«Sichtbare Vielfalt»: Wenn niemand mehr hinschaut

In der neuen Kolumne rücken wir Stimmen in den Mittelpunkt, die in öffentlichen Debatten oft überhört werden. Zum Auftakt zeigt unsere Kolumnistin Sarah Jost, wie schnell Minderheiten an Sichtbarkeit verlieren, wenn unabhängige Medien geschwächt werden – und warum gerade ein starker Service public dafür sorgt, dass ihre Perspektiven nicht verstummen.

Zur Kolumne «Sichtbare Vielfalt»

Die Kolumne beleuchtet, wie Medien gesellschaftliche Vielfalt spiegeln – oder unsichtbar machen. Sie fragt, welche Verantwortung ein öffentlich finanzierter Service public trägt, wenn es um Sichtbarkeit, Sprache, Zugehörigkeit und demokratische Debattenkultur geht.

Unsere Kolumnistin 2026, Sarah Jost, arbeitet in der Kommunikation für die Sozialen Einrichtungen und Betriebe im Sozialdepartement der Stadt Zürich und ist freigewähltes Mitglied des Regionalvorstands SRG Deutschschweiz. Die Kolumne ist von der Handschrift der Autorin geprägt und widerspiegelt somit ihre persönliche Meinung.

«Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschaftler. Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.»

Dieses oft zitierte Mahnwort des deutschen Theologen Martin Niemöller ist keine historische Floskel. Es geht dabei nicht um eine direkte Gleichsetzung mit heutigen politischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen, sondern um ein allgemeines Prinzip: Was geschieht, wenn Öffentlichkeit, Widerspruch und Solidarität Schritt für Schritt ausgehöhlt werden.

Damit gesellschaftliche Missstände überhaupt sichtbar werden, braucht es Berichterstattung. Über das Weltgeschehen, über Macht, über Ungerechtigkeit. Und dafür braucht es Medien, die unabhängig arbeiten können – als vierte Gewalt im Staat. Ein funktionierender Service public ist kein Luxus, sondern ein demokratisches Fundament.

Genau dieses Fundament gerät mit der sogenannten SRG-Initiative, auch Halbierungsinitiative genannt, ins Wanken. Wer eine funktionierende Demokratie will, sollte genau hinschauen, was hier zur Abstimmung steht. Denn die Einschränkung öffentlicher Medien trifft nie alle gleich. Besonders verletzlich sind jene, deren Perspektiven ohnehin oft marginalisiert werden: Menschen mit Behinderung, Menschen mit Migrationsgeschichte, Frauen, rassifizierte Menschen, oder Personen aus der LGBTQI+-Community.

Natürlich ist Kritik an der SRG legitim – und notwendig. Sie ist gerade deshalb möglich, weil es einen Service public gibt, mit transparenten Strukturen und einer Ombudsstelle, die Beanstandungen ernsthaft prüft. Doch Kritik ist etwas anderes als strukturelle Schwächung. Diese Initiative ist keine Reform, sie ist ein Risiko.

Die Geschichte zeigt deutlich, was passiert, wenn unabhängige, öffentlich finanzierte Medien eingeschränkt werden: Die demokratische Debatte verengt sich, Machtkontrolle wird schwieriger, Minderheiten verlieren Sichtbarkeit. Das ist keine theoretische Gefahr, sondern vielfach dokumentierte Realität.

Dass Bundesrat und Parlament die Initiative zur Ablehnung empfehlen, ist deshalb kein Zufall. Es ist ein politisches Signal dafür, wie zentral unabhängige Medien für unsere demokratische Gesellschaft sind. Wer heute schweigt, wenn Informationsgrundlagen geschwächt werden, könnte sich morgen fragen müssen, wer dann noch spricht.

Text: Sarah Jost

Bild: Shutterstock/zVg

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