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Dem Programm einen Schritt voraus

Diskussionen über den Service-public-Auftrag bringen Programmverantwortliche oftmals in die Bredouille. Dass auch Radio SRF sich dafür einsetzt, dem Auftrag und den Publikumswünschen gerecht zu werden, zeigt die seit einem Jahr existierende Stelle der Programmentwicklerin.

Man kennt sie. Egal ob in den Redaktionen, in den Radiostudios oder in der Chefetage. Die einen grüssen sie nur kurz beim Vorbeigehen, andere plaudern mit ihr ein paar Minuten und wieder andere wollen mit ihr noch schnell Ideen austauschen. Sie ist die Programmentwicklerin für die Radiosender SRF 1, SRF 3 und Virus: Susanne ­Witzig. Obwohl seit zwölf Jahren bei SRF – einst als Tagesverantwortliche von SRF 3, da­zwischen als publizistische Leiterin –, hiess es für sie zu Beginn ihrer neuen Funktion: Leute kennen lernen. «Ich musste eine richtige Bekanntheitstour machen, um sämtliche, für meine Arbeit relevanten, ­Anlaufstellen besser zu kennen», sagt ­Witzig. Und das sind einige: TV-Programm­entwickler, Publikumsforschung, Fernsehprogrammplanung, Interregionale Koproduktionsstelle, Tagesverantwortliche, Themen-Inputer, Gestaltung und Marketing-Abteilungen ... Die Liste aller involvierten Personen, die das Programm mitbestimmen, ist lang. Und die unsichtbare Liste neuer Ideen für Sendungen, Rubriken und Schwerpunkte ebenfalls.

Ideenskizzen und Konzepte entwerfen

Als Programmentwicklerin präzisiert Susanne Witzig unter anderem zusammen mit den jeweiligen Mitarbeitenden Ideenskizzen und Konzepte, damit diese zum Brand des jeweiligen Senders passen. Erst dann gelangt das Konzept in die Bereichsleitung Radio. Wie soll beispielsweise das «Schreckmümpfeli»-Jubiläum auf ­Radio SRF 1 stattfinden, damit es das ­Publikum anspricht? Wie soll ein neues Comedy­format für SRF 3 aussehen? «Die einzelnen Redaktionen sind stark mit dem Alltag ­beschäftigt und haben häufig nicht genügend Luft, sich bei anstehenden grossen Programmprojekten eingehend Gedanken zu machen, wie diese zur ­strategischen ­Ausrichtung des Senders ­passen», sagt ­Susanne Witzig.

«Früher wollte man es allen recht machen. Heute wollen wir mit wieder erkennbaren Profilen hervorstechen»

Die Person hinter der Stimme

Eine der senderübergreifenden Entwicklungen ist das Fokussieren auf «Personality». Die Stimmen aus dem Radio sollen noch unverkennbarer werden, der Zuhörer soll die Person dahinter kennen, sich mit ihr identifizieren können. Dafür werden die Profile der verschiedenen SRF-Mode­ra­to­ren weiter geschärft und deren Sendungen noch stärker auf sie zugeschnitten. «SRF 3- Moderatorin Judith Wernli ist zum Beispiel die sportliche Aargauerin, die ein Faible für Schweizer Musik hat. Daher finden ­Live-Sessions von Schweizer Musikern in ihrer Sendung statt.» Neue Formate einfach irgendwo in einen Sendeplatz ein­zu­pflanzen, sei beim Radio daher nicht ­sinnvoll, meint Witzig. «Ich würde auch nie ­jemandem ein Sendekonzept auf­drängen, welches die Person selbst nicht vertreten kann», sagt sie.

Das Einkaufen von Sendungslizenzen sei im Radiobusiness darum praktisch in­existent. Eines der wenigen Konzepte, die vom Ausland übernommen wurden, ist die Sammelaktion «Jeder Rappen zählt» des ­öffentlich-rechtlichen Radiosenders 3FM aus den Niederlanden. «Aber auch da ­wurde vom ursprünglichen Format nur der Grundgedanke übernommen», sagt Witzig.

