«Sichtbare Vielfalt»: Vielfalt ist kein Extra, sondern Auftrag und Stärke
Knapp 62 Prozent der Schweizer Bevölkerung haben sich für den Service public ausgesprochen. Dieses deutliche Nein zur Halbierungsinitiative ist mehr als ein medienpolitischer Entscheid, es ist ein Bekenntnis. Ein Bekenntnis zu einem publizistischen Angebot, das Orientierung bietet, demokratische Werte stärkt und die Vielfalt dieses Landes abbildet.
Zur Kolumne «Sichtbare Vielfalt»
Zur Kolumne «Sichtbare Vielfalt»
Die Kolumne beleuchtet, wie Medien gesellschaftliche Vielfalt spiegeln – oder unsichtbar machen. Sie fragt, welche Verantwortung ein öffentlich finanzierter Service public trägt, wenn es um Sichtbarkeit, Sprache, Zugehörigkeit und demokratische Debattenkultur geht.
Unsere Kolumnistin 2026, Sarah Jost, arbeitet in der Kommunikation für die Sozialen Einrichtungen und Betriebe im Sozialdepartement der Stadt Zürich und ist freigewähltes Mitglied des Regionalvorstands SRG Deutschschweiz. Die Kolumne ist von der Handschrift der Autorin geprägt und widerspiegelt somit ihre persönliche Meinung.
Die Grundlagen dafür sind eigentlich unmissverständlich. Bundesverfassung und Konzession fordern Respekt, Gleichbehandlung und die Abbildung gesellschaftlicher Vielfalt. Doch ein Blick in Redaktionen, Führungsetagen und Programme zeigt: Diese Vielfalt ist noch nicht Realität. Studien – etwa der ZHAW – zeigen, dass sich Journalist:innen in zentralen Merkmalen deutlich vom Bevölkerungsdurchschnitt unterscheiden. Menschen mit Migrationsgeschichte oder rassifizierte Personen sind unterrepräsentiert.
Warum ist das relevant? Weil Medien nicht nur berichten, sie prägen Wahrnehmung. Bilder, Stimmen und Perspektiven entscheiden darüber, wer sich zugehörig fühlt. Die Schweiz ist längst postmigrantisch geprägt. Diese Realität ist kein «Spezialthema», sondern Alltag. Wenn diese Vielfalt also in den Medien fehlt, entsteht Distanz. Und mit ihr schwindet Glaubwürdigkeit. Wer Service public ernst nimmt, muss auch diesen postmigrantischen Alltag abbilden, und zwar kontinuierlich, selbstverständlich sowie in seiner ganzen Breite. Echte Vielfalt bedeutet nicht punktuelle Themenschwerpunkte, sondern gelebte Normalität.
Das hat auch eine qualitative Dimension: Unterschiedliche Perspektiven erweitern den Blick, leuchten tote Winkel aus und verhindern stereotype Darstellungen. Sie machen Programme relevanter, präziser und näher an der Lebensrealität des Publikums. Vielfalt ist damit kein Nice-to-have und keine Frage politischer Korrektheit: Sie ist Voraussetzung für Qualität und damit eine Stärke.
Dabei geht es nicht nur um Journalist:innen. Vielfalt muss sich durch alle Ebenen ziehen: von der Themenwahl über die Bildschirmpräsenz bis hin zu Styling, Produktion und Führung. Wer unterschiedliche Lebensrealitäten sichtbar macht, muss auch die Kompetenzen im Hintergrund aufbauen. Sonst bleibt Repräsentation oberflächlich. Vielfalt bringt natürlich auch Reibung. Unterschiedliche Erfahrungen führen zu Diskussionen. Doch genau darin liegt ihre Stärke. Vorausgesetzt, es gibt eine offene, wertschätzende Kultur, in der Perspektiven gehört werden. Wo das gelingt, entstehen bessere Inhalte.
Die Abstimmung zeigt: Eine Mehrheit der Stimmbevölkerung steht hinter der SRG. Diesen Rückhalt gilt es zu bewahren. Gerade in einer postmigrantischen Gesellschaft bedeutet das, auch diese Perspektiven sichtbar zu machen, die ebenso den Alltag dieses Landes prägen. Wenn der Service public den Anspruch hat, für alle da zu sein, dann muss sich dieses «Alle» auch in seiner ganzen Breite widerspiegeln. Hier gibt es noch Luft nach oben. Nicht punktuell, nicht symbolisch, sondern strukturell. Denn ein Service public für alle muss auch von allen mitgestaltet werden.
Und genau das ist entscheidend. Am Ende steht eine einfache Frage:
Wer erzählt die Geschichte der Schweiz und wer fehlt dabei bis heute?