SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

Radiosendung «Heute morgen» (Erdbeben-Berichterstattung) beanstandet

4887
Mit Ihrer E-Mail vom 7. März 2017 beanstandeten Sie die 8-Uhr-Nachrichtensendung des gleichen Tages in der Sendung „Heute morgen“ auf Schweizer Radio SRF 2 Kultur. Ihre Eingabe erfüllt die formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Somit kann ich auf sie eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

„Wir ärgern uns zusehends mehr über die sehr fragwürdige Auswahl der im Radio verbreiteten Nachrichten. Wir waren gestern Abend betroffen von einem gewaltigen Erdstoss und es interessierte uns natürlich, was der Auslöser war. Im Teletext fanden wir dann eine kurze Mitteilung, dass es sich um ein Erdbeben handelte. Wir waren gespannt, was uns am Morgen die SRG darüber berichten würde und hörten um 8 Uhr die Kulturnachrichten. Keinen Pieps über dieses Ereignis (anscheinend seit Jahren das stärkste Erdbeben in der Schweiz). Dafür wurden wir informiert, dass Malaysia jetzt die Nordkoreaner nicht mehr ausreisen lässt. Sehr interessant für uns Schweizer. Vielleicht sollten Sie sich einmal mit diesen Leuten in Oerlikon über die Qualität ihres zwangsbezahlten Angebots unterhalten.“

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Herr Michael Bolliger, stellvertretender Chefredaktor und Bereichsleiter SRF 4 News, antwortete wie folgt:

„Ich danke Ihnen bestens für die Möglichkeit, zur Beanstandung 4887 Stellung nehmen zu können. Ich tue das gleichzeitig als Mitglied der Radio-Chefredaktion, wie auch als Leiter von SRF4News, welches die Morgensendung ‚Heute Morgen‘ auf SRF1, SRF2Kultur, der SRF Musikwelle und SRF4News produziert.

In Ihrem Schreiben kritisiert Frau X, sie habe am Folgemorgen nach dem Erdbeben in den 8h-Nachrichten am Radio nichts zum Ereignis gehört.

Ich nehme zu dieser Beanstandung wie folgt Stellung:

SRF 2 Kultur

Frau X bezieht sich in ihrer Beanstandung auf die ‚Kulturnachrichten‘. Ich schliesse daraus, dass Frau X an diesem Morgen das Programm von SRF 2 Kultur gehört hat. Darum konzentriere ich meine Ausführungen auf das Informationsangebot zum Erdbebenereignis in diesem Programm.

Erlauben Sie mir aber eingängig eine generelle Bemerkung zur Auswahl von Themen in den Nachrichtenangeboten von Radio SRF.

Themenauswahl

Die redaktionelle Themenwahl und –Bearbeitung wird (nicht nur, aber auch) stark von zwei Faktoren geprägt: Erstens durch die Frage der Relevanz, die deutlich macht, welche Folgen ein Ereignis hat, welche konkrete Folgen zum Beispiel für die betroffene Bevölkerung entstanden sind (etwa bei Naturkatstrophen mit grossen Schäden) etc. Zweitens durch den Newswert, also den Zeitpunkt des Bekanntwerdens des Ereignisses (wie ‚alt‘, oder eben wie ‚neu‘ ist ein Thema?). Betroffenheit, ohne konkrete Schäden für einzelne Menschen, ist für uns nur in Ausnahmefällen ein Auswahlkriterium. Auf diese Weise stellen wir sicher, dass wir die relevanten Themen und Ereignisse behandeln. Aus unserer Sicht ist das auch eine Frage der Qualität unseres Angebots.

Informationsleistung zum Erdbeben

Konkret zur ‚Erdbeben‘-Informationsleistung am Morgen des 7. März auf SRF 2 Kultur. Es ist zutreffend, dass das Thema in den ‚Morgenthemen‘ um 8h auf SRF 2 Kultur nicht erwähnt wurde. Das war ein bewusster redaktioneller Entscheid, geprägt durch die beiden oben erwähnten Überlegungen. Das Ereignis hatte keine nennenswerten Schäden verursacht und es lag bereits mehr als zehn Stunden zurück. Deshalb hatten wir uns für 8h-Ausgabe der Morgenthemen entschieden, die Erdbeben-Meldung (die an dieser Stelle lediglich zwei, max. drei Sätze Platz erhalten hätte, das ist das formale Konzept der Morgenthemen auf SRF 2 Kultur) durch neuere, relevantere Themen zu ersetzen.

