«Die Hörerinnen und Hörer sind immer an erster Stelle»
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«Die Hörerinnen und Hörer sind immer an erster Stelle»

Anfang Juni haben sich die Mitglieder des Publikumsrats in Chur in einem zweitägigen Seminar dem Thema Moderation gewidmet. Die Erkenntnisse werden ihnen bei der künftigen Beobachtungsarbeit nützlich sein.

– Von Cornelia Diethelm

Ist es Ihnen auch schon so ergangen: Sie schauen fern und merken am Schluss einer Anmoderation, dass Sie sich nicht auf den Inhalt konzentrierten, sondern auf Mimik und Gestik oder das Kleid der Moderatorin? Oder Sie wollen Radio hören, stellen aber entnervt wieder ab, weil Sie die überdrehte Stimme des Moderators nicht ertragen? Die Moderation wirkt auf uns: Wir freuen uns, wir ärgern uns.

Allegra a Cuira: In der Alpenstadt Chur will sich der Publikumsrat mehr Kom­petenz für die Beurteilung der Moderation erwerben. Gleich zu Beginn des Seminars gibt es eine Panne. Glücklicherweise eine bewusst eingeplante: Der Referent Martin Peier, Kommunikationstrainer, ­Mitglied des Publikumsrats, spielt eine DRS 2-Radio­sendung von 2007 ein, in der alle CD-Player defekt sind. Spielerisch ­testet Martin Peier, wie die Ratsmitglieder die Radiomode­ratorin in der Pannensitua­tion erleben.

Von den Fachleuten lernen

Nach dem lebhaften Austausch sind die Ratsmitglieder motiviert, sich von ­Eberhard Wolf, Ausbildner SRF, Kriterien für das professionelle Schauen und Hören geben zu lassen. Anhand der Eye-Tracking-­Methode zeigt der Fachmann, wie der Blick von ­Zuschauerin oder Zuschauer über den Fernsehbildschirm wandert. Eberhard Wolf empfiehlt den Ratsmitgliedern, bei ­ihren Beobachtungsaufträgen zunächst die erste, spontane Wirkung zu notieren und dann in einem zweiten Schritt nochmals genauer zu schauen und zu hören und dann die Wirkung zu beschreiben.

François Mürner, ehemaliger Radiomoderator und Moderationsentwickler SRF, erzählt aus seiner jahrzehntelangen Moderationspraxis und von der Zeit als Moderationschef bei  Radio SRF.  Von Erfahrungen in England brachte er innovative Radio-Ideen in die Schweiz. Zum Thema Anmoderation meint er: «Kein verbales Styropor, keine Verpackung, immer, aber immer ­direkt zur Sache kommen.»

 Am Nachmittag beobachten die Ratsmit­glieder verschiedene Seh- und Hörbeispiele. Eberhard Wolf verteilt ein Dossier mit differenzierten Kriterien für Beobachtungsaufträge von Fernsehsendungen. François Mürner zählt zum Moderieren am Radio die drei wichtigsten Punkte auf: «Die Hörerin, der Hörer steht in jeder Moderation klar an erster Stelle zusammen mit dem konkreten Nutzwert für sie oder ihn. Dann erst, auf Platz zwei, kommt die Radio­station und definitiv am Schluss auf Platz drei die Moderatorin oder der Moderator, das bitte konsequent!»

«Vertraut eurem Bauch, wenn ihr Moderationen beurteilt, und schaut, ob die Person euch als Erwachsene auf Augen­höhe anspricht, ob sie glaubwürdig und authentisch ist» François Mürner, ehemaliger Radiomoderator und Moderationsentwickler SRF

Die Ratsmitglieder üben sich im Hören und Schauen und Wirkungen Beschreiben. In der Gesprächsrunde zum Abschluss des ersten Tages geben Eberhard Wolf und François Mürner noch einmal Tipps. «Vertraut eurem Bauch, wenn ihr Moderationen beurteilt, und schaut, ob die Person euch als Erwachsene auf Augen­höhe anspricht, ob sie glaubwürdig und authentisch ist», rät François Mürner. Und Eberhard Wolf betont: «Wenn ihr Rückmeldung an SRF gebt, dann sind Persönlichkeit und das Handwerk der ­Moderatorinnen, Moderatoren wichtig. Zur Wirkung gehören aber auch inhaltliche Kompetenz und Angemessenheit. Die ­Wirkung ist immer einzuordnen in den medialen Kontext.»

Stress am Mikrofon

Seitenwechsel am zweiten Seminartag: Im Studio Radiotelevisiun Svizra Rumantscha leitet Publikumsrätin Kathy Gerber Aufwärm- und Stimmübungen, bevor es dann ernst gilt und die Ratsmitglieder unter der kompetenten Leitung von Madeleine Hofer und Regula Siegfried (beide Sprechausbildnerinnen bei SRF) erleben, wie es sich anfühlt, live ins Radiomikrofon zu sprechen oder sich vor der Fernsehkamera an einen bestimmten ­Sendeablauf zu halten.

Publikumsrat Seminar 2Publikumsrat Charles Martig im Moderationstest. Bilder: Thomas Züger

Einigen Personen klopft das Herz bis in den Hals und schnürt ihnen die Stimme ab. Vor der ­Kamera wird gezappelt, die Augen rollen. Andere nehmen es etwas lockerer, doch für alle bedeutet der Moderationstest eine Stresssituation. Die eigene Erfahrung wird sich auf die künftige Beobachtungsaufgabe positiv auswirken. Und der ­Publikumsratspräsident Manfred Pfiffner zitiert den englischen Schauspieler Noël Coward: «Die Kritik an anderen hat noch keinem die eigene Leistung erspart.»

«Live-Sendungen machen glücklich»

Zum Abschluss des Seminars 2015 führt Publikumsrat Emil Mahnig ein Gespräch mit der «Club»-Moderatorin Karin Frei und mit Bernard Thurnheer (siehe Artikel). Es gibt während der Stunde viel zu lachen und die beiden Podiumsgäste ­tauschen sich angeregt aus. Irgendwann im Gespräch sagt Karin Frei: «Ich hatte noch nie so viel Freiheit wie jetzt beim ‹Club›.» Und Thurnheer betont: «Live-Sendungen machen glücklich.»

Cornelia Diethelm

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