«Im Vergleich mit der Konkurrenz sind wir winzig»
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«Im Vergleich mit der Konkurrenz sind wir winzig»

«Sie werden abgeholt», erklärt die Dame am Empfang. Kurz danach öffnet sich die Lifttür, SRG-Generaldirektor Roger de Weck erscheint persönlich, locker in Jeans und Hemd. «Ich bin geehrt», sage ich. «Waren Sie schon mal in der renovierten Generaldirektion?», fragt er mit seiner hellen Stimme. – In seinem Büro glasklares Design, kein Blatt Papier, der Besprechungstisch ein wenig erhöht, auf einem Podium. Er lässt sich von mir erklären, wie er das Gespräch auf dem Smartphone aufzeichnet, für mich eine Sicherheitskopie, und zeigt mir an meinem Gerät das Mikrofon. Los gehts.

Roger de Weck, nächsten Sonntag stimmt das Schweizervolk ab über Ihr Gehalt. Beschäftigt Sie das?

Roger de Weck: Nein. Die Initiative «Pro Service Public» bezieht sich auf «Unternehmen, die im Bereich der Grundversorgung des Bundes einen gesetzlichen Auftrag haben». Einen solchen Auftrag hat die SRG nicht.

Die SRG ist ein Service-public-Unternehmen!

Ja, aber die Verfassung garantiert unsere Unabhängigkeit vom Staat. Deshalb ist die SRG kein Bundesbetrieb, sondern ein privatrechtlicher Verein. Und dieser Verein betreibt ein nicht gewinnorientiertes Unternehmen. Die Initiative will, dass Bundesbetriebe den Staat nicht subventionieren. Das hat die SRG nie tun dürfen und nie getan. Also wird sie weder auf der Homepage der Initianten noch im Abstimmungsbüchlein erwähnt. Von einem Ja zur Initiative wäre die SRG höchstens indirekt betroffen.

Sie haben mit dem Service-public-Unternehmen Swisscom und mit Ringier die Werbeplattform Admeira gegründet. Swisscom ist das grösste Schweizer Telekom-Unternehmen, Ringier das grösste Boulevard-Medienhaus und die SRG das grösste audiovisuelle Medienhaus. Das ist eine Macht.

Admeira hat 12 Prozent Anteil am Schweizer Werbemarkt. Die Wettbewerbskommission hat das Projekt folgerichtig genehmigt.

Betrachtet man nur die Fernsehsender, die schweizerische Inhalte bringen, hat die SRG eine marktbeherrschende Stellung. Sie schöpft in diesem Teilmarkt 80 Prozent der Werbung ab. Den Privaten bleiben 20 Prozent. Und beim Fernseh-Programm mit Schweizer Inhalten hat die SRG sogar um die 90 Prozent Marktanteil. Nahezu ein Monopol.

Die Hauptkonkurrenten sind allesamt im Ausland. Das sind die deutschen, französischen und italienischen Fernsehkanäle, deren Anteil am Schweizer Fernsehmarkt 60 Prozent übersteigt. Und das sind zusehends auch globale audiovisuelle Anbieter wie Youtube, Netflix und bald Amazon. Im Schweizer Massstab sind wir gross, im Massstab unserer eigentlichen Wettbewerber winzig.

Meine Frage zielt auf die Medienmacht in der Schweiz. Admeira ist durch die Zusammenarbeit zwischen SRG, Swisscom und Ringier ein Medienkomplex, der das Gewicht der SRG gegenüber der privaten Konkurrenz noch verstärkt.

Admeira ist eine offene Vermarktungs-Plattform und eine überzeugende Antwort auf den globalen, digitalen Umbruch. Sie sorgt dafür, dass mehr Werbefranken in der Schweiz bleiben und in den Schweizer Journalismus reinvestiert werden. Websites, Zeitungen, Radio- und Fernsehanbieter, die mit Admeira zusammenarbeiten, werden mehr Geld verdienen.

Wie soll das gehen?

Indem sie bessere Chancen haben, Synergien zwischen den verschiedenen Medien zu nutzen und an Werbekampagnen teilzuhaben: namentlich an den Kampagnen, die sonst zu Google mit Youtube abwandern würden.

Admeira ist die grösste Vermarktungsfirma der Schweiz. Sie hat garantiert, dass sie den privaten Verlagen diskriminierungsfreien Zugang gibt. Ist es diskriminierungsfrei, wenn ein einziger grosser Verlag wie Ringier an den Steuerknüppeln von Admeira sitzt und profitiert, während kleinere Verlage als Kunden antreten müssen?

