SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

Radiosendung «Samstagsrundschau» mit Gerhard Pfister beanstandet

5067
Mit Ihrer E-Mail vom 24. April 2017 beanstandeten Sie die „Samstagsrundschau“ von Schweizer Radio SRF vom 22. April 2017, in der CVP-Parteipräsident Gerhard Pfister Red und Antwort stand.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.

 

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:

„Gerne höre ich grundsätzlich die Samstagsrundschau von srf 1.

Was mich doch immer wieder befremdet und auch richtig ärgert, ist der despektierliche und respektlose Fragestil der Interviewer. Die Befragung von CVP-Präsident Gerhard Pfister durch Dominik Meier war eine absolute Stilblüte in dieser Richtung.

Diese Verrohung der Gesprächskultur führt nebst dem schlechten Vorbildcharakter auch dazu, dass kein Verstehen wollen oder vielleicht auch können, sondern eigentlich immer nur eine vorwurfsvolle Kritik und nicht eine Kontextverständnis im Vordergrund steht. Der Interviewer mit seiner überheblichen Haltung nimmt sich viel zu wichtig, was verhindert, dass sich der Interviewte vertieft erklären kann.  Dies ist nicht der informative und sachliche Radiobeitrag, den ich als Hörerin in einer Fragestunde mit wichtigen Persönlichkeiten der Schweiz wünsche.

Ich denke die Journalisten sind somit absolut keine Vorbilder für den Umgang unter Menschen, sondern begünstigen den aggressiven und verächtlichen Umgangston, was nur ärgerlich ist.“

 

B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Frau Elisabeth Pestalozzi, stellvertretende Chefredaktorin von Radio SRF, schrieb:

„Besten Dank für die Möglichkeit, zur Beanstandung Nr. 5067 Stellung nehmen zu können.

Die Beanstandung

Frau X kritisiert, der Fragestil in der Samstagsrundschau von Radio SRF sei despektierlich und respektlos. Insbesondere stört sie sich an der Sendung mit CVP-Parteipräsident Gerhard Pfister vom 22. April 2017. Sie ortet in dieser Sendung eine Verrohung der Gesprächskultur, die dem gegenseitigen Verständnis zwischen Interviewer und Interviewtem abträglich sei. Die kritische, gar überhebliche Haltung des Befragers verhindere, dass sich der Befragte vertieft er-klären könne. Dies wiederum verhindere eine vertiefte Sachlichkeit.

Die beanstandete Sendung

Die politische Wochensendung Samstagsrundschau um 11:30 Uhr auf Radio SRF1 und SRF4 News und um 18:30 Uhr auf SRF2 ist ein halbstündiges kritisches Interview mit dem sogenannten ‚Kopf der Woche‘, einem relevanten Exponenten, einer relevanten Exponentin aus Politik oder Wirtschaft zu einem wichtigen, aktuellen Thema aus dem Inland.

Am 22. April 2017 war CVP-Parteipräsident Gerhard Pfister Gast in der Sendung. Anlass für das Gespräch war die Tatsache, dass Gerhard Pfister nun seit einem Jahr an der Spitze der CVP steht.

Unsere Stellungnahme

Das Konzept der Samstagsrundschau sieht vor, dass erfahrene Journalisten und Journalistinnen den eingeladenen Gästen aus Politik und Wirtschaft jede Woche kritisch und hartnäckig auf den Zahn fühlen. Die kontroverse Anlage des Gesprächs ermöglicht einerseits, die Positionen des befragten Interessenvertreters klar herauszuarbeiten, deren Hintergründe und Motivationen zu hinterfragen und auszuleuchten. Sie verhindert anderseits aber auch, dass die Sendung zur einseitigen Plattform für die in der Regel medial geschulten Polit- und Wirtschaftsprofis wird.

Wer sich in die Samstagsrundschau einladen lässt, kennt das Format und weiss, dass ihn oder sie eine kritische Fragestellung erwartet.

Unsere Gäste schätzen die Sendung, weil sie ihnen die seltene Möglichkeit bietet, während einer halben Stunde einem grossen Publikum ihre spezifischen Positionen mit ihren besten Argumenten zu erklären.

In diesem Sinn ist die beanstandete Sendung eine sehr typische Samstagsrundschau, welche die Vorgaben des Konzepts eindeutig und nach allen Regeln der Kunst erfüllt.

Hört man sich die Sendung an, fällt folgendes auf:

Der Interviewer ist um eine freundliche Gesprächsatmosphäre besorgt, das zeigt der Anfang des Gesprächs. Gleichzeitig wird die Anlage der Samstagsrundschau als kontroverses Interview explizit thematisiert.

Mit diesem Einstieg schaffen die beiden Gesprächspartner eine konstruktive Grundlage für ein kritisches Gespräch, in welchem Parteipräsident Pfister bereitwillig und fundiert auf die Fragen des Gesprächsleiters antwortet.

