SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

Diskussionssendung «Club» über Sexismus beanstandet (II)

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Mit Ihrer e-Mail vom 1. November 2016 beanstandeten Sie die Sendung „Club“ vom 25. Oktober 2016 zum Thema „Der ganz normale Sexismus“[1]. Ihre Eingabe erfüllt die formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann daher auf sie eintreten.

 

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

„Gemäss den publizistischen Leitlinien sind Programme vielfältig, <… wenn sie Tatsachen und Meinungen zu einem Thema in ganzer Breite angemessen zum Ausdruck bringen...>. Weiter heisst es auch: <Journalismus, der ein Thema einseitig darstellt und mit einseitigen Stellungnahmen belegt, widerspricht unseren Anforderungen.>[2]

Mit dieser Sendung wurde meines Erachtens das Prinzip der Meinungsvielfalt grob verletzt. Schon der Einspieler, mit welcher die Sendung im Vorfeld beworben wurde, offenbarte, dass 5 der 6 Gäste klar feministisches Gedankengut vertreten werden. In der Sendung haben die Teilnehmenden dann ihre pro-feministischen Haltungen (um nicht zu sagen Dogmen), welche mit wenigen Ausnahmen unwidersprochen blieben, bestätigt. Damit war die Sendung alles andere als ausgewogen, sondern klar tendenziös!

Sendungen wie diese steuern nicht zu einer freien Meinungsbildung bei, noch leisten Sie irgendeinen Beitrag zur wahren Problemerfassung geschweige denn Lösungsfindung. Stattdessen wird die Bevölkerung nach Geschlechtern mit jeweils klar zugewiesenen Rollen unterteilt: Frauen (Opfer) und Männer (Täter).

Komplexe Sachverhalte wie diesen lassen sich jedoch nicht mit einfachen Ansätzen begreifen, verstehen noch lösen…

Auch bin ich überzeugt, dass in Diskussionsrunden zu Themen wie diesen das Geschlecht der Teilnehmenden zweitrangig ist. Vielmehr sollten die unterschiedlichen Positionen (ungeachtet der Geschlechterzugehörigkeit!) ausgewogen vertreten sein, um so die Meinungsvielfalt zu sichern. In dem vorliegenden Fall wurde diese meines Erachtens grob verletzt.

Ich erbitte mir, dass SRF künftig wieder ihren eigenen publizistischen Leitlinien folgt. Damit verbunden wäre bei heiklen Themen wie diesen mehr Fingerspitzengefühl angebracht.“

 

B. Ihre Beanstandung wurde der zuständigen Redaktion zur Stellungnahme vorgelegt. Frau Andrea Christener, Produzentin des „Club“, schrieb:

„Herr X kritisiert, bereits die Positionen im Vorfeld der Sendung seien pro-feministisch gewesen. Diese wurden wie folgt einen Tag vor der Sendung auf der Webseite des CLUBs aufgeschaltet:

1. Güzin Kar: <Wer befürchtet, durch die Sexismusdebatte würden Männer derart verunsichert, dass ihnen die Lust am Flirten vergehe, übersieht, dass Unsicherheit eine der Grundvoraussetzungen für einen Flirt ist.>

2. Jovita Pinto: <Sexismus in der Schweiz ist strukturell. Wie Sexismus einen trifft, hängt von der gesellschaftlichen Position ab. Dasselbe gilt für die Art und Weise, wie man Sexismus entgegentritt.>

3. Franziska Schutzbach: <Es gibt eine Art gesellschaftliche Übereinkunft, Frauen eher als Objekt denn als Subjekt zu sehen.>

4. Natascha Wey: <#SchweizerAufschrei hat gezeigt, dass Sexismus für viele Menschen eine Realität ist. Im Alltag, bei der Arbeit und auch im Feld der Politik.>

5. Markus Theunert: <Sexismus beginnt im Kopf, niemand, ob Frau oder Mann, ist davor gefeit.>

6. Ronnie Grob: <Die Politische Korrektheit läuft Gefahr, die Meinungsäusserungsfreiheit zu beschränken und könnte, konsequent umgesetzt, sogar totalitär werden. Zu 100 Prozent korrektes Verhalten zwischen flirtenden Menschen kann es so wenig geben wie 100-prozentige Sicherheit.>

Ausser der Aussage Nr. 3 von Franziska Schutzbach können wir keine pro-feministischen Statements finden. Frau Schutzbach spricht von einer Art gesellschaftlichen Übereinkunft, Frauen eher als Objekte, denn als Subjekte zu sehen. Alle andern halten ihre Aussagen bewusst neutral, da sie Sexismus, also die Diskriminierung aufgrund des jeweiligen Geschlechts, sowohl für ein weibliches wie auch für ein männliches Phänomen halten.

