SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

Diskussionssendung «Club» über Eritrea beanstandet

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Mit Ihrem Brief vom 8. Februar 2017, den Sie gleichzeitig an SRG-Generaldirektor Roger de Weck richteten, beanstandeten Sie die Sendung „Club“ (Fernsehen SRF) vom 7. Februar 2017 über Eritrea.[1] Ihre Eingabe erfüllt die formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Deshalb kann ich auf sie eintreten.

 

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

Im Internet wird der Club als die prominente Diskussionssendung der SRG bezeichnet.

Wenn Sie sich als Zuschauer überlegen, was Sie über dieses Land vor der Sendung wussten und was Sie an Mehrinformation am Ende wussten, so ist es Ihnen überlassen Fazit zu ziehen. Für meinen Teil halte ich fest, dass es sich um eine lausige Sendung, ohne Struktur, ohne echte Leitung, ohne Hinterfragung etc. handelte und dem Prestige unseres Landessenders nur geschadet hat, denn das Niveau entsprach etwa einer billigen Wirtshausrunde.

Beginnen wir mit der Vorstellung der Gesprächsrunde. Insbesondere Linkskreise  verlangen mehr  Tansparenz. Die Interessenlage der Teilnehmer  ist zuerst klar zu stellen. Ist dies  erfolgt: Nein! Von Herrn  Wasserfallen weiss man mindestens, dass er Nationalrat ist mit einem bekannten Salär. Dass er sich nicht in die Nesseln setzen wird, da er ja wiedergewählt werden soll, ist soweit klar, aber führt nicht zu einer Hinterfragung der gemachten Aeusserungen. Bei Herrn Stauffer ist eine genaue Erklärung nicht notwendig, auch nicht bei Herr Gnesa. Hingegen bezeichnet sich Herr Moasko, der nach 17 Jahren in der Schweiz noch immer aeusserst gebrochen Deutsch spricht, als Vertreter der eritreischen Bewegung für Gerechtigkeit. Da stellt sich zuerst die Frage wieviele zahlende Mitglieder dieser Bewegung angehören,  was für Ziele diese Gruppierung verfolgt,  wer diesen Mann finanziert, ob er wie die über 80 % anderen Eritreer Sozialhilfe bezieht und warum er vor 17 Jahren in die Schweiz ausgewandert ist, mit oder ohne Fluchthelfer. War er in Eritrea ein Oppositioneller oder übte er Funktion aus. Auch Frau Denise Graf wurde nur als Mitglied von Amnesty International dargestellt. Es wäre interessant gewesen zu erfahren, wie Amnesty finanziert wird und welchen Lohn diese Frau empfängt.

Sobald die Interessenlage der einzelnen Personen möglichst genau definiert ist, können die Aussagen  in einen  Gesamtzusammenhang  gebracht werden.

 Nun zur  Struktur der Sendung: Frau Frei hat versäumt  zu Beginn die Themenkreise   zu   fixieren und für jeden Themenkreis einen Zeitrahmen zu fixieren. Dies dürfte wohl das ABC  einer geleiteten Diskussion sein. Mehr als die Hälfte der Zeit ging es ohne klare Aussagen  darum, ob es nun etwas besser  oder etwas schlechter in Eritrea  steht.

Von Frau Graf hat man erfahren, dass Sie mit Flüchtlingen (zuerst nur mit einem um sich rasch zu korrigieren)  gesprochen hat, ohne je  in diesem Land geweilt zu haben.  Ist diese Frau so blauäugig zu meinen, die hier anwesenden Eritreer würden gegen ihre eigenen Interessen aussagen? Diese Frau scheint naiv zu sein und damit ist sie wohl ungeeignet als Problemlöserin.

Was würde z. B. einen Zuschauer interessieren? Ein Grossteil (wieviele?) der in der Schweiz anwesenden Eritreer sind Analphabeten. Diese haben mit höchster Wahrscheinlichkeit  keine Ahnung, dass es überhaupt eine Schweiz gibt und wo diese auf  der Karte zu finden ist. Warum sind diese Leute in die Schweiz gekommen, wer hat Sie hierhin geleitet und nicht z. B. nach Brasilien. Warum müssen die schweizerischen Migrationsbehörden diesen Eritreern beweisen,  dass es sich wirklich um Eritreer handelt?

