Die Illustration zeigt die Grünen-Politikerin Eveline Lüönd. Sie betrachtet einen Plan in ihrer Hand, auf dem das Tourismusprojekt von Samih Sawiris am Urnersee abgebildet ist.
SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

Ombudsfall: Der Unterschied von «einseitig» und «aus der Sicht von…»

Das Reportageformat «Reporter» vom 31. Mai 2023 rückt die Urner Präsidentin der Grünen ins Zentrum, die ein «Marina»-Projekt des ägyptischen Milliardärs Samih Sawiris am Urnersee stoppen will. Ein Beanstander kritisiert die Sendung als einseitig. Zudem missfällt ihm, dass sich der Autor des Films und die Protagonistin aus ihrer Schulzeit kennen.

Nach dem Luxus-Projekt in Andermatt will der Investor Samih Sawiris eine «Marina» am Urnersee bauen. Das geplante Hotel, die Apartments, der Yacht-Hafen mit Segelschule und Spielplatz an der Isleten stossen nicht bei allen Einheimischen auf Gegenliebe. 10'000 Urnerinnen und Urner haben eine Petition gegen das Projekt eingereicht. Kopf der Gegnerinnen und Gegner des Projekts ist Eveline Lüönd, Präsidentin der Grünen Uri. «Reporter» begleitete Eveline Lüönd gut ein Jahr lang im Kampf gegen die «Marina».

Ein Beanstander kritisiert, im Film werde hauptsächlich die Präsidentin der Grünen Uri porträtiert, Befürworter zum geplanten Projekt seien keine direkt zu Wort gekommen. Er bemängelt, die Darstellung von Frau Lüönd, die Ambitionen auf ein politisches Amt in der Urner Regierung hegen würde, sei einseitig. Weiter moniert der Beanstander, Filmemacher Magnus Renggli und Eveline Lüönd würden sich persönlich kennen.

Menschen stehen im Zentrum

Das Format «Reporter» rücke Menschen ins Zentrum erklärt die Redaktion. Im Falle des beanstandeten Dokumentarfilms war dies Eveline Lüönd. Auch der Investor Samih Sawiris wurde 2008 von «Reporter» begleitet und porträtiert. Der Redaktion sei bewusst, dass bei dieser Reportage politisch umstrittene Positionen und unterschiedliche Meinungen aufeinanderträfen, wie auch die Protagonistin nicht allen gefalle. Die Redaktion ist aber überzeugt, nach journalistisch bestem Wissen und Gewissen gearbeitet zu haben, Autor Magnus Renggli habe sachgerecht, vielfältig und unabhängig berichtet.

Sie hätten von Anfang an versucht, den Investor und Gegenspieler von Eveline Lüönd, Samih Sawiris, in den Film zu integrieren. Trotz frühzeitiger schriftlicher und telefonischer Anfragen habe sich kein Zeitfenster finden lassen, während dem Samih Sawiris Zeit gefunden hätte, sich mit der Protagonistin im Film zu treffen. Ebenfalls seien die Anfragen für ein Interview von Samih Sawiris abgelehnt worden. Auch seine Geschäftsführerin und Medienverantwortliche sowie der Projektleiter und Verwaltungsrat Isidor Baumann seien nicht für ein Interview zur Verfügung gestanden.

Zu der Bekanntschaft zwischen der Protagonistin und des Filmemachers schreibt die Redaktion, es werde in der Reportage transparent geschildert, dass sich die beiden aus ihrer Schulzeit kennen. Die Bekanntschaft ermöglichte es Magnus Renggli, Eveline Lüönd über ein Jahr lang im beruflichen und privaten Umfeld zu begleiten. Eveline Lüönd habe gegenüber der «Urner Zeitung» eine Kandidatur für den Urner Regierungsrat in Abrede gestellt. Ebenso habe sie gegenüber dem Autor des Films erklärt, auf eine Kandidatur zu verzichten.

Meinungsbildung ist möglich

Mit dem Titel der kritisierten Reportage «Luxus-Tourismus am Urnersee – Wie eine Grüne Samih Sawiris stoppen will» werde den Zuschauerinnen und Zuschauern transparent aufgezeigt, dass die Sichtweise einer Grünen auf das Projekt im Fokus steht, erläutern die Ombudsleute. Würde es sich um einen Beitrag generell über den Luxus-Tourismus am Urnersee handeln, müssten die verschiedenen politischen Kräfte, Verbände und involvierten Personen ihre Argumente vorbringen können. «Aus der Sicht von...» bedeute aber nicht, dass nur die Sichtweise der grünen Evelyne Lüönd auf das Projekt gezeigt werde. So seien Argumente der Befürworterinnen und Befürworter auch in Interviewfragen verpackt worden.

Die Bekanntschaft zwischen dem Filmemacher und Eveline Lüönd könne einen Einfluss auf die Rezeption des Beitrags haben. Die Ombudsleute relativieren, die Bildung einer eigenen Meinung sei aber trotzdem möglich, sowohl zur Person als auch zur Diskussion rund um das Projekt.

Konzessionierte Programme müssten in der Gesamtheit ihrer redaktionellen Sendungen die Vielfalt der Ereignisse und Ansichten angemessen zum Ausdruck bringen, erklären die Ombudsleute weiter. Es widerspreche nicht geltendem Recht, wenn einzelne Sendungen nicht alle Aspekte und Perspektiven einer Thematik im Fokus hätten. SRF berichte seit Jahren regelmässig über Projekte und Vorhaben von Samih Sawiris, zu unterschiedlichen Schwerpunkten und aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Daher können die Ombudsleute keinen Verstoss gegen die Sachgerechtigkeit des Radio- und Fernsehgesetzes feststellen.

«Reporter» vom 29. Mai 2023

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Schlussbericht Ombudsstelle Nr. 9347


Text: SRG.D/ae

Bild: SRG.D/Cleverclip

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