Etwas schräg in der Landschaft steht Güzin Kars Votum, welches die Unsicherheit beim Flirt anspricht. Ihre Botschaft jedoch war, dass Unsicherheit, Ungewissheit und Missverständnisse zwischen den Geschlechtern immer eine Rolle spielen. Eventuell geht diese Aussage in der Formulierung am Thema vorbei. In keiner Weise ist sie jedoch der Ausdruck einer pro-feministischen Geisteshaltung.  Am besten brachte Markus Theunert die Debatte im Vorfeld auf den Punkt: <Sexismus beginnt im Kopf, niemand, ob Frau oder Mann, ist davor gefeit.>

Vorbereitung: Der definitiv sexistisch abwertende Dialog des Präsidentschaftskandidaten Donald Trump mit Journalist Billy Bush sowie das Phänomen #SchweizerAufschrei bildeten die Recherchegrundlage für die Sendung. Was in den Medien darauf folgte, war eine Sexismusdebatte, welche in der Politik (u.a. mit Vorwürfen gegen Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät) begann, später und nach und nach auf alle gesellschaftlichen Bereiche überging.

In zahlreichen Fällen sind Frauen oder Mädchen die Hauptzielgruppe von geschlechterspezifischer Diskriminierung. Aus diesem Grund verwenden wir im Pressetext sowie in der Anmoderation das Bild ‚Sexismus gegen Frauen‘.

In 75-Sendeminuten sondierten und differenzierten die Gäste dann das Thema Sexismus im Alltag. Die Sendung lässt sich in drei Blöcke gliedern.

  1. Mythen und Stereotype
  2. Gesellschaftliche Strukturen und sexuelle Gewalt
  3. Beziehungen

 

1. Mythen und Stereotype: Gleich zu Beginn diskutieren vor allem Markus Theunert und Franziska Schutzbach die Klassifizierung des jeweiligen geschlechterspezifischen Stereotyps. Die Runde kommt zum Schluss, dass Männer und Frauen gleichermassen schnell einteilen. Frauen, welche Kritik üben, würden als emotionslos und herrisch gelten. Männer beschimpfe man als Weicheier und Jammerlappen.

Ebenso analysierte die Runde Geschlechter-Mythen. So habe es etwa den permanent leistungsstarken, omnipotenten Alleinversorger ebenso wenig gegeben wie das anlehnungsbedürftige, unselbstständige Hausmütterchen.

2. Gesellschaftliche Strukturen und sexuelle Gewalt: Männer wie Frauen würden auch heute noch oft in der sog. Traditionsfalle gefangen genommen. Das heisst, bei Familiengründung reduziere meist die Frau. Sie übernimmt einen Hauptteil der Familienbetreuung. Der Partner arbeitet mehr im Beruf, ihm obliegt die Ernährer-Rolle. In der Diskussion wird klar, dass Frauen und Männer diese Rollen als unbefriedigend und aufgezwungen empfinden. Güzin Kar spricht von einer Emanzipation beider Geschlechter. Ein neu überdachter, gesellschaftlicher Vertrag und neue Freiheiten für Frauen, müsse nicht automatisch die Beschneidung der Freiheit der Männer bedeuten und umgekehrt.

Bei sexueller Gewalt geht die Runde von den Zahlen der Polizeistatistik aus. Diese besagt, dass Frauen häufiger Opfer sexueller Gewalt werden. Die sogenannte Rape-Culture (Vergewaltigungskultur) wird feministisch, politisch sowie sozialwissenschaftlich erläutert.

Die Teilnehmer sprechen von betroffenen Personen (also Männern und Frauen). Markus Theunert macht in einem Votum klar, dass Männer und Frauen, welche von solchen Ereignissen betroffen sind oder Zeugen davon werden, handeln sollen sowie den Rechtsstaat anrufen müssen.

