Heidi Abel und ich im Fernsehen
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Heidi Abel und ich im Fernsehen

«In meiner Kindheit hatte der Fernseher einen festen Platz in der Stubenecke. Hinter dem Gerät brannte eine Stehlampe – wegen den Augen. Manchmal platzierte sich die Mutter ganz nah am Bildschirm, zählte die Maschen ihrer Strickarbeit und blieb eine Weile dort sitzen.»

– Eine Carte blanche von Renatus Zürche

«Als Knirps überquerte ich mit einem Einbaum den Ägerisee, Breite 1400 Meter. Das Schweizer Fernsehen war mit einer ­Equipe vor Ort. Einige Tage später hörte ich die Leute im Dorf ­sagen: ‹Er ist im Fernsehen gekommen.› Das Erscheinen am ­Bildschirm war eine Bekräftigung meiner Existenz.

Mit zehn begann ich Tagebuch zu schreiben. Mein TV-Konsum zeigt darin einen deutlichen Niederschlag. Und heute realisiere ich: Wie das Fernsehprogramm, so war auch mein Alltag formatiert. Eintrag vom 20. Januar 1968: Um 7.25 stand ich auf. Ich machte mir das Znüni. Um 8.10 ging ich zur Schule. Wir hatten Religion und Zähneputzen. (Pause). Nach der Pause Rechnen und Singen. (Mittagessen). 12.55 Intern. Hahnenkammrennen. Abfahrt. 2. Jean-Claude Killy. 14.00 ‹Un ora per voi›. Im Deutschen Fernsehen: 14.15 ‹Wir lernen Englisch›. 14.30 ‹Die Kinder von Bullerbü›. Nachher zeichnete ich einen römischen Wachtturm. Im Schweizer Fernsehen: 16.45 ‹Jugend-TV›. 17.30 ‹Benvenuti in ­Italia›. 18.00 ‹Tips für sie›. 18.45 ‹De Tag isch vergange›. (TV-Spot). 18.55 ‹Tagesschau›. 19.00 ‹Das Mädchen vom ­Hausboot›. (TV-Spot). 19.30 ‹Abseits›. 19.45 ‹Das Wort zum Sonntag›. (TV-Spot). 20.00 ‹Tagesschau›. (TV-Spot). 20.20 ‹Grosser Mann – was nun?›. 21.20 ‹Das Porträt›. Nach 15 Minuten schalteten wir ab, tranken Tee und assen Zopf.

In der Folge hatte die stundenlange ­Glotzerei Einfluss auf meine Träume.
Noch heute erinnere ich mich an folgenden Traum: Ich war zusammen mit Heidi Abel und Mäni Weber als Matrose auf einer Schiffsreise. Dann wechselte der Schauplatz in eine Fernsehsendung, und ich war plötzlich Zuschauer meines eigenen Traums: Das Schiff gerät in einen fürchterlichen Sturm. Die Wellen sind haushoch. Heidi Abel und ich retten uns schwimmend an Land. Dort entdecken wir prächtige Höhlen, ­erforschen dunkle Gänge. Es glitzert wunderbar …

Beim Fernsehen erlebe ich häufig eine Teleportation zurück in die Kindheit. Mit der Fernbedienung in der Hand hangle ich mich von Kanal zu Kanal, getrieben vom Begehren nach neuen Entdeckungen und spannenden Inhalten.

Heute höre ich in der Nacht gerne Radio. Im Dunkeln Radiohören ist Genuss pur und oftmals visueller als Fernsehen, wo einem fürsorglich erklärt wird, wie man dieses oder jenes Bild verstehen soll. Zudem brauche ich keine Moderation, die mir Sätze ­zusäuselt wie: ‹Ich würde mich freuen, wenn Sie morgen wieder dabei sind.› Ein Generalisten-Programm ist nicht meine Sache.

Der Fernseher hat sich aus der Stubenecke verabschiedet. Auf kleinen portablen Geräten kann ich rund um die Uhr mein eigenes Fernsehprogramm zusammenstellen. Jetzt sitze ich ganz nah am Bildschirm. Aber nicht stundenlang – wegen der Augen.»

Eine «Carte blanche» von Renatus Zürcher, Publikumsrat und Lehrer an der Schule für Gestaltung Basel.

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