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«10vor10»-Sommerserie über die Arktis beanstandet

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Mit E-Mail vom 20. August 2015 kritisieren Sie die Sendereihe betreffend schmel­zendes Eis in Grönland, welche «10vor10» in der Woche vom 27. bis 31. Juli gesendet hat. Den Erhalt Ihrer Eingabe habe ich mit meinem Brief vom 21. August bestätigt.

Wie üblich, habe ich die Verantwortlichen von SRF gebeten, zu Ihren Kritiken Stel­lung zu beziehen. Dies ist erfolgt und in der Zwischenzeit habe ich die Angelegenheit analysieren können. Ich bin somit in der Lage, Ihnen heute meinen Schlussbericht zu senden.

1. Sie begründen Ihre Reklamation wie folgt:

„ In der Woche vom 27.7. bis 31.7.2015 hat das Fernsehen als Teil der Sendung 10vor10 eine Klima-Kampagne über schmelzendes Eis in Grönland gefahren mit dem üblichen Klagelied über die verstockten Klimaleugner und dergleichen.

Tatsache ist, dass die Reportage im Sommer 2014 durchgeführt wurde, während es in diesem Sommer 2015 bei uns zwar sehr heiss, in Grönland aber sehr kalt war und eine solche Kampagne dieses Jahr nicht möglich gewesen wäre.

Eine solche Manipulation ist eine grobe Irreführung des Publikums und ein Verstoss gegen die Konzession. Ich stelle den Antrag, dass Sie dem Fernsehen den Vorschrif­ten entsprechend eine Rüge erteilen.“

2. Wie erwähnt, haben die Verantwortlichen von SRF zu Ihren Kritiken Stellung bezo­gen. Herr Christian Dütschler, Redaktionsleiter von „10vor10“, schreibt dabei Folgen­des:

„Herr X beanstandet die Sommerserie ‚Expedition in die bedrohte Arktis’, welche wir vom 27. bis 31. Juli 2015 ausgestrahlt haben. Gerne nehmen wir zu seiner Bean­standung Stellung.

Vom 27. bis 31. Juli strahlten wir die fünfteilige Sommerserie ‚Expedition in die bedrohte Arktis’ aus. In der diesjährigen Sommerserie begleitete unser Reporter Fritz Muri ein japanisch-schweizerisches Forscherteam in die Arktis. Das Forscherteam rund um den ETH-Professor und Glaziologen Martin Funk wollte am Bowdoin-Gletscher in Grönland die Auswirkungen des Klimawandels genauer untersuchen. In fünf Folgen konnten die Zuschauer miterleben, mit welchen Herausforderungen und Strapazen die Abenteurer konfrontiert waren und welche Überraschungen der Forscheralltag im hohen Norden bereithielt. Die Reportage wurde vom 30. Juni bis 21. Juli gedreht und kurz darauf, vom 27. bis 31. Juli, ausgestrahlt.

1. Vorwurf: die Sommerserie beinhaltet eine ‚Klima-Kampagne über schmelzendes Eis in Grönland (...) mit dem üblichen Klage-Lied über die verstockten Klima-Leugner und dergleichen. Tatsache ist, dass die Reportage im Sommer 2014 durchgeführt wurde, während es in diesem Sommer 2015 bei uns zwar sehr heiss, in Grönland aber sehr kalt war und eine solche Kampagne dieses Jahr nicht möglich gewesen wäre. Eine solche Manipulation ist eine grobe Irreführung des Publikums und ein Verstoss gegen die Konzession.’

Der Beanstander wirft uns vor, eine Klima-Kampagne geführt zu haben. Weiter ist er der Ansicht, dass die Reportage im letzten Sommer, im Sommer 2014, gedreht wurde. Bei uns sei es diesen Sommer sehr heiss gewesen, in Grönland hingegen kalt und somit wäre diese Kampagne nicht möglich gewesen, lautet sein Argument.

