Die durchmischte Bevölkerung zeigen, wie sie ist
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Die durchmischte Bevölkerung zeigen, wie sie ist

Medien sollen nicht nur über Migranten berichten, sondern sie auch selbst zu Wort kommen lassen. Das fordern Migranten und Forscher schon länger. An einer internen Tagung der SRG.D wurde deutlich: Die SRF-Redaktionen haben Fortschritte gemacht. Auf eine grundsätzlich klare Problemstellung gibt es aber keine einfache Lösung.

- Von Markus Knöpfli

Mehrere Studien zwischen 2007 und 2014 zeigen: Wenn Schweizer Medien über ­Mi­grantinnen und Migranten berichten, dann ist das Bild, das von diesen Menschen gezeichnet wird, vorwiegend negativ. Das Hauptmanko aber: Migranten ­kommen nur selten selbst zu Wort – ent­gegen den journalistischen Grundregeln (vgl. LINK 3/2014).

Am 8. September setzte sich nun auch die SRG Deutschschweiz an einer Medientagsatzung in Baden erstmals mit dem Thema auseinander. Geleitet wurde die Tagung konsequenterweise von der griechischstämmigen «Tagesschau»-Moderatorin ­Wasiliki Goutziomitros.

Medientagsatzung3.pngAm Podium der Medientagsatzung (v. l.): Christoph Gebel, SRF-Unterhaltungschef, Gregor Meier, Stv. Chefredaktor TV, Wasiliki Goutziomitros, SRF-Moderatorin, Stefan Reinhart, Produzent «Tagesschau». Bild: Thomas Züger

Vom «Wir-Gefühl» zur nationalen Klammer

Ein historischer Rückblick, präsentiert von Theo Mäusli, Projektleiter in der SRG-Generaldirektion, zeigte, dass die Integrationsleistungen der SRG SSR und deren Verständnis von Integration sich im Lauf der Zeit stark gewandelt haben. Während heute die SRG-Konzession verlangt, «die Integration von Ausländerinnen und Ausländern» zu fördern, verstand man in den Anfängen der SRG und über den Zweiten Weltkrieg hinaus unter Integration vor allem die Förderung des nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls. Was zeitweise ebenfalls mitschwang: Das Radio sollte gar einen «Geschmacksausgleich zwischen verschiedenen Volksklassen» herbeiführen. Anders ab 1939. Von da an wurde die Verschiedenheit der Landesteile hervorgehoben und diese Heterogenität positiv gewertet. Erst in der zweiten Hälfte der 50er-Jahre – eine halbe Million Italienerinnen und Italiener waren in die Schweiz migriert – begann man, Sendungen über und für diese Gastarbeiter zu produzieren – etwa «Per i lavoratori italiani in Svizzera» ab 1956 im Radio oder «Un’ora per voi» ab 1964 im TV. Beide ­Sendungen wurden 1989 eingestellt.

Ab 2000 stand wieder die Klammerfunktion der SRG im Vordergrund (Markenzusatz «Idée suisse»): Neu zielte man aber nicht mehr nur auf den Zusammenhalt der Landesteile ab, sondern auch auf jenen der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen. Dies mündete unter anderem 2008 in die Spezialwoche «Wir anderen», in der – wohl erstmals in diesem ­Ausmass – auch Migranten(-Gruppen) zu Wort kamen.

Chance: Mitarbeitende mit Migrationshintergrund

Kommen Migrantinnen und Migranten heute bei SRF mehr zu Wort? Und denkt man in den SRF-Redaktionen darüber nach, welches Bild man von ihnen zeichnet? Dazu gab eine Podiumsdiskussion Einblick. Eine klare Aussage machte ­Christoph Gebel, Leiter Unterhaltung: In seinen 75 Unterhaltungsformaten wolle er dieselbe durchmischte Bevölkerung antreffen, wie wenn er durch Stadt und Land gehe. Dies könne natürlich nicht in jeder einzelnen Sendung der Fall sein. «Aber in der Gesamtheit muss es stimmen.» Das werde auch überprüft.

Niklaus Zeier vom Regionalvorstand SRG.D attestierte den SRF-Redaktionen Fortschritte seit 2007. Er sprach von einem feststellbaren Lernprozess – nicht zuletzt, weil Mi­gration auch ins Unternehmen reinwachse, etwa in Form von Mitarbeitenden mit Mi­grationshintergrund. «Das gibt eine gewisse Betroffenheit, was eine Chance ist», sagte er. Dem pflichtete Gregor Meier von der Chefredaktion TV bei: dass Mitarbeiterinnen wie Wasiliki Goutziomitros ewta punkto Griechenlandkrise wertvolle Inputs liefern, weil sie die Ereignisse, bedingt durch ihren kulturellen Hintergrund, ganz anders ­einordnen können.