3. Beziehungen: Aus dem zweiten Block und den unterschiedlichen Rollenprägungen kommt die Runde in einem letzten Teil auf die Beziehungsebene zu sprechen. Hier plädieren alle Beteiligten für die Lernfähigkeit von Menschen. Strukturen seien nicht in Stein gemeisselt. Schule, Elternaus und Gesellschaft hätten eine Aufgabe, welche es wahrzunehmen gelte. Hierzu gehöre, dass niemand das eigene Geschlecht aus falsch verstandener Solidarität decke. Hervorgehoben wird auch, dass alle Beteiligten, ungeachtet ihres Geschlechtes, äusserst privilegiert sind, da sie in einem funktionierenden Rechtstaat leben.

In ihrem Schlussvotum erläutert Kulturwissenschaftlerin Jovita Pinto, welche Faktoren die Forschung für Diskriminierung verantwortlich mache. Klasse, Bildung und Hautfarbe spielen, so Pinto, bei Benachteiligung im Alltag eine übergeordnete Rolle. Man müsse den Blick auf die Schnittstelle von Rassismus und Sexismus legen.

Noch einige Worte zur Gästeliste:

Aufgabe des Clubs ist es, die führenden Fachleute zu einem Thema zusammen zu bringen. Wie aus den vorherigen Erläuterungen hervor geht, sind wir überzeugt, diese in der Runde gehabt zu haben. Für die Bereiche Kultur, Politik, Gesellschaft und  Wissenschaft hatten wir Experten in der Runde, welche sich seit Jahren mit der Thematik auseinander setzen.  Das Spektrum reichte von der eher konservativen Haltung von Herrn Grob über Mittelpositionen wie Markus Theuert bis zur SP-Frauenbeauftragten Natascha Wey. Wir sind uns sicher, dass diese Runde auf Grund ihres Wissens, ihrer Professionalität sowie der Gesprächskultur untereinander die größtmögliche Schnittmenge aufwies, um dem Publikum eine lebhafte und gut verständliche Diskussion zu bieten. Möglicherweise wurde eine 3 gegen 3 Kontroverse erwartet, ein Schwarz-Weiss Schlagabtausch? Das wäre zu einfach. Der Club macht es sich wöchentlich zur Aufgabe, auch die Farbtöne dazwischen zu beachten, und trifft seine Gästewahl differenzierter. Er versucht die Positionen möglichst breit und relevant abzudecken, damit ein differenziertes Bild möglich wird und eine Diskussion möglichst umfassend, seriös und in die Tiefe geführt werden kann. 

  • Wir können weder Einseitigkeit noch Dogmatismus feststellen. Fakten wie Lohnungleichheit (geht aus Erhebungen des Bundes hervor) oder sexuelle Gewalt gegen Frauen (unter Berufung auf Polizeistatistiken), wurde vertieft nachgegangen. Daneben nahmen alle Teilnehmer die Gesellschaft als solches in die Pflicht. Die Sorgfalt der Gäste in der Sache, sowie der jeweilige politische, gesellschaftliche oder wissenschaftliche Hintergrund ermöglichte es, in der Diskussion ausgetretene Pfade zu verlassen und neue Tendenzen aufzuzeigen.“

 

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Beurteilung der Sendung und Ihrer Beanstandung. Medien können gesellschaftliche Zustände und Entwicklungen auf zweierlei Weise zur Darstellung bringen: durch ihre Artikulationsfunktion und durch ihre kompensatorische Funktion.

  • Mit der Artikulationsfunktion bilden sie die gesellschaftliche Realität ab und geben allen relevanten Positionen eine Stimme. Sie betätigen sich als reine Vermittler. Damit setzen sie die „Vermittlungsverfassung“ um, wie sie der frühere Münchner Professor der Zeitungswissenschaft Hans Wagner in verschiedenen Publikationen[3] vertreten hat. Umgesetzt auf die Sexismus-Debatte hätten in einer Sendung oder in der Abfolge mehrerer Sendungen erstens feministische Positionen, zweitens solche, die eine traditionelle Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern verfechten, und drittens solche, die eine männlich-emanzipatorische Sicht haben, zum Ausdruck kommen müssen.
  • Mit der kompensatorischen Funktion geben sie jenen eine Plattform, die in der gesellschaftlichen Realität zu kurz kommen. Damit setzen sie um, was der emeritierte Siegener Soziologieprofessor Rainer Geißler vertreten hat, namentlich in seinem Buch „Massenmedien, Basiskommunikation und Demokratie“[4], dass nämlich die Medien einen Ausgleich schaffen sollten zu den vorherrschenden Meinungsströmungen. Bezogen auf die Sexismus-Debatte würde das bedeuten, dass vor allem Feministinnen, weibliche Opfer und Geschlechterforscherinnen zu Wort kommen müssten. Denn in der gesellschaftlichen Realität ist das noch immer die Position, die zu kurz kommt, weil sie sich mit Vorurteilen, eingespielten Stereotypen und einer lange eingefleischten männlichen Tradition auseinandersetzen muss.