Warum ist es eine Holschuld und keine Bringschuld, nachdem man die Papiere weggeworfen hat? Warum musste man sich in den filmischen Kurzepisoden zeigen lassen, wie diese  jungen Eritreer ihre Zeit totschlagen? Warum sind nach x-Jahren noch soviele Eritreer sozialhilfeabhängig.  Warum macht sich Herr Moasko keine Gedanken darüber, dass die arbeitende schweizerische Bevölkerung für diese Leute pro Jahr ca 1 Mrd. Fr. ausgiebt (gegen  40 000 x 25 000.-/Kopf ohne Zusatzkosten)? Kann Herr Moasko sich vorstellen, dass dies zu sozialen Spannungen zwischen Schweizern und Asylanten führen kann ? Hat Herr Moasko zur Kenntnis genommen, dass in Israel auch Frauen und Orthodoxe zu 18 Monaten Militärdienst verpflichtet werden? und dies nicht nur in Eritrea. Wo ist da seine  Gerechtigkeit??

Frau Frei hätte alle diese Fragen vorbereiten müssen. Die meisten Bücher haben ein Stichwortverzeichnis und eine Diskussion eine Traktandenliste, damit die Diskussionen nicht ausufern. Frau Frei hat auf der ganzen Linie versagt und dies auch schon in früheren Fällen. Da wünschte ich mir einen Herrn Gilli. Sie liess den Eritreer mit Allgemeinplätzen herumschwadronieren. Frau Graf hat sich als Gutmensch positioniert, ohne auch nur den geringsten Ansatzpunkt für eine Problemlösung erkennen zu  lassen.

Ich bitte Sie einmal die Sendung hart aber fair im deutschen Fernsehen anzusehen. Dort  kommen die Gegensätze klar zum Vorschein und ob man sich nun für die eine oder die andere Version überzeugen lässt, alleweil man geht mit mehr Informationen in den wohlverdienten Nachtschlaf.  Vielleicht  reagiert nun die SRG?“

 

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Frau Karin Frei, Redaktionsleiterin „Club“ und Moderatorin der von Ihnen beanstandeten Sendung, schrieb:

„Gerne nehmen wir im Detail zur Beanstandung von Dr. oec. publ. X Stellung:

1. X schreibt in seiner Beanstandung, er würde sich in der Vorstellung der Gesprächsrunde mehr Transparenz bezüglich der Gäste wünschen. Die Abklärungen zu den Hintergründen der einzelnen Gäste ist unabdingbarer Teil der redaktionellen Vorarbeit und findet selbstverständlich statt. Jedoch kann sich diese nicht vollumfänglich in der Vorstellungsrunde widerspiegeln, da die Sendung auch gewissen Gesetzen der Gestaltung und Dynamik untersteht. Heisst: Die Moderatorin stellt die Gäste in der Vorstellungsrunde wie immer in ihren Grundzügen vor und zeigt gleichzeitig – ohne auf die einzelnen Lebensläufe in extenso einzugehen - auf, warum gerade diese Gäste in der Runde sitzen: Yohannes Measho, der aus Eritrea geflüchtet war, zuvor als Student und von der Regierung verdächtigter Oppositioneller ins Gefängnis kam und dessen Eltern im Befreiungskampf in Eritrea tätig waren, Nationalrat Christian Wasserfallen, der Eritrea im Rahmen einer offiziellen Parlamentariergruppe besucht hatte, Denise Graf, die als Vertreterin von Amnesty International Schweiz Kenntnisse über das Land Eritrea hat, Hans-Ulrich Stauffer, der sich als Buchautor und Eritrea-Reisender seit Jahren mit Eritrea und den dort herrschenden politischen Verhältnissen beschäftigt und Eduard Gnesa, der sich als Sonderbotschafter Migration beim EDA mit der Situation der eritreischen Flüchtlinge auseinandersetzen muss.