«In der Schweiz braucht vieles ein wenig länger»

Über den Tellerrand hinausschauen und beobachten, wie Sender in anderen Ländern Radio machen, sei trotzdem ein wichtiger Teil ihrer Arbeit. Da gäbe es viele spannende For­mate in ­Verbindung mit den digitalen ­Medien – wenn auch (noch) nicht alle SRF-kompatibel wären. «In der Schweiz braucht vieles ein wenig länger», meint ­Susanne Witzig. Apps wie «Periscope» oder «Snapchat», die in anderen Ländern bereits als zusätzliche Kommunikations­kanäle rege gebraucht würden, seien hier bei vielen Leuten noch unbekannt. «Eine solche Entwicklung ­versuche ich beispielsweise einzuschätzen und bei neuen Sendungen einzubringen.»

Vom Schnellboot bis zum Kreuzfahrtschiff

Genau bei solchen Versuchen sei die ­kleinere Redaktion von SRF Virus das Schnellboot, bei dem man schneller und flexibel etwas ausprobieren könne, meint Susanne Witzig. «Radio SRF 1 ist dann schon ­wegen seiner Grösse ein Kreuzfahrtschiff, weil eine Änderung dort sofort Auswirkungen auf andere Bereiche hat», sagt sie ­lachend. Das habe schlussendlich aber auch mit dem ­Balance-Akt zwischen dem Auftrag des Service public und dem ­Interesse des ­Publikums zu tun. «Service public hat einen wichtigen Einfluss auf meine ­Arbeit. Er ist Auflage und Chance ­zugleich», findet Witzig. Bei SRF ­Virus habe man genau im Sinn des Service-public-Auftrags auf Themen wie Bildung und «Start ins Berufsleben» einen Schwerpunkt gelegt. Bei SRF 3 stärke man zum Beispiel den Fokus auf Schweizer Musik weiterhin.

Der schärfste Kritiker

Service public spielt nicht nur eine tragende Rolle bei der Planung neuer Sendungen, Formate oder Rubriken, sondern auch bei gesendetem Material. Denn das Publikum hört genau zu: «Das direkteste Feedback erhalten wir von unseren Hörerinnen und Hörern», sagt Witzig. Wenn ein Beitrag zu verspielt und zu wenig informativ daherkomme, werde dies sofort von Zuhörern gemeldet. «Das ist nicht ­immer ­einfach, aber sehr inspirierend», ­findet die Programmentwicklerin.

«Das direkteste Feedback erhalten wir von unseren Hörerinnen und Hörern. Wenn ein Beitrag zu verspielt und zu wenig informativ daherkomme, werde dies sofort von Zuhörern gemeldet. Das ist nicht ­immer ­einfach, aber sehr inspirierend.»

Auch die interne Feedbackkultur beobachtet Witzig. «Täglich üben Tagesverantwortliche via Rund-E-Mail Kritik zum ­aktuellen Tagesprogramm aus», erklärt sie. Zudem gebe es einen Themen-Trichter: Bei einer neuen Idee soll das Thema von der Tages-Crew vier bis fünf Standard­fragen erfüllen. So soll festgestellt werden, ob die Idee zum Brand des jeweiligen Senders passt und in der gewählten Aufbereitung über den Sender kann.

Klar gebe es bei SRF mehr Grenzen als bei privaten Sendern, deshalb sei die Feedbackkultur so wichtig, findet Witzig. «Früher wollte man es allen recht machen. Heute wollen wir mit wieder erkennbaren Profilen hervorstechen», sagt sie. Denn erst mit der Entwicklung setze man sich mit den eigenen Inhalten auseinander. Und als Programmentwicklerin müsse sie immer einen Schritt voraus sein.

Text: Olivia Gähwiler
Bilder: SRF / Oscar Alessio


Lesehinweis: Der SRF-Radio-Chef, Röbi Ruckstuhl, im Interview «Die Arbeit wird sich flexibler gestalten»

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