Das Gegenteil von marktwirtschaftlich wäre ein Unternehmen, an dem alle Schweizer Medienhäuser beteiligt wären. Eine Vermarktungsfirma, die neu aufzubauen ist, braucht Führung – und massive Investitionen. Dabei dürfte manches, was sie anpackt, erst in fünf bis sieben Jahren Früchte tragen. Trotzdem schliesse ich nicht aus, dass weitere Aktionäre dazustossen, ich würde dies begrüssen. Und ich hoffe, es werden ähnliche Werbeplattformen lanciert. Möglich wäre es, denn Tamedia ist einer der grossen Datensammler, und UPC hat einen vergleichbaren Anteil am Fernsehmarkt wie Swisscom. Das wäre eine marktwirtschaftliche Antwort.

Mit dem Wachstum der SRG in den letzten Jahrzehnten ist auch die Zahl ihrer Gegner gewachsen. In der Schweiz wollen Teile der neuen rechten Mehrheit künftig dem Parlament, also den Parteien, das Recht geben, die Konzession der SRG zu bestimmen und zu beschliessen.

Solche Tendenzen sind nicht zu übersehen, aber dafür gibt es keine Mehrheit. Christoph Mörgeli hatte, noch als Nationalrat, sogar vorgeschlagen, immer solle die stärkste Partei den Generaldirektor der SRG stellen. Das wäre dann Staatsradio und Staatsfernsehen. Daneben gibt es eine zweite Kraft, die mit ihrer Geldmacht und dem Kauf von Medien die Kontrolle über die öffentliche Meinung erlangen möchte. Die dritte Kraft bilden diejenigen, die alles und jedes in unserer Gesellschaft durchkommerzialisieren möchten; für sie ist ein schlechtes privates Angebot immer noch besser als ein gutes öffentliches Angebot. Schliesslich gibt es die vierte Kraft, die sagt: Ich zahle nur für das, was ich nutze.

Also die No-Billag-Initiative . . .

Sie ist ja eine No-SRG-Initiative. Ich staune, dass ganz grosse Patrioten das öffentliche Medienhaus der Schweiz beseitigen möchten. Dieses föderalistische Medienhaus wird es noch lange geben. Ohne SRG fände kein Finanzausgleich zwischen der deutschen Schweiz und den drei kleinen Landesteilen statt. Die Deutschschweiz hätte dann ein werbefinanziertes TV, ein ausgebautes TeleZüri. In der französischen und italienischen Schweiz würden die ausländischen Sender vollends herrschen.

Sie sagen: Die SRG bedeutet regionale Vielfalt.

Vielfalt in der Einheit – regionale Mannigfaltigkeit und nationale Identität. Die SRG bringt beides. Nehmen Sie nur schon die 40 Millionen Franken, die wir jedes Jahr in den Schweizer Film und in Schweizer Serien investieren. Ohne öffentliches Geld gäbe es keinen Schweizer Film, keine Schweizer Serien, keinen Aargauer «Bestatter». Im audiovisuellen Zeitalter stiftet die einheimische Produktion Selbstverständnis: einen Schweizerspiegel. Den kleineren Sprachgruppen muss man das nicht lang erklären.

Sie sehen also auch in der Zukunft ein einziges, starkes Service-public-Unternehmen in der Schweiz?

Bislang ist es der Wille der Politik, dass ein Schweizer Anbieter die nötige Grösse hat, um sich auf dem Schweizer Markt gegen die ausländische Konkurrenz zu behaupten. Wollen wir einen Anteil von 30 Prozent am Fernsehmarkt behaupten, ist jede andere Lösung problematisch. Aber die SRG muss sich natürlich – wie alle audiovisuellen Medien – verändern, auf die digitale Zukunft einstellen.

Aber für die Demokratie sind der publizistische Wettbewerb, die Vielfalt der Meinungen und die gegenseitige Kritik der Medien zwingend notwendig. Das braucht Konkurrenz.

