SRG Deutschschweiz Ombudsstelle

Fernsehen SRF – musikalische Untermalungen bei Newssendungen, im speziellen «Tagesschau» zum Beitrag «Die letzten Holocaust-Zeitzeugen» beanstandet

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Mit Ihrer E-Mail vom 4. Mai 2017 haben Sie die musikalischen Untermalungen bei Newssendungen von Fernsehen SRF, im Besonderen den Tagesschaubeitrag «Die letzten Holocaust-Zeitzeugen» vom 03.05.2017, beanstandet. Ihre Eingabe erfüllt die formalen Voraussetzungen an eine Beanstandung. Somit kann ich auf sie eintreten.

A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:
Die Tagesschau ist eine Informationssendung, welche mit kurzen News oder längeren Beiträgen über aktuelle Themen berichtet. Die Tagesschauredaktion verfügt über kompetente Journalisten, Moderatoren und Korrespondenten vor Ort.

Seit einiger Zeit fällt mir allerdings auf, dass vereinzelt Beiträge mit musikalischen Untermalungen gestaltet werden. Was ist der Hintergrund dafür? Haben die Aussagen der Ereignisse nicht genügend Kraft uns zu berühren? Was will man beim Zuschauer erreichen? — Ich kann diese Veränderung nicht nachvollziehen! Eine Newssendung mit Eventcharakter?

Beispiel: in der Tagesschau vom 3.4.17 wurde der Beitrag über Holocoust-Überlebende mit der Einspielung einer Klezmer-Klarinette untermalt! Für mich grenzt das an Übergriffigkeit! Ist der Bericht über Schicksale von Menschen, die grauenvoller nicht sein können, zu wenig um für sich zu sprechen? Müssen sie musikalisch eingefärbt werden?

Ich bitte Sie, mit Ehrlichkeit und offen die Gründe zu diskutieren! Fragen Sie sich, was Sie damit beim Zuschauer erreichen möchten! Welche Zuschauer Sie ansprechen wollen und was für eine Sendung die Tagesschau sein möchte! Und dann deklarieren Sie die Sendung als das, was sie ist. - Unter diesen Umständen ist sie für mich keine Informationssendung mehr!

B. Ihre Beanstandung wurde der zuständigen Redaktion zur Stellungnahme vorgelegt. Herr Franz Lustenberger schrieb im Namen der «Tagesschau»:

Mit Mail vom 4. Mai beanstandet Frau X den Beitrag zum Holocaust-Gedenktag in der Tagesschau [1] vom 3. Mai. Ihre Beanstandung richtet sich gegen die „musikalische Untermalung“ der Fotos [2]; Frau X stellt zudem grundsätzliche Fragen zum „Musikeinsatz“ in Newssendungen.

Grundsätzliche Überlegungen zum Musikeinsatz in der Tagesschau

Ein Film umfasst immer Bild und Ton; das gilt vom Spielfilm bis zu einem Beitrag in einer Nachrichtensendung. Der Ton in einem Nachrichtenbeitrag hat zwei Ebenen – zum einen den IT (international track) also die fertig abgemischte Tonspur mit Originaltönen, Geräuschen, Ambiance oder eben Musik, und zum anderen die Kommentarebene (gemeint ist damit der journalistische Text).

Unsere Welt ist voller Töne; die absolute Stille gibt es selbst in einem Museum nicht. Jeder Raum hat eine Ambiance und sei sie noch so leise. Sogenannte Tonlöcher sind uns Menschen fremd. Die Tagesschau geht sehr sorgfältig mit dem Einsatz von Musik in ihren Beiträgen um. Musik darf nicht dramatisieren, sie muss die Bildaussage und die Stimmung in den Fotos ergänzen und unterstützen.

Im Gegensatz zur Meinung der Beanstanderin hat der Einsatz von Musik in Newsbeiträgen eher abgenommen. Auch in der Tagesschau, die der sachlichen Information verpflichtet ist. Daraus folgt, und da stimmt die Redaktion mit Frau X überein, Musik muss in Nachrichtensendungen sehr sorgfältig und bewusst ausgewählt werden.

Die Tagesschau wird nicht zu einer Sendung mit Eventcharakter. Sie ist und bleibt der seriösen Nachrichtenvermittlung verpflichtet. Daran ändert auch der zurückhaltende Musikeinsatz bei einzelnen Beiträgen und einzelnen Sequenzen (Fotos, Grafiken) nichts.

