Wo spielt die Musik? Zwischen SRG und Streaming

Welche Bedeutung hat der Service public im Zeitalter von Spotify, YouTube und KI-generierter Musik? Dieser Frage widmete sich der «SRG.Diskutiert»-Talk in Basel. Vertreterinnen und Vertreter aus Musik, Medien und Verwertung diskutierten über Sichtbarkeit, Wertschöpfung und die Rolle der SRG in einem sich rasant wandelnden Markt.

«Es wurde noch nie so viel Musik genutzt wie heute», sagt Benjamin Gut, Musiker, Tontechniker und Jurist bei SUISA, «und dennoch kommt das Geld nicht bei den Musikschaffenden an.» Für Gut liegt das Hauptproblem in einer strukturellen Verschiebung. «Die grösste Herausforderung besteht momentan darin, dass Nutzung und Wertschöpfung auseinanderdriften.»

Streamingplattformen generieren Reichweite, bieten jedoch selten existenzsichernde Einnahmen. Mit dem Vormarsch künstlicher Intelligenz verschärft sich die Situation zusätzlich.

In diesem Spannungsfeld kommt der SRG eine besondere Rolle zu. «Die SRG ist eine sehr wichtige Akteurin in der Musikbranche und sorgt durch Lizenzzahlungen, Aufträge und Produktionen für Stabilität im System», erklärt Gut. Dadurch werde Qualität und Vielfalt auch jenseits kurzfristiger Marktlogiken gefördert. Entscheidend ist, erklärt Gut, dass die Gelder aus der Radio- und Fernsehgebühr in der Schweiz verbleiben und Schweizer Musik sichtbar und hörbar bleibt.

Sichtbarkeit als Währung

Wie fragil die Existenz vieler Kulturschaffender ist, beschreibt Jasmin Albash: «Der wirtschaftliche Druck ist enorm, besonders wenn man in einer Nische tätig ist.» Die Musikerin kennt nur wenige, bei denen das funktioniert; die meisten müssten nebenbei einen Brotjob ausüben. Trotzdem verteidigt sie ihre künstlerische Eigenständigkeit und möchte auch künftig ihre kreative Freiheit dazu nutzen, um Musik abseits des Mainstreams zu schaffen.

«Die SRG bietet kuratierte Programme, und Sichtbarkeit ist für Musikerinnen und Musiker von zentraler Bedeutung», erklärt sie und ergänzt: «Es wäre sehr bedauerlich, wenn diese Angebote wegfielen.»

Live als Gegenpol zur KI

Auch Jeroen van Vulpen, Musiker, Tontechniker und Veranstalter, beobachtet die Veränderung aus der Praxis. «Gerade in Zeiten von KI-generierter Musik, die zunehmend auf Streamingplattformen präsent ist, zeigt die Live Musik am deutlichsten, was menschlich erzeugt und individuell ist.»

Doch die Live-Szene steht unter Druck. Vorverkauf und Ticketverkäufe gestalten sich zunehmend schwieriger. Umso wichtiger ist die mediale Aufmerksamkeit, betont van Vulpen: «Die SRG schafft durch ihre Plattformen und Formate Sichtbarkeit für Künstlerinnen und Künstler aus der Region.» Diese Präsenz könne lokale Konzerte fördern und die Ticketverkäufe steigern.

Digitalisierung als Erweiterung

Theresa Beyer, Leiterin Musik bei SRF Kultur, widerspricht der Annahme, Radio sei ein Auslaufmodell: «75 % der Menschen in der Schweiz hören nach wie vor Radio.» Sie betrachtet die Digitalisierung daher nicht als Bedrohung, sondern als Chance: «Digitalisierung ist für uns kein Verlust, sondern eine Erweiterung.»

Gleichzeitig betont sie den Unterschied zum Streaming: «Bei uns entscheiden nicht Algorithmen, welche Musik gespielt wird, sondern Musikjournalistinnen und Produzentinnen, die kritisch einordnen, unabhängig sind, Musikgeschichten erzählen und junge Talente entdecken und fördern.»

Der Auftrag bleibe bestehen, auch wenn sich die Kanäle verändern: «Wir müssen dort präsent sein, wo sich auch die jungen Menschen aufhalten.» Formate wie «Bounce» oder «Virus» auf YouTube und TikTok sind Beispiele dafür, wie SRF Kultur neue Zielgruppen erreicht.

Der Basler Talk machte deutlich, dass Musik zunehmend im Spannungsfeld zwischen globalen Technologiekonzernen und lokalem Kulturschaffen stattfindet. Für viele Beteiligte ist klar: Gerade in diesem komplexen Umfeld bleibt die SRG ein stabilisierender Faktor als kuratierende, fördernde und verbindende Instanz im Schweizer Musikökosystem.

Text: Nicole Krättli

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