Nun, Kritik an der SRG ist keine Mangelware. Schön wärs, wenn wir solche Konkurrenz hätten und die Schweiz sich zwei öffentliche Medienhäuser leistete, die beide gegen die internationalen Wettbewerber bestehen könnten. Aber unser Land ist klein und vielsprachig. Noch etwas: Gute Sendungen für das breite Publikum sind in der Schweiz meistens ein Verlustgeschäft. Die Werbeeinnahmen reichen bei Weitem nicht aus, um sie zu finanzieren: weder die Information noch die Kultur, weder der Sport noch die Unterhaltung. Die Italiener können ihren Fussball nur am Bezahlfernsehen schauen, und sie zahlen dafür mehr als die gesamte Schweizer Radio- und Fernsehgebühr. Das heisst: Ohne öffentliches Geld geht es nicht, oder für das Publikum wird es echt teuer.

Trotzdem stellt sich die Frage, ob die SRG nicht zugunsten der Privaten ihre Werbung reduzieren sollte, die sowieso beim Publikum auf wachsende Kritik stösst. Oder ob den privaten Service-public-Anbietern nicht ein grösserer Gebührenanteil zugewiesen werden müsste, um den publizistischen Wettbewerb zu stärken.

Mir sind diese Überlegungen nicht neu. Aber zwei Anbieter bedeutet: Die Gebührenzahler finanzieren zweimal die in unserer Branche besonders hohen Grundkosten – so bleibt insgesamt weniger Geld für das Programm. Wer ein schwächeres Schweizer Angebot will, muss genau so vorgehen. Das würde die ausländischen Kanäle weiter stärken. Auch wäre eine solche Strategie nur für die Deutschschweiz denkbar. Doch damit würde das Gesetz verletzt: Es schreibt ein gleichwertiges Angebot in der deutschen, französischen und italienischen Schweiz vor. Die beste Möglichkeit, den publizistischen Wettbewerb zwischen SRG und privaten Unternehmen – die ebenfalls Dienste an die Allgemeinheit leisten – zu fördern, ist die «Coo-petition»: einerseits Wettbewerb, andererseits Zusammenarbeit dort, wo wir einander stärken. Also «cooperation», Zusammenarbeit, und «competition», Konkurrenz, gleichzeitig.

Publizistische Zusammenarbeit mit den Privaten würde ja wohl heissen: Einheitsbrei.

Einheitsbrei auf keinen Fall! Wir bieten Lokalradios internationale und nationale Nachrichten an, die sie nicht selbst produzieren; damit hätten sie mehr Mittel für lokale Nachrichten. Wir sind bereit, den Websites der privaten Anbieter aktuelle Videos zur Verfügung zu stellen, das macht sie attraktiver. Alles zu günstigen Bedingungen. Wir können uns auch einen gemeinsamen «Youtube»-Kanal vorstellen. Aber Zusammenarbeit im Programm darf nur punktuell sein.

Und wie wollen Sie in der Zusammenarbeit mit den Privaten so etwas wie Vielfalt, Wettbewerb, Diversität, wechselseitige Kritik aufrechterhalten?

Indem wir einander vor allem auf wettbewerbsneutralem, nichtjournalistischem Gebiet stärken.

Wie soll das gehen?

Wir sollten technologische Infrastrukturen gemeinsam betreiben. So kann jedes Medienhaus mehr Geld für sein Programm freimachen. Der Gedanke, dass die Produktion mit kleinen Kameras und digitaler Technik kostengünstiger geworden ist, stimmt nämlich nur zur Hälfte. Die andere Hälfte der Wahrheit: Im digitalen Zeitalter steigen die Kosten des Vertriebs über das Internet; der Schutz gegen Cyber-Angriffe verschlingt immer mehr Geld; vor allem verkürzen sich die Investitionszyklen massiv. Kaum haben wir das hochauflösende Fernsehen HDTV eingeführt, folgt die nächste Generation UHD (Ultra High Definition) mit viermal besserer Auflösung. Einige Netzbetreiber wie Swisscom TV werden das ab den Viertelfinals der Fussball-Europameisterschaft anbieten. Und die nächste Entwicklungsstufe – eine achtmal bessere Auflösung als beim HDTV – ist bei den Japanern in Vorbereitung.

Was hat das mit der Zusammenarbeit mit Privaten zu tun?