Den Vorwurf, eine Klimakampagne geführt zu haben, weisen wir klar von uns. In der Reportageserie begleiten wir einen Glaziologen und ETH-Professor und sein For­scherteam nach Grönland, um mitzuerleben, was es heisst, am Ort des Geschehens, am Gletscher, zu forschen. In erster Linie geht es um den Forscheralltag und die täglichen Schwierigkeiten und Herausforderungen, mit denen die Wissenschaftler zu kämpfen haben. So verschwindet in der ersten Folge Expeditionsmaterial scheinbar spurlos oder es gilt sich, wie in der zweiten Folge der Fall, gegen Eisbären zu wappnen. In der dritten Folge wird unter anderem gezeigt, was es bedeutet, an der Gletscher-Front im Einsatz zu sein, da wo stets das Risiko besteht, dass Eismasse wegbricht. In der vierten Folge steht der Alltag im Forschercamp im Vordergrund, während die fünfte Folge eine schwer zu lenkende Drohne zum Thema hat. Die Reportageserie hat stets die Forscher und ihre Erlebnisse im Fokus und von einer Klimakampagne kann nicht die Rede sein.

Tatsache ist, dass diese Reportage im Sommer 2015 gedreht wurde. Der langjährige und erfahrene Reporter Fritz Muri reiste, nach einer kurzen Vorbereitungszeit in den Schweizer Alpen, am 30. Juni nach Grönland. Drei Wochen verbrachte er gemein­sam mit Martin Funk und seinem Team am Bowdoin-Gletscher und erlebte mit, was es bedeutet, unter solchen erschwerten Umständen draussen in der Natur zu forschen. Der Reporter Fritz Muri verabschiedete sich am 21. Juli wieder von den Wissenschaftlern und kehrte in die Schweiz zurück, um das gedrehte Material zu schnei­den. Denn bereits am 27. Juli sollte die erste von fünf Folgen ausgestrahlt werden. Die Behauptung, die Reportage wurde im Sommer 2014 gedreht, ist daher schlicht falsch. Wie der Beanstander auf diese Behauptung kommt, ist uns ein Rätsel.

Zudem erschliesst sich uns nicht, welche Kausalität Herr X sieht, wenn er sagt, dass es bei uns sehr heiss war, in Grönland jedoch kalt und eine Kampagne deshalb nicht möglich gewesen wäre. Wir stellten nie in Abrede, dass die Temperaturen in der Schweiz in diesem Sommer nicht hoch waren; genauso wenig behaupteten wir, dass es in Grönland nicht kälter gewesen wäre.

Abschliessend möchten wir noch einmal betonen, dass es sich bei der Sommerserie definitiv nicht um eine Klimakampagne handelte, sondern um eine Reportage über das Forschen der Wissenschaftler am Bowdoin-Gletscher in Grönland. Ziel war es, den Zuschauern und Zuschauerinnen Einblicke in den Forscheralltag des ETH-Professors Martin Funk und seines Teams zu gewähren. Weiter möchten wir festhal­ten, dass die Reportage im Sommer 2015 gedreht und ausgestrahlt wurde. Behauptungen, die anderes sagen, sind schlicht falsch.

Wir sind überzeugt, dass sich die Zuschauerinnen und Zuschauer mit der vorliegen­den Serie sehr wohl eine eigene Meinung bilden konnten und von Manipulation kann daher keine Rede sein. Aus diesen Gründen bitten wir Sie, die Beanstandung zurückzuweisen.“

3. Soweit die umfassende Stellungnahme des Redaktionsleiters von „10vor10“. Herr Dütschler argumentiert plausibel, warum seiner Meinung nach Ihre Beanstandung abgewiesen werden sollte.

In Ihrer Eingabe kritisieren Sie zwei Dinge. Sie sind der Meinung, dass die fünfteilige Serie von 10vor10 „Expedition in die bedrohte Arktis“ eine „Klima-Kampagne über schmelzendes Eis in Grönland“ gewesen sei, mit dem Ziel, „das übliche Klagelied über die verstockten Klima-Leugner“ zu unterstützen. Dann werfen Sie 10vor10 Ma­nipulation vor, indem die Reportage nicht dieses Jahr, sondern bereits im Jahr 2014 gedreht worden sei. Das Publikum sei somit irregeführt worden.

