«Das Tessin kämpft allein für Gehör»

Grenzgänger, niedrige Löhne, EU-Skepsis: SRF-Korrespondent Iwan Santoro erklärt, welche Spannungen das Tessin prägen und inwiefern Bewohnerinnen und Bewohner des Kantons anders ticken als die Menschen in der Deutschschweiz. Grenzgänger, niedrige Löhne, EU-Skepsis: SRF-Korrespondent Iwan Santoro erklärt, welche Spannungen das Tessin prägen und inwiefern Bewohnerinnen und Bewohner des Kantons anders ticken als die Menschen in der Deutschschweiz.

Was hat Sie am Tessin am meisten überrascht, als Sie im Sommer 2024 begonnen haben, von dort aus als Radiokorrespondent zu berichten?

Besonders überrascht hat mich die Vielfalt dieses Kantons und wie gross die Unterschiede auf engem Raum sind. Die Trennung zwischen Sopraceneri und Sottoceneri ist deutlich spürbar. Der Süden rund um Lugano ist von der Nähe zu Italien geprägt. Man will sich hier sehr stark vom Nachbarland abgrenzen, was unter anderem zur Folge hat, dass die rechtspopulistische Protestpartei «Lega dei Ticinesi» hier sehr dominant ist. Da ist die Stimmung anders als etwa in den nördlichen Bergdörfern oder rund um Locarno herum, wo auch viele Deutschschweizer:innen leben.

Welche Themen beschäftigen die Tessinerinnen und Tessiner?

Drei Themen dominieren hier besonders stark: die steigenden Lebenshaltungskosten bei gleichzeitig niedrigen und stagnierenden Löhnen, die Rolle der Grenzgänger sowie eine ausgeprägte EU-Skepsis. Letztere zieht sich quer durch alle politischen Lager. Kaum eine Politikerin oder ein Politiker positioniert sich deutlich pro-europäisch. Auch die Grenzgänger sind ein ambivalentes Thema: Man ist auf sie angewiesen, gleichzeitig erzeugt ihre Präsenz aber Spannungen. Insgesamt ist die Sensibilität für Kostenfragen hier stärker ausgeprägt als in der Deutschschweiz, was angesichts der Lohnsituation verständlich ist.

Wie unterscheidet sich der öffentliche Ton von dem in der Deutschschweiz?

Der Umgangston ist insgesamt weniger direkt und konfrontativ. Kritik wird oft abgeschwächt und in höflichere Formulierungen gekleidet. Das hängt sicher auch mit der Kleinräumigkeit zusammen: Die Menschen kennen sich und begegnen sich regelmässig. Politisch zeigt sich dies ebenfalls: Man beklagt zwar Missstände, reagiert jedoch zurückhaltender darauf. Gleichzeitig besteht ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, gerade weil man sich als kleiner Kanton gegenüber dem Rest der Schweiz behaupten muss. Dieses «Wir gegen Bern» ist spürbar, und häufig identifiziert man sich in erster Linie als Tessiner und dann erst als politisch links oder rechts.

Beobachten Sie Unterschiede in der Medienberichterstattung?

Ja, durchaus. Themen wie Unfälle, Verbrechen oder generell Kriminalität spielen eine deutlich grössere Rolle als in der Deutschschweiz. Nicht nur die Privatmedien, sondern selbst der öffentlich-rechtliche Sender RSI berichtet normalerweise sehr ausführlich darüber. Gleichzeitig ist die Berichterstattung stark regional fokussiert, was zur Folge hat, dass hier wirklich über alles berichtet wird, was passiert – von grossen politischen Debatten bis zum kleinen Weinfest. Mich hat zudem überrascht, wie vielfältig die Medienlandschaft hier weiterhin ist. In der Deutschschweiz wurden viele Titel in den vergangenen Jahrzehnten zusammengelegt oder eingestellt, hier ist diese Vielfalt besser erhalten geblieben.

Die SRG geht mit einem neuen interregionalen Radioprojekt auf Schweizreise

Mit «Die Anderen. Les Autres. Gli Altri. Ils Auters – Le tour de Suisse» lanciert die SRG eine thematische Radio-Reise durch die Schweiz. An vier Sondertagen werden alle SRG-Sprachregionen gemeinsam das Jahresthema «Übergänge» aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Dabei nimmt jede Sprachregion einmal die Rolle der Gastgeberin ein.

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Welchen Klischees über das Tessin begegnen Ihnen immer wieder und was davon stimmt tatsächlich?

Gewisse Klischees wie etwa die starke Nutzung des Autos stimmen in der Tat. Gleichzeitig sind viele Vorstellungen zu vereinfacht. Viele glauben, dass sich die Tessinerinnen und Tessiner als halbe «Italiener:innen» betrachten. Tatsächlich sind sie aber sehr heimatverbunden und vielfach sogar patriotischer als die Deutschschweizer. Ein Beispiel ist der 1. August, der hier stärker zelebriert wird, als ich das in der Deutschschweiz je erlebt habe. Auch das Bild vom gemütlichen Lebensstil und dem italienischen «dolce far niente» greift zu kurz. Mittagspausen haben hier zwar einen hohen Stellenwert, doch wenn es darauf ankommt, wird sehr effizient gearbeitet. Was zudem oft unterschätzt wird, ist das kulturelle Angebot. In der Deutschschweiz wird das Tessin häufig nur auf das «Locarno Film Festival» und «Moon and Stars» reduziert. Dabei hat das Tessin die höchste Museumsdichte der Schweiz und sehr moderne Institutionen mit internationaler Bedeutung.

Was versteht die Deutschschweiz oft zu wenig über das Tessin?

Die Tessiner Bevölkerung macht gerade einmal vier Prozent der gesamten Schweiz aus. Das prägt ihr Selbstverständnis erheblich. Viele Tessinerinnen und Tessiner fühlen sich politisch zu wenig gehört und tatsächlich berücksichtigt Bundesbern ihre Anliegen vielfach deutlich weniger als etwa jene der Westschweiz, wo sich gleich mehrere Kantone für dasselbe Thema einsetzen. Tessinerinnen und Tessiner können es sich zudem nicht leisten, nur ihre Muttersprache zu sprechen. Daher beherrschen die meisten von ihnen drei Landessprachen und häufig auch Englisch. Dieses ständige Übersetzen zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen wird in der Deutschschweiz unterschätzt.

Text: Nicole Krättli

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