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«Mission B» Endspurt

Die Biodiversität in der Schweiz ist bedroht. Seit gut einem Jahr und noch bis im Oktober stärken die SRG, Partnerorganisationen und die Schweizer Bevölkerung mit «Mission B» darum das Bewusstsein dafür und geben Tipps, was Einzelne für mehr heimische Natur machen können. Eine Zwischenbilanz und die Frage nach der langfristigen Wirkung.

Über 1.5 Million Quadratmeter biodiverser Fläche schweizweit, umgesetzt in über 4500 Projekten – das ist das vorläufige Ergebnis in Zahlen des bis im kommenden Herbst laufenden Themenschwerpunkts «Mission B» für mehr Biodiversität in der Schweiz. Seit dem Frühling 2019 haben sich tausende von Menschen engagiert und Trockensteinmauern, Wildbienenhäuser und Nistkästen gebaut, Ruderalflächen, naturnahe Spielplätze, Wildblumenwiesen und Teiche angelegt. Private, Schulen, Gemeinden, Vereine und Unternehmen haben sich in kreativer Art und Weise dafür eingesetzt, dass neue artengerechte Lebensräume für einheimische Tiere, Insekten und Pflanzen geschaffen werden.

Mehr als 90 Prozent der bisher auf missionb.ch eingetragenen Projekte stammen aus privater Initiative. Unter ihnen ist beispielsweise Beatrice Lindauer aus Langnau am Albis, die ein Reihen-Einfamilienhaus besitzt. Wegen «Mission B» hat sie ihren Rasenmäher-Roboter mit Namen Robbi in Rente geschickt und eine Gartenbaufirma angestellt, die ihren Garten naturnah gestaltet. Letztes Jahr hat sie 20 Quadratmeter neuer biodiverser Fläche bei «Mission B» eingetragen, diesen Sommer werde noch mehr geschaffen, verspricht sie. Sie will der Natur etwas von dem zurückgeben, was sie ihr durch den Bau ihres Hauses genommen hat.

Die Mitverantwortung wahrnehmen

Am 18. März 2019 war Startschuss des SRG-Langzeitprojekts, das der schwindenden Biodiversität in der Schweiz die Stirn bietet. Die Zahlen belegen: Jede Sekunde verliert unser Land fast 0,7 Quadratmeter Grünfläche; Insekten sterben, Vögel werden immer weniger, ein Drittel aller Pflanzen- und Tierarten sind hierzulande bedroht. Hauptgrund ist der Rückgang ihrer natürlichen Lebensräume, sei es für Wohn- und Siedlungsraum oder für intensive Landwirtschaft. «Schlussendlich ist es der enorme und weiterhin wachsende Bedarf an Ressourcen der Menschen, der den vielen anderen Lebewesen den Platz streitig macht. Dafür tragen wir alle Mitverantwortung, etwa indem wir Lebensmittel verschwenden und regelmässig Fleisch essen, Artikel wegwerfen, statt sie zu reparieren, und grosszügig wohnen wollen», sagt die Naturwissenschaftlerin Daniela Pauli. Pauli leitet das Forum Biodiversität der Akademie Naturwissenschaften, das als Partner-Organisation das «Mission B»-Team von SRF wissenschaftlich-fachlich berät.

KoKeJa's Wilder Garten mit Insektenhotel in Oberentfelden.
KoKeJa's Wilder Garten mit Insektenhotel in Oberentfelden. (Bild: naturechallenge.swiss)

Zusammen mit über 40 externen Partner-Organisationen riefen vergangenen Frühling alle vier SRG-Unternehmenseinheiten SRF, RSI, RTS und RTR Privatpersonen, Gemeinden, Schulen, Unternehmen und Organisationen dazu auf, auch ihre Mitverantwortung wahrzunehmen und «der Natur ein Stück ihrer Fläche zurückzugeben», sei es beim Pflanzen einer einheimischen Glockenblume in der Blumenkiste, beim Einrichten eines Tümpels im Garten, beim Anlegen einer grösseren Blumenwiese oder ähnlich – unter dem Motto «Jeder Quadratmeter zählt!», keine Mitmach-Aktion sei zu klein.