Medientagsatzung2.pngGregor Meier: «Mitarbeiterinnen wie Wasiliki Goutziomitros (links) können ewta punkto Griechenlandkrise wertvolle Inputs liefern, weil sie die Ereignisse, bedingt durch ihren kulturellen Hintergrund, ganz anders ­einordnen können.» Bilder: Thomas Züger

Unterhaltung sucht bewusst Zündstoff

Unterschiede zeigten sich bei der Frage, ob die Redaktionen das Thema Migration bewusst aufgreifen. Stefan Reinhart, Produzent bei der «Tagesschau», sieht Infosendungen primär «newsgetrieben». Ziel sei es, «der Welt und der Schweiz gerecht» zu werden. Migration sei dann ein Thema, wenn der Nachrichtenwert gross ist, wie aktuell bei der Flüchtlingskrise. Reinhart: «Wir verfolgen keine Agenda, sondern ­wollen real sein.» Dabei zeige man auch Irritierendes und Widersprüchliches. «Gleichzeitig sind wir aber rücksichtsvoll gegenüber Minderheiten.»

«Wir verfolgen keine Agenda, sondern ­wollen real sein. Gleichzeitig sind wir aber rücksichtsvoll gegenüber Minderheiten.» - Stefan Reinhart, Produzent «Tagesschau»

Anders im Ressort Unterhaltung: Dort werden bewusst auch Formate lanciert, die die Migration entweder direkt thematisieren (etwa «Cervelat trifft Baklava») oder zumindest sichtbar machen («Voice of Switzerland»). «Wie generell in der Unterhaltung kreieren wir jeweils eine Situation, die es im realen Leben nicht gibt», sagte Christoph Gebel. Und beim Casting achte man auf «Zündstoff». «Dann halten wir aber die Kamera drauf und schauen, was passiert.» Gebels Ziel ist es, möglichst wenig einzugreifen. So war es für ihn selbstverständlich, im Sommer 2014 in der Quizsendung «Top Secret» eine muslimische Schweizerin, die auf das Tragen ihres Kopftuchs bestand, als Kandidatin einzuladen. Was allerdings einige «virulent heftige» ­Publikumsreaktionen auslöste. «Doch das muss man aushalten», sagte Gebel.

Migranten gestalten Gesellschaft mit

Weniger selbstverständlich ist es offenbar, Migrantinnen und Migranten selbst zu Wort kommen zu ­lassen. Stefan Reinhart berichtete, dass es – nicht nur aus sprachlichen Gründen – ­ungleich schwieriger sei, eine Migranten-Familie zu finden, die sich zu steigenden Krankenkassenprämien äussert, als eine Schweizer Familie. Reinhart: «Für Migranten hat ein Besuch zu Hause vom Fernsehen einen ganz anderen Stellenwert als für uns.» Ähnliches stellte Christoph ­Gebel bei der Sendereihe ­«Cervelat trifft Baklava» fest: Wegen Berührungsängsten der Migranten seien von sieben geplanten Folgen nur vier realisierbar ­gewesen. Eine Ausnahme sei «Voice of ­Switzerland». Hier gehen jeweils mehr ­Bewerbungen von ­Migranten ein als von Schweizern.

An diesem Punkt hakte Jasmina Causevic, Publikumsrätin mit Migrationshintergrund, ein. Sie verlangte von SRF eine professionellere Vernetzung mit den rund 2000 Ausländervereinen in der Schweiz, mit dem Ziel, vermehrt Migranten vors Mikrofon zu bekommen – auch zu Themen, die nichts mit Migration zu tun haben. Denn es gehe darum, Migranten als «völlig normaler Bestandteil der gestaltenden Gesellschaft zu zeigen». Zudem verwies sie auf die zahl­reichen Ethnomedien in der Schweiz – also Medien von Migranten für Migranten. ­«Diese Leute haben ein sehr breites Wissen über die Migrantinnen und Migranten. Warum dieses nicht nutzen?»

Im Bild oben: Wirtschaftsstudentin Sambaavi Poopalapillai in einer «Wahl-Arena». Bild: SRF Screenshot
 


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