Zur Zusammenstellung der Runde gehört auch, dass sich die Redaktion Gedanken darüber macht, wer welche Haltung vertritt und wie wir die Runde möglichst vielfältig und umfänglich besetzen können. Da die Gästerunde maximal für sechs Personen Platz bietet, müssen wir uns auch immer wieder entscheiden, gewisse Aspekte und entsprechend gewisse Haltungen oder VertreterInnen, je nach Fokus des Themas, entweder einzuladen oder aussen vor zu lassen. Oft tragen die einzelnen Gäste mehrere ‚Hüte‘. Auch verlaufen Konfliktlinien nicht immer einheitlich, so dass oft kein schwarz-weisses Pro Kontra besteht, sobald man sich bemüht, eine Sendung in die Tiefe zu diskutieren und über Schlagworte hinauszugehen. Und dies ist ein dezidiertes Ziel der Sendung ‚Club‘. Im Falle der Eritrea-Sendung die den Titel ‚alles nur halb so schlimm‘ einlösen sollte, war der Gedankengang folgender: Wir brauchen jemanden, einen Flüchtling, der das Regime am eigenen Leib erlebt hat und der die Situation schlimm findet. Es braucht zudem jemanden, der/die diese Person als Organisation mit Zugriff auf eigene Quellen stützt (Amnesty International). Mit Christian Wasserfallen wählten wir bewusst einen Politiker, von dem wir wussten, dass er die Situation als ‚halb so schlimm‘ erlebt hat. Ebenso wussten wir, dass der Eritrea-reisende Autor ganz bewusst auch die positiven Seiten des Landes hervorstreichen wollte. Mit Sonderbotschafter Gnesa hatten wir als fünfte Person die ‚offizielle Schweiz‘ in der Sendung, jemand also, der zum einen hinter härteren Massnahmen stehen muss, der andererseits aber auch die Schwierigkeiten von Land und Leuten sieht.

2. Zum Gast Yohannes Measho: Wie, warum, mit welchem Geld er in die Schweiz gelangte und warum er nach vielen Jahren noch immer nicht perfekt Deutsch spricht, das alles haben wir in der Sendung nicht explizit thematisiert, weil er in erster Linie als Zeuge der in Eritrea herrschenden Zustände geladen war (was würde mit Heimkehrern in Eritrea passieren? Was heisst es, in Eritrea Militärdienst leisten zu müssen? etc.). Measho widerspricht u.a. auch den anderen Gästen, z.B. bei den von Hans-Ulrich Stauffer erwähnten positiven Veränderungen wie etwa dem Beschneidungsverbot von Mädchen oder bei der erwähnten Spital-Infrastruktur. Measho sagt, es gebe diese Beschneidung nach wie vor und in den bestehenden Spitälern fehle schlicht das Personal. Er beschreibt als Einheimischer ein Land ohne Verfassung, ohne Parlament, ohne Gerichtshof. Ein Land nicht mit Demokratie-Defizit, sondern ein Land gänzlich ohne Demokratie. Er ist offenbar auch Zeuge von Rückkehrern, die 3 Jahre ins Gefängnis kamen oder erschossen wurden (ab 30:00).

3. Denise Graf: Sie wurde tatsächlich und richtig als Mitglied von Amnesty International dargestellt. Amnesty International ist eine international anerkannte Organisation, deren Aufgabe es ist, an der Quelle Informationen zu sammeln. Wie dies geschehen ist, hat sie in der Sendung transparent gemacht. In einer Diskussion zusätzlich die Finanzierung oder sogar den Lohn dieses Gastes offen zu legen, hätte unserer Meinung nach zu weit geführt. Nicht nur war es nicht Diskussionsthema, es hätten dann dieselben Massstäbe auch für alle anderen gelten müssen. Und wie vormals erwähnt, kann eine 75minütige Live-Diskussion kaum alle Aspekte einer Problematik gesamtzeitlich abdecken.  Es trifft zu, dass die Vertreterin von Amnesty International persönlich nie in Eritrea weilte. Sie bezieht ihre Informationen aus verschiedenen zuverlässigen Quellen, was auch so kommuniziert wurde. Denise Graf erzählt von Gesprächen mit Ausgereisten, darunter auch mit ehemaligen Gefängnisinsassen. Als Belege für z.B. Folter erwähnt sie Arztzeugnisse, stützt damit auch Berichte des Staatssekretariats für Migration.

