Warum die SRG SSR auch Spass machen soll
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Warum die SRG SSR auch Spass machen soll

Gehören Sendungen wie «The Voice of Switzerland», «Samschtig-Jass» oder «glanz & gloria» zum medialen Service-public-Auftrag der SRG SSR? Diese Frage, die in der Öffentlichkeit bereits debattiert wird, stellte Gastgeberin SRG.D auch an der diesjährigen nationalen Mitgliedertagung zur Diskussion.

 – Von Markus Knöpfli

Der erste spontane Applaus an der Tagung «That’s Entertainment!» gehörte Thierry Ventouras. Denn als der Chef Unterhaltung von RTS von der Diskussionsleiterin Maria Victoria Haas gefragt wurde, warum die Unterhaltung zum Service public gehöre, sprudelten die Sätze und Argumente nur so aus ihm heraus. «Unterhaltung ist wichtig, wir Menschen brauchen sie, sie ist Teil unserer DNA», sagte er.

Leben ohne Unterhaltung ist langweilig, TV ohne Unterhaltung ebenso. Deshalb ist auch Service public ohne Unterhaltung langweilig. Er würde kaum nachgefragt.

Unterhaltung sei zudem das Rückgrat des Fernsehens. «Ohne Unterhaltung wird der Service public amputiert.» Unterhaltung sei auch ein Spiegel unserer Gesellschaft. «Ohne Spiegel im Badezimmer wäre die Wand kahl und trist.» Unterhaltung diene dazu, die Menschen um uns herum wahrzunehmen. In der heutigen Zeit der Globalisierung, in der wir von Bildern aus aller Welt überflutet würden, sei es umso wichtiger, dass der Service public «lokale Unterhaltungskonzepte mit Spiegeleffekt» entwickle, die uns unsere Realität und die unserer Nachbarn zeigten.

In seinem verbalen Feuerwerk sprach ­Ventouras bereits vieles von dem an, was am Ende der Tagung in einem Arbeits­papier seinen Niederschlag fand. Das war denn auch das Hauptziel der ­Tagung vom 26. September: Möglichst vielfältige Antworten zu finden auf die Frage, weshalb denn Unterhaltung überhaupt Teil des medialen Service public der SRG SSR ist und bleiben soll (in diesem Artikel sind die daraus folgenden Argumente als Zitate formatiert).

Unterhaltung PodiumAuf dem Podium (v. l.): Thierry Ventouras (Chef Unterhaltung RTS), Marcel Regnotto (Bundesamt für Kommunikation), Ute Biernas (UFA Show & Factual, Köln), Christoph Gebel (Chef Unterhaltung SRF) und Diskussionsleiterin Maria Victoria Haas. Bild: Imagopress

Der Grund für die aktive Suche nach Argumenten: Auf Wunsch von Bundesrat und Parlament befasst sich die Eidgenössische Medienkommission derzeit mit dem Service public von Radio und Fernsehen – und folglich auch mit dem Leistungsauftrag der SRG. Sie wird unter anderem die Frage beantworten müssen, ob Unterhaltung unabdingbar zum Service public der SRG gehört. Oder ob sie der SRG entzogen und den privaten Veranstaltern überlassen beziehungsweise aufgetragen werden soll.

Service public darf auch Spass bereiten

Gegen die Idee, Unterhaltungssendungen aus dem Service-public-Auftrag öffentlicher Sender herauszulösen und sie einzig den kommerziellen Sendern zu überlassen, setzte sich an der Tagung Ute Biernas, CEO der Filmproduktionsfirma UFA Show & Factual in Köln, zur Wehr. Sie, die für Privatsender und auch für die SRG Unterhaltungsformate produziert, sagte dezidiert: «Unterhaltung gehört entweder überall dazu oder nirgends.» Und weiter: «Das ­Leben ist schon anstrengend genug, da muss man den Leuten doch auch etwas Spass bereiten.»

Information im Service-­public-Programm ist zwingend. Als Gegenpol ist aber auch Unterhaltung zwingend, damit die globale Realität erträglich bleibt.

In dieselbe Kerbe schlug Romana Ganzoni von der SRG.R: «Da der Informationsgehalt ein zwingender Bestandteil des Service ­public ist, muss als Gegenpol ebenso zwingend die Unterhaltung vorhanden sein», ­sagte sie. Sonst sei die globale Realität für die menschliche Seele kaum mehr zu ertragen.