Insgesamt haben wir bei Radio SRF – und auch auf SRF 2 Kultur – dem Ereignis zwischen dem Abend des 6. März und dem Abend des 7. März aber viel Platz eingeräumt. Das Erdbeben hatte sich am 6. März um 21:12 ereignet, um 22h brachten wir in den Nachrichten (auch auf SRF 2 Kultur) die erste Meldung und nahmen das Thema mit in allen Nachrichtenausgaben der Nacht bis am nächsten Morgen um 5h. Am Morgen des 7. März auf SRF 2 Kultur war das Erdbeben in den Morgenthemen um 6h und 7h nochmal mit einer kurzen Meldung präsent. In der Sendung ‚Heute Morgen‘ auf SRF2Kultur war um 07:30 ein Faktenbeitrag zum Erdbeben zu hören, um 08:30 wurde der Beitrag ausgebaut mit Einschätzungen von Experten.

In Zahlen: Zwischen dem 6.3. 22h und dem 7.3. um 8h30 boten wir auf SRF 2 Kultur während zehn Stunden in den Nachrichten und zusätzlich in zwei Ausgaben von ‚Heute Morgen‘ Informationen zum Erdbeben im Kanton Glarus.

Dass sich Frau X scheinbar ausschliesslich um genau 8h auf SRF 2 Kultur mehr Informationen zum Ereignis erhoffte, mag aus ihrer Sicht verständlich sein, aber aus meiner Sicht eher ein unglücklicher Zufall, denn ein Ausdruck einer publizistischen oder qualitativen Fehlleistung von uns.

In diesem Sinne bitte ich Sie, die Beanstandung abzuweisen.“

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Sie schreiben an meine Adresse: „Vielleicht sollten Sie sich einmal mit diesen Leuten in Oerlikon über die Qualität ihres zwangsbezahlten Angebots unterhalten.“ Sie unterstellen damit, dass die Erdbeben-Berichterstattung von Radio SRF mit journalistischer Qualität nichts zu tun hatte. Und sie deuten an, dass Sie mehr von einem „zwangsbezahlten Angebot“ erwarten. Ich gebe Ihnen Recht: Sie dürfen von Sendern, die ganz oder teilweise durch Gebühren finanziert werden (also beispielsweise Radio SRF, Fernsehen SRF oder Tele Südostschweiz), viel erwarten. Sie dürfen erwarten, dass sie ein gehaltvolles Menu mit hochwertigem Fleisch und frischem Gemüse servieren und nicht Fast-Food aus der Imbiss-Bude. So, wie sich Radio SRF nach dem Erdbeben im Kanton Glarus verhalten hat, hat es indes genau nach der Kriterien von Spitzenköchen gehandelt und nicht nach dem Bauchgefühl von Fast-Food-Verkäufern. Die Redaktion stellte sich die Fragen nach der Aktualität, nach der Relevanz und nach der Betroffenheit und berichtete mit zeitlicher Distanz in abnehmender Intensität. Ich kann mich da Herrn Bolliger nur anschließen: Als Sie auf Radio SRF 2 Kultur am Folgetag um 8 Uhr nichts (mehr) über das Erdbeben erfuhren, hätten Sie den Sendesuch-Knopf drehen und auf Radio SRF 1 oder Radio SRF 4 News wechseln müssen. Denn bekanntlich ist Radio SRF 2 Kultur primär ein Kultursender und just kein Unglücksfälle- und Verbrechen-Sender. Erdbebenberichterstattung ist alles andere als Kulturberichterstattung. Während auf Radio SRF 2 Kultur die Berichterstattung über dieses Erdbeben bereits zurückgefahren worden war, lief sie in den anderen Programmen weiter – mit Hintergrundberichten und Gesprächen. Radio SRF hat darum seine Berichterstattungspflicht voll erfüllt. Ich kann daher Ihre Beanstandung nicht unterstützen.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

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