Bilder im Fokus: Wirklichkeit oder Illusion?
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Bilder im Fokus: Wirklichkeit oder Illusion?

Welchen Einfluss Bilder in den Medien auf uns Rezipienten haben können, wird oftmals erst dann ersichtlich, wenn diese Macht missbraucht wird. Nämlich genau dann, wenn Bilder manipuliert, verändert oder in falsche Kontexte gesetzt werden. Um das eigene Auge zu schulen und Bildern kritisch begegnen zu können, organisiert die SRG Zürich Schaffhausen immer wieder Workshops zum Thema «Bilder lesen».

– Von Olivia Gähwiler

Das Bild ging um die Welt: Der französische Staatspräsident François Hollande führte mit zig anderen Regierungs- und Staatschefs einen Trauermarsch an, um den Opfern des Charlie-Hebdo-Anschlags zu gedenken und ein Zeichen der Solidarität zu setzen.

Ein Bild, worüber wohl alle Kommunika­tionsabteilungen der Präsidenten jubelten und welches Medien dankbar übernahmen – denn wann kriegt man schon so ein harmonisches und zugleich hoch emotionales Bild einer Vielzahl Staatsoberhäupter in die Hände?

Nicht jedes Medium empfand es aber als notwendig, die Rezipienten aufzuklären, dass dieses Bild in einer Nebenstrasse aufgenommen wurde – abseits des Volkes und umringt von Sicherheitsleuten. Online wurde der Fauxpas einiger Zeitungen und Fernsehsender angeprangert und diskutiert. Schnell wurde von Inszenierung, Intransparenz, gar von Lügenpresse gesprochen.

Bildmanipulation 2Andere Fotos zeigen aber: Die prominente Gruppe wurde in einer Nebenstrasse aufgenommen – zur Sicherheit der Politiker. Bilder: Keystone

«Die Glaubwürdigkeit des gesamten Journalismus leidet unter solchen Täuschungen einzelner Medien», meint dazu ­Vinzenz Wyss, Leiter der Bildungskommission der SRG und Journalistik-Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur. Dass transparent berichtet und Bilder im richtigen Kontext eingebettet würden sei wichtig für den Leser. Die Medien selbst kämen aber immer mehr unter Zeit- und Handlungsdruck und würden Bilder zu wenig genau verifizieren.

Das Problem: «Vielen Medienorganisationen mangelt es an Ressourcen, die eigenen Leute zu schulen, um so diese Metakommunikation zu gewährleisten», sagt Wyss. Umso wichtiger sei daher, dass die Leser ein gewisses Misstrauen gegenüber den Medien behalten. «Es wäre naiv zu glauben, Medien wären in der Lage, die Wirklichkeit abzubilden», sagt Wyss.

Die Macht des Bildes

Um bewusst und reflektiert mit Bildern umgehen zu können, bietet die Bildungskommission für Mitglieder der SRG Zürich Schaffhausen Workshops zum Thema Bildsprache und Bildmanipulation an. Ein Thema, das alle betrifft, findet Wyss. «Jeder hat schon einmal ein Bild im Fernsehen, in der Zeitung oder online gesehen – und war danach enttäuscht, weil er das Bild in einem anderen Kontext erwartet hat oder das Bild gar verfälscht worden war.»

In Abendkursen lernen die Teilnehmenden, wie Bilder systematisch zu lesen sind, wie man Manipulationen und Veränderungen erkennen kann, und sie erhalten die Möglichkeit, mit Wissenschaftlern und Journalisten über konkrete Beispiele in der Medienlandschaft zu diskutieren. Referenten dieser Workshops sind unter anderen die beiden Dozenten für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule in Zürich, Peter Holzwarth und Thomas Hermann. Vor allem über die Macht von Bildern werde immer wieder an solchen Veranstaltungen kontrovers debattiert, bestätigen die Referenten. «Unsere Weltvorstellung wird ja zu einem grossen Teil durch Medienbilder konstruiert», findet Hermann. Und trotzdem würden Bilder oft nur unbewusst wahrgenommen: «Erst wenn ein Bild negative Schlagzeilen macht – wie dasjenige des Trauermarsches in Paris – sieht man, welch starke Aussagekraft ein Bild haben kann.»