4. Nationalrat Christian Wasserfallen: Nicht nur Christian Wasserfallen, sondern vermutlich alle Parlamentarier möchten wiedergewählt werden und berichten so, wie sie es für richtig und ihrer  Wahrheit entsprechend sehen. Christian Wasserfallen hat von seinen ganz persönlichen Beobachtungen in Eritrea berichtet. Diese Äusserungen wurden von den anderen Gästen auch gespiegelt (z.B. von Eduard Gnesa), sprich ergänzt oder ein Stück weit auch kritisiert (z.B. von Yohannes Measho).

5. Zum Vorwurf der mangelnden Struktur der Sendung: Jede Club-Sendung hat eine vorbereitete Struktur, die auch in der jeweiligen Anmoderation angekündigt wird. Das war auch in der Sendung zu Eritrea der Fall. Und zwar mit diesen Gesprächspfeilern: Welche Situation findet man heute vor Ort in Eritrea vor? (u.a. mit Rundschau-Einspieler zu Beginn der Sendung). Wie nehmen es die einzelnen Gäste ganz persönlich wahr? Was heisst es, diesen Nationaldienst erfüllen zu müssen? Was heisst es, mit einem Willkürstaat verhandeln zu müssen? Und was geschieht in der Schweiz und in Eritrea mit abgewiesenen bzw. rückkehrenden Eritreern?

6. Eine Diskussionssendung mit Live-Charakter (zwar voraufgezeichnet aber unter Live-Bedingungen, heisst ohne Schnitt, ohne Unterbruch) ist immer auch dem Diskussionsfluss durch die Gäste ausgesetzt und nur so begrenzt steuer- und planbar; auch im positiven Sinne. Jede Sendung entwickelt eine Eigendynamik, was selbstverständlich gewünscht ist. Dies übrigens auch von den Zuschauerinnen und Zuschauern, die sich ärgern, wenn keine flüssige Diskussion entstehen darf. Die Kunst ist es, gleichzeitig jene Themen, die man sich vorgenommen hat, einzubetten und den DiskussionsteilnehmerInnen trotzdem möglichst viel assoziative Diskussionsfreiheit zu gewähren. Manchmal geschieht dies nach Plan, manchmal, je nachdem, wie die Gruppe zusammen diskutiert, gibt es Themenblöcke die den Gästen mehr unter den Nägeln brennen als andere. Wir wären z.B. am Schluss gerne noch etwas länger beim Thema ‚Was geschieht mit den abgewiesenen Eritrea-Flüchtlingen‘ verblieben, der Fluss des Gesprächs verlief leicht anders. Den Titel ‚alles halb so schlimm?‘ lösten wir meines Erachtens aber auf beiden Ebenen ein. 

 7. Wenn X anfügt, dass andere Fragen den Zuschauer interessieren würden - z.B. Warum nach x-Jahren noch so viele (eritreische) Flüchtlinge sozialhilfeabhängig seien- so haben diese Fragen sicher ihre Berechtigung, und es wurde erwähnt, was hier und jetzt mit den Flüchtlingen passiert. Es wurde sogar gesagt, dass viele von ihnen in der Sozialhilfe landen, wie aber bereits erwähnt, lagen sie diesmal nicht im Fokus. Wir hatten sie zudem in anderen Sendungen längst aufgegriffen[2].

Letztlich bleibt anzufügen, dass jeder Zuschauer, wenn ein grosses Thema diskutiert wird, welches viele Aspekte beinhaltet, eigene und unterschiedliche Präferenzen hat, was denn nun zu diskutieren sei. Wir vom ‚Club‘ wählen einen bestimmten, in der gegebenen Sendezeit diskutierbaren Fokus, der nicht nur von der Aktualität abhängt, sondern auch vom Kern eines Themas. Wenn das Bundesgericht entscheidet, dass EritreerInnen nicht mehr automatisch aufgenommen werden, ist der Kern der Diskussion nicht, wie viele von ihnen am Ende in der Sozialhilfe landen, solches will der Entscheid, der ja bereits gefällt ist, verhindern, sondern: ist der Entscheid gerechtfertigt? Was geschieht mit den Menschen, die nun nicht mehr kommen dürfen? Unser Fokus war also gezielt und unseres Erachtens korrekt gewählt.