Dem medienroutinierten Politprofi gelingt es in der Folge während der ganzen Sendung, zahlreiche Botschaften zu den wesentlichen aktuellen Themen seiner Partei einzubringen.

  • Gerhard Pfister gibt offen zu, dass die CVP derzeit wenig erfolgreich sei, der ‚Turnaround‘ noch nicht geschafft sei, er für die nächsten eidgenössischen Wahlen aber seine Zuversicht noch nicht verloren habe.
  • Die von ihm angestossene Wertediskussion erklärt er ausführlich und konkretisiert die Haltung seiner Partei zur Handschlag- und zur Kopftuchdebatte.
  • Beim Thema Familienpolitik kann Pfister darlegen, dass seine Partei in diesem Thema nach wie vor die Nummer eins sei. Und er kann gleichzeitig erklären, weshalb die CVP dennoch gegen einen Vaterschaftsurlaub ist.
  • Geht es um die ‚bürgerliche Zusammenarbeit‘ der CVP mit FDP und SVP, korrigiert Pfister ausführlich das Bild des permanenten Streits zwischen den drei Parteien. Er zeigt Gemeinsamkeiten bei der USRIII auf und sachliche Unterschiede bei der Rentenreform oder bei Zuwanderungsfragen.
  • Beim Rahmenabkommen mit der EU erklärt Gerhard Pfister die Position der CVP im Verhältnis zu der Haltung des Bundesrates in dieser Frage. Für die CVP sei ein solches Rahmenabkommen ein ‚No-Go‘, betont er gleich mehrmals. 
  • Beim Thema Krankenkassenprämien, welches die CVP als eines ihrer derzeit besonders wichtigen Anliegen erachtet, kann Pfister schliesslich sein Modell der ‚Kostenbremse‘ darlegen. Er regt an, dass die Politik den Akteuren klarere finanzielle Vorgaben machen müsse, den Fachleuten aber letztlich die Umsetzung überlassen solle.

Kurzum: Gerhard Pfister bekommt während der Sendung gleich mehrere Gelegenheiten, die Positionen seiner Partei ausführlich zu erklären. Pfister macht auch nicht den Eindruck, als fühle er sich despektierlich oder respektlos behandelt. Im Gegenteil: Er lässt sich engagiert auf die kritischen Fragen des Journalisten ein. Es kommt sogar zu einem heiteren Austausch über Comic-figuren und allfälligen Parallelen zu Gerhard Pfister und seiner Partei.

Fazit:

Wir sind uns bewusst, dass der Befragungsstil in der Samstagsrundschau profiliert und individuell ist. Wir sind uns auch bewusst, dass die hartnäckige Befragung einzelnen Hörerinnen und Hörern ab und zu als zu kritisch erscheint. Doch das Konzept der Sendung verlangt eine Kontroverse und damit eine kritische Fragehaltung. Wir thematisieren den Befragungsstil deshalb immer wieder mit dem Team der Samstagsrundschau.

Was Form und Inhalt der kritisierten Sendung angeht, können wir jedoch auch nach nochmaligem Abhören des Gesprächs keinen Verstoss gegen unseren Auftrag oder unsere Richtlinien erkennen. Wir haben an keiner Stelle den Eindruck, der Vorwurf des despektierlichen oder respektlosen Umgangs des Interviewers mit dem Gast sei berechtigt. Aus unserer Sicht ist die von der Beanstanderin geforderte vertiefte Sachlichkeit gegeben. Die Gesprächskultur ist einem kontroversen Interview angemessen.

Deshalb bitten wir Sie, die Beanstandung abzulehnen.“

 

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Ich möchte zuerst etwas sagen zum journalistischen Interview, dann zur befragten Person und schließlich zur konkreten Sendung.

1. Das journalistische Interview

Die „Samstagsrundschau“ ist traditionell eine Interview-Sendung. Man kann drei Grundformen des journalistischen Interviews unterscheiden:

a) Das sachzentrierte Interview. Im Gespräch geht es um die Sache, beispielsweise um den Stand der Untersuchung in einem Kriminalfall, zu dem ein Polizeikommandant Auskunft gibt. Dessen Person spielt in der Befragung keine Rolle; es könnte auch ein anderer Polizist Auskunft geben.

b) Das personenzentrierte Interview. Das Gespräch dreht sich ausschließlich um die Person; es will die Biographie eines Menschen beleuchten und sein Wesen ergründen. Eine Schauspielerin erläutert beispielsweise, wie sie zum Film gekommen ist und welche Rollen sie liebt und welche nicht.

c) Das verschränkte Interview. Das Gespräch bezieht sich sowohl auf die Person als auch auf die Sache. Diese Form wählte Dominik Meier im Gespräch mit Nationalrat und CVP-Präsident Gerhard Pfister: Es ging um dessen Politikstil und um seine Positionen in verschiedenen Themenbereichen. Und es ging um den Zustand und die Zukunft der Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP).


