Sandro Britz, Olivia Röllin und Peter Schneider
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Raum und Regeln für Meinung in der Redaktion

Heute haben alle zu allem eine Meinung. Aber wie tut man die als Journalistin oder Journalist richtig kund? Und wo liegen die Grenzen, die es zu beachten gilt? Drei SRF-Mitarbeitende erzählen.

Seit dem 1. April gelten bei SRF die neuen Publizistischen Leitlinien. Unter «Private Aktivität im Internet» wird ausgeführt, dass gerade beim Liken und Teilen von Posts Vorsicht geboten sei. Die SRF-Journalistinnen und -Journalisten sollen sich fragen, ob und inwiefern sich diese mit der erforderlichen beruflichen Distanz vereinbaren lassen. Einseitig dargestellte politische Inhalte sollen grundsätzlich nicht geteilt oder gelikt werden, ebenso sollen sich Musikjournalisten zurückhalten beim Teilen entsprechender Promotionstexten oder -posts von Bands und Musikerinnen. Und Sportjournalisten wiederum sollen «darauf verzichten, Inhalte einzelner Sportlerinnen und Sportler oder Teams zu liken oder teilen, wenn sie über die entsprechenden Sportarten berichten». Ironischerweise führte diese Neuerung in den Leitlinien gerade auf Twitter zu Diskussionen. Folgende Frage entbrannte unter Journalistinnen und Journalisten: Wie stark darf die Arbeitgeberin eingreifen, wenn es um das Verhalten auf Social Media geht? Und mit welchen Herausforderungen haben Mitarbeitende des Hauses in den sozialen Medien zu kämpfen?

Dass SRF-Journalistinnen immer wieder auf Social Media angegangen werden, ist keine Seltenheit. «Arena»-Moderator Sandro Brotz weiss, wovon er spricht: Er zog sich jüngst aus den sozialen Medien zurück, nachdem sein Tweet zur Corona-Demo in Liestal viral ging – worauf sich schliesslich die Weltwoche einschaltete und in einem Artikel Brotz’ Glaubwürdigkeit als Journalist infrage stellte. Die Frage, wo die journalistische Arbeit aufhört und die eigene Meinung der Macher beginnt, beschäftigt die Öffentlichkeit gerade seit Beginn der Corona-Pandemie wieder verstärkt.

Auch die alte Frage, was Satire darf und was nicht, wurde in den vergangenen Monaten wieder neu diskutiert: So rügte die SRG.D-Ombudsstelle Ende 2020 eine Folge der Sendung «Deville» und kritisierte, man habe die Abstimmung zur Konzernverantwortungsinitiative beeinflusst. Deville selber reagierte darauf mit einem «Dauersatiresendung»-Banner in der nächsten Folge.

Bei diesen Fragen spielen die Publizistischen Leitlinien der SRG eine wichtige Rolle und bieten Halt. Zwar können sie nicht alles bis ins letzte Detail regeln, sie stellen aber eine Art lebendige Verfassung dar, in denen das journalistische Selbstverständnis und die demokratischen Grundwerte des Hauses festgehalten und definiert werden. Diese Basis funktioniere nach wie vor, bestätigt auch Lis Borner, Chefredaktorin Audio und Leiterin des Kernteams, das die neue Version der Publizistischen Leitlinien verfasst hat, in einem Interview auf srf.ch. Borner bezeichnet die Leitlinien gar als «DNA unseres Schaffens». Damit man in einer digitalen Welt zeitgemässen Journalismus machen könne, brauche es aber entsprechend aktuelle Publizistische Leitlinien. Sie seien zudem Ausdruck der Transformation, in der sich SRF momentan befinde – das Haus werde zum «digitalen Service-public-Medienhaus für alle», erörtert Borner.

Wie verhält man sich denn richtig auf Social Media als SRF-Journalistin oder -Journalist? Wo liegen die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem? Was ist eigentlich Haltung? Darf Satire wirklich alles – und was kann sie überhaupt? Drei SRF-Mitarbeitende legen ihre Sicht dar. Sandro Brotz erzählt, was er aus seinen Shitstorms (bezeichnet das lawinenartige Auftreten negativer Kritik im Rahmen von sozialen Netzwerken) gelernt hat; «Sternstunde Religion»-Moderatorin Olivia Röllin spricht darüber, inwiefern die Wahl von Studiogästen etwas über die journalistische Haltung verraten kann; und SRF 3-Haussatiriker Peter Schneider verrät, was er sich von der medialen Debatte in Zukunft wünscht.

