenpublikum. Ich hatte das Glück, mit ihm für einen Radiobeitrag telefonieren zu können.

Als Journalist müsse man immer vor Ort sein, sagte er mir. Ich stimmte ihm zu und ärgerte mich insgeheim, dass ich nicht selbst da war. Chen sagte aber auch, dass er Angst habe und nicht wisse, wie es weitergehe. Wenige Tage darauf verschwand er. Er ist bis heute nicht aufgetaucht.


In der LINK-Kolumne 2020 geben­ SRF-Korrespondentinnen und­-Korrespondenten ­einen persönlichen ­Einblick­ in ­die Medienwelt ­ihrer ­Tätigkeitsregion.


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Text: LINK/Martin Aldrovandi

Bild: Martin Aldrovandi/zVg

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