Ein Trägerschaftsmitglied aus dem rund 300-köpfigen Publikum erinnerte zudem daran, dass Service public ohne Unterhaltung einem reinen Nachrichtensender gleiche. «Einen solchen konsumieren Sie nur kurze Zeit, dann schalten Sie um, weil ­Ihnen etwas fehlt», sagte es und folgerte: «Das Leben ohne Unterhaltung ist langweilig. TV ohne Unterhaltung ist ebenfalls ­langweilig.» Fabrizio Keller von CORSI pflichtete dem bei, indem er auf die Um­frage der Trägerschaft verwies (siehe Kasten unten). Diese habe gezeigt, dass die grosse Mehrheit der Mitglieder Unterhaltungssendungen konsumiere. Wenn also die Mehrheit das wünsche, sei doch klar, dass Unterhaltung und Service public zusammengehören, meinte er.

Unterhaltung PublikumRund 300 Trägerschaftsmitglieder waren aktiv und voll bei der Sache. Bild: Imagopress / Patrick Lüthy

Untrennbar verbunden

Einen zentralen Punkt sprach der Publizist Peter Rothenbühler an. In seinem Auftritt, der eigentlich als «Contrepoint» angesagt war, plädierte er für eine Synthese von ­Service public und Unterhaltung.

TV ist Unterhaltung, TV ohne Unterhaltung ist ein Anachronismus. Also funktioniert auch medialer Service public nicht ohne Unterhaltung.

«Das Fernsehen ist per se ein Unterhaltungsmedium», sagte er. Selbst die TV-Information – in farbiger Dekoration, mit kurzen Sätzen und von attraktiven Menschen präsentiert – gehöre hier dazu. Wer deshalb Unterhaltung vom Service public abkoppeln wolle, habe entweder Grundsätzliches nicht verstanden oder aber «er macht den Service public kaputt und will ihn im Grunde nicht». Rothenbühler fügte hinzu, dass die SRG als «Spiegel des Landes» mit ihrer Unterhaltung unbedingt identitätsstiftend sein müsse. «Denn wenn die SRG nicht selbst Unterhaltung produziert, werden wir von der Unterhaltungsindustrie der USA, Grossbritanniens und Deutschlands kolo­nialisiert» – gerade weil deren Unterhaltung so süffig konsumierbar sei.

Produziert die SRG SSR keine Unterhaltung mehr, werden wir kolonialisiert: Unsere Kultur wird nicht mehr abgebildet, was zu Identitätsverlust führt – und bei der SRG SSR zum ­Verlust an Know-how.

Fabrizio Keller ergänzte: Dank der Unterhaltung müssten sich SRG-Redaktionen mit unserer Kultur befassen. Ohne Unterhaltung würde diese Auseinandersetzung nicht mehr stattfinden. «Damit ginge auch das Wissen darüber und die Fähigkeit, sie zu präsentieren, verloren», sagte Keller.

Unterhaltung RothenbühlerFür Publizist Peter Rothenbühler gehören Unterhaltung und Service public zwingend zusammen. Bild: Imagopress / Patrick Lüthy

Unterhaltung im Service-public-Programm ist ein integraler Beitrag zum Zusammenhalt unseres Landes.

Marcel Regnotto, Leiter Medien beim Bundesamt für Kommunikation, erinnerte ­daran, dass die SRG laut Konzession eine «nationale Klammerfunktion» wahrnehmen und dazu explizit auch Unterhaltung anbieten müsse. Dieses Argument griff ­später Romana Ganzoni noch einmal auf. Sie bezeichnete die Unterhaltung der SRG sogar als verfassungsmässigen Beitrag «zur Kohäsion unseres Landes», wobei sie dabei über die Schweizer Bevölkerung ­hinaus ausdrücklich auch die Migrantinnen und Migranten und deren Integration ansprach. Unterhaltung kombiniert mit ­Humor, so Ganzoni, «ist eine kreative Art, Vorurteile sichtbar zu machen» und helfe, über sich selbst lachen zu können.

Unterhaltung, die unsere Vor­urteile gegenüber anderen ­aufzeigt, kann im Service-­public-Programm zur Integration verschiedener Bevölkerungsgruppen beitragen.