In Ihrer Beanstandung beziehen Sie sich auf das Vielfaltsgebot in den Publizistischen Leitlinien von SRF. Sie interpretieren diese Bestimmung so, dass sie in jeder einzelnen Sendung angewandt werden müsste. Nach ihrem Verständnis wäre also die kompensatorische Funktion für SRF vollkommen ausgeschlossen, und die Artikulationsfunktion im Sinne der „Vermittlungsverfassung“ müsste in jeder Sendung so umgesetzt werden, dass immer alle relevanten Positionen vertreten sind.

Das ist aber nicht die Rechtslage. Das Vielfaltsgebot ist im Radio- und Fernsehgesetz enthalten, das über den Publizistischen Leitlinien von SRF steht. Dort heisst es in Artikel 4, Absatz 4:

Konzessionierte Programme müssen in der Gesamtheit ihrer redaktionellen Sendungen die Vielfalt der Ereignisse und Ansichten angemessen zum Ausdruck bringen. Wird ein Versorgungsgebiet durch eine hinreichende Anzahl Programme abgedeckt, so kann die Konzessionsbehörde einen oder mehrere Veranstalter in der Konzession vom Vielfaltsgebot entbinden.“ [5]

Daraus ergibt sich dreierlei:

  • Das Vielfaltsgebot gilt nur für Veranstalter mit einer Konzession. Das ist bei SRF der Fall. Die SRG, die Mutter von SRF, hat eine Konzession.
  • Das Vielfaltsgebot gilt unter Umständen nicht, wenn sich in einem Versorgungsgebiet eine ganze Anzahl von Programmen konkurrenzieren, so dass für das Publikum Auswahl besteht. Das ist, bezogen auf die gesamte Deutschschweiz, zwar der Fall, wird doch SRF durch Sender wie ARD, ZDF, RTL, Sat.1 oder ORF konkurrenziert. Da aber die Konkurrenten keine Schweizer Veranstalter mit vorwiegend schweizerischen Inhalten sind, sah der Bundesrat nie einen Anlass, SRF vom Vielfaltsgebot zu entbinden.
  • Das Vielfaltsgebot gilt für die Gesamtheit der redaktionellen Sendungen, nicht für jede einzelne Sendung. SRF muss also über die Dauer Themen so bearbeiten, dass alle relevanten Aspekte und Positionen zur Darstellung kommen.

Davon gibt es laut der Rechtsprechung der Unabhängigen Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) und des Bundesgerichts nur eine Abweichung: Strahlen Radio oder Fernsehen vor Wahlen und Abstimmungen Diskussionen aus, dann müssen die verschiedenen Positionen zu einem Abstimmungsthema bzw. die Parteien von gleichartiger Bedeutung gleichberechtigt vertreten sein. Dann gilt das Vielfaltsgebot für die einzelne Sendung. Der „Club“ vom 25. Oktober 2016 war indes keine Diskussion vor einer Volksabstimmung. Deshalb kommt das Vielfaltsgebot im juristischen Sinn nicht zur Anwendung.

Was jedoch gilt, ist das Sachgerechtigkeitsgebot. Die Frage lautet: Ist es sachgerecht, wenn in einer Diskussion über Sexismus fast ausschliesslich feministisch-emanzipatorische Positionen zum Ausdruck kommen? Fehlt da allenfalls die Position, die die traditionelle Rollenverteilung vertritt?

