Es gibt noch keine Digital Natives
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Es gibt noch keine Digital Natives

«In meiner Tätigkeit als Medienpädagoge der MedienFalle Basel stolpere ich regelmässig über die Begriffe Digital Natives und Digital Immigrants. Der erste Term bezieht sich auf Menschen, die nach 1980 geboren wurden und mit digitalen Technologien vertraut sind. Ich selbst habe diese Schnittmarke um zwei Jahre verpasst.»

– Carte blanche von Attila Gaspar

«Mit dem Begriff der Natives verbindet man gerne die romantisch verklärte Vorstellung indigener Völker: eine tradi­tionsbewusste Gesellschaft mit einem vertieften Verständnis für das Leben in der Natur. Wissen wird in solchen Völkern von den Vorvätern an die jüngere Generation weitergegeben. Doch trifft dies auch auf Digital Natives zu? Welche Rituale und Traditionen kommen Ihnen zum Thema Internet in den Sinn, die Sie Kindern weitergegeben haben? Welches Wissen über die digitale Welt vermitteln Sie der jüngeren Generation? Viel, ein bisschen, gar nichts?

Mit den Begriff Digital Natives muten wir Kindern Wissen zu, das sie nicht besitzen. Gar nicht aufweisen können. Für Tra­dition braucht es mehrere Generationen. Wissen über die Umwelt oder die digitale Welt muss über einen längeren Zeitraum als 35 Jahre generiert werden. Wir sollten selbst vielfältige Erfahrungen machen, bevor wir sie weitergeben. Streichen Sie daher bitte den Begriff Digital Natives aus Ihrem Vokabular. Es gibt ihn schlichtweg nicht.

Die SRG ist durch Regionalgesellschaften zu einer Einheit verbunden. In diesen werden Wissen, Werte und Traditionen in das Programm von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) eingespiesen. Seit der Gründung 1931 feilten und schliffen mehrere Generationen das Format. Der Begriff ­Natives wäre hier die passende Bezeichnung; allerdings nur in Hinblick auf die traditionelle Sichtweise von Radio und Fernsehen.

Mit der Konvergenz, dem Verschmelzen digitaler Inhalte und Technologien, hat das SRF einen wichtigen Schritt in die Zukunft gemacht. Auch wenn wir noch keine Digital Natives sind, benutzen wir den Computer als Fernseher und das Smartphone als Radio. Ob live oder via Podcast stellen wir unser Programm individuell oder nach dem vorgegebenen Sendungsablauf zusammen. Wir spielen damit.

Doch so lange wir noch kein vertieftes Wissen und ausreichende Erfahrung im Umgang damit haben, wird es anspruchsvoll, die Debatte über den Service public zu führen. Dieser Diskurs gehört jedoch zu den Hauptaufgaben der SRG. Von elementarer Bedeutung ist der Einbezug der jungen Generation in diese Diskussion. Wenn das alte Wissen fehlt, sind alle gefordert, das neue Wissen gemeinsam zu erarbeiten. Mit srginsider.ch ist 2011 eine Plattform für junge medieninteressierte Menschen entstanden. Damit sehen wir schon mal die Spitze des Eisbergs der Möglichkeiten. Wir sind auf dem richtigen Weg. Weiter geht’s!»

Attila Gaspar ist Geschäftsführer Medien- und TheaterFalle und Vorstandsmitglied der SRG Region Basel.

Bild: Andreas Zimmermann

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