Für Ihre erste Kritik habe ich durchaus Verständnis. Tatsächlich standen in der Berichterstattung „Expedition in die bedrohte Arktis“ die Auswirkungen des Klimawandels im Vordergrund. Kann man deshalb von einer unzulässigen „Kampagne“ sprechen? Ich glaube es nicht. Denn in der fünfteiligen Sommerserie ging es um verschiedene Aspekte eines Forschungsprojektes der ETH Zürich und der japanischen Universität Hokkaido. Was die Schweiz betrifft, wurde das Projekt vom Nationalfonds unter der Leitung von Professor Martin Funk für die Zeit vom 1. Mai 2014 bis 30. April 2016 mit einem Beitrag von 312.453 Franken finanziert. Mit dem Titel „Dynamic changes of tidewater glaciers: Bowdoin glacier, Northwest Greenland“ wurde dieses Projekt wie folgt definiert:
„Das Ziel dieses Projektes ist eine Quantifizierung des Eisverlustes im Nordwesten von Grönland. Des Weiteren sollen die Konsequenzen dieses Eisverlustes auf die arktische und globale Umwelt (z.B. Meeresspiegel) aufgezeigt werden. Dieses Projekt ist ein Teil des ‚Arctic Climate Change Project’, welches im GRENE Pro¬gram angesiedelt ist ( http://www.nipr.ac.jp/grene/e/ ). Die beobachteten starken Änderungen an den kalbenden Gletschern im Süden von Grönland werden möglicherweise in den nächsten Jahren auch den Norden erfassen. Es ist deshalb zu erwarten, dass sich demnächst auch die nördlichen kalbenden Gletscher von Grönland rasch zurückziehen werden. Im Rahmen dieses gemeinschaftlichen Projektes zwischen der ETH Zürich und der Hokkaido University in Sapporo werden Untersuchungen am Bowdoin Gletscher durchgeführt mit dem Ziel, die relevanten Prozesse bei kalbenden Gletschern besser zu verstehen, um zuverlässigere Aussagen über ihre zukünftige Entwicklung machen zu können.“
Dass in 10vor10 über die praktischen Schwierigkeiten sowie die Ziele dieses For-schungsprojektes berichtet wurde, hat mit einer Kampagne nichts zu tun. Im Gegenteil: Es geht um eine interessante und relevante Information. Reporter Fritz Muri hat Martin Funk und sein Team während drei Wochen mit seiner Kamera begleitet und zeigt in den fünf Beiträgen die „Schwierige Reise in die Arktis“, die „Vorbereitungen im Inuit-Dorf“, die „Forschung auf dem Gletscher“, das „Leben im Camp auf Grönland“ sowie „Eine Flugzeug-Drohne in Grönland“. Gewiss: Die Forscher versuchen eine Quantifizierung des Eisverlustes vorzunehmen. Es geht aber um eine sachliche wissenschaftliche Bewertung, um „zuverlässigere Aussagen über ihre zukünftige Entwicklung machen zu können“ und nicht um eine Kampagne pro oder contra Klimawandel.
Sie werfen "10vor10" vor, das Publikum manipuliert zu haben, indem die gezeigten Aufnahmen im Jahr 2014 und nicht in diesem Jahr gedreht worden seien. Wahrlich ein schwerwiegender, aber leider unbewiesener Vorwurf. Aus zwei Gründen kann ich Ihre Unterstellung nicht teilen. Zuerst einmal habe ich keinen Anlass, an den Aussagen von Herrn Dütschler zu zweifeln, wonach die Reportage im Sommer 2015 gedreht wurde. Dann aber auch, weil im dritten Beitrag die installierten automatischen Kameras und die in 300 Meter tiefen Bohrlöchern versenkten Sonden gezeigt wurden. Professor Funk stellt mit Befriedigung fest, dass die vor einem Jahr installierten Kameras und Sonden auch im arktischen Winter einwandfrei funktioniert und wertvolle Erkenntnisse geliefert haben. Indem das Projekt letztes Jahr begann, konnten diese Geräte erst im Jahr 2014 installiert werden. Ein deutlicher Beweis, dass entgegen Ihrer Aussage die Reportage doch in diesem Jahr erfolgte.
Aus dem Gesagten ergibt sich, dass ich Ihre Beanstandung, soweit ich darauf eintreten konnte, als unberechtigt erachte.
4. Ich bitte Sie, das vorliegende Schreiben als meinen Schlussbericht gemäss Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes RTVG entgegenzunehmen. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen UBI (Monbijoustrasse 51A, Postfach 8547, 3001 Bern) orientiert Sie der beiliegende Auszug aus dem Bundesgesetz über Radio und Fernsehen.

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