«Früher war Radiomachen Hand-Werk»
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«Früher war Radiomachen Hand-Werk»

Mehr als 30 Jahre lang hat Casper Selg als herausragender Journalist die Informationen auf Radio DRS und SRF geprägt. Im LINK-Interview blickt er zurück und erklärt, weshalb journalistische Qualität für eine funktionierende Demokratie unverzichtbar ist.

– Ein Interview von Franz-Xaver Risi

LINK: Korrespondent für SRF zu sein, ist ein Traumjob. Stimmen Sie zu?
Casper Selg: Es ist jedenfalls ein einzigartiger Job, der jeden Tag viel Interessantes und Abwechslung bringt. Gleichzeitig ist er aber auch anstrengend. Man ist 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche auf Empfang. Entsprechend muss man immer bereit sein, private Dinge zu verschieben. Für mich war es trotzdem ein Privileg, ­diesen Job machen zu dürfen.

Was hat Sie all diese Jahre angetrieben?
Mit der Informationsarbeit erfülle ich eine wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe. Ich kann eine sinnvolle Tätigkeit mit dem Befriedigen der eigenen Neugier verbinden.

«Mit der Informationsarbeit erfülle ich eine wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe. Ich kann eine sinnvolle Tätigkeit mit dem Befriedigen der eigenen Neugier verbinden.»

Wie sieht der Alltag eines SRF-­Korrespondenten aus? Vor allem Routine oder auch eigene Kreativität?
Beides gehört dazu. Der Tag beginnt jeweils um 6.30 Uhr mit Radio Hören und Informationen Beschaffen. Um 8.30 Uhr gehe ich ins Büro. So weit läuft jeder Tag gleich ab. Danach jedoch muss man offen sein, zu improvisieren. Manchmal gestalte ich vom Büro aus ein, zwei Beiträge. Sehr oft jedoch gehe ich irgendwohin, an eine Pressekonferenz, auf eine Reise oder bereite mich auf eine Reportage vor. ­Selten verlaufen zwei Tage genau gleich.

Wie hat sich Ihre Arbeit über die Jahre verändert?
Vor allem handwerklich. Als ich meine ersten Beiträge zusammenstellte, gab es noch kein Internet. Ich schrieb alle Texte mit der Schreibmaschine, war mit dem Tonbandgerät unterwegs und musste danach die Beiträge zusammenschneiden. Radio machen war damals im besten Sinne des Wortes Hand-Werk. Heute ist das komplett anders. Im Laufe der Jahre habe ich ­mehrmals ein neues Handwerk erlernt.

Gilt das auch für die Berichterstattung?
Nicht ganz: Beim «Echo der Zeit» haben wir immer versucht, unsere Hörer nach ­einem gleichbleibenden Muster zu informieren. Im ersten Teil berichten wir über die wichtigsten Nachrichten und ­relevantesten Vorgänge auf dieser Welt – mit der Schweiz im Zentrum. Im zweiten Teil folgen die Erklärungen und Hintergründe. Dieses Konzept haben wir weitgehend bis heute eingehalten und sind nicht irgendwelchen Modeströmungen nachgerannt. Uns treibt nicht primär an, was die grösste Quote bringt, sondern
was zu wissen wichtig und interessant ist.

«Uns treibt nicht primär an, was die grösste Quote bringt, sondern was zu wissen wichtig und interessant ist.»

Dank Internet sind Ihre Hörerinnen und Hörer aber viel besser informiert.
Da bin ich nicht so sicher. Richtig ist zwar, dass heute sehr viele Leute mehr Möglichkeiten haben, auf Informationen zuzugreifen. Ob sie deswegen besser informiert sind, bezweifle ich jedoch. Irgendwas ­irgendwo aus dem Internet fischen, kann jeder. Es ist etwas anderes, mit Sachkunde aufbereitete Information professionell ­zusammengestellt zu erhalten.

Der Journalismus ist in den letzten Jahren in die Kritik geraten: Ober­flächlichkeit statt Hintergrund, schnell, aber nicht mehr so genau. Teilen Sie diese Kritik?
In Teilen ja. Mit dem Aufkommen neuer Medien und auch mit der Verschärfung der kommerziellen Konkurrenz hat aus meiner Sicht die Qualität im Journalismus abgenommen. Vor allem hat die Presse viel Werbegeld verloren, damit sind die journalistischen Möglichkeiten geringer geworden.