8. Entgegen der Wahrnehmung von X waren in der Sendung sehr wohl Ansatzpunkte für eine Problemlösung zu erkennen. Beispiele: Mit ‚Fact Finding‘-Kommissionen (Zusammenarbeit mit 9 EU-Staaten) soll der Exodus von jungen Eritreern gestoppt werden (11:52), mit Entwicklungsprogrammen soll das Vertrauen der Regierung gewonnen werden (z.B. Schreinerlehre, sagt E. Gnesa ab 26:00), mit der Unterstützung von EU-Projekten soll z.B. die Stromversorgung verbessert werden, UNO-Sanktionen sollen die Regierung zur Öffnung zwingen (Gnesa ab ca. 47:00), mit Einzelfall-Prüfungen will man echten Flüchtlingen entgegenkommen, ab 58:00). Meaho: Ohne Militärdienst keine Chance auf andere berufliche Tätigkeit, darum weg mit dem Militärdienst, keine florierende Privatwirtschaft (u.a. ab 1:01:00). Wasserfallen: Schweiz soll als neutrales Land die beiden Länder Eritrea und Aethiopien auch neutral analysieren (Krieg mit Aethiopien bedinge diesen Militärdienst), es brauche auch eine andere Tonalität des Bundesrates. Druck machen, damit echte Migrationspartnerschaft entsteht, ev. sogar mit einem Bundesratsbesuch in Eritrea.

Wir von der Redaktion ‚Club‘ sind überzeugt, dass wir die Sendung ‚Eritrea – alles nur halb so schlimm‘ nach bestem Wissen und Gewissen journalistisch umgesetzt haben.“

 

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Sie kritisieren in Ihrer Beanstandung die Vorstellung der Gäste, die Struktur der Diskussion, den Inhalt der Sendung und den Ertrag. Ich gehe Schritt für Schritt vor.

1. Vorstellung der Gäste: Die Moderatorin hat die Gäste, die übrigens sehr sinnvoll und sehr sorgfältig ausgewählt worden waren, mit ihrem Bezug zum Thema vorgestellt. Es scheint mir ziemlich abwegig zu sein, zu verlangen, dass bei jedem Gast jeweils auch gesagt wird, wer ihn finanziert und wieviel Lohn er bezieht. Das könnte man ad absurdum führen, indem man immer auch die Blutgruppe, das Sternzeichen und das Lieblingsgericht angeben müsste. Warum ist die Verknüpfung von Rolle und Finanzierung unsinnig? Weil der Mensch nicht nur durch Finanzen gesteuert wird. Würde die Finanzierung stets das Denken und Reden steuern, dann könnte kein schweizerischer Universitätsprofessor je eine staatskritische Idee äußern, denn die Professoren sind ja alle entweder von den Kantonen oder vom Bund bezahlt. Dann könnte kein oppositioneller Nationalrat je dem Bundesrat an den Karren fahren, denn er bezieht seine Entschädigung ja vom Bund. Es ist eben gerade der Staat, der die Meinungsäußerungsfreiheit garantiert, und diese schliesst das Recht mit ein, auch als Staatsdiener den Staat zu kritisieren. Das ist die in den Rechtsstaat eingeführte Idee des britischen Parlamentarismus: Dort hat „The Leader of Her Majesty’s Most Loyal Opposition“ die Aufgabe, im Namen der Königin die Regierung ihrer Majestät zu attackieren. Auch der britische Oppositionsführer wird vom Staat bezahlt. Das zeigt, dass Geld nicht allein die Welt regiert, sondern dass es eine geistige Unabhängigkeit gibt, die über das Pekuniäre hinausgeht. Darum war es nicht nötig, zu sagen, wer Amnesty International finanziert und wieviel Lohn Denise Graf erhält und entsprechend, wie Yohannes Measho mit seiner Organisation verknüpft ist und wieviel Geld fliesst.