Stellungnahme zur Sendung vom 3. Mai

Der Holocaust ist eines der grauenvollsten Kapitel in der Geschichte der Menschheit. Es ist richtig, wenn eine Nachrichtesendung auch mehr als 70 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager immer wieder darauf zurückkommt. Dies ist umso gerechtfertigter, weil viele noch lebende Zeitzeugen in sehr hohem Alter sind. Ihre Bekenntnisse und Gedanken sind wertvoll.

Daher hat die Tagesschau den Gedenktag und die Ausstellung an der ETH Zürich zum Anlass für den Beitrag mit Herrn Egon Holländer genommen. Der Beitrag wurde bereits in der Tagesschau am Mittag[3] ausgestrahlt.

Herr Egon Holländer hat darauf hin, der Autorin des Beitrages folgendes Mail geschrieben (Wohnadresse, e-mail-Adresse und Telefonnummer lasse ich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes weg):

Liebe Frau Bünter,

ich habe es in den Mittagsnachrichten gesehen, sehr gut gemacht, gratuliere und danke, mit freundl. Grüssen.

E. Hollaender, Dipl. Ing

Wenn eine Person, den Beitrag und die Musik kritisieren kann, dann ist es Herr Egon Holländer als unmittelbar Betroffener selber. Dies hat er aber nicht gemacht, er hat im Gegenteil den Beitrag als sehr gut gelobt.

Die Ausschnitte stammen aus drei verschiedenen Stücken, die von der Autorin und dem Video-Editor sehr sorgfältig ausgewählt wurden. Die drei Klezmer-Stücke heissen „Crying Clarinet“, „Sad Klezmer Poem“ und „Klezmer Heart“. Es ist Musik, die zu den Bildern des Massenmordes an Jüdinnen und Juden unter der Nazi-Diktatur passt.

Die Tagesschau hat auch unsere Video-Editorin Noémi Abraham, die hunderte von Newsbeiträgen und auch zweimal den Jahresrückblick der Tagesschau geschnitten hat, um eine Stellungnahme gebeten; sie hat dies aus ihrer professionellen Sicht wie aus der Sicht einer Frau jüdischen Glaubens gemacht.
Hier ihre Stellungnahme:

„Mich hat die Musik in dem Beitrag nicht gestört. Ich finde auch, dass mit der sanften Klezmermusik die richtige Wahl getroffen wurde. Als Editorin kann ich zum generellen Einwand der Beanstanderin folgendes Argument liefern: es ist unschön, wenn es in einem Beitrag ein Tonloch hat. Deshalb legen wir Editoren im Schnitt gerne einen IT unter Fotos oder unter Grafiken. Und oft suchen wir eben auch eine Musik. Ich finde nicht, dass nur wegen ein bisschen Musik ein Beitrag deshalb keinen Nachrichtencharakter mehr haben soll.“

Die Redaktion der Tagesschau kann aufgrund beider Reaktionen die Ansicht von Frau X nicht teilen, dass die Klezmer-Musik „an Übergriffigkeit grenzt“. Die Fotos des Holocaust wurden nicht „musikalisch eingefärbt“. Die Redaktion der Tagesschau sieht es andersherum: Die Fotos werden durch die gewählte Musik ergänzt, die Aussage in den Bildern wird sogar eindrücklicher. Durch die zurückhaltend eingesetzte Musik und die Vertonung des Kommentartextes durch die professionelle Sprecherin gewinnen die Fotos an Aussagekraft.

Der Holocaust war ein Verbrechen an Millionen Menschen. Er war aber auch ein Verbrechen an der europäischen Kultur, die über Jahrhunderte auch von Künstlerinnen und Künstlern jüdischen Glaubens geprägt wurde.

Fazit

Die Tagesschau bittet Sie, die Beanstandungspunkte in diesem Sinne zu beantworten.

C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung.

Sie beanstanden einerseits die musikalischen Untermalungen in den Newssendungen von SRF, andererseits den gleichen Sachverhalt im Tagesschaubeitrag über die Holocaustüberlebenden.

