Esther Girsberger und Kurt Schöbi laufen nebeneinander her.
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Mediation im Duett

Mit Esther Girsberger und Kurt Schöbi ist die Ombudsstelle der SRG Deutschschweiz erstmals mit einem Duo und erstmals mit einer Frau besetzt. Seit dem Antritt im April hat das ungleiche Paar weitreichende Gemeinsamkeiten gefunden.

Als Mitte August der Regionalrat der SRG Deutschschweiz in Zürich zusammenkam, statteten die neuen Ombudsleute Esther Girsberger und Kurt Schöbi dem Gremium ihren Antrittsbesuch ab – knapp fünf Monate nach Stellenantritt. «Eines von tausend Dingen, die früher geplant waren», sagt Girsberger später. Die Coronapandemie erschüttert nicht nur das grosse Ganze, sondern diktiert auch den Terminkalender im Mikrokosmos SRG – und zu einem schönen Teil den Alltag der neu besetzten Ombudsstelle.

Als Girsberger und Schöbi die Ombudsstelle übernahmen, befand sich die Schweiz in der dritten Lockdown-Woche. Die Medienpräsenz des Virus war überwältigend, die Sensibilität im Publikum sehr hoch. Das wirkte sich auf die Zuschriften aus. 570 Beanstandungen seien von April bis Mitte August insgesamt eingegangen, sagt Girsberger. Das sind in viereinhalb Monaten so viele wie im ganzen Jahr 2019. 220 davon gingen als Massenbeanstandung nach den beiden Rassismus-«Arenen» im Juni ein. «Vom Rest stehen mindestens 70 Prozent im Zusammenhang mit Corona», schätzt sie. «Angesichts der Menge an Beanstandungen kamen wir ‹ziemlich auf die Welt›», sagt Schöbi offen. Die beiden teilen sich eine 80-Prozent-Stelle. In der Theorie.

Mit Girsberger und Schöbi spannen zwei Medienprofis unterschiedlicher Gattung auf der Ombudsstelle zusammen.

Hier Girsberger (59) die Juristin und Journalistin, die über die «NZZ» und den «Bund» eine steile Karriere hinlegte und schliesslich als erste Frau die Chefredaktion des «Tages-Anzeigers» führte. Girsberger die Meinungsmacherin, die Kolumnen schreibt und regelmässig im «SonnTalk» auf regionalen TV-Sendern ihre Einschätzungen abfeuert. Girsberger die Unternehmerin, die eine Eventagentur führt, deren Referentenliste von Medienleuten über Wissenschaftlerinnen, Wirtschaftsführer und Politikerinnen bis hoch zu den Alt-Bundesräten Ogi, Leuenberger und Leuthard die halbe Promi-Schweiz umfasst.

Da Schöbi (64) der Lehrer, der rund zehn Jahre auf Primar- und Realstufe an Ostschweizer Schulen unterrichtete. Schöbi der Journalist, der in den 1980ern zunächst hobbymässig und schliesslich drei Jahre beruflich für die Regionalzeitung «Die Linth» schrieb. Schöbi der Medienpädagoge, der im Auftrag des Luzerner Bildungsdepartements Konzepte zur Medienbildung entwickelte und in den Nullerjahren an der Pädagogischen Hochschule Luzern den Bereich Medienbildung aufbaute, den er bis zu seiner Pensionierung Ende 2019 leitete. Und Schöbi der SRG-Mann, der seit bald 30 Jahren Mitglied des Ressorts Inhalte der SRG Zentralschweiz ist.

Girsberger und Schöbi lernten sich erst im Berufungsverfahren für die Ombudsstelle kennen. Ihre Namen standen mit 14 weiteren auf einer Shortlist. Nach wenigen Treffen zeigte sich: Girsberger und Schöbi können miteinander. «Das Gefühl stimmte sofort», so Schöbi. «Trotzdem staune ich, wie gut es jetzt wirklich passt», ergänzt Girsberger. Dazu tragen die gemeinsamen Überzeugungen zum Stellenwert unabhängiger Medien und zur Notwendigkeit fundierter Medienkritik ebenso bei wie die gemeinsame Prägung als Eltern jeweils zweier Kinder. Die bis heute andauernde Vorliebe für Tages- und Wochenzeitungen in gedruckter Form ist eine weitere Parallele. Im elektronischen Bereich bevorzugt Girsberger Radio und Twitter, Schöbi zieht es eher vor den Fernseher.

Mittlerweile teilen sie sich sogar den Ferienort. Girsberger bewohnt seit Jahren ein Ferienhäuschen im Ausserrhodischen. Als Schöbi diesen Frühling in der Ostschweiz einen Rückzugsort suchte, erinnerte ihn die Umgebung seines Wunschobjekts an ein Foto, das Girsberger ihm gezeigt hatte. Ihr Häuschen steht 400 Meter hangaufwärts.

Auf der Ombudsstelle übernimmt wechselnd jemand von ihnen für zwei Wochen den Lead. Der Leader oder die Leaderin triagiert die eingehenden Beanstandungen, nimmt wo nötig Rücksprache mit den Absender*innen sowie den kritisierten SRF-Redaktionen und beginnt mit dem Entwurf eines Schlussberichts. «Komplexe Fälle diskutieren wir vorab eingehend», sagt Girsberger. Bis zur Schlussfassung gehe ein Bericht dennoch zwei, drei Mal hin und her. So entstehen ausgewogene Berichte, die inhaltlich klar Stellung beziehen und trotzdem zwischen Kritiker*innen und Kritisierten vermitteln.

Auch im Umgang miteinander zeigen sich Girsberger und Schöbi fair, ungezwungen und vertrauensvoll. Als sich Girsberger aus dem Gespräch verabschiedet, meint sie, Schöbi dürfe nach ihrem Abgang gerne erzählen, wie schlimm die Zusammenarbeit wirklich sei. Beide lachen. Und beide wissen: Da gibt es nichts zu erzählen.


Text: Beat Matter

Bild: SRF/Oscar Alessio

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