«Erst wenn ein Bild negative Schlagzeilen macht – wie dasjenige des Trauermarsches in Paris – sieht man, welch starke Aussagekraft ein Bild haben kann.» (Thomas Hermann)

«Daher lägen sowohl Medien wie die Nutzer und Nutzerinnen in der Verantwortung, einen bewussteren Umgang mit Bildern zu pflegen. «Mehrere Bilder zum gleichen Thema in Form von Slideshows vermitteln beispielsweise den Betrachtern eine besse­re Vorstellung eines Ereignisses», findet ­Hermann. Auch die Ergänzung des Bildes durch informative Bildlegenden oder Texte würden das Lesen eines Bildes vereinfachen.

«Man sollte immer die Hypothese im Kopf behalten: Es könnte auch anders gewesen sein» (Peter Holzwarth)

Aber auch der Rezipient selber könne dazu beitragen, Bilder richtig einzuordnen, findet Peter Holzwarth, Referent zur Thematik Bildmanipulation. «Man sollte immer die Hypothese im Kopf behalten: Es könnte auch anders gewesen sein», sagt er. Bilder hätten aber für viele Betrachter noch Authentizitäts-Charakter. Was logisch sei – denn auch heute sei ein Foto ein Abbild zur Bestätigung der Wirklichkeit, wie beispielsweise das Passfoto oder das Beweisbild, das der Radar bei zu schnellem Fahren von uns macht. «Fotografie ist aber immer abgebildete und zugleich konstruierte Wirklichkeit», sagt Holzwarth. Heutzutage habe bereits jeder selbst die Möglichkeit, Bilder zu verändern und zu täuschen – beispielsweise durch Facebook-Profilbilder aus der Vogelperspektive oder Instagram-Veränderungsfilter. «Menschen verändern Bilder und Bilder verändern Men­schen», resümiert Holzwarth.

Bilder mit «Packungsbeilage»

Die Workshops seien daher eine Möglichkeit, den SRG-Mitgliedern den Raum zu geben, ihr Wissen über Bildsprache zu vertiefen und so auch kompetente Kritik an Sendungen und Beiträgen von SRF auszuüben, findet Holzwarth. «Leute, die auch SRF kritisch unter die Lupe nehmen, müssen in der Lage sein, Selektionsentscheide wie die Bildauswahl zu verstehen», bestätigt auch Vinzenz Wyss. Beide Seiten – Journalisten und das Publikum – zusammenzuführen und ihre Meinungen und Ansichten auszutauschen, fördere zudem die Transparenz. Transparenz – sind sich die Bildungskommission und die Referenten einig – sei der Schlüssel zu einer verständlichen Bildkommunikation.

«Leute, die auch SRF kritisch unter die Lupe nehmen, müssen in der Lage sein, Selektionsentscheide wie die Bildauswahl zu verstehen» (Vinzenz Wyss)

Manchmal könnten dies auch nur Details sein, die den Unterschied ausmachen würden, meint Peter Holzwarth: «Wenn man einmal hinter die Kulissen sieht – sei das ein Schwenk der Kamera nach einer Sendung durch das Studio oder wenn beim Beispiel des Trauermarsches auch noch das Bild aus der Vogelperspektive gezeigt wird – wirkt das Medium transparenter und folglich auch glaubwürdiger.» Vinzenz Wyss doppelt nach: «Diejenigen Medien, welche die ‹Packungsbeilage› zu den Bildern mitliefern, unterscheiden sich schluss­endlich von den unglaubwürdigen Medien.»

Olivia Gähwiler


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www.srgd.ch/agenda ausgeschrieben.


 

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