Technologische Zusammenarbeit drängt sich nicht bloss beim UHD auf. Wer unsere Websites wie «srf.ch» besucht, um zu Hause auf dem Computer oder unterwegs auf dem Tablet und Smartphone die «Tagesschau» abzurufen oder ein Sportereignis live zu verfolgen, kennt den SRF-Player. Diesen Player haben wir mit enormem Aufwand entwickelt. Wir stellen ihn privaten Medienhäusern zur Verfügung, für ein mässiges Entgelt. Das Gleiche gilt für Smart TV, den digitalen Nachfolger des analogen Teletexts. Wir haben dafür eine technologische Plattform entwickelt; die stellen wir den regionalen Anbietern zur Verfügung.

BBC-Generaldirektor Tony Hall hat jüngst gesagt: Die BBC hat früher ihren Partnern Zusammenarbeit «angetan», und er hat versprochen, die BBC werde das nicht mehr tun. Wie ist das bei der SRG?

Niemand ist zur Zusammenarbeit mit der SRG verpflichtet. Aber wir sind offen. Und bereit, mit Interessenten das Know-how zu teilen. So haben wir in Biel eine digitale Technologie-Tochter mit viel Wissen und Erfahrung, die SwissTXT. Bringen potenzielle Partner einen Mehrwert für SwissTXT ein, so könnten sich diese an SwissTXT massgeblich beteiligen.

Das würde heissen, es gibt eine gemeinsame Steuerung?

In der Tat. Wir sind im Netz-Zeitalter. Es lebt davon, dass man mit Konkurrenten auf manchen Gebieten zusammenarbeitet, auf anderen Gebieten im Wettbewerb steht. Selbst Google und Apple machen das so. Die SRG ist Partner und Kunde von Swisscom und umgekehrt, doch auf anderen Gebieten stehen wir in heftiger Konkurrenz. Das ist heute eine Selbstverständlichkeit.

Sie haben gesagt, gute audiovisuelle Produktion sei in der Schweiz ein Verlustgeschäft, und das heisst: Die Privaten können gar nicht so viel machen, wie sie möchten, weil es eben ein Verlustgeschäft ist. Würde es da aus Ihrer Sicht nicht naheliegen, so etwas wie ein «Medienhaus Schweiz» zu entwickeln, an dem alle, die im audiovisuellen Bereich tätig sind, so weit wie möglich beteiligt sind?

Ein allumfassendes «Medienhaus Schweiz» wäre mir unheimlich – nicht nur mir –, und es ist unrealistisch. Aber punktuelle Kooperationen dort, wo man jene Medienhäuser stärken kann, die dem unabhängigen Journalismus treu bleiben: Das ist der gangbare Weg. In der Journalisten-Ausbildung – etwa im Medien-Ausbildungs-Zentrum MAZ – bewährt sich die Partnerschaft zwischen Verlegern und SRG seit über dreissig Jahren. Das ist eine Erfolgsgeschichte. Ich kann mir immerhin vorstellen, und ich vertrete eine rein persönliche Meinung, dass sich politisch unabhängige private Medienhäuser – mit transparenten Eigentumsverhältnissen, journalistischem Anspruch und dem Willen zu Investitionen ins Publizistische – an der Trägerschaft der SRG SSR beteiligen könnten.

Das wäre ein kühner Sprung über Jahrzehnte alte medienpolitische Schützengräben.

Als Generaldirektor steht es mir nicht zu, Zukunftsvorstellungen für die eigene Trägerschaft zu entwickeln. Aber ich halte den Verteilungskampf zwischen privaten Medienhäusern und der SRG auf jeden Fall für überholt. Das wird den Medienplatz Schweiz nicht voranbringen. Pragmatische Partnerschaft zwischen privaten und öffentlichen Akteuren ist hingegen ein Schweizer Trumpf. In der erfolgreichen Schweiz haben wir es, genau besehen, mit einer durch und durch gemischten Wirtschaft zu tun – in der Finanz, in der Energiebranche, den Infrastrukturen, dem Gesundheitswesen, dem Bildungswesen, der Landwirtschaft. Die Eidgenössischen Technischen Hochschulen bieten Glanzbeispiele für Public-private-Partnerschaften. Gehen wir doch in diese Richtung! Warum sollten wir in den Medien die Vielfalt nicht durch ein kluges Public-private-Zusammenspiel zwischen Verlegern und dem öffentlichen Medienhaus SRG SSR sichern?

Text: Robert Ruoff (30.5.2016, Aargauer Zeitung)

Bild: Imagopress/ Patrick Lüthy

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  1. E.J. Rast 03.06.2016 20:02

    Guten Tag

    Die Aussagen von R. de Weck im Interview treffen den Nagel auf den Kopf.