2. Struktur der Diskussion: Ihnen fehlte eine Art Traktandenliste, die die Subthemen und Fragen enthielt. Es ist Ihnen aber sicher aufgefallen, dass Frau Frei immer wieder einen Schrittwechsel vornahm und neue Themen in die Runde warf. Damit arbeitete sie genau die von Ihnen vermisste Traktandenliste ab. Die Diskussion hatte also durchaus eine Struktur.

3. Inhalt der Sendung: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, hätten Sie sich gewünscht, dass der Fokus der Sendung vor allem auf die Situation der Eritreer in der Schweiz gerichtet worden wäre: Warum kamen die Flüchtlinge ausgerechnet in die Schweiz und nicht etwa nach Österreich oder Kroatien? Wie wurden sie an der Grenze überprüft? Warum sind die meisten von ihnen sozialhilfeabhängig? Wie reagiert die Bevölkerung auf sie? Was ist ihr künftiges Schicksal? Diese Fragen wurden am Schluss ja auch angetippt, aber sie waren offensichtlich nicht das Hauptthema, sondern die Sendung wollte auch Erkenntnisse gewinnen über die Situation in Eritrea selber. Es liegt in der Freiheit der Redaktion, den thematischen Schwerpunkt einer Sendung zu bestimmen. Das gehört zur Programmautonomie.

4. Ertrag: Sie bringen zum Ausdruck, dass man am Schluss der „Club“-Diskussion über Eritrea genau so viel wusste wie am Anfang. Da müssen Sie nicht die gleiche Sendung gesehen haben wie ich, denn ich habe ziemlich viel Zusätzliches erfahren. Schon letztes Jahr musste ich Beiträge über Eritrea beurteilen. Damals handelte es sich um Berichte der „Tagesschau“ und von „10 vor 10“ über den Eritrea-Bericht der Uno-Menschenrechtskommission.[3] Mein damaliges Wissen über Eritrea war noch ziemlich schematisch. Dank des „Club“ weiß ich jetzt, dass das Land sich gegenüber dem Westen abschottet, nicht aber gegenüber Russland und China und nicht gegenüber afrikanischen Ländern. Ich weiß mehr über den Militärdienst und den Nationaldienst. Ich weiß, weil Nationalrat Christian Wasserfallen stark darauf pochte zu vergleichen, dass die Bewegungsfreiheit der Menschen in Eritrea größer ist als in Nordkorea, aber geringer als beispielsweise in der Türkei. Ich weiß auch, dass die eingekerkerten Menschen nach wie vor ohne Anklage und ohne Aussicht auf ein Gerichtsverfahren im Gefängnis sitzen. Dank der differenzierten und kenntnisreichen Beiträgen des Diplomaten Eduard Gnesa weiß ich zudem, dass sich die Regierung von Eritrea sachte bewegt und jetzt an Projekten zur Verbesserung der Ausbildungs- und Lebenssituation in Zusammenarbeit mit der EU und der Schweiz interessiert ist. Und mir ist klarer geworden, dass es Fehler der Uno gab und dass es möglicherweise ein Ungleichgewicht gibt in der Beurteilung von Äthiopien und Eritrea. Das ist eine ganze Menge an Ertrag.


Alles in allem: Ihrem Urteil, dass es sich bei diesem „Club“  um „eine lausige Sendung, ohne Struktur, ohne echte Leitung, ohne Hinterfragung (…) handelte“, deren Niveau „etwa einer billigen Wirtschaftsrunde“ entsprochen habe, kann ich nicht beipflichten, auch nicht, dass Frau Frei „auf der ganzen Linie versagt“ habe. Die Moderatorin hat die Diskussion fair und zielbewusst vorangetrieben. Sie hat alle Gäste ausgiebig zu Wort kommen lassen und gleichzeitig immer wieder neue Unterthemen angesprochen. Nachdem ich mir die Sendung sehr genau angeschaut, Ihre Beanstandung und die Stellungnahme der Redaktion zur Kenntnis genommen und mir eigene Gedanken gemacht habe, komme ich zum Schluss, dass es nirgends Anhaltspunkte gibt, dass das Radio- und Fernsehgesetz verletzt sein könnte. Ich kann Ihre Beanstandung in keiner Weise unterstützen.

 

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

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