Zur musikalischen Untermalung im Allgemeinen hat sich Franz Lustenberger ausführlich geäussert. Film besteht immer aus Bildern und Tönen. Das war bereits in der Stummfilmzeit so, als es noch nicht möglich war, Töne zu den bewegten Bildern dazuzumischen. Damals vertonten in den Kinosälen Klavierspieler auf einem Piano den Film und erzeugten so eine entsprechende Stimmung. Filmsequenzen ohne Töne, also Tonlöcher, wirken störend und kommen daher kaum vor.

Die musikalische Untermalung der Holocaustbilder folgt dieser Logik. Ein kurzer Blick auf die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten von Deutschland und Österreich sowie ein Blick nach England zur BBC zeigen, dass auch hier Holocaust-Bilder mit Musik unterlegt werden:

  • ARD «Tagesthemen» vom 29.09.2016 [4]:
    «Mahnende Blicke gegen das Vergessen» - Fotoprojekt zu Holocaust-Überlebenden.
    Der Beitrag geht auf den Fotografen Luigi Toscano ein, der mit 200 Porträts von Überlebenden den Holocaust-Opfern ein Gesicht gibt und ihre erschütternden Geschichten erzählt.
  • ARD «Bericht aus Berlin» vom 22.01.2017 [5]:

«Wie steht es um die Erinnerungskultur?»
Der Beitrag erinnert an den Gedenktag der Opfer des Holocaust in Deutschland. Der NS-Massenmord soll nicht ins Vergessen geraten.

  • ZDF «heute-journal» vom 27.01.2017 [6]
    «Gedenken an Holocaust»
    Der Beitrag dreht sich um den Gedenktag des Holocausts in Deutschland. Bei einer Gedenkstunde im Bundestag standen vor allem die 300.000 Opfer der „Euthanasie‟- Morde im Vordergrund – Menschen die aufgrund von Behinderungen als nicht lebenswert erachtet wurden.
  • ORF «Salzburg-News» vom 23.05.2017 [7]
    «Zwei Jahre Haft für Holocaust-Leugnerin»
    Der Beitrag informiert über eine 54-jährige Frau, die in Salzburg zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde, weil sie den Holocaust geleugnet hat.
  • BBC « Middle East » vom 24. 04. 2017 [8]
    «The Holocaust: Who are the missing million?»
    Im Beitrag erzählt Giselle Cycowicz (geborene Friedman) über ihren Vater, Wolf, der vergast wurde. Giselle überlebte Auschwitz.

Ich habe mir den von Ihnen beanstandeten Tagesschau-Beitrag «Die letzten Holocaust-Zeitzeugen» sowie die oben aufgeführten Beiträge genau angesehen. Es ist augenfällig, dass sämtliche Redaktionen die historischen Bilder und Filmaufnahmen mit jeweils einfühlsamer Musik untermalen. Musik kann nicht nur Emotionen vermitteln, sondern auch Kommunikation ohne Worte ermöglichen [9]. Gerade im Beitrag über den Holocaust, die uns auch heute, über 70 Jahre nach den Gräueltaten in den Konzentrationslagern, noch verstummen lassen, trägt Musik dazu bei, die Bilder auch ohne Worte wirken zu lassen.

Aus dem Gesagten ergibt sich, dass ich Ihre Beanstandung nicht unterstützen kann.

D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.

Manfred Pfiffner, stv. Ombudsmann


[1] http://www.srf.ch/play/tv/tagesschau/video/tagesschau-vom-03-05-2017-1930?id=aea8d9e9-fc3d-4103-b90b-aa1ea1d1a248

[2] http://www.srf.ch/play/tv/tagesschau/video/die-letzten-holocaust-zeitzeugen?id=181e70b4-3a6c-4790-8bcb-65c38bf5ec56

[3] http://www.srf.ch/play/tv/tagesschau-am-mittag/video/tagesschau-vom-03-05-2017-1245?id=0e927be2-8f8d-4a00-93bb-a7394a799ce5

[4] http://www.tagesschau.de/kultur/holocaust-ueberlebende-103.html

[5] http://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/bab/bab-3893.html

[6] https://www.zdf.de/nachrichten/heute-journal/videos/buchwald-gedenken-an-holocaust-100.html

[7] http://salzburg.orf.at/news/stories/2844949/

[8] http://www.bbc.com/news/world-middle-east-39062221

[9] http://www.zeit.de/zeit-wissen/2012/01/Psychologie-Musik/seite-4

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