Sandro Brotz, «Arena»-Moderator

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Sandro Brotz, «Arena»-Moderator

«Ich hatte mich für eine Weile aus den sozialen Medien zurückgezogen, das hat mir wirklich gutgetan – es war aber auch eine belastende Zeit. Die Angelegenheit ist für mich Teil davon, was sich in den letzten paar Jahren akzentuiert hat in der Art und Weise, wie man mit unterschiedlichen Haltungen und auch mit Exponentinnen und Exponenten der SRG umgeht. Die Debattenkultur hat sich in eine ungute Richtung entwickelt, was wohl auch viel mit Corona zu tun hat: Die vergangenen eineinhalb Jahre liessen bei vielen Leuten das Nervenkostüm flattern, es entstand eine Gereiztheit, die sich auch im Diskutieren untereinander niedergeschlagen hat. In den bald zehn Jahren, die ich jetzt bei der SRG angestellt bin, war es mir immer wichtig, mit den Gästen und den Zuschauern in Kontakt zu bleiben. Und das ist es noch immer. Es ist mir wichtig, auf Kritik einzugehen und den Leuten verständlich zu machen, warum wir uns für welche Gäste entscheiden und uns auf bestimmte Fragen fokussieren. Seit meiner Pause überlege ich mir aber sorgfältiger, in welche Diskussionen ich mich auf Twitter einschalte. Im Zweifelsfall halte ich mich raus. Natürlich hat meine private Meinung nichts in den Sendungen zu suchen und auch auf Twitter bin ich mir bewusst, welches Mäntelchen ich trage: das des Journalisten eines gebührenfinanzierten Senders. Ich würde aber nicht sagen, dass es mir oft passiert, dass ich in einen Shitstorm gerate. Klar bleiben Geschehnisse wie die Kritik an der ersten Rassismus-‹Arena› auch präsenter in der Erinnerung – da darf man dann auch nicht zu wehleidig sein. Es fiel mir nicht schwer, zuzugeben, dass wir da einiges falsch gemacht haben. Man kann nach bestem Wissen und Gewissen Leute aussuchen, aber schliesslich macht man trotzdem Fehler – und ich habe drei wichtige Dinge aus diesem Vorfall gelernt. Erstens: Dass wir ‹nur› eine schwarze Person in der ersten Runde hatten, war falsch. Rein numerische Sachen funktionieren so einfach nicht. Und das Zweite war, dass überhaupt nicht rüberkam, dass wir nicht darüber diskutieren wollten, ob es Rassismus überhaupt gibt, sondern was man dagegen tun kann. Das hätten wir viel klarer kommunizieren sollen. Und das sicher grösste Learning: Wir hätten vor der Sendung noch mehr in die Community eintauchen und uns bewusster machen sollen, wie emotional diese Thematik sein kann. Manchmal würde ich mir jedoch wünschen, dass die Arbeit hinter den Kulissen mehr wertgeschätzt wird: Wir besprechen sehr genau, wen wir in unsere Sendung einladen und warum, und wälzen die Entscheidungen, zwei-, dreimal hin und her. Wir wählen unsere Gäste nicht nach einem Krawallfaktor aus.»

Olivia Röllin, Religionswissenschaftlerin und Philosophin, Moderatorin «Sternstunde Religion»

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Olivia Röllin, Religionswissenschaftlerin und Philosophin, Moderatorin «Sternstunde Religion»

«Die Frage, ob Meinung im redaktionellen Alltag zunehmend mehr Platz einnimmt als die eigene Recherche, beantworte ich mit einem dezidierten ‹Nein›. Wenn dem so wäre, dann würden wir als Journalistinnen und Journalisten bei SRF unseren Grundwerten zuwiderhandeln. Es ist relativ simpel: Auftrag von SRF ist es, dem Publikum Informationen unabhängig, vielfältig und sachgerecht so zu vermitteln, dass es sich eine eigene Meinung bilden kann. Darauf vertraut man als Konsumentin oder Konsument unserer publizistischen Inhalte. Wenn die persönliche Meinung bei etwas anderem als einem Kommentar in den Fokus gestellt wird, verfehlt man diesen Auftrag und das Vertrauen. Wenn es um persönliche Äusserungen in den sozialen Medien geht, gelten klare Regeln: Es wird auf rein persönliche Äusserungen verzichtet und man tritt mit einer journalistischen Haltung auf, also kritisch, pointiert, sachlich, womit Argumente sowie Einschätzungen im Vordergrund stehen. Natürlich ergeben sich durch Formate, die in den sozialen Medien passend zur Plattform sein müssen, immer wieder Herausforderungen für mich als Journalistin. Dafür gibt es kein Patentrezept. Die Lösung muss jedes Mal von Neuem erarbeitet werden. Entscheidend ist allerdings, dass ich mir genau überlege, wie ich die Balance zwischen Nähe und Distanz schaffe, entsprechend welche Rolle ich habe und einnehme und welche Haltung. Die Publizistischen Leitlinien versprechen glaubwürdigen und integren Journalismus und bieten insofern Halt. Was die Meinung und Haltung von unseren Studiogästen betrifft, ist für mich die Frage ausschlaggebend, wie sie diese Meinung begründen und auf welchen Fakten solche Meinungen basieren. Das muss das Kriterium der Gästeauswahl sein. Es gelten im Ganzen das Vielfaltsgebot und wiederum die journalistische Haltung dieser Meinung gegenüber. Und dann gilt es, zwischen Haltung und Meinung abzuwägen: Eine journalistische Haltung nimmt man basierend auf Werten und Prinzipien ein. Eine professionelle Haltung zeichnet sich dadurch aus, dass hinterfragt, auf Ungereimtheiten und auch auf die Meinung der Gegenpartei hingewiesen wird. In diesem Sinne unterscheidet sich die journalistische Haltung für mich durch das ‹fragend in der Welt Stehen›, durch Ergebnisoffenheit und gleichzeitige Zielgerichtetheit. Eine Meinung ist im Gegensatz dazu hermetisch abgeschlossen. Eine klar gefestigte Meinung ist journalistisch legitim, wenn sie sachgerecht und auch inhaltlich relevant ist. Meinungsträgerinnen und Meinungsträger werden nicht als Mittel zum Zweck eingeladen.»