Auch die Trägerschaft ist in der Pflicht

Gegen Ende der Tagung brachte auch ­Roger de Weck, Generaldirektor der SRG, noch einen Aspekt ein. Er zitierte Dominik Kaiser, den Chef des Privatsenders 3+, der in Interviews gesagt hatte, dass Unterhaltungssendungen wie «Bachelor», «Bauer, ledig, sucht …» oder «Jung, wild und sexy» für ihn ein Verlustgeschäft seien und er sie nur aus Imagegründen produziere. De Weck folgerte: «Wenn die SRG auf Unterhaltung verzichtet, öffnet sie damit keine Marktlücke. Denn in diesem kleinen Land kann man mit Unterhaltung kein Geld verdienen.»

Eigenproduktionen sind sehr teuer. Private würden sie nicht produzieren, da sie ein Verlustgeschäft wären.

Was aber soll nun mit den gesammelten Argumenten geschehen? Sie sind als Rüstzeug für die Trägerschaftsmitglieder gedacht. Dies machte Verwaltungsratspräsident Raymond Loretan schon zu Beginn der Tagung klar. Weil der Service public und damit auch die Unterhaltung künftig zu einem «Konfliktfeld» würden, müssten Verwaltungsrat und Generaldirektion den Service public der SRG neu definieren, sagte er. Diese Definition werde demnächst der Delegiertenversammlung vorgelegt. «Die Diskussion hat also schon begonnen.» Doch auch die Trägerschaftsmitglieder müssten sich auf die kommende Auseinandersetzung vorbereiten, betonte Loretan. «Denn Sie stehen in der ersten Reihe, um den Service-public-Gedanken zu verteidigen und seine Notwendigkeit zu erklären.»

Markus Knöpfli

DAS DOSSIER ZU UNTERHALTUNG UND SERVICE PUBLIC (Nationale SRG-Tagung 2014)


«Unterhaltung ist ein menschliches Bedürfnis»

Vor der Tagung zum Thema Unter­haltung und Service public führte die Trägerschaft unter ihren Mitgliedern eine Umfrage durch. 187 Mitglieder aus allen Landesteilen nahmen teil. Aus den Resultaten lässt sich Folgendes ableiten.

• Unterhaltungssendungen werden von ­einer sehr grossen Mehrheit (94 Prozent) konsumiert, weil sie ein grundsätzlich menschliches Bedürfnis befriedigen.

• Es gibt nicht das Unterhaltungsangebot: Was den einen gefällt, interessiert die andern nicht.

• Neben dem Wunsch nach Entspannung und Abwechslung ist das Interesse an anderen Menschen und Lebenswelten die stärkste Triebkraft für den Konsum von Unterhaltungssendungen.

• Die Unterhaltungsprogramme der SRG sollen mehr bieten als Zerstreuung und Ablenkung: Man möchte etwas lernen. Auch sollen sie die Vielfalt der Schweiz darstellen und die gesellschaftliche Debatte anregen.

• Sie sollen im Umgang mit Personen ­respektvoll und fair sein.

• Rund die Hälfte der Antwortenden steht dem Infotainment und damit einer gewissen Boulevardisierung von Infor­mationssendungen positiv gegenüber.

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  1. Walti Urs 06.11.2015 16:10

    Warum produziert das Schweizer Fernsehen mur für die Jungen? Das Musikantenstadl das bis und mit Andi Borg grosse Einschaltquoten hatte wird systematisch kaputtgemacht, damit man es wegen schlechter Einschaltquoten abschalten kann. Aber diese Sendung schauen meist leute über 50 Jahre. Die Jungen werden diese Sendung nie schauen da ihnen diese Musik nicht gefällt und sie lieber ausgehen. Warum boomen die OpenAir mit Andrea Berg, Marc Pircher, gabalier etc. weil die Musik gefällt. sie ist im Trend, auch bei den Jungen. Diese gehn auch anVolksmusik open air. Aber das will das Schweizer Fernsehen nicht. Sie machen lieber Sendungen singenden Kindern und andern Clowns, obwohl dies niemand gut findet Nehmt Euch ein Beispiel an Alpenwelle TV. Dieser Sender macht seit einiger Zeit gute Musik ohne grosse Geldunterstützung. Leider muss ich die Konzession dem Schweizer Fernsehen abliefern, sonst würde ich diese sehr gerne dem Alpenwelle TV senden, aber dies geht leider nicht. Ich hoffe, das Schweizer Fernsehen spart nicht am falschen Ort und streicht nicht die halbwegs guten Untehaltungssendungen.