Es war sicher richtig, die Runde mehrheitlich mit Frauen zu besetzen und mehrheitlich mit Frauen, die Sexismus als in erster Linie männlichen Übergriff sehen. Denn: Was ist Sexismus? Im Gender-Glossar von Anja Thiele wird Sexismus wie folgt definiert:

„Sexismus bezeichnet jede Form der Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres zugeschriebenen Geschlechts sowie die diesem Phänomen zugrunde liegende Geschlechterrollen festschreibende und hierarchisierende Ideologie. Er bezieht sich auf gesellschaftlich erwartete geschlechtsspezifische Verhaltensmuster (Geschlechterstereotype), wobei Männer eine privilegierte Position haben (Patriarchat) und deshalb primär Frauen als von Sexismus betroffen gelten. Aus sozialpsychologischer Perspektive können gleichwohl auch Männer von Sexismus betroffen sein. (…)“ [6]

Zum Sexismus gehört beispielsweise, dass Männer den Frauen stereotype Rollen zuschreiben, die sie selber in der Hierarchie besser stellen, also beispielsweise die Rollen als Hausfrau, als Sekretärin, als Assistentin, als Dienstleisterin. In Deutschland war 2010 beispielsweise ein Fünftel der Bevölkerung der Meinung, dass sich die Frauen wieder mehr auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter besinnen sollten. Eine Form des Sexismus äußert sich auch als sexuelle Belästigung. Zum Sexismus gehören ferner die in gewissen Kreisen üblichen „Herrenwitze“. Der Komplexität des Sexismus und auch den heute üblichen subtilen Formen widmete sich 2014 eine ganze Nummer der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“.[7]

Es war also logisch, die Runde mehrheitlich mit Frauen und mehrheitlich mit Feministinnen zu besetzen. Die Meinung von Frau Christener, dass nur eine Feministin in der Runde saß, kann ich nicht teilen: Es waren vier. Es ist sicherlich auch richtig, dass der „Club“ nicht einfach einen Stammtisch simuliert, an dem beispielsweise eine Hausfrau, ein Mitglied eines Herrenclubs, eine Karrierefrau und ein alleinerziehender Vater miteinander diskutieren, sondern dass er sich als Runde versteht, in der in der Sache versierte, kompetente Personen sitzen. Aber wiederum kann ich Frau Christener nicht beipflichten, dass „die führenden Fachleute“ zum Thema Sexismus zusammengesessen seien. Zwar hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer etwas zu sagen, Kompetenz war ihnen nicht abzusprechen. Vor allem Franziska Schutzbach, die Initiantin von #SchweizerAufschrei, überzeugte durch kluge, sachliche, kenntnisreiche Wortbeiträge. Doch mit Verlaub: Franziska Schutzbach ist eine - wenn auch profilierte - Forscherin am Zentrum Gender Studies an der Universität Basel[8], an dem rund 30 wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig sind. Die Leitung hat Professorin Andrea Maihofer. Und Jovita dos Santos Pinto ist Assistentin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung der Universität Bern[9], wo ebenfalls um die 25 Personen forschen. Die Leitung haben die Professorinnen Michèle Amacker und Patricia Purtschert. Es ist daher leicht anmaßend, wenn die Redaktion des „Club“ von „führenden Fachleuten“ spricht.

Die Redaktion hat sich für die kompensatorische Medienfunktion entschieden und eine Runde zusammengestellt, die fast ausschließlich feministisch-emanzipatorisch besetzt war. Eine Runde zu besetzen, gehört zu ihrer journalistischen Freiheit, zur Programmautonomie. Die Frage ist, ob dies sachgerecht war. Die Teilnehmerinnen haben sich nie widersprochen, sondern sich ergänzt und verstärkt. Es ist klar, dass es schwierig gewesen wäre, einen Mann zu gewinnen, der bekennt, er sei ein Sexist und der dies auch noch argumentativ klug begründet. Aber es wäre denkbar gewesen, eine Frau in die Runde zu nehmen, die für die traditionelle Rollenverteilung eintritt und dies möglicherweise religiös begründet, in der Art, wie es die Ärztin Christl Ruth Vonholdt [10] tut. Es ist nicht am Ombudsmann zu sagen, wie man die Runde hätte besetzen sollen. Aber ich kann feststellen, dass ein wichtiger Aspekt nicht vertreten war. Insofern war die Sendung nicht ganz sachgerecht, und ich erachte daher ihre Beanstandung als teilweise berechtigt.

 

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

 

[3] Vermittlungsverfassung in der Massenkommunikation. In: Publizistik 22 Jg. (1977), S. 5-13; Kommunikation und Gesellschaft, 2 Bände. München: Olzog 1978.

[4] Rainer Geißler (1973): Massenmedien, Basiskommunikation und Demokratie. Ansätze zu einer normativ-empirischen Theorie. Tübingen: J. C. B. Mohr.

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