Peter Schneider, Psychoanalytiker und «Haussatiriker» bei Radio SRF 3

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Peter Schneider, Psychoanalytiker und «Haussatiriker» bei Radio SRF 3

«Dass die Deville-Sendung gerügt wurde, scheint mir seltsam. Satire kann man zum Beispiel nicht wegen ‹Einseitigkeit› rügen. Es ist klar, dass eine satirische Sendung einerseits politische Informationen transportiert, aber andererseits keine politische Informationssendung ist. Wenn man zum Beispiel nur meine ‹Presseschau› hören würde, man wäre nicht sehr informiert über das Weltgeschehen. In diesem Sinne kann man nicht Information von Deville verlangen. Vieles, was etwa Gabriel Vetter in dieser Sendung macht, ist zum Beispiel herrlich albern und darum so lustig. Nicht weil es mutig ist. Das ist eine weit verbreitete Fehlsicht von Satire, dass sie in erster Linie mutig sein muss. Als wären wir alle noch Mitglieder des Berliner Kabaretts ‹Die Distel› zu DDR-Zeiten. Wenn, dann soll Satire politische Ansichten oder Analysen vertreten, auch in meinen Sendungen steckt immer irgendein Argument. Das spiegelt sich auch darin, wie man sich als Journalist oder Journalistin auf den sozialen Medien verhält: Journalismus und Social Media gehen ja irgendwie ineinander über. Gerade im Nachrichten- oder Sportjournalismus hat es vielleicht wirklich etwas Seltsames, wenn man auf Twitter sehr parteiisch ist und gleichzeitig einen seriösen Informationsauftrag hat. Einen solchen Auftrag habe ich aber nicht. Was mein satirisches Arbeitsfeld auf Twitter angeht, besteht kein Grund dazu, meine private von meiner ‹öffentlichen› Bubble zu trennen.

Die Frage, ob Satire eine Meinung vertritt, finde ich schwierig zu beantworten. ‹Meinung› klingt immer so, als ob man es genauso auf die eine oder eben andere Weise – eben – ‹meinen› könnte. Meinen heisst, verschiedene Aspekte gegeneinander abwägen und dann zu einem Urteil kommen. Es heisst aber nicht, dass man den Holocaust sowohl anerkennen als auch bestreiten kann. Eine gute Satire trifft den Punkt wie ein gutes Argument, sie beruft sich auf Fakten und Abwägungen – aber eben auf ihre eigene Art mit ihren spezifischen Mitteln. Wenn die Fakten und die Argumentation nicht stimmen, kann man so wenig wie bei irgendeiner Desinformation sagen: Ja, das ist halt deine Meinung.

Eine Meinung kann sich ändern, sie ist wandelbar, eine Haltung ist übergeordneter und damit stabiler. Es gibt Meinungen, die sind unfassbar verhärtet. Aber ich kenne auch viele Leute aus meiner Twitterblase, mit denen ich etwa über Identitätspolitik oder über Transsexualität diskutieren kann, ohne dass wir dabei fixe ‹Positionen› beziehen. Das vermisse ich in der medialen Diskussion: Dass man verschiedene Seiten zu Wort kommen lässt, die jeweils auch zugeben können, dass sie über das Thema eben nicht genug wissen und aber etwas darüber lernen wollen. Wenn eine solche Art des Debattierens in den Medien generell mehr möglich wäre, wäre das aus meiner Sicht ein Gewinn.»


Text: Miriam Suter

Bild: SRF/Oscar Alessio

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