Was zeichnet guten Journalismus aus?
Fünf Punkte: 1. grosse Neugierde, 2. präzises Denken, 3. eine kritische Haltung ­gegenüber allem und allen, 4. grosse Sachkunde, was heute leider oft in den ­Hintergrund rückt, und 5. Respekt vor der Materie.

«Fünf Punkte zeichnen guten Journalismus aus: 1. grosse Neugierde, 2. präzises Denken, 3. eine kritische Haltung ­gegenüber allem und allen, 4. grosse Sachkunde, was heute leider oft in den ­Hintergrund rückt, und 5. Respekt vor der Materie.»

Sie haben in verschiedenen Ländern als Journalist gearbeitet. Wie beurteilen Sie die Medien im Vergleich?
Die Schweiz ist relativ gesehen immer noch gut gestellt in einer Entwicklung, die aus meiner Sicht nicht besonders positiv verläuft. In Grossbritannien und in den USA erreicht Qualitätsjournalismus nur noch eine kleine Minderheit der Menschen. In Deutschland zeichnet sich Ähnliches ab.

In Deutschland gibt es einen harten Wettbewerb zwischen den öffentlichen und den kommerziellen privaten Sendern. Profitiert die Öffentlichkeit davon?
Ich meine nein. Dieser Wettstreit wird ­primär über die Quote abgewickelt, über das Erregen von Aufmerksamkeit und ­weniger über die Qualität der Inhalte.

Was bedeutet das für die Schweiz?
Auch die SRG SSR kann sich dem Quotendruck nicht entziehen. Die Situation ist ­insofern etwas besser, als die SRG als natio­nale Klammer eine wichtige gesellschaft­liche und kulturelle Rolle ausfüllt, was auch anerkannt wird. ARD und ZDF haben in Deutschland keine gleiche Funktion inne. Das stärkt die Position der SRG, letztlich muss sie sich aber über Qualität und Quote behaupten.

«Auch die SRG SSR kann sich dem Quotendruck nicht entziehen. Die Situation ist ­insofern etwas besser, als die SRG als natio­nale Klammer eine wichtige gesellschaft­liche und kulturelle Rolle ausfüllt, was auch anerkannt wird. ARD und ZDF haben in Deutschland keine gleiche Funktion inne.»

Wir sind damit mitten in der Diskussion um den Service public. Was bedeutet ­Service public für Sie als Medienmacher?
Dass wir Informationen in einer Breite und in einer Tiefe anbieten, wie sie sonst – elektronisch – nicht möglich sind, weil sie kommerziell schlicht nicht finanziert werden können. Ein «Echo der Zeit» kann in der heutigen Qualität niemals kostendeckend produziert werden. Die Gebühren sind umgekehrt für uns ­Medienmacher Verpflichtung, die erwar­tete hohe journalistische Qualität zu ­gewährleisten.

Gehört Unterhaltung auch zum Service public?
Ja, sofern sie Qualität hat. Ich bin überzeugt, dass Unterhaltung mit Niveau ­möglich ist, in Abgrenzung zu gewissen Privatsendern etwa in Deutschland, die den Zuschauern Unmengen von kulturellem Müll vorsetzen. Was sich offenbar lohnt.

Wie wichtig sind Medien für eine ­Demokratie? Wird ihre Rolle nicht überschätzt?
Nein, ich meine nicht. Medien sind für eine funktionierende Demokratie unersetzlich. Gerade weil gewisse Leistungen kommer­ziell nicht erbracht werden können, ist der Service public so wichtig. Die Qualität der Information, die der Bürgerin, dem Bürger zur Verfügung steht, hat einen Zusammenhang mit der Qualität des demokratischen Prozesses. Deshalb bin ich ein entschiedener Verfechter des Service public.

Interview: Franz-Xaver Risi

Bild: SRF / Oscar Alessio


Casper Selg privat

Tätigkeit, Funktionen SRG: bis 30. Juni 2015 Deutschland-Korrespondent Radio SRF; früher: Moderator/Redaktionsleiter «Echo der Zeit», stv. Chefredaktor SR DRS, USA-Korrespondent.

Hobbys: Kunst, Architektur (passiv), Fotografie (aktiv), Sport (passiv)

Vorbilder: Frühere Moderatoren ­deutscher Fernseh- und Moderatorinnen amerikanischer (öffentlicher) Radio­sendungen

Nächste Projekte: Einmannbetrieb mit offenem Ziel (journalistische Texte, Ausbildung, Vorträge, Moderation von Veranstaltungen)


 

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