Nun gibt es auch beim verschränkten Interview verschiedene Methoden, es zu führen. Grob unterscheiden lassen sich das explorative Interview und das konfrontative Interview:

a) Im explorativen Interview lockt der Moderator den Befragten auf freundliche Art aus seiner Reserve und bringt ihn zum Reden. Diese Methode verfolgten etwa Günter Gaus mit seinen Fernsehgesprächen „Zur Person“ auf SWR in den sechziger und frühen siebziger Jahren, Sandra Maischberger in den Sendungen „Maischberger“ auf n-tv und „Menschen bei Maischberger“ bei der ARD,  Marlis Prinzing mit dem „Roten Sofa“ oder Kurt Aeschbacher. Sandra Maischberger sagte 2003, sie pflege bei ihren Interviews „das freundliche Überholen auf der eigenen Spur“.

b) Im konfrontativen Interview treibt der Moderator den Befragten in die Enge und zwingt ihn, sich mit seinen besten Argumenten zu verteidigen. Diesen Interviewstil praktizieren verschiedene amerikanische Moderatoren. In Deutschland war Michel Friedman für den Stil berühmt, aber auch viele „Spiegel“-Gespräche waren nach der Art gestrickt, und in der Schweiz war es stets ein wenig der Stil der „Rundschau“ von Hannes Britschgi bis Sandro Brotz, und auch Markus Gilli von „Tele Züri“ geht in diese Richtung.


Dominik Meier wählte eine Mischung aus konfrontativem und explorativem Interview. Nur indem der Journalist den Gesprächspartner mit Fakten, Meinungen Anderer und Überraschungen – beispielsweise in diesem Fall mit den Comicfiguren – konfrontiert, kann er ihm profilierte Aussagen entlocken. Gerhard Pfister hat aber in diesem Gespräch viel Auslauf. Er kann seine Gedankengänge entwickeln, seine Argumente darlegen. Insofern ist das Interview explorativ.

In einem journalistischen Interview nimmt der Fragesteller immer eine Gegenposition zum Befragten ein, auch dann, wenn er vollkommen gleicher Meinung ist. Ein Journalist ist a priori Widerpart des Befragten, sonst macht er etwas falsch. In längst vergangenen Zeiten gab es auch in der Schweiz Interviews, in denen sich der Journalist devot der befragten Person näherte und vor Ehrfurcht und Dankbarkeit für die gewährte Gnade fast zerfloss. Auf diese Weise führte beispielsweise Walter von Kaenel in den sechziger Jahren Radio-Interviews mit Bundesräten. Heute kennen wir solche Hündchenhaltungs-Interviews nur noch aus Diktaturen. Das ist gut so, denn ein hochstehender Journalismus muss stören. Sobald er nicht mehr stört, ist die Pressefreiheit angeschlagen.

2. Die befragte Person

Der 54jährige Gerhard Pfister[2], Doktor der Literaturwissenschaft, ist ein Schnelldenker. Er verfügt über pädagogische, administrative und politische Erfahrung. Lange Zeit leitete er ein privates Bildungsinstitut. Er sitzt in zahlreichen Verwaltungsräten. Seit knapp 20 Jahren ist er in der Politik – sowohl auf der parlamentarischen als auch auf der parteipolitischen Ebene. Parlamentarisch gehörte er zuerst dem Zuger Kantonsrat (1998-2003), dann dem Nationalrat (seit 2003) an. Parteipolitisch präsidierte er zunächst die CVP Oberägeri (1999-2004) und die CVP des Kantons Zug (1999-2008), neuerdings die CVP der Schweiz (seit 2016). Er ist also mittlerweile ein erfahrener politischer Fuchs. Als Parteipräsident muss er dauernd im Radio und im Fernsehen auftreten und den Printmedien und Onlinemedien Auskunft geben. Er ist sich scharfe Fragen und knappe Zeitfenster für die Antworten gewohnt.

3. Die konkrete Sendung

Sie sprachen im Zusammenhang mit der beanstandeten Sendung von einer „Verrohung der Gesprächskultur“. Sie stellten einen „despektierlichen und respektlosen Fragestil“ fest und glauben, dass in einem solchen Interview „nur eine vorwurfsvolle Kritik und nicht eine Kontextverständnis im Vordergrund steht“. Ich hoffe, dass ich Ihnen verständlich machen konnte, dass dies nicht der Fall ist und dass es nicht darum geht, einen Politiker despektierlich und respektlos zu behandeln, sondern ihn durch das Ping-Pong mit Fragen und Antworten zu Aussagen zu ermuntern, die für das Publikum von Interesse und erhellend sind. Eine Verrohung der Gesprächskultur kann ich just in der „Samstagsrundschau“ überhaupt nicht erkennen, im Gegenteil. Ich kann daher Ihre Beanstandung nicht unterstützen.

 

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

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