SRF Meteo: Mehr als Sonne, Wolken und Regen
Seit Juni leitet Gaudenz Flury SRF Meteo. Im Interview erklärt er, weshalb es neben MeteoSchweiz eine eigene Wetterredaktion braucht, wie aus verschiedenen Modellen eine Prognose entsteht und warum der menschliche Meteorologe im Zeitalter von Apps und künstlicher Intelligenz sogar wichtiger werden könnte.
Herr Flury, Sie leiten seit Juni SRF Meteo. Was haben Sie in Ihren ersten Monaten verändert?
Noch nicht sehr viel. Mein Vorgänger Thomas Bucheli hat einen Betrieb hinterlassen, der sehr gut funktioniert. Gleichzeitig haben neben ihm zwei weitere Personen das Team verlassen. Deshalb arbeitete ich im Sommer häufig selbst auf Schicht. Es ging zunächst vor allem darum, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Ich sehe zudem keinen Grund, eine gut funktionierende Redaktion auf den Kopf zu stellen.
MeteoSchweiz erstellt als Bundesamt Wetterprognosen und Warnungen. Weshalb braucht es daneben SRF Meteo?
Unsere grosse Stärke ist die Nähe zu den Redaktionen und zum laufenden Nachrichtengeschehen. Wir studieren die Modelle, erstellen unsere Prognosen selbst und vermitteln sie direkt dem Publikum. Niemand muss uns zuerst briefen. Dadurch können wir sehr schnell reagieren. Was wir morgens um sechs Uhr im Radio sagen, lässt sich wenige Stunden später anpassen, wenn sich beispielsweise eine Kaltfront schneller oder langsamer bewegt als erwartet. Im Extremfall ändern wir die Prognose für die Fernsehsendung noch um halb acht und stehen zehn Minuten später auf dem Meteodach. Hinzu kommt, dass wir alle für Radio und Fernsehen geschult sind. Entscheidend ist nicht nur, eine Prognose zu erstellen, sondern sie so zu erklären, dass das Publikum sie versteht.
Wo endet dabei die Arbeit von MeteoSchweiz, und wo beginnt Ihre eigene?
MeteoSchweiz hat andere Aufgaben und Zielgruppen als SRF Meteo. Eine wichtige Rolle spielt bei ihnen beispielsweise das Flugwetter. Einen meteorologisch geschulten Piloten brieft man anders als ein breites Radio- oder Fernsehpublikum. Wir richten uns mit unseren Prognosen an die breite Bevölkerung. Dafür greifen wir auch auf Daten von MeteoSchweiz zurück: auf Messwerte der Wetterstationen, Radarmessungen und zwei ihrer Prognosemodelle. Insgesamt vergleichen wir täglich sechs oder sieben Modelle aus verschiedenen Quellen im In- und Ausland. Daraus erarbeiten wir eine eigene Prognose und bereiten sie für das jeweilige Publikum und den jeweiligen Kanal auf.
Die verschiedenen Modelle kommen nicht immer zum gleichen Ergebnis. Wie entscheiden Sie, welche Prognose Sie veröffentlichen?
Wir besprechen die Wetterlage zweimal täglich im Team und vergleichen unsere Einschätzungen. Dabei klären wir etwa, ob ein auffälliges Ergebnis plausibel oder nur ein Ausreisser eines einzelnen Modells ist. Am Ende einigen wir uns auf eine gemeinsame Prognose, damit Radio, Fernsehen und Online dieselben Werte kommunizieren. Auch Unwetterwarnungen und deren Warnstufen legen wir in diesen Besprechungen fest.
Wetter-Apps liefern rund um die Uhr Prognosen für jeden Ort. Verliert eine redaktionell betreute Wettervorhersage dadurch an Bedeutung?
Die Apps gibt es schon lange. Trotzdem schauen weiterhin sehr viele Menschen unsere Fernsehsendung oder hören die Prognosen im Radio. Offenbar möchten sie die Informationen, die sie auf dem Handy gesehen haben, von einem Menschen eingeordnet und bestätigt bekommen. Gerade die Diskussion über künstliche Intelligenz macht den Menschen bewusster, wie viele Inhalte automatisch generiert sind. Ich könnte mir deshalb vorstellen, dass das Bedürfnis nach einer realen Person sogar zunimmt; nach jemandem, der erklärt, welches Szenario am wahrscheinlichsten ist.
Mit Thomas Bucheli ist das bekannteste Gesicht von SRF Meteo gegangen. Wie fängt das Team diesen Verlust auf?
Thomas fehlt uns natürlich als Mensch und als Meteorologe. Er war eine Legende, die fast alle kannten. Gleichzeitig hat er in den vergangenen Jahren bewusst dafür gesorgt, dass viele andere Teammitglieder im Fernsehen auftreten und im Radio zu hören sind. Er hat sich nie ins Zentrum gedrängt. Für ihn stand immer das Team im Vordergrund. Und diese Philosophie wollen wir auch weiter leben.