Die Lösung im Fokus

«Das Gesamtkonzept von ‹Mission B› baut auf einen konstruktiven Ansatz», erklärt Bettina Walch, «Mission B»-Projektleiterin bei SRF, die sich mit dem bisherigen Verlauf des Projekts sehr zufrieden zeigt. Im Vordergrund der Berichterstattung stehe nicht das Problem, sondern vielmehr die Lösung desselben. So auch bei den SRG-Sendern, die das Projekt am TV, im Radio, online und auf Social Media publizistisch begleiten: «Ganz im Sinne des ‹Constructive Journalism› beleuchten wir nicht nur die alltägliche Problematik rund um den Artenrückgang, sondern zeigen insbesondere konkrete Lösungswege für die erfolgreiche Erhaltung und Förderung der Biodiversität in der Schweiz auf», erklärt Walch. Zudem sei mit der «Mission B»-Facebookgruppe von SRF eine grosse, äusserst aktive und sich gegenseitig inspirierende Community entstanden, stellt sie mit Freude fest.

Ein entscheidender Erfolgsfaktor, so Walch, sei die gute Zusammenarbeit mit Fachpersonen und -vereinen. Wie mit dem Forum Biodiversität steht das «Mission B»-Projektteam von SRF auch im engen Austausch mit dem Aktionspartner Verein «Festival der Natur», unter der Co-Leitung von Norbert Kräuchi – auch Leiter Abteilung Landschaft und Gewässer, Kanton Aargau. «Unser Ziel im Verein ist es, die eingetragenen Biodiversitätsflächen erlebbar zu machen, um so andere zu inspirieren», sagt Kräuchi. Wo die Internetseite missionb.ch den quantitativen Stand der umgesetzten Flächen zeigt, geht das «Festival der Natur» – eine Vereinigung von Naturschutz- und anderen Institutionen der deutsch- und italienischsprachigen Schweiz – mit seinem Projekt «NatureChallenge» einen Schritt weiter und lädt «Mission B»-Engagierte ein, auf naturechallenge.swiss ihre Flächen mit Text und Bild zu dokumentieren. Bis jetzt sind rund 600 Projekte eingetragen.

Dem Coronavirus zum Trotz

Für das laufende Jahr hat der Verein «Festival der Natur» einen Schwerpunkt bei den Schulen gesetzt und die Aktion «Mission B: Biodiversität macht Schule» lanciert. Vorbildliche schulische Projekte werden erfasst und so dargestellt, dass die Informationen leicht zugänglich sind und als Inspiration für andere Schulen dienen. Die Coronakrise machte dem Vorhaben im März jedoch einen Strich durch die Rechnung. SRF reagierte auf die Schulschliessung und setzte rasch diverse Sendungen und Online-Beiträge um, welche die Kleinen in der schulfreien Zeit spielerisch dazu animierten, sich für die Biodiversität im Garten oder auf dem Balkon zu Hause einzusetzen, oder die Lehrkräfte beim Homeschooling unterstützten. «Biodiversität macht Schule» soll nach der Coronakrise und auch nach Ablauf des offiziellen Schlusses von «Mission B» im Oktober weitergeführt werden.

Insekten-Eldorado von Judith und Daniel, Halten.
Insekten-Eldorado von Judith und Daniel, Halten. (Bild: naturechallenge.swiss)

Über 1.5 Million Quadratmeter neuer biodiverser Fläche: Die Zahl der neu eingetragenen Flächen mag beeindruckend sein. Aber wie nachhaltig schätzen die Fachleute «Misson B» ein? «Auch wenn es über eine Million Quadratmeter sind: Den Rückgang der Biodiversität kann das Projekt allein wohl kaum aufhalten. Dafür müssten dringend die grossen Negativ-Treiber angegangen werden – allen voran der Verschleiss an Ressourcen und der intensive Dünger-, Pestizid- und Maschineneinsatz in der Landwirtschaft», mahnt Pauli. «‹Misson B› ist in erster Linie ein Projekt, das in der Bevölkerung das Interesse und die Begeisterung für unsere Naturschätze weckt, und das ist enorm wertvoll.»

Sehr ähnlich klingt das Zwischenfazit von Norbert Kräuchi: «Auf kantonaler Ebene gibt es bereits seit mehreren Jahrzenten Naturschutzprogramme. ‹Mission B› war und ist für mich aber ein Glücksfall und eine Erfolgsgeschichte. Denn mit seiner Lancierung ist es gelungen, in grossen Teilen der Schweiz Kondensationskeime für die Biodiversität zu säen. Dieses kollektive Engagement für die Natur, für die Biodiversität ist einzigartig. Es scheint mir, dass mit dem Projekt ‹Mission B› geradezu eine ‹Passion B›, eine Leidenschaft Biodiversität, geweckt wurde. Diese gilt es zu bewahren.»


Web-Tipps zu «Mission B» und Biodiversität


Text: Pernille Budtz

Bild: naturechallenge.swiss

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