Kultur und Medien – eine fatale Abhängigkeit
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Kultur und Medien – eine fatale Abhängigkeit

«Woran denken Sie beim Begriff ‹Kulturberichterstattung›? An ­einen Ausschnitt aus der ‹Tagesschau› über Bundesrat Bersets Besuch am Filmfestival in Locarno? An die Fernsehsendung ­‹Kulturplatz› und ihren Beitrag über das Verhältnis der Schweizer zum Geld? An eine Konzertaufzeichnung im Radio? Oder an die letzte Ausgabe der Filmsendung ‹Box Office›, die vor gut einem Jahr ausgestrahlt wurde?»

– Eine Carte blanche von Nina Scheu

«Vielleicht ist Ihnen noch gar nicht aufgefallen, dass es im Deutschschweizer Fernsehprogramm keine Filmsendung mehr gibt. Dass in den vergangenen Jahren mehrere Kultursendungen ins Spätprogramm verschoben wurden. Und dass die Auseinandersetzung mit Kultur immer häufiger mit ­Veranstaltungshinweisen verwechselt wird.

Als Kulturjournalistin empfinde ich das schleichende Verschwinden der Kulturberichterstattung als fatal. Es hat Folgen für die Kulturschaffenden – und für unsere Gesellschaft. Wenn über Kultur nicht berichtet wird, ist sie bedeutungslos, sie wird buchstäblich totgeschwiegen. Denn Kunst kann zwar im stillen Kämmerlein entstehen, zur Kultur wird sie aber erst, wenn sich auch die Öffentlichkeit mit ihr auseinandersetzt. Ohne diese Auseinandersetzung verkümmert die Gesellschaft, davon bin ich überzeugt.

Kulturschaffende sind auf die Reflexion ihrer Werke in den Medien angewiesen – und sei es nur, weil die Subventionsrichtlinien zahlreicher Förderinstitutionen verlangen, dass Kritiken und Presseberichte vorgelegt werden, bevor eine neue Produktion unterstützt werden kann. Vor allem aber braucht jede Kunst ein Publikum, sonst verliert sie ihre Relevanz. Doch schon seit Jahren werden die Kulturseiten in den Zeitungen und Zeitschriften immer dünner – und immer dümmer. Wann und wo ­haben Sie das letzte Mal einen ausführlichen Artikel über, sagen wir, das zeitgenössische Tanzschaffen gelesen? Stattdessen erfahren Sie, welche Möbel im Haus eines Theaterdirektors herumstehen und welche Schuhe von amerikanischen Schauspielerinnen bevorzugt werden. Filmbesprechungen reduziert man auf Tipps und Sternchen, statt einer Theaterkritik sendet man ein Kurzinterview mit der hübschen Hauptdarstellerin und fürs Konzert gibt’s eine Vorschau, die wegen Zeitmangel aus den Presseunterlagen und gratis gelieferten O-Tönen zusammenkopiert wird. Kompliziertere Themen weichen Geschichten über Stars oder Skandälchen, und plötzlich heissen die früheren Kulturressorts ‹Life Style› oder ‹Gesellschaft›. Und der ‹Kulturplatz› sendet bebilderte Kolumnen über das Verhältnis der Schweizer zum Geld.

Die fatalen Abhängigkeiten zwischen Medien und Kulturbetrieb und die verheerenden Folgen der Medienkrise für die Kulturschaffenden beschäftigen auch die Arbeitnehmerorganisationen. Darum lancierten die Journalistenorganisationen syndicom und impressum mit Unterstützung der Schweizer Kulturschaffenden im Dachverband Suisseculture im Rahmen des Filmfestivals von Locarno das Manifest ‹Ohne Echo verstummt die Kultur› (www.syndicom.ch/kulturmanifest), mit dem Politik und Öffentlichkeit auf die Folgen der verschwindenden Kulturberichterstattung aufmerksam gemacht werden sollen. Darum setze ich mich unter anderem auch im Publikumsrat für eine Stärkung der Kultur in den Medien ein.»

Nina Scheu ist Publikumsrätin, Kulturjournalistin und Mediensprecherin bei Syndicom – Gewerkschaft Medien und Kommunikation

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